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Weltgebetstag 2022: Zufluchtsorte für Frauen

01.02.2022

England, Wales und Nordirland stehen im Mittelpunkt des Weltgebetstages am 4. Mä̈rz, der in über 150 Ländern gefeiert wird. Unter dem Motto „Zukunftsplan: Hoffnung“ machen dortige Frauen auf gesellschaftliche Probleme aufmerksam wie Gewalt gegen Frauen, Armut und Ausgrenzung.

Lina lässt regelmäßig eine Mahlzeit aus, um Lebensmittel für ihren arbeitslosen Sohn und ihre vier Enkelkinder kaufen zu können. Die Engländerin gehört zu den 14 Millionen Menschen in Großbritannien, die unter der Armutsgrenze leben. Wie viele andere muss auch sie mit nur 450 Pfund (rund 530 Euro) monatlich über die Runden kommen. Dass die Armut in Großbritannien, einem reichen Industrieland, um sich greift, zeigt sich an der explodierenden Zahl der Tafeln, die kostenlos Brot, Gemüse oder Obst verteilen. 

Dorothy Knights, die beim KDFB-Weltgebetstagsseminar über England, Wales und Nordirland referierte, bestätigt: „Die Zahl der Lebensmittel-Tafeln ist bei uns in den letzten Jahren noch oben geschnellt. Früher waren es rund 30, jetzt gibt es über 2000.“ Die 79-jährige pensionierte Apothekerin lebt in dem Städtchen Malvern in der Nähe von Birmingham und engagiert sich dort in der „Mothers’ Union“ („Mütter-Union“), einer christlichen Wohltätigkeitsorganisation, die weltweit Familien unterstützt. In Malvern kümmert sich die Union um Flüchtlinge, sozial Isolierte, Arbeitslose und Obdachlose.

 

Der Weltgebetstag in Corona-Zeiten

Der Fernsehsender Bibel TV wird am Freitag, 4. März, um 19 Uhr den Gottesdienst „Zukunftsplan: Hoffnung“ übertragen. Wiederholungen gibt es am Samstag, 5. März, um 14 Uhr, und am Sonntag, 6. März, um 11 Uhr. Der Gottesdienst kann auch online mitgefeiert werden.  

Weitere Informationen gibt es auch auf der Website des KDFB Bayern unter www.frauenbund-bayern.de/weltgebetstag/

Die Pandemie hat die Armut noch verschärft

Die Zukunft macht Dorothy Knights Sorgen: „Mit der Covid-19-Pandemie hat sich die Armut vieler Menschen noch verschärft. Zudem können wir auch noch nicht absehen, welche Folgen der Brexit, der Ausstieg aus der Europäischen Union im Januar 2020, auf die Menschen in Großbritannien haben wird“, sagt sie.

Seit Jahren engagiert sich Dorothy Knights beim Weltgebetstag, der größten und ältesten weltweiten ökumenischen Frauenbewegung, deren Leitmotiv lautet: „Informiert beten – betend handeln“. Spiritualität mit Engagement für Gerechtigkeit zu verbinden, das sei ihr wichtig, so Dorothy Knights, die mit einem anglikanischen Pfarrer im Ruhestand verheiratet ist. Unter dem diesjährigen Motto „Zukunftsplan: Hoffnung“ machen Britinnen auf gesellschaftliche Probleme in ihren Ländern England, Wales und Nordirland aufmerksam. Auch Schottland gehört zum Vereinigten Königreich. Da aber die Schottinnen ein eigenes Weltgebetstagskomitee haben, wirkten sie an der diesjährigen Gottesdienstordnung nicht mit.  

