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Luise Kinseher im Gespräch

Kabarettistin Luise Kinseher

30.05.2022

Den meisten ist sie als Mama Bavaria bekannt. Die bayerische Kabarettistin Luise Kinseher war die erste und bislang einzige Frau, die zum Starkbierfest auf dem Münchner Nockherberg den Landespolitikern die Leviten las – acht Jahre lang. Heute tourt die 53-Jährige mit ihrem Soloprogramm durch Deutschland. Dabei macht sie humorvoll auf Missstände aufmerksam, ob Klimawandel oder Immigrationspolitik. Ein Gespräch über Frauen in der Politik, Gendern und den Glauben.

„Ich hoffe, dass politisches Handeln weiblicher wird“

Frau Kinseher, Sie touren als Kabarettistin durch Deutschland. Sie bringen die Leute zum Lachen und zum Nachdenken. Auch zum Umdenken?

Aktuell müssen wir in vielen Dingen umdenken. Da sehe ich mich als Unterstützerin. Das wichtigste Thema ist der Klimawandel, der uns zwingt, unser Verhältnis zur Natur neu zu überdenken, zu erkennen, dass wir nicht überleben, wenn wir die Ressourcen ausbluten lassen. Die Gier und der Egoismus führen dazu, unsere Abhängigkeit von der Natur zu übersehen. Wir müssen unser Verhalten verändern und den Materialismus hinter uns lassen. Das ist ein Thema, das mir sehr wichtig ist und das ich versuche, humorvoll und heiter zu verpacken.

 

Das ist auch Teil Ihres aktuellen Programms?

Der Klimawandel ist das Thema des Programms, das ich  vorbereite und das im Herbst Premiere hat. Das Programm, mit dem ich jetzt auf Tour bin, heißt „Mamma Mia Bavaria“. Da geht es um Heimat. Entstanden ist es aus der Erfahrung der Flüchtlingskrise von 2015. Es wird keine Zukunft haben, dass wir uns versperren gegen Menschen, die von außen zu uns kommen. Mir wäre es lieber gewesen, wenn ich mit dieser Behauptung nicht recht behalten hätte. Aber gerade ist es ja wieder traurige Wirklichkeit, dass viele Menschen bei uns Zuflucht suchen. Weil wir in Bayern einen sehr bunten, etwas süffisanten Zugang zu unserer Nationalität haben, kann ich wunderbar mit dem Heimatbegriff spielen. Ich erzähle, wie Bayern entstanden ist, und verkörpere als Mama Bavaria einen Heimatbegriff, der offen und umarmend ist. Menschen aufnehmen, hilfsbereit sein, dankbar sein, dass es uns selbst gut geht – das passt gerade wieder.

 

Sie waren acht Jahre lang, von 2011 bis 2018 die Mama Bavaria auf dem Nockherberg und damit die erste Frau, die die Salvatorrede hielt. Ist es für Frauen leichter, den bayerischen Ministerpräsidenten zu kritisieren?

Es ist nicht so, dass es mir leichtgemacht wurde am Nockherberg. Ich habe als Frau Beschimpfungs-Mails bekommen, die unter der Gürtellinie waren. Weil der Nockherberg eine Männerdomäne war und es Männer gab, die in keinster Weise damit einverstanden waren, dass eine Frau die Rede hält. Ich musste mir dieses Terrain, das traditionsbedingt sehr männlich ist – auch im Publikum sitzen hauptsächlich Männer – erst mal erobern. Das war nicht leicht.

Luise Kinseher in ihrer bekanntesten Rolle als Mama Bavaria

 

Gibt es auch Themen, an die Sie sich nicht wagen, die nicht auf die Bühne gehören?

