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Ein Segen für die Liebe

28.03.2023

Die Freude ist groß: Ab 2026 dürfen gleichgeschlechtliche Paare und wiederverheiratete Geschiedene offiziell den Segen der Kirche empfangen. Das hat nach jahrelangen Diskussionen die Synodalversammlung im März beschlossen. KDFB engagiert zeigt, wie wichtig diese Entscheidung nicht nur für betroffene Paare ist.

Für Monika Schmelter (66) sollte es das luftige, pastellfarbene Kleid sein. Marie Kortenbusch (63) hatte sich ihr elegantes, blaues Seidenkleid ausgesucht. „Ganz in Weiß zu heiraten oder auch Geschenke zu bekommen, war uns nicht wichtig“, erinnern sich die beiden heute. „Wichtig war, dass wir uns nicht mehr verstecken, sondern öffentlich zu uns stehen und unsere Liebe segnen lassen wollten.“ Zehn Jahre lang hatten die beiden Theologinnen schon eine Beziehung im Verborgenen geführt und ihre Verbindung auch gegenüber Familie und Freunden verheimlicht.
Am 24. Mai 1990 war es dann so weit: Da eine lesbische Hochzeit in Deutschland für die damalige Zeit undenkbar gewesen wäre, bot eine christliche Segensfeier in Holland eine passende Alternative und sollte die heimliche Liebe offiziell besiegeln. „Als wir beschlossen hatten, für immer zusammenzubleiben, wollten wir das natürlich auch feiern“, erzählt Monika Schmelter. „Und weil wir damals wie heute ganz fest in unserem Glauben standen, war es uns sehr wichtig, aus diesem Fest etwas Spirituelles, also eine Segensfeier zu machen.“ So verfassten die beiden die insgesamt zweistündige Liturgie, es wurden Mantras über Gott und die Liebe angestimmt und in die Eheringe hatten sich Monika und Marie eine für sie bedeutsame Bibelstelle aus dem Alten Testament eingravieren lassen. Gesegnet wurde das Paar von einem engen Freund, einem holländischen Jesuitenpater, der nach urchristlichem Vorbild in einer Glaubensgemeinschaft in den Niederlanden lebte. Und obwohl viele Freundinnen und Familienmitglieder der Feier ferngeblieben waren oder nach dem Fest ganz offen ihre Missbilligung zeigten – für Marie und Monika war „ihr“ Tag wortwörtlich ein Segen. „Wir haben uns willkommen und akzeptiert und sehr glücklich gefühlt, weil wir zum ersten Mal spüren konnten, dass unsere Liebe unter einem Segen stehen kann.“ Es war ein langersehntes, erlösendes Gefühl von großer Freiheit und Hoffnung auf eine glückliche Zukunft. Schließlich hatten die beiden lange mit ihrer Entscheidung gehadert, mit sich und ihrer Lebensform gerungen, die sich damals wie heute nur schwer mit dem Katechismus vereinbaren lässt. „Die katholische Kirche ist und war schon immer Heimat für uns, und unser Glaube ist unser Fundament“, sagt Monika Schmelter. „Aber wenn diese Kirche nun mal sagt, Homosexualität ist krank, eine schlimme Abirrung, eine Sünde, dann ist es sehr schwierig und auch sehr schmerzhaft, diese beiden Seiten in Einklang zu bringen.“

