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Wir verdienen mehr!

Was hat Familienarbeit mit Lohn(un)gerechtigkeit zu tun? Auf den ersten Blick: nichts. Auf den zweiten Blick: alles. Gerechte Löhne lassen sich nur erreichen, wenn Gesellschaft, Politik und Wirtschaft begreifen, dass Familienarbeit keine Privatsache ist. Ein engagiert-Spezial zur KDFB-Kampagne „bewegen!“.

 

Sie strengen sich an. Sie geben ihr Bestes. Sie optimieren unablässig, um noch schneller zu werden, noch disziplinierter, noch mehr rauszuholen aus den 24 Stunden des Tages. Und haben ein schlechtes Gewissen, weil sie es trotzdem nicht schaffen: Frauen zwischen Job und Familie.

Zum Beispiel meine junge Nachbarin: Gut ausgebildet, Betriebswirtin mit Banklehre, sportlich und zupackend, verheiratet, zwei Kinder. Beim ersten Kind nahm sie ein Jahr Elternzeit. Danach kam der kleine Sohn in die Krippe, und sie ging Vollzeit zurück in den Beruf. Das klappte einigermaßen, wenn der Kleine mal gesund war. Er war aber oft krank. Schnupfen, Fieber, Husten, Fieber, Ohrenschmerzen, Fieber, Magen-Darm und wieder von vorn. Die Großeltern: weit weg. Nachbar*innen und Freund*innen: selbst berufstätig. Der junge Vater: alle zwei Wochen auf Dienstreise. Dauerhetze zwischen Kind-krank-Tagen, Abholzeiten, Wadenwickel, Arbeitsplatz und Kinderärztin. Das Fieberthermometer als Feind.

 

Die Ernüchterung kam mit dem zweiten Kind

 

Drei Jahre später: das zweite Kind. Mit ihm kam die Ernüchterung. „Wir wollten immer eine gleichberechtigte Beziehung und uns die Arbeit und Zeit mit den Kindern teilen, aber es ging einfach nicht.“ Jetzt arbeitet er Vollzeit, sie 15 Stunden die Woche. „Wir könnten mehr Geld gebrauchen, um unsere Hauskredite abzuzahlen. Es ist finanziell sehr eng, mein Gehalt fehlt uns.“ Vielleicht, so hofft sie, wird es wieder besser, wenn das zweite Kind größer wird. Erst einmal geht die junge Nachbarin aber in die Statistik ein: Sie ist Teil des Gender Pay Gap geworden, der Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen. 21 Prozent sind es in Deutschland, 16 Prozent in der Europäischen Union.

Die Ursachen dafür sind bekannt, und sie haben alle dieselbe Wurzel: die traditionelle Zuständigkeit der Frauen für die Sorgearbeit.

Schlechter bezahlt, weil sie für andere da sind

 

  • Frauen arbeiten häufiger Teilzeit und in Minijobs, um für ihre Familien da zu sein.
  • Frauen unterbrechen wegen Kindererziehung oder Pflege häufiger ihre Berufstätigkeit als Männer.
  • Frauen sammeln dadurch weniger Berufserfahrung, steigen seltener auf und sind in Spitzenpositionen unterrepräsentiert.
  • Frauen wählen wegen ihrer Sozialisation häufiger soziale Berufe. Die sind aber schlecht bezahlt.
  • Frauen haben gelernt, bescheiden zu sein, und verhandeln deswegen oft schlechter.
  • Frauen gelten als weniger kompetent, auch wenn sie inzwischen häufig besser ausgebildet sind als ihre männlichen Altersgenossen. Kürzlich deutete einmal mehr eine Studie darauf hin, dass Personaler* Frauen schon in Bewerbungsverfahren diskriminieren und Lebensläufe schlechter beurteilen, wenn Anja oder Mia darübersteht statt Ben oder Michael, auch wenn alles andere exakt übereinstimmt. Die Vorurteile und Stereotypen sitzen tief, und sie sind häufig unbewusst. „Unconscious bias“ – unbewusste Vorannahme – heißt der Fachbegriff für diese Art Denkfehler. Kurz: Frauen werden schlechter bezahlt, weil sie für andere da sind.