Satire darf alles. Das ist wichtig. Ich sehe die Aufgabe des Kabaretts darin, die Menschen zusammenzubringen und ihnen optimistische Perspektiven aufzuzeigen. Ich bin nicht jemand, der sich hinstellt und über andere schimpft. Das ist nicht mein Stil. Ich prangere nicht die Missstände dieser Welt an, damit alle klatschen, mir zustimmen und dann heimgehen. Mir geht es um Versöhnliches, um Gedanken, um Ideen, die uns im Leben weiterbringen. Und nicht um eine Bestandsaufnahme, was alles schiefläuft. Ich versuche in meinen Programmen Angebote zu machen, in denen jeder vielleicht den einen oder anderen Impuls für sein eigenes Leben bekommt und sich überlegt, da könnte ich noch mal darüber nachdenken. Bei meinem aktuellen Programm wäre es das Schönste, wenn zum Beispiel jemand, der die AFD wählt, bei mir war und dann sagt, nein, diese Partei wähle ich nie wieder.

"Die CSU ist stark durch Männerseilschaften geprägt"

Warum gab es eigentlich noch keine bayerische Ministerpräsidentin?

Das ist eine gute Frage. Die kann ich direkt beantworten. Das liegt daran, dass die CSU in Bayern die dominierende Partei ist. Wenn man sich die Struktur der Partei anschaut, sieht man, dass es Frauen dort immer relativ schwer hatten. Noch vor 20 Jahren waren sie in der CSU bestenfalls Sekretärinnen oder sie durften Männern das Mikrofon halten. Die Partei ist stark durch Männerseilschaften geprägt, die sich schon in der Jungen Union oder in den Burschenschaften entwickeln. Die berühmte Spezlwirtschaft, Freundschaften, die ein Leben lang halten. Ich würde schon sagen, dass Horst Seehofer gerne Ilse Aigner als Nachfolgerin etabliert hätte, aber Markus Söder hat sich aufgrund seines unbedingten Machtwillens den Platz genommen. Zwar hat er als Ministerpräsident Frauen in bestimmte Ministerämter katapultiert, weil der Druck aus der Gesellschaft groß war. Aber die Minister und Ministerinnen in der jetzigen Regierung sind von der Autorität des Markus Söder so sehr geprägt, dass keine eigenen Persönlichkeiten hervortreten. Ilse Aigner, eine weibliche, einnehmende, sympathische Politikerin, ist jetzt Landtagspräsidentin. Ein schöner Posten, allerdings mit wenigen politischen Gestaltungsmöglichkeiten.

 

Auch jenseits der CSU sind Frauen unterrepräsentiert in der Politik. Was muss sich ändern?

Das ist ein strukturelles Problem. Um dieses System aufzubrechen, bräuchte es die Frauenquote. Ich bin eine absolute Befürworterin der Quote. Damit haben Frauen eine Chance, auf der Karriereleiter aufzusteigen. Jetzt ist Anke Rehlinger die neue Ministerpräsidentin im Saarland und Annalena Baerbock die Außenministerin. Angela Merkel war ja eher ein Solitär. Diese Frauen sind wichtige Vorbilder. Je mehr Frauen in solche Positionen kommen, desto mehr kommen nach. Die Politik ist auf einem guten Weg. Viel schlimmer schaut es in den Führungsetagen von großen Unternehmen aus, etwa  im Finanzsektor. Auch an den Universitäten gibt es immer noch viel zu wenige Professorinnen. Aber ich bin hoffnungsvoll, dass sich das verändert. Es muss so kommen. Weil mit Frauen, die aussteigen, um sich um die Familie zu kümmern, viel Know-how mit aussteigt. In den letzten Jahren sind neue Kitas entstanden, die es erst ermöglichen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Der Prozess ist auf einem guten Weg, aber  nicht zu Ende, solange Frauen weniger verdienen als Männer. Das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht.

 

Sie sagen, Frau Merkel war ein Solitär. Können Frauen sich nur an der Macht halten, wenn sie sich männlich verhalten?