Hinter verschlossenen Türen

1990 war Monikas und Maries Wunsch nach einer Segensfeier nicht nur ungewöhnlich, sondern einfach nicht erlaubt. Denn während Schiffe, Gebäude, Fahrzeuge oder auch Flugzeuge in Deutschland gesegnet wurden, durfte ein homosexuelles und katholisches Paar damals nicht seinen Segen bekommen. 2008 fand im Wetzlarer Dom die erste öffentliche Segensfeier eines homosexuellen katholischen Paares statt, das zuvor am Standesamt die eingetragene Lebenspartnerschaft eingegangen war. Als Reaktion auf die Segensfeier berief der damalige Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, den Priester der Feier von seinem Amt als Bezirksdekan von Wetzlar ab.
„Bis 2021 blieben Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare traurigerweise Einzelfälle in der katholischen Kirche. Sie waren verboten, brachten meistens Probleme und Abstrafungen für die Geistlichen mit sich und fanden deshalb oft im Geheimen statt: ohne Ankündigung in den Pfarrbriefen, in möglichst kleinem Kreis, hinter verschlossenen Kirchentüren“, fasst der promovierte Kirchenrechtler Wolfgang F. Rothe (55) zusammen. Der römisch-katholische Priester und Theologe gehörte zu den Aktivistinnen und Aktivisten der Initiative #liebegewinnt. In deren Rahmen konnten am 9. und 10. Mai 2021 in über 100 deutschlandweit gefeierten Gottesdiensten viele homosexuelle Paare und auch wiederverheiratete Geschiedene zum ersten Mal offiziell ihren Segen empfangen.
Wolfgang F. Rothe war einer der Priester, die sich als Segenspender an der Aktion beteiligten. So wurden auch in der katholischen Kirche St. Benedikt in München erstmals mehrere gleichgeschlechtliche Paare und wiederverheiratete Geschiedene in einem katholischen Gottesdienst gesegnet. Paare, die wie Monika und Marie jahrelang ihre Beziehung versteckt hatten, sich ausgegrenzt fühlten und von ihrer Kirche nicht akzeptiert wurden. Gläubigen Menschen, die einzig und allein aufgrund ihrer Liebe zurückgewiesen wurden, stand an diesem Tag die Tür weit offen. „Es ist so wichtig und gut, dass nach all den Jahren auf der letzten Synodalversammlung endlich beschlossen wurde, die Segensfeiern auch außerhalb von solchen Aktionstagen aus den kirchlichen Hinterhöfen rauszuholen. Sie gehören mitten in das kirchliche Leben, ohne Heimlichkeit und ohne Angst vor möglichen Strafen“, sagt Wolfgang F. Rothe.

Gott liebt – ohne Wenn und Aber

Auch für wiederverheiratete Geschiedene sollen ab 2026 kirchliche Segensfeiern erlaubt sein.

Dass Segensfeiern allen offenstehen sollten und keine heimliche Ausnahme für bestimmte Menschen sein müssen, wird schon im ersten Buch der Bibel, in der Schöpfungsgeschichte, angedeutet: „Gott hat alles gut erschaffen, sein Segen ist immer da“ (1. Mose 1,1–2,4). Später heißt es in der Geschichte von Abraham: „Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein“ (1. Mose 12,2). „Mit dieser Aufforderung, zum Segen anderer zu werden und den empfangenen Segen mit anderen zu teilen, wird deutlich: Getaufte Christen sollen sich im Namen Gottes gegenseitig den Segen zusprechen“, sagt Julia Bredow (49), geschiedene Katholikin. Dabei gebe es keine Bedingungen. Gott rufe alle Menschen dazu auf, seinen Segen an alle weiterzugeben – für welche Lebensform man sich entschieden hätte und wen man liebe, sei unwichtig, so Bredow. Und dennoch erfuhr die dreifache Mutter nach ihrer Scheidung nicht nur im Freundes- und Bekanntenkreis Ausgrenzung und Ablehnung. Auch innerhalb ihrer Gemeinde stieß sie kaum auf Verständnis, als sie eine neue Beziehung einging und sogar wieder heiraten wollte. „Die Kirchenbank links oder rechts von uns leerte sich immer sehr schnell, nachdem mein neuer Lebenspartner und ich Platz genommen hatten. Die meisten aus unserer Gemeinde mieden uns. Eine Geschiedene und dann auch noch eine, die ‚einen Neuen‘ hatte, mit dem ‚in Sünde‘ lebte, damit wollte niemand etwas zu tun haben.“
Julia Bredow und ihr Partner wechselten die Pfarrgemeinde. Sie zogen zusammen und heirateten standesamtlich – und ließen ihre Liebe im Rahmen der #liebegewinnt-Initiative segnen. „Es war wie nach Hause kommen zu dürfen“, erinnert sich Julia Bredow. „Ich hatte mich nach meiner gescheiterten Ehe, meiner Scheidung, nach all den Sorgen und Problemen so sehr danach gesehnt. Wie könnte es eine Sünde sein, in jemandem endlich sein Glück, seine Liebe gefunden zu haben? Diesen Segen zu bekommen, zu hören, Gott liebt dich, ohne Wenn und Aber, das war so beruhigend, so tröstlich.“

