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Naturnah leben

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In Deutschland ist es nur noch selten möglich, naturnah zu leben. Die meisten Menschen wohnen in Städten oder Ballungsgebieten, nur 15 Prozent in kleineren Dörfern. Drei Frauen haben sich bewusst für ein Leben in der Natur entschieden: eine Sennerin, eine Einsiedlerin und eine Abiturientin, die ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert. So unterschiedlich diese Frauen sind, eines verbindet sie: die Liebe zur Natur und das Wagnis, in und mit ihr zu leben.

 

Kraftbringer Natur

 

Das Leben in den Bergen gibt der Allgäuer Sennerin Eva Endreß Kraft für ihren anstrengenden Arbeitsalltag.

Saftige Almwiesen, eine Hütte mit Holzschindelfassade und grünen Fensterläden, Kuhglocken läuten in der Nähe: In dieser Idylle auf der Sennalpe „Gerstenbrändle“ im Allgäu verbringt Sennerin Eva Endreß ihre Sommer. Die Alpe, so wird eine Alm im Allgäu genannt, liegt im Gunzesrieder Hochtal inmitten des Naturparks Nagelfluhkette, direkt am Fernwanderweg Bodensee-Adria.
Die KDFB-Frau aus Gunzesried bei Sonthofen hat nahezu jeden Sommer auf dem Berg verbracht: „Mein Opa und mein Vater waren schon Senner. Als Kind habe ich auf einer Alpe gewohnt, die nicht mit dem Auto erreichbar war. Damals bin ich zusammen mit anderen Kindern zu Fuß ins Tal zur Schule gelaufen und natürlich wieder zurück. Jeden Tag waren wir zwei Stunden unterwegs“, erzählt die 62-Jährige.
Seit der Heirat mit einem Landwirt aus dem Dorf bewirtschaftet Eva Endreß mit ihrer Familie die eigene Alpe auf 1000 Metern Höhe, knapp vier Kilometer vom Hof entfernt. Jedes Jahr im Mai zieht die Familie mit 25 Kühen und 15 Ferkeln dorthin und bleibt bis zum Herbst.
Die Alpe ist ein beliebtes Ausflugsziel. Das heißt: sehr viel Arbeit. Bei schönem Wetter sind 14- bis 16-Stunden-Tage, angefüllt mit Kochen, Backen, Putzen und Bewirtung keine Seltenheit. Serviert wird vieles aus eigener Herstellung: Milch, Käse, Butter, Schinken oder Allgäuer Kässpätzle.

 

Regen bedeutet eine kurze Ruhepause

 

Das Wetter bestimmt den Arbeitsalltag. Mähen, Heu machen, mal viel, mal wenig Arbeit bei der Bewirtung – all das hängt davon ab, ob es regnet oder die Sonne scheint. Kurze Ruhepausen gibt es bei Regen oder auch während der Käseherstellung, wenn das Lab der Milch zugegeben wird. Während die Milch dick wird wie Joghurt, trifft sich die Familie täglich gegen sieben Uhr zum Frühstück. Danach geht jeder wieder seiner Arbeit nach. 18 Jahre lang war Eva Endreß zuständig für die Herstellung von Käsesorten wie Allgäuer Sennalpkäse, Tilsiter oder Romadur – und sie hat es geliebt: „Die Milch dicklegen, die Molke auspressen, den Käse formen – Käsemachen, das war eine Zeit für mich selbst, in der es um mich herum ruhig war. Das war fast meditativ.“
Nach der Übergabe der Käseherstellung an den mittleren Sohn und der Landwirtschaft an den ältesten Sohn wollten die Sennerin und ihr Mann ein bisschen kürzertreten. Doch ein schwerer Unfall des Hofnachfolgers und Krankheit warfen die Pläne der Familie, zu der vier erwachsene Kinder und neun Enkelkinder gehören, durcheinander.

