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Wohnen in guter Gesellschaft

Sozialkontakte, die leicht erreichbar sind, sind im Alter besonders wichtig. Foto: istockphoto.com/Geber86

Im Alter allein? Das muss nicht sein! Viele Menschen interessieren sich heute für gemeinschaftliche Wohnformen. Damit Einsamkeit gar nicht  aufkommt und gleichzeitig ein selbstbestimmter Alltag erhalten bleibt.  

Je früher man anfängt, sich über die Wohnsituation im Alter Gedanken zu machen, desto besser! Davon ist Berta Wolf überzeugt. Die 71-Jährige wohnt seit fünf Jahren im Wohnprojekt „Wigwam“ im baden-württembergischen Reutlingen. Wigwam steht für „Wohnen in Gemeinschaft. Wertschätzend. Achtsam. Miteinander“.

Sechs alleinstehende Frauen wollten sich ihren Wohntraum für die dritte Lebensphase selbst verwirklichen und bauten gemeinsam ein barrierefreies, umweltfreundliches Haus. Heute leben und unterstützen sich darin zwölf Frauen im Alter zwischen 25 und 80 Jahren in einer Hausgemeinschaft, die Achtsamkeit und Wertschätzung füreinander und für die Umwelt pflegt.

„Wir beobachten, dass sich häufiger Frauen für neue Wohnformen interessieren. Vor allem in den Städten geht der Trend dahin, dass die Älteren nach Alternativen suchen, die vor allem das soziale Miteinander betonen und das gemeinschaftliche Wohnen bevorzugen. In der letzten Zeit haben wir aber auch vermehrt Anfragen nach Wohnangeboten auf dem Land, manchmal auch in Verbindung mit landwirtschaftlichen Betrieben“, erklärt Sabine Wenng, Geschäftsführerin der Bayerischen Koordinationsstelle Wohnen im Alter, einem Projekt des Bayerischen Sozialministeriums.

 

Was tun, wenn altersgerechte Umbauten in der eigenen Wohnung nicht möglich sind?

Die 62-jährge Diplom-Psychogerontologin berät bayerische Kommunen und Städte, aber auch Seniorenvertretungen, Vereine und private Initiativen zu Wohnformen, Konzepten und Fördermöglichkeiten. Wenng, geboren in Dinkelsbühl, könnte sich auch vorstellen, in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt zu leben: „Schon allein wegen der Kommunikation! Ich glaube, man hat mehr Spaß, wenn man mit anderen zusammenwohnt.“

Aber jede und jeder müsse für sich selbst die passende Wohnsituation finden. Der überwiegende Teil der Älteren wolle zwar weiterhin zu Hause in der eigenen Wohnung bleiben, weiß Sabine Wenng. Manchmal klappe das aber nicht, weil altersgerechte Umbauten zu teuer oder vom Vermieter nicht erwünscht sind.

Dabei sind die Bedürfnisse der Älteren sehr unterschiedlich, sodass sich mittlerweile eine ganze Bandbreite an unterschiedlichen Wohnprojekten entwickelt hat, wie zum Beispiel generationenübergreifende Wohnprojekte, Senioren-Hausgemeinschaften oder Betreutes Wohnen. „Diese Wohnprojekte wirken nicht nur der Vereinsamung von Einzelpersonen entgegen, sondern können auch das soziale Gefüge und Miteinander eines Ortes oder eines Stadtteils positiv verändern“, so Wenng, die zudem Geschäftsführerin der Arbeitsgruppe für Sozialplanung und Altersforschung in München ist. Ein weiterer positiver Aspekt gemeinschaftlicher Wohnformen sei die Förderung der Eigenständigkeit und Selbstbestimmung der Bewohner*innen bis ins hohe Alter.

 

Der "Wigwam" für Senior*innen steht in Reutlingen

Nicht allein leben und den Alltag selbstständig gestalten – das ist auch das Konzept des Wigwams in Reutlingen. Dort hat jede ihren eigenen Bereich, aber es findet sich immer schnell Gesellschaft, wenn man einen Kaffee trinken will. Berta Wolf lässt wie die anderen gerne mal ihre Wohnungstür zum überdachten Laubengang auf. „Das ist das Zeichen, dass meine Wohnung offen für andere ist, für einen Schwatz oder auch nur für ein kurzes Hallo. Das Offensein nach außen ist für mich sehr wichtig.“

Im Wigwam mit seinen elf Wohnungen gibt es einen Gemeinschaftsbereich mit Küche und einem großen Tisch, an dem sich die Hausgemeinschaft gelegentlich zum Abendessen trifft oder gemeinsam Maultaschen oder Semmelknödel kocht. Es werden Geburtstage, Ostern, Weihnachten und Silvester gefeiert. Auch gemeinsame Ausflüge, Haus-Sitzungen über die Aufgabenverteilung oder Vorträge stehen auf dem Programm.