Eine offene, faire und gerechte Kirche

Die Dokumentarfilmerin Katrin Richthofer (52) ist Mitbegründerin der innerkirchlichen Reformbewegung Maria 2.0 München sowie Mitinitiatorin der Aktion #liebegewinnt und lebt für eine Veränderung in der katholischen Kirche: „Mir war es sehr wichtig, dass bei unserer #liebegewinnt-Segensfeier in München ein katholischer Priester die Paare segnet.“ Nach ihrer Scheidung und erneuten Heirat hatte sie selbst erlebt, dass Offenheit und Nächstenliebe nicht immer selbstverständlich sind, insbesondere innerhalb der katholischen Kirche. „Die #liebegewinnt-Segnung hatte für mich eine wichtige Bedeutung und war eine große Botschaft, dass Gott uns alle akzeptiert und so annimmt, wie wir sind“, sagt Katrin Richthofer. So bedeutsam und erfüllend die Segensfeier für alle Beteiligten auch war, sie blieb nicht ohne Widerspruch und Gegenwehr. Nachdem Anrufe, E-Mails und Briefe die Münchner Veranstalterinnen und Veranstalter erreichten, in denen ihnen massiv gedroht wurde, musste die Segnung unter Polizeischutz gestellt werden. „Das war neu für mich“, erinnert sich Katrin Richthofer. „Ich hatte mich an die Seite von Menschen gestellt, die von anderen grundlos abgelehnt werden, und wurde selbst zur Zielscheibe. Und dabei ging es uns allen immer nur um die Kernbotschaft Jesu, nämlich Nächstenliebe.“
In der Reformbewegung Maria 2.0 begegne sie Menschen, für die der Glaube und die katholische Kirche wichtig sind und die für eine Veränderung innerhalb der Kirche einstehen möchten. „Ich persönlich denke, man kann Kirche nur von innen verändern. Gerade weil ich nicht akzeptieren kann, dass die guten, tröstlichen Werte meiner Kirche vernichtet werden, trete ich nicht aus. Ich bleibe und kämpfe für eine Kirche, die alle mitnimmt, allen offensteht und die zuallererst gerecht ist.“

Der KDFB unter der Regenbogenfahne

Rotraut Röver-Barth (80) ist im Vorstandsteam des KDFB-Diözesanverbandes in Köln und seit 1990 Frauenbund-Mitglied. Im Rahmen der #liebegewinnt-Initiative hat auch sie bei einer Segensfeier mitgewirkt und dabei ganz unterschiedliche Menschen segnen können. „Das sind Menschen, die im Beruf, in der Gesellschaft, aber auch von ihrer Familie und in der Kirche oft ausgegrenzt werden“, weiß Rotraut Röver-Barth. „Und das nur, weil sie geschieden oder sexuell anders orientiert sind. So eine Segensfeier kann sie wieder in den kirchlichen Raum hineinholen, ihnen ein Zuhause geben.“
Ein prägendes Erlebnis für Rotraut Röver-Barth war, als sie einem gleichgeschlechtlichen Paar den Segen zusprach: „Das war auch für mich ein Geschenk. Ich habe die strahlenden Augen der beiden gesehen und konnte spüren, wie intensiv sie die Segnung erfahren haben. Da war uns Gott ganz gegenwärtig. Ich habe mich schon immer gefragt, warum sie so lange auf diesen Tag warten mussten.“

