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70 Chefinnen unter einem Dach

Katja von der Bey, Foto: Anke Großklaß

28.03.2018

Die Frauengenossenschaft WeiberWirtschaft hat vor 25 Jahren in Berlin-Mitte Europas größtes Gründerinnen- und Unternehmerinnenzentrum aufgebaut. 70 Gründerinnen unter einem Dach können sich dort gegenseitig beflügeln. Geschäftsführerin Katja von der Bey hat von Anfang an dazu beigetragen, dass die WeiberWirtschaft zum Standort für Chefinnen wurde. 

KDFB Engagiert: Wie ist die Idee zur WeiberWirtschaft entstanden?

Katja von der Bey: Der Gründung der Frauengenossenschaft 1989 ging eine Studie von Soziologinnen an der Freien Universität Berlin voraus. Sie hatten die Situation von Frauen untersucht, die sich selbstständig machen wollen. Die daraus resultierende Forderung an den Senat, ein Gründerinnenzentrum zu schaffen, wurde abgelehnt. Also sind die Frauen selbst tätig geworden, haben 18,6 Millionen Euro in die Hand genommen, einen alten Gewerbehof gekauft und saniert. Wenn wir es klein aufziehen, nimmt uns keiner ernst, war schon damals die Devise. 

KDFB Engagiert: Warum ist es für Gründerinnen leichter, innerhalb der WeiberWirtschaft zu starten als alleine?

Katja von der Bey: Da gibt es zunächst mal ganz handfeste Vorteile: Zum Beispiel sehr günstige Mieten, da wir zwar schwarze Zahlen schreiben, aber keine Gewinne erzielen müssen. Zusätzlich bieten wir besondere Einstiegsmodelle für Neugründerinnen. Die zahlen nämlich am Anfang nur die Hälfte. Außerdem bieten wir vor allem kleine Räume an. Das suchen Frauen, ist aber sonst schwer zu finden. Büros gibt es ab 15 Quadratmetern. Dazu vereint der Standort viele Möglichkeiten: Unsere Tochtergesellschaft „Gründerinnenzentrale“ bietet Beratung, Vernetzungsangebote und Fortbildungen. Es gibt eine eigene Kita mit Krippe, die zwölf Stunden am Tag geöffnet ist, und die Gründerinnen haben Anspruch auf einen Platz. Mikrokredite sind erhältlich. Dazu kommt man leicht mit den Nachbarinnen in Kontakt und kann von deren Expertise profitieren. 

KDFB Engagiert: Warum haben Sie sich für das Genossenschaftsmodell entschieden?

Katja von der Bey: Weil das die einzige demokratische Rechtsform ist. In einer Genossenschaft stimmen Menschen ab, nicht Kapital. Das war uns ganz wichtig. Egal, ob eine Frau einen oder fünfzig Anteile hat, sie hat eine Stimme. Ein Ge?nossenschaftsanteil liegt bei 103 Euro, sodass viele mitmachen konnten. Bis heute sind wir ganz glücklich mit diesem Modell. 

KDFB Engagiert: Gründen Frauen anders?

Katja von der Bey: Wir haben hier bunt gemischte Branchen: von der Maschinenbauerin über die Glaserin und die in der IT-Branche-Tätige bis hin zur Heilpraktikerin. Aber: Frauen gründen oft in der Kreativbranche oder in der Gesundheitswirtschaft. Die allermeisten sind Solo-Selbstständige, also Frauen, die sich erst mal ohne Angestellte selbstständig machen und ihren Markt erproben. Unser Thema ist kein Berliner Spezialthema. Bundesweit braucht es mehr Unterstützung von Frauen, die sich selbstständig machen. Die Gründungsförderung ist meist sehr auf den naturwissenschaftlich-technischen Bereich fokussiert. Obwohl Innovation auch in anderen Branchen stattfindet, wo die Frauen eher unterwegs sind. Da halten wir die Förderstruktur für nicht sehr gerecht. Der Bedarf ist groß. Wir haben 70 Mieterinnen und 120 Frauen auf der Warteliste. Deshalb suchen wir eine Immobilie für ein zweites Gründerinnenzentrum der WeiberWirtschaft. 

Interview: Claudia Klement-Rückel
aus: KDFB Engagiert 4/2018

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