Schon mit 40 Jahren hat Berta Wolf sich als geschiedene Bankkauffrau Gedanken gemacht, welche Wohnform für sie im Alter passend wäre. Das Konzept des gemeinschaftlichen Wohnens hat sie schon damals sehr angesprochen: „Da habe ich gewusst, auf was ich hinarbeiten will. Man muss selbst aktiv werden und sich umsehen, was es für Möglichkeiten gibt. Die Wohnform sollte ganz individuell zur eigenen Persönlichkeit passen.“

 

Füreinander da sein: Das Mehrgenerationenhaus in Bad Tölz

Wer den Kontakt zu jüngeren Generationen schätzt und sich gerne in eine Gemeinschaft einbringt, kann in einem Mehrgenerationenhaus glücklich werden. Jutta Liebl lebt seit 2018 in einem solchen Haus in Bad Tölz.

Ein liebevoller Umgang miteinander, offene Gespräche, regelmäßige Kontakte und viel Toleranz – das schätzt Jutta Liebl an ihrem neuen Leben in einem Mehrgenerationenhaus. „Wir wollen eine Gemeinschaft sein, die füreinander da ist. Trotzdem hat jeder seine individuelle Freiheit.“

Seit zweieinhalb Jahren lebt die 71-Jährige zusammen mit 15 Mitbewohner*innen zwischen 40 und 80 Jahren im „Haus an der Schlösslwiese“ in der Nähe des Tölzer Kurparks. Dabei hat jede Partei ihre eigene Wohnung. „Die Männer sind bei uns in der Minderheit, zum Großteil sind wir alleinstehende Frauen. Derzeit ist es bei uns eher ein Zwei-Generationen-Haus, aber bald wird unser zweites Vereinsprojekt eröffnet, das künftigen Bewohner*innen zwischen zwei und 80 Jahren, alleinerziehenden Müttern und Menschen mit Handicap Wohnraum mit gegenseitiger Hilfe bietet“, erklärt Jutta Liebl. Die ehemalige Rechtspflegerin ist die zweite Vorsitzende des Fördervereins „Mehrgenerationenhaus – Begegnung und Wohnen – Bad Tölz“ und war von der Planung über die Bauphase bis zum eigenen Einzug mit viel Elan dabei.

Kosten: Die Bewohner*innen von Mehrgenerationenhäusern zahlen in der Regel die ortsübliche Miete.

 

Sonntagsfrühstück und Stammtisch: Eine Hausgemeinschaft in Murnau

„Gemeinsam statt einsam“ ist nun das Motto der Hausgemeinschaft, die durch gegenseitige Hilfe, regelmäßige Treffen, Sonntagsfrühstück und Stammtisch,  gemeinsame Unternehmungen und Erledigungen die Lebensqualität ihrer Bewohner*innen erhöhen will.

Jutta Liebl hat ihren Einzug in das Wohnprojekt noch nicht einen Tag bereut: „Ich fühle mich hier pudelwohl! Ich finde es einfach toll, wenn der Zusammenhalt da ist. Natürlich gibt es auch mal Meinungsverschiedenheiten, über die man diskutiert. Aber das ist menschlich und gehört zum Leben dazu.“ Das Gemeinschaftsgefühl hat sie in ihrer Zeit als Büroleiterin im Kloster Schlehdorf schätzen gelernt. Doch das Kloster wurde verkauft, und sie verlor ihre Stelle. Nach ihrer Scheidung fehlten Jutta Liebl am neuen Wohnort Murnau die Kontakte. Die hatte sie aber in Bad Tölz. So beschloss die Mutter von zwei erwachsenen Kindern, ihre

Eigentumswohnung zu vermieten und mit 69 Jahren ein neues Leben zu beginnen. Sie begann, sich für ein Mehrgenerationenprojekt zu engagieren. Der Spruch „Einen älteren Baum soll man nicht verpflanzen“ trifft auf Jutta Liebl überhaupt nicht zu: „Ganz im Gegenteil. Das hat mir sehr gutgetan!“

Kosten: Die Bewohner*innen von Mehrgenerationenhäusern zahlen in der Regel die ortsübliche Miete.

 

Leben in den eigenen vier Wänden: Betreutes Wohnen in Ebersberg

Betreutes Wohnen eignet sich für Senior*innen, die in ihrer eigenen Wohnung leben und im Notfall schnell Hilfe haben möchten. Renate Sollacher, 81, ist seit einigen Monaten in einer solchen Wohnung in der Nähe ihrer Tochter glücklich.

In der Nähe der Tochter zu sein, aber gleichzeitig ganz selbstständig zu leben. Für Renate Sollacher ist das die ideale Kombination für ihren Alterswohnsitz. Die 81-Jährige zog vor ein paar Monaten in eine Einrichtung für Betreutes Wohnen im bayerischen Ebersberg und lebt nun nur wenige Gehminuten von ihrer Tochter Annette entfernt.

