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Bildung für die Frau

08.08.2022

Vor 100 Jahren wurde Edith Stein getauft, vor 80 Jahren von den Nazis ermordet. Anlass, an ihre Verbindungen zum Frauenbund und ihre Gedanken zur Frauenbildung zu erinnern.

Sie gilt als eine der bedeutendsten Frauen des 20. Jahrhunderts: Jüdin, Atheistin, Philosophin, Pädagogin, Christin, Karmelitin, Märtyrerin. Das Leben der Heiligen Edith Stein (1891–1942) ist geprägt von vielen Stationen. Ihre Kontakte zum Frauenbund entstanden Ende der 1920er-Jahre. Sie ist damals als Referentin im In- und Ausland gefragt. Inhaltlich beschäftigt sie sich mit Fragen der Bildung und Erziehung vor allem im Hinblick auf Frauen. „Die Grundlagen der Frauenbildung” – so lautet der Titel des Vortrags, den sie 1930 vor der Bildungskommission des Frauenbundes in Bendorf hält.

Wie aus Edith Steins Schriften und Vorträgen hervorgeht, bezieht sich ihr Interesse auf die philosophische und theologische Grundlegung der Person und deren Entfaltung in der Bildung. Stein fasst Bildung als einen Prozess auf, nicht als äußeren Wissensbesitz. Es geht ihr um die Bildung des ganzen Menschen mit all seinen Kräften und Fähigkeiten. Individualität, Freiheit und Verantwortung sind Schlüsselbegriffe ihres Denkens, wie die Pädagogin Cordula Haderlein auf der Webseite der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland zusammenfasst (www.edith-stein.eu, Menüpunkt „Pädagogik Edith Steins“).

Auch die Verstandesbildung der Mädchen liegt Edith Stein am Herzen. Mädchen sollen zu scharfem und klarem Denken geführt werden, alles andere wäre eine Benachteiligung. Für die Frau sieht Edith Stein nicht nur die Möglichkeit, sondern sogar die Notwendigkeit der Bildung, denn ihre Seele müsse ein „feines Empfinden und ein geschärftes kritisches Urteil bekommen“. Für Männer wie Frauen sei es nicht erstrebenswert, eine Sammlung von Wissen anzulegen. Vielmehr gelte es, den Verstand so auszubilden, dass die Person den Anforderungen der Wirklichkeit gerecht werde. Der Mensch trage die volle Verantwortung für seine Bildung, die Verantwortung, sich zu dem zu bilden, was er werden soll. Es sei sogar so, dass die Frau, die ihre Anlagen verkümmern lässt, die nicht für ihre Entfaltung Sorge trägt, gegen ein göttliches Gesetz verstoße.

Bildungsideale, das betont Edith Stein im Vortrag vor der Bildungskommission des Frauenbundes, können nicht ein für alle Mal festgeschrieben werden, sondern müssen der Zeit angepasst werden. „Was verlangt unsere Zeit von den Frauen? Sie versetzt die allermeisten in die Notwendigkeit, sich ihr Brot selbst zu verdienen“, sagt Stein. Die Zeit verlange Frauen, die Lebenskenntnis, Umsicht, praktische Tüchtigkeit besitzen; Frauen, die sittlich fest stehen; Frauen, deren Leben unerschütterlich in Gott begründet ist. Diesen Erfordernissen müsse das Bildungssystem Rechnung tragen.

Mädchen sollen zu klarem und scharfem Denken geführt werden

Edith Stein selbst war sich ihrer privilegierten Stellung, was den Zugang zu Bildung betrifft, bewusst: Als eine der ersten Frauen studiert sie an der Universität ihrer Heimatstadt Breslau. Mit 25 Jahren hat sie bereits eine Doktorarbeit vorgelegt. Die Promotion legt sie summa cum laude bei Edmund Husserl ab, der die Phänomenologie begründet hat, die wichtigste philosophische Strömung seiner Zeit. Stein wird sogar Husserls Privatassistentin. Ein weiterer akademischer Karriereschritt scheitert jedoch, da ihre Habilitation nicht angenommen wird, weil sie eine Frau ist. Sie tritt eine Stelle als Lehrerin für Deutsch und Geschichte im Lyzeum der Dominikanerinnen in Speyer an und wird schließlich nach Münster ans Deutsche Institut für wissenschaftliche Pädagogik berufen – eine Aufgabe, die ihr bisheriges Schaffen bündelt. Das Berufsverbot für Juden bereitet diesem Wirken 1933 ein jähes Ende. Edith Stein wird von der Vorlesung beurlaubt und kündigt freiwillig. Wenig später tritt sie ins Kloster ein.

