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Frauensolidarität

Emilia Müller, Vorsitzende des KDFB Landesverband Bayern und Vizepräsidentin des Katholischen Deutschen Frauenbundes Foto: Bardehle

25.02.2019

Emilia Müller, Bayerische Landesvorsitzende und Vize-Präsidentin des Frauenbundes, bekleidete viele Jahre lang Spitzenpositionen in der bayerischen Landespolitik. Die gelernte Chemotechnikerin war Wirtschaft-, Europa- und Sozialministerin und dabei auch zuständig für Gleichstellungsfragen.


KDFB Engagiert: Wird unsere Gesellschaft unsolidarischer? 
Emilia Müller: Wir leben heute in einer Welt, wo Individualität und Persönlichkeitsentfaltung eine große Rolle spielen. Das würde ich aber nicht gleichsetzen mit einem Verlust an Solidarität, denn wir erleben gleichzeitig, dass sich sehr viele Menschen für das Gemeinwohl einsetzen. Solidarität nimmt nach wie vor einen hohen Stellenwert ein. Ohne Solidarität würde der Kitt fehlen, der eine Gesellschaft zusammenhält.


KDFB Engagiert: Warum ist Frauensolidarität so wichtig?
Emilia Müller: Im Frauenbund ist der Solidaritätsgedanke seit über 100 Jahren tief verankert. Frauensolidarität, das bedeutet für uns, gemeinsam für unsere Ziele, für unsere christlich geprägten Werte einzutreten. Frauenbund-Frauen setzen sich nicht nur für andere ein, sie schaffen auch viel füreinander: Anschluss, Austausch und Heimat. Das ist eine starke Basis, und unsere Zweigvereine vor Ort leisten hier enorm viel. Gleichzeitig entstehen durch die vielen solidarischen Initiativen neue Lösungen für unsere Gesellschaft.


KDFB Engagiert: Wie solidarisch erleben Sie Frauen untereinander?
Emilia Müller: Der Frauenbund ist ein gutes Netzwerk. Hier können Frauen erleben, wie gegenseitige Unterstützung wirkt und wie unterschiedliche Talente genutzt werden können. Dieses Netzwerk wollen wir weiter ausbauen und so Frauen in all ihren Lebenszusammenhängen fördern – bei der Chancengleichheit hinsichtlich ihrer Karrieren ebenso wie bei der Vereinbarkeit von Familie, Pflege und Beruf. 
Frauensolidarität wird auch in Zukunft bedeuten, einander zu fördern und zu unterstützen – auch dann, wenn sich persönliche Ziele, Werte und Lebensmodelle unterscheiden. Respekt für die unterschiedlichen Lebenslinien von Frauen verlangt aber auch die Wertschätzung der Arbeit früherer Generationen: Ich wünsche mir da manchmal ein schärferes Bewusstsein und habe die Sorge, dass Errungenschaften der Frauenbewegung wieder verloren gehen könnten.

KDFB Engagiert: Wo braucht es aktuell Frauensolidarität? 
Emilia Müller: Der Frauenanteil in unseren Parlamenten ist rückläufig. Das macht die Vertretung unserer Interessen immer schwieriger. Als Frauen müssen wir dagegen halten und uns gegenseitig stützen. Unsere Parlamente müssen ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sein. Dafür setzt sich der Frauenbund. Es müssen mehr Frauen in der Politik aktiv werden, Netzwerke knüpfen und nutzen. 

KDFB Engagiert: Der Frauenbund will auch bei der Europawahl zur Solidarität aufrufen. Sie waren zwischen 1999 und 2003 Mitglied des Europäischen Parlaments und gehörten in der Zeit als Europaministerin Bayerns dem Europäischen Ausschuss der Regionen an. Inwiefern braucht Europa die Solidarität der Frauen? 

Emilia Müller: Europa ist ein Friedensprojekt. Es ist nicht nur eine Wirtschaftsgemeinschaft, sondern auch eine Solidar- und Wertegemeinschaft, deren Fundament aber in den vergangenen Jahren Risse bekommen hat – unter anderem durch Populismus und Nationalismus. Das darf nicht die Zukunft sein und das wollen viele Frauen auch nicht, wie uns Wahlanalysen zeigen. Rückwärtsgewandtes Denken bedroht das Grundrecht auf Selbstbestimmung und gefährdet die Erfolge langjähriger Gleichstellungspolitik. 
Es gilt, die europäischen Werte zu erhalten und zu festigen. Deshalb ist es gerade auch für Frauen so wichtig, zur Europawahl zu gehen und sich für mehr Frauen im Europäischen Parlament einzusetzen und so die Entwicklung Europas mitgestalten. Frauen wählt Frauen!

KDFB Engagiert: Sie waren 1990 die erste Gemeinderätin in ihrem Heimatort Bruck in der Oberpfalz. Sie waren auch die erste bayerische Wirtschaftsministerin – das Ressort ist eigentlich eine reine Männerdomäne. Haben Sie selbst Solidarität unter Frauen erlebt?

Emilia Müller: Es gab Frauennetzwerke und Mandatsträgerinnen, die meinen Weg als Politikerin aktiv unterstützt haben. In den Gemeinderat kam ich damals zum Beispiel über eine eigene Frauenliste. Sehr wichtig war meine Mutter, auf die ich mich immer uneingeschränkt verlassen konnte – in allen Lebensphasen. Für mich war es eine Erleichterung, Frauen an meiner Seite zu wissen, die viel erreicht hatten und mir Ansprechpartnerinnen waren, wenn es schwierig wurde. Aber Solidarität drückt sich auch in kleinen Gesten aus, in einer Karte, auf der steht: „Ich bin für dich da!“

Interview: Susanne Zehetbauer
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Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 160.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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