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Teresa Bücker: Zeit gerecht verteilen

01.02.2024

Mehr Zeitsouveränität, um Familie und Beruf vereinbaren zu können – das fordert die Autorin und Journalistin Teresa Bücker. Die Politik ist gefragt, hierfür endlich Rahmenbedingungen zu schaffen.

Die Beobachtung zur Geschlechtergerechtigkeit haben ich schon als Kind gemacht“, sagt Journalistin und Autorin Teresa Bücker (39). Sie ist katholisch aufgewachsen mit einer Mutter, die im Frauenbund im Sauerland engagiert ist. Als ihr Bruder Messdiener sein durfte und sie nicht, sei ihr erstmals aufgefallen, dass Menschen ausgeschlossen werden oder etwas nicht dürfen, ohne wirkliche Gründe.

„Feministin  war früher ein Schimpfwort.“

Das hat ihren Blick auf die Welt geprägt. „Es gab keine weiblichen Vorbilder in meiner Jugend, die eine eigene berufliche Existenz hatten“, erzählt sie. Da sei ihr der Widerspruch klar geworden, zwischen „es steht dir alles offen“ und der damaligen Realität, einem Alltag, in dem Frauen nicht berufstätig waren. Das Aufkommen des Internets ermöglichte ihr während ihres Studiums Zugang zu feministischen Medien und Kontakten aus den USA. „In der Schule war Feministin noch ein Schimpfwort“, sagt sie. Sie ist Mitgründerin des Online-Frauenportals Edition F, dessen Chefredakteurin sie bis 2019 war. Als freie Journalistin schrieb sie ihr erstes Buch „Alle_Zeit“ (Ullstein, 2022).

„Neben finanzieller Gerechtigkeit ist Zeitsouveränität eine weitere Dimension von Gerechtigkeit.“

Ein Buch über Zeitgerechtigkeit. „Eine Gesellschaftsanalyse“, sagt sie. Was bremst Gleichberechtigung? Diese Frage habe sie schon immer umgetrieben. Dabei hat sie als roten Faden festgestellt, dass bei vielen gesellschaftlichen Themen immer wieder der Faktor Zeit eine Rolle gespielt hat. „Da habe ich die These entwickelt, dass wir uns in Diskussionen über Gleichberechtigung sehr stark auf finanzielle Gerechtigkeit konzentriert haben, aber Zeitsouveränität – wie frei kann ich über meine Zeit verfügen, wie selbstbestimmt – kommt als dritte Dimension von Gerechtigkeit dazu und muss eigenständig betrachtet werden“, so Bücker.

„Insbesondere Frauen denken,  sie müssten sich nur noch mehr anstrengen, um alles hinzubekommen.“

„In meiner eigenen Partnerschaft habe ich immer darauf geachtet, möglichst gleichberechtigt alles aufzuteilen“, erzählt die Mutter von zwei Kindern. Sie lebt in einer Patchworkfamilie und kann auf die Unterstützung von vier Erwachsenen zurückgreifen. „Wenn ich auf mein eigenes Leben schaue, ist mir klar, dass ich eine sehr gute Position habe. Aber mir geht es immer darum, den Blick auf diejenigen zu richten, die es deutlich schwerer haben, wie Alleinerziehende oder Menschen in prekärer Beschäftigung“, sagt sie. Umso wichtiger ist es ihr, das Thema Zeitaufteilung publik zu machen. Insbesondere Frauen denken, es sei ihre Schuld und sie müssten sich nur noch mehr anstrengen, um alles hinzubekommen. „Wir sind sehr schnell in der Schuldzuweisung, ich mache etwas falsch, andere können das besser“, so Bücker.

„Gleichberechtigung ist in Deutschland nur ein Lippenbekenntnis.“

Die Individualisierung von Problemen sei ein gesellschaftlicher Trend. Genauso wie die Kopplung von hohem Einkommen und hohem Einsatz. Bei niedrigem Lohnniveau könne man auch mit viel Arbeit nichts verändern. „Gleichberechtigung in Deutschland ist nur ein Lippenbekenntnis. Wir haben den Widerspruch, dass die Gleichstellungspolitik Frauen auffordert, eigenes Einkommen zu haben, und gleichzeitig fehlen die gesellschaftlichen Bedingungen, dass das auch gelebt werden kann“, kritisiert sie. Es funktioniere nicht, Müttern zu sagen, sie müssten Vollzeit arbeiten, um der Altersarmut zu entgehen, wenn gleichzeitig die Kinderbetreuung nicht vorhanden sei. Das müsse gesellschaftlich erkannt und politische Konsequenzen gezogen werden.

„Unser Gesellschaftsmodell ist auf Vollzeit ausgerichtet.“

„Wir brauchen gesellschaftliche Bedingungen, die es erlauben, sich um andere Menschen zu kümmern, ohne dafür in Armut zu landen. Unser Gesellschaftsmodell ist auf Vollzeit ausgerichtet, das ist nicht nachhaltig, sondern blendet die Realität von Millionen von Menschen aus“, sagt Bücker. Tarifpolitik müsse erreichen, dass ein Teilzeitjob ein Lohnniveau hat, um auch als Alleinerziehende zu überleben, ohne in Altersarmut zu geraten. „Wenn sich das nur vermeiden lässt, indem man Vollzeit arbeitet, läuft das auf einen Gesellschaftsentwurf hinaus, in dem Menschen keine Kinder mehr bekommen und keine Angehörigen mehr pflegen“, warnt sie.

Autorin: Katrin Otto

Equal Care Day: „Wenn‘s nur Kehren wäre – Care-Wende jetzt“

Am 29. Februar ist Equal Care Day, an dem, wie die Care-Arbeit auch, sonst unsichtbarem Schalttag. Dafür plant der KDFB Landesverband eine besondere Aktion auf dem Münchner Marienplatz. Unter dem Motto „Care-Wende jetzt“ machen Stelzenläuferinnen, die den Marienplatz kehren, auf das Thema Care-Arbeit aufmerksam. So soll Bewusstsein geschaffen und Aufklärung zum Thema Sorgearbeit betrieben werden. Jede Frau soll sich ins Bewusstsein rufen, was sie leistet, und stolz darauf sein. Der Wert der unbezahlten Care-Arbeit beträgt in Deutschland jährlich 825 Milliarden Euro. Die Aktion zum Equal Care Day wird unterstützt vom Sozialministerium. Seien Sie dabei am 29. Februar auf dem Münchner Marienplatz! Mehr unter www.frauenbund-bayern.de

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 145.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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