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Ein Tomatenwurf und seine Folgen

Aufstand der Genossinnen: der Tomatenwurf gegen Genosse Krahl 1968. Foto: mauritius images

17.05.2018

War es tatsächlich ein Tomatenwurf, der 1968 das Startsignal für die neue Frauenbewegung im Westen Deutschlands gab? Diese Interpretation der Zeitgeschichte ist umstritten. 

Fakt ist: Die Tomate fand ihr Ziel. Sie landete – klatsch – am Kopf von Hans-Jürgen Krahl. Der saß am 13. September 1968 auf einem Podium in Frankfurt. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund, kurz SDS, hielt einen Kongress, und die Männer gaben den Ton an. Die Studentenproteste waren in vollem Gang. Sie richteten sich vor allem gegen den Vietnamkrieg und die weltweite Unterdrückung des Proletariats. 

Das Private ist politisch

Als beim Frankfurter Kongress eine Frau aufsteht und ihre Kritik gegen die Genossen im Saal richtet, findet das zunächst keine Resonanz. Helke Sander, 31, Schauspielerin und Regisseurin, ergreift das Wort. Sie wirft den SDS-Männern vor, die Diskriminierung der Frauen zu ignorieren und deshalb in ihrer Gesellschaftskritik nicht weit genug zu gehen. Sander spricht über ihr Leben als Frau in einer Männerwelt. Sie macht deutlich: Das Private ist politisch. Frauen würden im Alltag vielfältig unterdrückt und ausgebeutet. Tatsächlich sei der SDS selbst das Spiegelbild einer männlich geprägten Gesellschaftsstruktur. 

Als die Männer sich zu diskutieren weigern, zieht eine Frau die Konsequenzen: Studentin Sigrid Rüger schmeißt Tomaten gegen das Podium. Genosse Krahl kann nicht ausweichen. Aus Helke Sanders Rede wird die berühmte Tomatenrede. 

War das schon die Frauenbewegung?

Nein, heißt es in der aktuellen Ausgabe der von Alice Schwarzer herausgegebenen Zeitschrift Emma: Aber es war der Vorfrühling der Frauenbewegung – der Aufstand der Genossinnen gegen die Genossen. Und bereits damals arbeiteten Frauen ernsthaft an ihrer Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen. In Universitätsstädten bildeten sie vermehrt Aktionsgruppen und Weiberräte, gründeten Kinderläden und prangerten die Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern an. In Helke Sanders Erinnerung war es die Zeit, in der ein Mann nicht mit Kinderwagen auf der Straße ge?sehen werden wollte. Und kein Vater daran dachte, abends auf das Kind aufzupassen und stattdessen seine Frau auf eine Veranstaltung gehen zu lassen oder sie durch „Mithilfe“ zu entlasten. Doch noch blieben die Aktionen der Frauen weitgehend auf ein studentisches Milieu beschränkt. 

Erst 1971 gab es einen zweiten Mobilisierungsschub, der Frauen verschiedener Bevölkerungsschichten erfasste: Ausgelöst wurde er durch die Kampagne gegen den Paragraphen 218. Auftakt war die Selbstbezichtigung „Ich habe abgetrieben“ von 374 Frauen in der Zeitschrift Stern. Initiatorin war Alice Schwarzer, die die Idee dazu von französischen Frauen übernommen hatte. Für viele markiert diese Kampagne von 1971 den Beginn der neuen Frauenbewegung.

Autorin: Eva-Maria Gras
aus: KDFB Engagiert 6/2018

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