 

Wenig Zeit für entspannte Stunden

 

„Unser Leben ist in den vergangenen Jahren ziemlich turbulent“, sagt Eva Endreß. Sie weiß, dass viele Frauen die Alpe als Sehnsuchtsort zur Entschleunigung sehen. Ihr selbst aber bleibt nur wenig Zeit für entspannte Stunden. Andererseits gibt ihr die Natur viel Energie. Wenn sie aus der Hütte heraustritt, um Gäste zu bedienen, schweift ihr Blick oft über das Tal: „Ich bin immer wieder begeistert, was für einen wunderschönen Arbeitsplatz ich habe! Es ist erfüllend, mitten in der Natur zu arbeiten und trotzdem viel Kontakt mit Menschen zu haben. Die Alpe ist mein persönlicher Kraftort.“
Sooft die Arbeit es erlaubt, geht Eva Endreß hinaus in die Natur und nimmt sich ein Beispiel an ihr. Denn: „Die Natur macht einfach immer weiter. Die Bäume stehen da, ob es stürmt oder schneit, ob es regnet oder trocken ist. Die Natur beschwert sich nicht. Sie nimmt alles, wie es ist. Sie ist ein großer Kraftbringer für mich.“

 

Wie werde ich Sennerin?

Nähere Informationen gibt es für Oberbayern unter www.almwirtschaft.net und für das Allgäu unter www.alpwirtschaft.de

 

Autorin: Karin Schott

 

 

Auf die Schöpfung hören

 

Die Einsiedlerin Maria Anna Leenen erlebt Gott und Natur als eine untrennbare Einheit.

Ringsum ist nur Gegend“, beschreibt Einsiedlerin Maria Anna Leenen die Lage ihrer Klause nördlich von Osnabrück. Dort lebt sie mit ihren Tieren, fünf bis sechs Kilometer von jedem der umliegenden Dörfer entfernt. Ein „Holz“ mit Eichen und Wildkirschen gehört zu ihrer Einsiedelei, unweit davon erstreckt sich ein großes Waldgebiet. „Mein Leben besteht darin, da zu sein, bei mir zu sein, zu beten und die Beziehung zu Gott zu intensivieren“, sagt die 65-Jährige, die vom Schreiben spiritueller Bücher lebt. Gott und Natur sind für sie untrennbar. „Die Schöpfung ist ein Riesengeschenk, und Gott kommt mir darin in allem und jedem entgegen“, sagt sie.
Der Ruf zu einem Leben als Einsiedlerin, einer geweihten Lebensform, die es in der Kirche immer noch gibt, kam für Maria Anna Leenen völlig überraschend. Sie hörte ihn 1985. Damals hatte sie als 29-Jährige zusammen mit ihrem Lebensgefährten in Venezuela eine Büffelfarm aufgebaut. Zufällig geriet die Vielleserin an ein christliches Buch. Innerhalb von Sekunden, mitten im venezolanischen Dschungel, wurde ihr klar: „Das Einzige, was ich im Leben wirklich brauche, das ist Jesus, die Beziehung zu Jesus.“

 

Sie legt die Profess zur Diözesaneremitin ab

 

So klar sie in diesem Augenblick erkannte, was ihre tiefste Sehnsucht war, so unklar war ihr, wie sie ihr folgen sollte. Für ein frommes Leben brachte sie nicht viel mit: „Seit meiner Konfirmation war Glaube für mich kein Thema mehr gewesen. Ich habe nicht mal mehr das Vaterunser zusammenbekommen.“ Sie kehrt nach Deutschland zurück und sucht im ganzen Land in Gemeinschaften nach einem Ort für sich. Ein erster Schritt ist, katholisch zu werden. 1989 geht sie ins Kloster der Klarissen in Münster. Ihre Novizenmeisterin bringt das Gespräch auf ein Leben als Einsiedlerin. „Ich dachte zunächst, das sei Blödsinn. Wie sollte so etwas gehen?“, erinnert sich Maria Anna Leenen.
Doch neun Jahre später fiel die Entscheidung: Sie mietet in ihrem Heimatbistum Osnabrück von einem Bauern eine Baracke auf dem flachen Land und legt 1996 vor dem Bischof die erste Profess zur Diözesaneremitin ab. Die ewigen Gelübde folgen nach sieben Jahren. Inzwischen ist sie aus der Baracke in ein stabileres Häuschen gewechselt, und der „Förderverein Klausenkapelle St. Anna“ unterstützt ihr spirituelles Leben. Als den innersten Kern ihrer Berufung sieht Maria Anna Leenen, sich Gott und der von ihm ins Dasein gerufenen und im Dasein erhaltenen Schöpfung auszusetzen. Sie will das nicht nur beim Beobachten von Tieren oder während einer Meditation tun. Sondern täglich, stündlich, in jeder Lebenslage, in allen Situationen. 