Es geht nicht nur um Armut, sondern auch um Gewalt gegen Mädchen und Frauen. Davon berichtet die Soziologin Elaine Storkey, die sich seit 30 Jahren für Gerechtigkeit und Genderfragen einsetzt. In ihrem Buch „Scars Across Humanity“ („Narben quer durch die Menschheit“) dokumentiert sie Gewalt gegen Frauen auf der ganzen Welt. Sie macht darauf aufmerksam, dass die meisten Gewalttaten zu Hause stattfinden. Für England und Wales zeigt die letzte veröffentlichte Kriminalstatistik, dass zwischen April 2019 und März 2020 schätzungsweise 1,6 Millionen Frauen im Alter von 16 bis 74 Jahren häusliche Gewalt erlebt haben. „Bei uns herrscht eine Epidemie, wenn es um Gewalt gegen Frauen und Mädchen geht“, erklärte der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan 2021 in der Online-Ausgabe der Zeitung Nordkurier. Während der Ausgangs-beschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie haben die Anzeigen wegen häuslicher Gewalt zugenommen. Das volle Ausmaß sei aber noch nicht absehbar, so Elaine Storkey. Denn die meisten Fälle häuslicher Gewalt werden nie der Polizei gemeldet. Storkey weiß auch, dass sich Frauen, die Opfer von sexualisierter Gewalt werden, häufiger an Frauenorganisationen wenden als an die Polizei.

Das „Link Café“ hilft von Gewalt betroffenen Frauen

Eines der rund 100 Frauenprojekte, die der Weltgebetstag in diesem Jahr unterstützt, ist deshalb das „Link Café“ (auf Deutsch „Café Verbindung“) in London. Es ist ein Zufluchtsort und eine Anlaufstelle für Frauen, die ihrem gewalttätigen Partner entfliehen wollen. Viele Betroffene leiden zudem unter materieller Not oder sind von ihrem

Peiniger emotional abhängig. Im „Link Café“ bietet ihnen die Heilsarmee einfühlsame Unterstützung, Rechtsberatung und materielle Hilfe. So beginnt für manche Frau ein neues, gewaltfreies Leben bei einer Tasse Tee. Eine Betroffene, die anonym bleiben will, beschreibt den ersten Besuch im „Link Café“ als den Moment, der ihr Leben verändert hat: „Ich hatte jede Hoffnung verloren, bis ich diesen Zufluchtsort fand“, sagt sie. Dort konnte sie den Mut für den Bruch mit dem gewalttätigen Partner fassen.

Eine Anlaufstelle für schwangere Asylsuchende

Ein anderes Weltgebetstagsprojekt widmet sich dem dritten Hauptthema, der Ausgrenzung, und unterstützt schwangere geflüchtete Frauen. Auf den Britischen Inseln haben sich viele Menschen niedergelassen, die aus ihrer Heimat geflohen sind. Nur knapp 60 Prozent der Londoner sind im Vereinigten Königreich geboren. In der englischen Hauptstadt leben Menschen aus 200 Nationen. Nicht alle sind integriert. Dort und in anderen großen Städten fühlen sich viele verlassen.

Die Lage ist so schlimm, dass Großbritannien als erstes Land der Welt 2018 ein Ministerium gegen Einsamkeit eingerichtet hat. Eine Auswirkung mangelnder Integration ist eine deutlich erhöhte Müttersterblichkeit unter geflüchteten schwangeren Frauen, da es für sie in Großbritannien an Unterstützungsangeboten mangelt. Dies stellte das „Centre for Maternal and Child Enquiries“ (Zentrum für Studien über Mütter und Kinder) fest.

Um werdenden Müttern Leid und Schmerz zu ersparen, gründeten geflüchtete Frauen, Vertreterinnen von Wohlfahrtsverbänden und Hebammen vor zehn Jahren im englischen Leeds den „Maternity Stream“, eine Anlaufstelle für schwangere asylsuchende und geflüchtete Frauen. Dort bekommen sie Unterstützung, die auf die Gesundheits- und Lebenssituation der Frauen zugeschnitten ist. Das Projekt wird so gut angenommen, dass inzwischen auch in anderen Städten solche Anlaufstellen gegründet wurden.

Jedes der drei Länder hat mit eigenen Problemen zu kämpfen

Dorothy Knights sieht zwischen den drei Ländern England, Wales und Nordirland keine großen Unterschiede, da die Menschen aus einem Kulturkreis stammen. „Teilweise sprechen sie aber andere Sprachen, wie Walisisch in Wales oder Gällisch in Irland, und haben andere Bräuche. Jedes Land hat auch mit den Auswirkungen der eigenen Geschichte zu kämpfen“, erklärt sie. So hat sich zum Beispiel in Wales seit Schließung der Kohleminen in den 1980er-

Jahren die Wirtschaft noch nicht erholt. Und in Nordirland haben jahrzehntelange gewaltsame Konflikte zwischen den protestantischen Unionisten und den katholischen Republikanern die Gesellschaft gespalten.