Viele ihrer Gedanken zur Bildung haben die Zeit überdauert, zahlreiche Lehranstalten tragen noch heute ihren Namen. Eine Schule, die sich an Edith Steins Bildungsidee orientiert, schreibt Schulrätin Cordula Haderlein, unterstützt den Menschen in der Realisation seiner Freiheit, nimmt die Schülerinnen und Schüler in die Verantwortung für ihre eigene Entwicklung und pflegt die Erfahrung der Wirklichkeit als Leitprinzip. 

EDITH STEIN und der Frauenbund

Edith Steins Verbindungen zum Frauenbund sind vielfältig: Zu einzelnen Mitgliedern hatte sie persönliche, zum Teil freundschaftliche Kontakte. Sie hielt Vorträge in Frauenbundkreisen über Frauen- und Mädchenbildung, schrieb Beiträge für die KDFB-Verbandszeitschrift Christliche Frau, und es war Elisabeth Cosack, langjährige Schriftleiterin der KDFB-Zeitschrift Frauenland, die die Verbindung zum Kölner Karmel herstellte, in den Edith Stein 1933 eintreten sollte.

Die Einkleidungsfeier am 15. April 1934, als Edith Stein den Namen Teresia Benedicta a cruce erhielt, stößt auf große öffentliche Aufmerksamkeit. Unter den Festgästen sind, laut einer Ordensschwester, Frauenbundfrauen besonders zahlreich vertreten. Gerta Krabbel, von 1926 bis 1951 KDFB-Präsidentin, erinnert sich: „Vor meinem geistigen Blick steht der Tag, da Edith Stein im Kölner Karmel eingekleidet wurde … still und schlicht spricht sie mit jedem von dem, was ihm besonders am Herzen liegt – ich habe ihr das Leben und Streben der katholischen Frauen in der damaligen Zeit innig anempfohlen – man spürt eine Verbindung mit ihr aus der Unruhe des bewegten Lebens draußen in die Stille des Karmels, die bleiben und sich im treuen Gebet immer wieder neu bewähren wird.“

1938 legt Edith Stein die Ewige Profess ab, die Ordensmauern schützen die als Jüdin geborene Karmelitin jedoch nicht vor der Verfolgung durch die Nazis. Sie flieht Ende 1938 in den Karmel nach Echt in den Niederlanden und wird am 2. August 1942 von der Gestapo verhaftet. Eine Woche später findet sie in Auschwitz den Tod.

 

Verehrt über den Tod hinaus

Auch nach ihrem Tod bleibt das Gedenken an Edith Stein im Frauenbund lebendig: „In vielen Zweigvereinen haben sich bis heute Traditionen wie Betstunden, Wallfahrten oder Gottesdienste erhalten, die zum Gedenken an Edith Stein eingerichtet wurden“, berichtet die Christliche Frau 1991. Anlässlich des 100. Geburtstags von Edith Stein veranstaltet der Frauenbund im Oktober 1991 eine Festakademie. 1994 engagieren sich KDFB-Frauen bei der Gründung der Edith-Stein-Gesellschaft. Die damalige KDFB-Präsidentin Ursula Hansen wird an die Spitze der Gesellschaft gewählt, 1997 folgt ihr die KDFB-Frau Monika Pankoke-Schenk. Der Frauenbund gehört der Gesellschaft bis heute an. Gemeinsam mit anderen Frauenverbänden setzt sich der KDFB auch für die Selig- und Heiligsprechung Edith Steins ein. 1998 wird die Märtyrerin in Rom heiliggesprochen und ein Jahr danach zur Patronin Europas erhoben.

Autorin: Eva-Maria Gras

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 160.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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