Ich hoffe schon, dass politisches Handeln weiblicher wird. Dass das Vermittelnde, Verbindende, Kommunikative mehr im Vordergrund steht und das eher männliche Konkurrenzdenken in den Hintergrund gedrängt wird. Angela Merkel wurde Kanzlerin in einer männerdominierten CDU. Sie  musste sich entweder mit männlichem Machtverhalten auseinandersetzen oder im Gleichton agieren, um sich durchzusetzen. Aber man hat nicht den Eindruck, dass sie die Frauen in der Politik weitergebracht hat. Sie hat es mit Annegret Kramp-Karrenbauer zwar versucht, aber die wurde von den Männern weggebissen.

Vom schüchternen Kind zur Trägerin zahlreicher Kabarettpreise

Sie steht seit 1998 als Kabarettistin auf der Bühne. Am bekanntesten wurde Luise Kinseher durch die Figur der Mama Bavaria, die sie für das traditionelle Politiker-Derblecken auf dem Münchner Nockherberg schuf. Trotzdem hält sie sich nicht für sendungsbewusst. Mit ihrem Soloprogramm will sie unterhalten, zum Nachdenken anregen, aber nicht belehren. Die gebürtige Niederbayerin ist in Geiselhöring aufgewachsen und bezeichnet sich selbst als eine Spätentwicklerin und ein schüchternes Kind. Zwar war die Lust, auf die Bühne zu gehen, schon früh da, nur habe sie leider keiner gefragt, ob sie mitspielen möchte. Selbst zu fragen, hätte sie sich nie getraut, sagt Kinseher. Während ihres Studiums der Theaterwissenschaften und Germanistik in München begann sie Volkstheater zu spielen. Und fing an zu schreiben. „Es war ein dringendes Müssen“, sagt sie. Unter Tränen und Selbstzweifeln schrieb sie ihr erstes Soloprogramm.  Heute ist sie Trägerin zahlreicher Kabarettpreise. 

"Gendern ändert etwas in der Wahrnehmung von Frauen"

Wie sehen Sie das Thema Gendern? Ein Mittel, das zu mehr Gleichberechtigung führt?

Gendern ist ein schwieriges Thema, weil sich damit viele in ihrer Sprache bevormundet fühlen. Weil sie glauben, irgendwelche intellektuellen Linguisten denken sich etwas aus, das sie übernehmen sollen. Aber selbstverständlich ist es so, dass sich Sprache mit der Gesellschaft verändert. Man kann alles übertreiben. Eine Diskussion darüber, ob man Tisch oder Tischin sagt, ist Schwachsinn. Der Tisch ist nun mal männlich. Aber wenn es zum Beispiel um Berufsbezeichnungen geht, ist das etwas anderes. Es gibt Busfahrer und Busfahrerinnen. Das ist kein Beruf, den nur Männer machen können. Dann sollte man das auch so sagen. Es gibt Verkäufer und Verkäuferinnen, es gibt Chefs und Chefinnen. Da sollte man sich die Mühe machen, zu zeigen, da sind auch Frauen dabei.

 

Ändert Gendern etwas in der Wahrnehmung von Frauen?

Ja. Das Bewusstsein prägt die Sprache, und die Sprache prägt das Bewusstsein. Das kann man nicht trennen. Das entwickelt sich organisch. Und eine Sprache, die nicht ausgrenzt, sollte uns allen am Herzen liegen. Es ist besserwisserisch zu verlangen, du musst jetzt Busfahrerin sagen. So etwas muss von selbst kommen. Die junge Generation sieht das sowieso ganz anders. Ich würde mir um unsere Sprache nicht so viel Sorgen machen. Gesellschaften verändern sich, Sprache passt sich an. Das ist ein organischer Prozess und ich habe vollstes Vertrauen, dass sich diejenige Sprache durchsetzt, die zu uns Menschen passt.

 

Also braucht es gar keine Genderdebatte?