Für andere da zu sein, geht nun mal nur im Ausnahmefall neben einem Vollzeitjob. Familien organisieren deshalb ihr Leben meist wie meine jungen Nachbarn: Fast alle erwerbstätigen Väter arbeiten Vollzeit, bei den Müttern ist es nur ein Drittel. Auf den ersten Blick bedeutet das, dass Familien in Deutschland immer noch traditionell leben. Es bedeutet aber auch und vor allem, dass sich an den Unterschieden auf den Gehaltszetteln nicht viel ändern wird, solange sich an der Verantwortung für die Sorgearbeit nichts ändert. Da können Bund, Länder und Gemeinden noch so viele Milliarden in den Ausbau von Krippen und Kindergärten stecken, Entgelttransparenzgesetze geschaffen, Vätermonate und Frauenquoten für Aufsichtsräte eingeführt werden. Und noch so viele Girls‘ und Boys‘ Days dafür werben, dass Mädchen wie Jungen ihre Berufsentscheidung unabhängig von den üblichen Geschlechterklischees treffen.

Sicher: Die meisten dieser Maßnahmen sind sinnvoll – für Unternehmen, die keine Arbeitskräfte verlieren wollen, und für Familien, die Entlastung brauchen. Dennoch zielen sie am Kern vorbei. Denn der Kern heißt: Sorgearbeit muss geleistet werden. Ohne geht es nicht.

 

Sorgearbeit gibt unserer Gesellschaft ein menschliches Gesicht

 

Sorgearbeit ist die grundlegende Voraussetzung dafür, dass unsere Gesellschaft ein menschliches Gesicht behält, ja, dass sie überhaupt existieren kann. „Es ist die gesellschaftliche Basis, von der wir alle leben“, sagt die deutsche Familiensoziologin Karin Jurzcyk. Ohne die Sorge für Kinder gibt es keine zukünftigen Arbeitskräfte, niemanden, der in die Sozialkassen einzahlt, niemanden, der ausgebildet werden kann, um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Ohne die Sorge für Alte und Kranke können wir den ersten und wichtigsten Grundgesetzartikel von der unantastbaren Würde des Menschen vergessen.

Überhaupt, die Alten: Während junge Familien in den vergangenen Jahrzehnten politisch vielfach, wenn auch nicht ausreichend, entlastet wurden, wurde die zweite anspruchsvolle Phase familiärer Verantwortlichkeit – wenn alte Eltern mehr und mehr Unterstützung brauchen – politisch zwar dauerbeklagt, blieb aber ungelöst: Pflege und Beruf lassen sich bis heute in Deutschland kaum vereinbaren. Das betrifft auch und ganz besonders kranke oder behinderte Familienmitglieder. Knapp acht Millionen Menschen mit schweren und schwersten Behinderungen leben in Deutschland, darunter fast 200000 Kinder unter 18 Jahren. Was ist mit ihnen? Alle ins Heim? Schon jetzt fehlen zigtausend Pflegekräfte. Bis zum Jahr 2035, so hat das Institut der Deutschen Wirtschaft errechnet, wird die Lücke auf 500000 angewachsen sein. Das wird nicht funktionieren.

Ohne Sorge geht es nicht. Damit sie geleistet werden kann, braucht es mehr Partnerschaftlichkeit. Das gilt einerseits für die Beziehungen: Auch Männer müssen ihren Teil übernehmen, denn noch immer leisten die Frauen den Löwenanteil. Aber das gilt auch für die anderen Akteure, die von der Sorgearbeit profitieren und sich bisher weitgehend vor ihrer Verantwortung drücken: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft engagieren sich bislang zu wenig.