Ein Schritt in die richtige Richtung

Monika Kreiner ist Theologin, Pastoralreferentin sowie Frauenseelsorgerin und Ansprechperson für LSBTIQ-Menschen im Bistum Speyer. Seit vielen Jahren ist sie KDFB-Mitglied und ehrenamtliche Geistliche Leiterin im Zweigverein Neustadt an der Weinstraße. Die 47-Jährige leitet aus tiefster Überzeugung und mit größter Freude alternative Segensfeiern, darunter auch eine für ihre Schulfreundin und deren Lebenspartnerin. „Nach der Feier kam die über 80-jährige Taufpatin meiner Freundin zu mir, umarmte mich und dankte mir für die Segensfeier, die für sie alles ins rechte Licht gerückt hatte“, erinnert sich Monika Kreiner. Die ältere Dame erzählte, sie hätte große Bedenken mit dieser Segnung zweier lesbischer Frauen gehabt, weil sie eine tiefgläubige Katholikin sei und nur schwer hätte ertragen können, zu solch einer Feier zu gehen. Die Feier habe ihr aber gezeigt, dass alles genau richtig wäre, was hier passiere. Sie sei dankbar und glücklich darüber, dass sie sich überwunden hätte und das Glück der beiden jungen Frauen miterleben durfte. „Und genau deshalb finde ich es so richtig und wichtig, dass wir diese Segensfeiern gemacht haben, auch wenn sie nicht immer erlaubt und erwünscht waren“, so Monika Kreiner.
„Es gibt immer noch so viele Vorurteile in der Gesellschaft, die unvorstellbar schmerzhaft für die Betroffenen sind. Die Kirche ist in der Verantwortung, etwas wieder geradezurücken, weil sie vielen Menschen schwerste Schuldgefühle eingeredet hat, die nicht hätten sein müssen. Und ich möchte auch weiterhin Teil dieser Aufarbeitungsgeschichte, dieser Wiedergutmachung sein.“ Monika Kreiner ist eine von vielen, die sich trotz möglicher Konsequenzen in den letzten Jahren mutig über manche Verbote und Regeln der Kirche hinweggesetzt haben, weil diese verletzend und erniedrigend seien. Denn Kirche sei so viel mehr als ein erhobener Zeigefinger, Glaube so viel stärker, als bedrückende Grenzen jemals sein könnten. „Unsere Religion gibt uns Kraft, Mut, Hoffnung und Geborgenheit“, sagt eines der Paare der #liebegewinnt-Segensfeier in Köln. „Wir hoffen, dass durch die Entscheidung auf der letzten Synodalversammlung Segensfeiern keine seltene Ausnahme und keine Notlösung mehr für ausgegrenzte Randgruppen sein werden, sondern zu einer offenen und liebenden Kirche von heute einfach dazugehören werden.“

KDFB-Position

Birgit Mock, Vizepräsidentin des KDFB von 2003 bis 2022, Vorsitzende des Synodalforums IV „Leben in gelingenden Beziehungen – Liebe leben in Sexualität und Partnerschaft“

„Wir im Frauenbund glauben daran, dass wir Menschen alle von Gott geschaffen und geliebt sind – in unserer Unterschiedlichkeit und Einzigartigkeit. Dazu gehören auch unsere geschlechtliche Identität, unsere sexuelle Orientierung und die Lebensform, die wir für uns gewählt haben. Um eine Sexualmoral zu entwickeln, die die Lebenswirklichkeit der Menschen achtet, hat der KDFB auch im Synodalen Weg Akzente gesetzt.
Mit dem Synodalforum, das ich mit Bischof Helmut Dieser zusammen geleitet habe,
haben wir für die 5. Synodalversammlung einen Beschlusstext zu „Segensfeiern für Paare, die sich lieben“ vorgelegt.

Jetzt ist ein wichtiger Meilenstein erreicht:
Nach intensiven und redlichen Diskussionen hat sich die
5. Synodalversammlung am 10. März mit einer Mehrheit von knapp 95 Prozent dafür entschieden, dass ab 2026 sowohl homosexuelle Paare als auch wiederverheiratete Geschiedene in der katholischen Kirche in Deutschland gesegnet werden dürfen. Dieses Zeichen hatte ich mir sehr erhofft! Ich glaube, dass es vor Ort in der Pastoral eine echte Veränderung bewirken kann, die man spürt. Beschlossen wurde auch, dass Seelsorger*innen, die einer solchen Segensfeier vorstehen, keine disziplinarischen Konsequenzen mehr drohen dürfen. Sehr zeitnah wird nun eine Handreichung für Segensfeiern für die jeweiligen Paarkonstellationen erarbeitet, sodass die Bischöfe diese Praxis in ihren Bistümern sehr bald umsetzen können.“

Autorin: Andrea Bala

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 140.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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