 

Die Schöpfung bewahren: eine große Aufgabe

 

Intensiv erlebt sie Gottes Schöpfung mit ihren Ziegen. Den Erfahrungen mit diesen Tieren hat sie einen eigenen Band gewidmet. Sie schreibt: „Meinen Tieren zuzuschauen, sie zu hören, zu beobachten und ihre Sprache zu lernen, den feinen, herben Duft der Ziegen und den manchmal heftigen Duft der Böcke zu riechen, ihr seidiges Sommerfell und den dicken Pelz im Winter durch meine Finger gleiten zu lassen – das alles ist nicht nur Freude, sondern nachdrückliche Erfahrung und lässt mein Herz und meine Seele offener werden für das, was Gottes Wort, was die Bibel mir sagt.“ Denn: „Die Tiere sind Mitgeschöpfe, Gefährten auf dem Weg durch das Leben, deren Würde wir achten müssen.“ Gott habe allem, was er geschaffen hat, seine Liebe zugesprochen. Dennoch ist die Schöpfung bedroht. „Ihr Zustand ist mit einer riesigen Aufgabe für uns alle verbunden“, sagt Maria Anna Leenen. Jede und jeder könne mit anpacken, auch im Kleinen lohne sich das. Sie selbst hat mithilfe ihrer Förder*innen im Laufe der Jahre 26 Vogelnistkästen rund um die Klause aufgehängt. Im Dach ist ein großer, inzwischen bewohnter Schleiereulenkasten eingebaut, es gibt Fledermaushöhlen und bald ein großes Insektenhotel, eine Nisthilfe für Insekten. „Das Herz jedes Einzelnen muss sich für das Geschenk der Schöpfung öffnen“, ist die Einsiedlerin überzeugt.

 

Als Einsiedlerin leben

In Deutschland leben etwa 90 Einsiedler*innen. Wer das Gespräch mit einer Einsiedlerin sucht, kann sich an Maria Anna Leenen wenden, die gegebenenfalls eine Ansprechpartnerin in der Nähe vermittelt. E-Mail: kontakt@maria-anna-leenen.de, Telefon 05901- 961269, www.maria-anna-leenen.de

 

Maria Anna Leenen: „Ziegen wie du und ich. Was ich von meinen vierbeinigen Weggefährten über Gott und die Welt lerne“. Adeo, 2019, 18 Euro.

Im Januar 2022 erscheint im Bonifatius Verlag der Band „Füllhorn Schöpfung“ (Arbeitstitel) von Maria Anna Leenen.

 

Autorin: Anne Granda

 

 

 

Ein Herz für den Umweltschutz

 

Die 18-jährige Sofie Basarke sucht in einem Freiwilligen Ökologischen Jahr Orientierung für die Berufswahl. 

Wiesen, Wälder, Seen, Flüsse, Berge – so üppig ist die Landschaft des Pfaffenwinkels im bayerischen Alpenvorland. Der Name der Region leitet sich von den vielen Klöstern ab, die dort angesiedelt sind. Zu den ältesten gehört Benediktbeuern. In dem ursprünglichen Benediktinerkloster wirken seit 1930 die Salesianer, die sich traditionell der Arbeit mit Jugendlichen widmen. In Benediktbeuern aber verbindet der Orden diese Aufgabe mit der Naturpflege. 1988 wurde im Kloster das „Zentrum für Umwelt und Kultur“ eingerichtet, das die Möglichkeit bietet, ein Freiwilliges Ökologisches Jahr zu absolvieren.