Eine Debatte braucht es schon. Ich weiß nicht, ob sie so erbittert sein muss. Man könnte es auch etwas gelassener sehen. Es ist nicht nötig, einem 80-Jährigen beizubringen, dass er nicht mehr „Fräulein“ sagen soll. Das Verbindende ist wichtig. Man sollte Menschen nicht außen vor lassen, sondern die Genderdebatte verträglich gestalten. Klar ist es schwierig für eine Zeitschrift, die traditionellen Leserinnen nicht zu verlieren und gleichzeitig die jungen anzuziehen. Deshalb muss man die Debatte führen, am besten verständlich und nachvollziehbar.

"Die Kirche sollte ein Zuhause für Spiritualität sein und nicht für leere Rituale"

Spielt der Glaube in Ihrem Leben eine Rolle?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin katholisch aufgewachsen und möchte meine Erziehung nicht missen. Als Katholikin zahle ich meine Kirchensteuer. Ich hadere natürlich oft mit der katholischen Kirche, auch wegen des Missbrauchsskandals. Gleichzeitig finde ich es ganz, ganz wichtig, dass die Kirche in der Mitte der Gesellschaft bleibt und sich aus ihr heraus ändert und reformiert. Weil ich an dem Prozess als aktives Mitglied teilhaben will, bleibe ich in der Kirche.

 

Kommt Kirche auch in Ihrem Programm vor?

In meinem kommenden Programm geht es um Transformation, um Wandel in verschiedenen Bereichen. Selbstverständlich ist auch der Glaube ein wichtiges Thema. Ich glaube nicht, dass wir materialistisch weitermachen und die Religion aus unserem Leben verbannen können. Andererseits hat die Kirche leider nicht viel dafür getan, dass Spiritualität gefördert wird, sondern hält nur als Zeremonienmeisterin für kirchliche Riten her. Menschen treten aus der Kirche aus und schnell wieder ein, um in Weiß in einer Barockkirche zu heiraten, um dann wieder auszutreten. Das macht keinen Sinn. Da sieht man, dass die Rituale leer geworden sind. Ich glaube schon, dass es ein tiefes Bedürfnis der menschlichen Seele nach Spiritualität gibt. Das sieht man an der esoterischen Bewegung und ihrem Wildwuchs. Diesen Bereich müsste sich die Kirche zurückerobern. Sie sollte ein Zuhause für Spiritualität sein und nicht nur für leere Rituale, den Klingelbeutel oder den Kindesmissbrauch.

 

Wie kann das der Kirche gelingen?

Das weiß ich nicht. Gelingen kann etwas nur, wenn man es sich bewusst macht. Es ist wie in der Politik ein strukturelles Problem. Ich möchte nicht wissen, welche Seilschaften es braucht, um Kardinal zu werden. Das ist ein hermetisch abgeriegeltes System, nicht transparent, nicht offen. Ein Männersystem, zum eigenen Schutz gemacht und mit Machtmechanismen und Angst die eigenen Leute bei der Stange haltend. Das funktioniert nicht mehr.

 

Sie sagen, dass Frauen in der Politik Vorbilder brauchen. Haben Sie Vorbilder, die Sie inspiriert haben?

Die Volksschauspielerinnen Ruth Drexel und Therese Giehse, die ich sehr verehre. Die Liesl Karlstadt war an der Kandare von Karl Valentin, aber ohne sie wäre er nicht so berühmt geworden. Sie hat alles aufgeschrieben und ihn diszipliniert. Frauen im letzten Jahrhundert haben sich gar nicht die Freiheiten erlauben können, die ein Mann hatte. Wenn sie das getan haben, wurden sie ins Irrenhaus eingeliefert. Gleichberechtigung wird dann kein Thema mehr sein, wenn wir nicht mehr darüber reden. Heute leben wir in einer Zeit des Wandels auf allen Ebenen, wo noch vieles im Alten steckt und das Neue noch nicht richtig da ist. Unsere Gesellschaft muss Widersprüchlichkeiten aushalten und die Balance und das Verbindende finden. Was unsere Zeit gerade am meisten braucht, sind Verständnis und Empathie.

 

Eine Mama Bavaria also?

Also einen Putin brauchen wir nimmer.

 

Interview: Katrin Otto

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 160.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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