Für die Zukunft der drei Länder – und der ganzen Welt – wünscht sich Dorothy Knights, dass Politiker*innen die Augen vor der Not der Menschen nicht verschließen. Das Motto des diesjährigen Weltgebetstags „Zukunftsplan: Hoffnung“ findet sie daher sehr treffend: „Wir dürfen Notleidende nicht allein lassen. Jede und jeder von uns kann etwas tun, um zu helfen. Wenn sich weltweit viele einsetzen, dann können wir wirklich Hoffnung haben.“ 

England, Wales und Nordirland im Überblick

  • Geographie

    England, Wales und Nordirland bilden zusammen mit Schottland das Vereinigte Königreich und sind Teil der Britischen Inseln im Nordwesten Europas. Da Schottland ein eigenes Weltgebetstagskomitee hat, ist es beim Weltgebetstag 2022 nicht beteiligt. Die Natur ist vielfältig: Berge, Moorlandschaften, fruchtbare Felder und Weiden, sanfte Hügel, spektakuläre Küstenlandschaften und zahlreiche kleine Inseln.

    Bevölkerung: England (rund 55 Millionen), Wales (rund drei Millionen) Nordirland (rund zwei Millionen). Im Laufe der Jahrhunderte haben die Britischen Inseln Menschen aus aller Welt aufgenommen, die die heutige multiethnische, multikulturelle und multireligiöse Gesellschaft ausmachen.

    Hauptstädte: England: London mit rund 9 Millionen Einwohner*innen in der Metropolregion. Wales: Cardiff (rund 370000 Einwohner*innen). Nordirland: Belfast (rund 350000 Einwohner*innen).

  • Gesellschaft

    Sprache: Amtssprache ist Englisch. Zudem gibt es regionale amtliche Sprachen wie Irisch-Gälisch, Walisisch oder Kornisch im englischen Cornwall.

    Durchschnittliche Lebenserwartung vor Corona: Frauen 83,1 Jahre, Männer 79,4 Jahre. Im Vergleich zu Deutschland: Frauen 83,4 Jahre, Männer 78,6 Jahre.

    Religion: Rund 52 Prozent der Bevölkerung sind im Vereinigten Königreich konfessionslos. 38 Prozent sind Christen, darunter sind zwölf Prozent anglikanisch (Church of England) und sieben Prozent katholisch oder gehören anderen christlichen Konfessionen an. Weitere Religionen sind unter anderem Islam (sechs Prozent) und Judentum (0,5 Prozent). Königin Elisabeth II. ist das Oberhaupt der Kirche von England. Die Church of England ist die Mutterkirche der Anglikanischen Gemeinschaft. In Wales und Nordirland gibt es eigene anglikanische Landeskirchen.

  • Geschichte

    1918: Einführung des Frauenwahlrechts

    1922: Das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland wird gegründet.

    1952: Nach dem Tod ihrer Vaters George VI. bestieg Elisabeth II. am 6. Februar mit 25 Jahren den Thron. Ihre Krönung fand am 2. Juni 1953 statt. Seitdem ist die „Queen“ die Königin des Vereinigten Königreichs und 15 weiteren Commonwealth-Staaten, zu denen auch die ehemaligen britischen Kolonien zählen.

    2020: Großbritannien tritt am 31. Januar aus der Europäischen Union (EU) aus. Die Folgen des so genannten „Brexits“ sind noch nicht absehbar. Ab März grassiert im Vereinigten Königreich die Corona-Pandemie.

  • Politik

    Staatsform: parlamentarische Monarchie

    Staatsoberhaupt: Königin Elisabeth II.

    Regierungschef: Premierminister Boris Johnson

Materialien zum Weltgebetstag

  •  Materialheft „Ideen und Informationen zu England, Wales und Nordirland“ (Preis: 3,50 Euro plus Porto)
  • Material-DVD mit vielen Fotos, Texten und Rezepten (11,90 Euro)
  • Gottesdienstordnung und vieles mehr… 

Erhältlich bei der MVG Medienproduktion, Postfach 10 11 38, 52011 Aachen, Telefon: 0241/479 86-300 oder unter www.eine-welt-shop.de/weltgebetstag/.

Autorin & Zusammenstellung: Karin Schott

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 160.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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