 

Nach dem Abitur: erst mal etwas Praktisches in der Natur

 

Die 18-jährige Sofie Basarke ist seit Sommer vergangenen Jahres dabei. Nach dem Abitur wollte sie nicht sofort zu studieren anfangen, sondern erst mal etwas Praktisches tun, wie sie sagt. Und weil ihr der Umweltschutz am Herzen liegt, ist das Freiwillige Ökologische Jahr genau das Richtige für sie. Begeistert erzählt die junge Frau von der Natur am Fuße der Alpen, von der Moorlandschaft etwa, die sich westlich des Klosters entlang der Loisach erstreckt und zu Wanderungen einlädt. An besonders schlammigen Stellen helfen Stege, die Moorlandschaft zu durchqueren. Vor Kurzem half Sofie mit, einen Stegteil zu erneuern, der über eine feuchte Wiese führt. Früher, sagt sie, wurden die Moore entwässert, um sie für die Landwirtschaft nutzbar zu machen. Doch Moore sind wertvoll, sie speichern sehr viel Kohlendioxid, mehr als Wälder sogar, und wirken so dem Klimawandel entgegen. Außerdem leben dort viele Pflanzen und Tiere, auch solche, die vom Aussterben bedroht sind. Das „Zentrum für Umwelt und Kultur“ in Benediktbeuern pflegt die Moore, renaturiert sie. Damit schafft es gute Lebensbedingungen unter anderem für Vögel, zum Beispiel für die gefährdeten Kiebitze, die auf feuchten Wiesen brüten. Sofie weiß nun, wie wichtig es ist, große Wiesen zu erhalten, die nur selten gemäht werden.

 

Den Eisvogel beobachten und Nistkästen tischlern

 

In Benediktbeuern hat Sofie auch gelernt, Nistkästen für Vögel zu bauen, für Gänsesäger oder Eulen. Das geht so: „Holzplatten zuschneiden, zusammenschrauben, vorne ein Loch einbohren. Schließlich kommt noch ein Bitumendach drauf, so kann Regen abfließen und das Zuhause wird nicht morsch“, erklärt sie. Noch bis Ende August bleibt Sofie Basarke in Beneditkbeuern. Sie habe viel über Vogelarten gelernt, sagt sie. Im Wechsel mit fünf anderen Freiwilligen geht sie regelmäßig in die klostereigene Vogelstation „Moosmühle“ zum Vögelbeobachten. Dort kann sie zum Beispiel dem Eisvogel zusehen, wie er in einem künstlich angelegten Tümpel Fische fängt. Das sei spannend, „weil der Eisvogel in freier Natur selten zu sehen ist“, sagt Sofie.
In der Vogelstation hängen Meisenknödel und mit Fett gefüllte Holzstücke, „damit die Vögel ausreichend Nahrung bekommen und bleiben“, erklärt sie. Aber auch den Wildbienen soll es gut gehen. Für sie hat Sofie Basarke im Frühjahr Blumenstreifen auf umliegende Wiesen ausgesät. Seltene Pflanzen wie die Wilde Karde oder der Teufelsabbiss blühen dort nun. Im klostereigenen „Biolabor“ hilft sie ebenfalls mit. Dort werden Reptilien gehalten: Geckos, Feuersalamander, auch ein Leguan. Kinder und Jugendliche können sich im Kloster mit diesen exotischen Tieren vertraut machen. Sofie füttert den Leguan mit Löwenzahn, Äpfeln und Salat.

Ob das Freiwillige Ökologische Jahr die Wahl ihres Studiums beeinflussen wird? Darüber denkt sie noch nach. Sie erzählt aber, dass Freiwillige, die in Benediktbeuern waren, später zum Beispiel Landschaftsplanung oder Forstwirtschaft studierten.                     

 

 

Freiwilliges Ökologisches Jahr

Etwa 3000 Stellen sind jährlich bundesweit für ein Freiwilliges Ökologisches Jahr zu besetzen. Mehr Informationen unter https://foej.de, für Bayern unter https://www.foej-bayern.de

 

 

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB engagiert 3/2021