„Ich werde mich aber hüten, ständig vor ihrer Haustür zu stehen! Ich bin sehr kontaktfreudig und habe schnell eine Freundin gefunden, die jeden Tag mit mir mindestens eine gute Stunde lang zu Fuß die Umgebung erkundet“, erklärt Renate Sollacher, für die Bewegung zum Leben gehört. Der wichtigste Schritt jeden Tag ist für die Witwe der vor die Haustür: „Man muss den Schweinehund überwinden, sich anziehen und rausgehen. Aber genauso gerne bin ich wieder in meiner eigenen Wohnung, sperre zu und kann dann machen, was ich will.“

So war das Konzept „Eigenständiges Wohnen in sicherer Umgebung“ des Ebersberger Reischlhofes genau das Richtige für Renate Sollacher. In der barrierfreien Anlage können ältere Menschen Wohnungen mieten, die keine oder nur wenig Hilfe im Haushalt oder bei der Körperpflege benötigen. Zum Konzept des Betreuten Wohnens gehört aber auch: Wer Hilfe braucht, bekommt sie. Bei Bedarf kann ambulante Pflege oder Betreuung durch das Pflegeheim im Nachbarhaus zugebucht werden.

Das Hausbüro vermittelt zudem Einkaufs- und Putzhilfen, Begleitung bei Spaziergängen, Besorgungen und Behördengängen sowie ärztliche Hilfe – oder schickt einen der beiden Hausmeister für kleine Reparaturen vorbei.

„Vor Corona wurde aber auch viel Geselliges angeboten wie Kaffee- und Spielenachmittage, Filmvorführungen oder Kurse der Volkshochschule. Wenn man mal keine Lust hat zu kochen, kann man auch im Speisesaal mitessen“, erzählt Renate Sollacher.

Der ehemaligen Verwaltungsangestellten war es wichtig, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und ihre Wohnsituation im Alter selbst zu regeln: „Es kann immer sein, dass es auf einmal ganz schnell gehen muss, und dann komme ich aus einer Dringlichkeit heraus womöglich dorthin, wo ich nie landen wollte. Ich wollte selbst entscheiden und nicht entschieden werden.“

Kosten: 1070 Euro, die sich zusammensetzen aus 775 Euro Miete, 170 Euro Nebenkosten-Pauschale, 45 Euro Tiefgaragenstellplatz und 80 Euro Betreuungspauschale. Ohne Nebenkosten kostet eine Wohnung etwa zwölf Euro pro Quadratmeter.

 

Eine WG mitten im Ort: Wohnprojekt in Schleching

Wohngemeinschaften können mit familiärer Atmosphäre punkten und sind oftmals günstig zu mieten. Elisabeth Rupprecht schätzt ihre Senioren-WG in Schleching unweit von Traunstein.

Allein lebende Senior*innen sollen in ihrem Heimatdorf wohnen bleiben können. Das war das Ziel der bayerischen Gemeinde Schleching, als sie vor fünf Jahren die Senioren- Wohngemeinschaft „Beim Kramer“ über dem Dorfladen eröffnete. „Eine Senioren-WG auf dem Land? Das sorgte bei den höheren Stellen zunächst für Verwunderung“, erinnert sich Bürgermeister Josef Loferer.

Carmen Haas wurde damals als Leiterin des Sozialen Netzwerkes Schleching eingestellt. Sie betreut die Senioren-WG: „Die Bewohner*innen sollen selbstständig sein, günstig und barrierefrei wohnen können mitten im Ort. Toleranz und der Wunsch nach Gemeinschaft sind aber wichtige Voraussetzungen.“

Einer der klassischen WG-Streitpunkte – das Bad – fällt in Schleching weg. Denn jedes der fünf Zimmer hat ein eigenes Bad. In der großen Wohnküche findet das WG-Leben statt, an dem Carmen Haas jeden Mittwoch teilnimmt. Dann kommt die 47-jährige Leiterin des Schlechinger Quartierkonzepts zu Besuch auf Kaffee und Kuchen. Derzeit wird die WG nur von drei statt fünf Senior*innen bewohnt. Eine davon ist Elisabeth Rupprecht. Die 90-Jährige schätzt es sehr, in der Heimat leben zu können, in der Nähe ihrer Familie und ihrer Freundinnen. So wird sie gelegentlich für Ausflüge abgeholt. Nachdem ihr Mann verstorben war und die Treppen in den ersten Stock wie auch das Heizen mit Holz immer beschwerlicher wurden, war die „Liesl“ froh, als erste Bewohnerin in die WG einziehen zu können: „Es gefällt mir hier sehr gut! Da ich aus einem anderen Ortsteil stamme, bin ich nun sehr glücklich, mitten im Dorf wohnen zu können. Hier kann ich samt Rollator mit dem Lift nach unten fahren und alles allein erledigen.“

Carmen Haas ist es wichtig, ältere Menschen zusammenzubringen. So gibt es in Schleching einmal im Monat das „Gute-Laune-Frühstück 65plus“, an dem auch die Bewohner*innen der Senioren-WG teilnehmen können.

Kosten: Die Schlechinger Senioren-WG ist geförderter Wohnraum, die Miete ist vom Einkommen abhängig. Die Kaltmiete beginnt bei 4,60 Euro pro Quadratmeter.

Wer sich für Senioren- oder Pflege-WGs interessiert, sollte Kontakt zu Pflegediensten, Sozialstationen oder Wohlfahrtsverbänden aufnehmen und nach Projekten fragen oder sich beraten lassen. Weitere Informationen unter www.wg-gesucht.de

 

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB engagiert 7/2020

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