 

Wirtschaftliche Selbstverantwortung immer und jederzeit

 

Heute hat grundsätzlich jede und jeder Erwachsene, ob Frau oder Mann, in allen Lebensphasen den Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit selbst zu bestreiten. Dieses sogenannte Adult-worker-Modell ist das politische Leitbild der Gleichstellungsstrategie der Europäischen Union, und es gilt als eine entscheidende Komponente des europäischen Wirtschaftswachstums. Die neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen bestätigte bei Amtsantritt in ihrer „Agenda für Europa“: „Wir können es uns nicht leisten, Potenzial brachliegen zu lassen.“

 

Die Entscheider leben meist ein Leben mit Rundumversorgung

 

Und so wurde in den vergangenen Jahren der politische Kompass kontinuierlich auf wirtschaftliche Selbstverantwortung gestellt – immer und jederzeit. Zeit, Geld und Raum für Sorgearbeit kommt in diesem Denken höchstens vor, wenn es um den Ausbau der Kinderbetreuung geht. Lohnersatzleistungen gibt es nur für die kurzen Monate nach der Geburt eines Kindes, ganz so, als ob Kinder nur im ersten Jahr Zeit und Aufmerksamkeit bräuchten. Wer beruflich kürzertritt, weil sonst Kraft und Zeit nicht ausreichen, um sich um kranke oder alte Familienmitglieder zu kümmern, geht leer aus – ganz so, als müssten pflegende Angehörige ihren Lebensunterhalt nicht sichern und nicht fürs Alter vorsorgen.

Offensichtlich fehlt es an Problembewusstsein für das, was Sozialwissenschaftler*innen seit einiger Zeit die Sorgekrise nennen. Ob das an zu engen Horizonten liegt? Am Tellerrand der Entscheider in Wirtschaft und Politik? Kürzlich ergab eine Studie des globalen Unternehmensnetzwerks „Ernst & Young“ (EY) in acht Ländern, darunter die USA, Japan und Deutschland, dass die Manager und Führungskräfte, die heute in den Entscheidungspositionen sitzen, zu Hause meistens rundum versorgt sind von einer Ehefrau, die sich um alles Private kümmert – um Kinder, (Schwieger-)Eltern, Haus, Garten. Wenn die gestressten Chefs nach Hause kommen, so darf man es sich vorstellen, ist alles erledigt und in bester Ordnung. Die Familie – ein Ort der Entspannung nach Feierabend.

 

Dieses Wegschauen richtet Schäden an

 

Die Rundumversorgung der Chefs hat einen Nebeneffekt. Sie führt, so die Studie, zu einer Verkennung der Lebensrealität: Die meisten Arbeitnehmer*innen haben niemanden, der sich unbezahlt und unsichtbar um alles kümmert. Sie versuchen deshalb die Quadratur des Kreises: Geld für den Lebensunterhalt herbeizuschaffen, die hohen Mieten zu zahlen, fürs Alter vorzusorgen, gleichzeitig Kinder aufzuziehen, sich um kranke oder alte Familienmitglieder, Nachbarn oder Freunde zu kümmern; kurz: all das zu tun, was das Leben an Aufgaben stellt. Dass sie dafür Zeit und mehr Flexibilität brauchen, will den Entscheidern mangels eigener Erfahrung offenbar nicht in den Kopf. „They don‘t get it“, schrieb die Washington Post dazu, „die Chefs kapieren es einfach nicht“.

„Schaut mal in die Wirklichkeit!“, möchte man da in die Chefetagen rufen. Denn dieses Wegschauen richtet Schäden an: Es schadet den Unternehmen, die wegen der Sorgearbeit qualifizierte Arbeitskräfte verlieren. Es schadet den jungen Familien im Dauerstress, den Kindern, denen zu lange aushäusige Betreuungszeiten zugemutet werden, den wundgelegenen Alten, den alleingelassenen Kranken. Und den Frauen (und Männern), die versuchen, sich trotz aller Hindernisse irgendwie um ihre Angehörigen zu kümmern und dabei gezwungen werden, existenzbedrohende finanzielle Folgen bis hin zur Altersarmut zu tragen. Es schadet auch den Sozialkassen, die für zunehmende Erschöpfungskrankheiten, Frühverrentungen und Armutsbekämpfung aufkommen müssen.

All diese Zusammenhänge sind vielfach erforscht und beschrieben. Die beiden Gleichstellungsberichte der Bundesregierung aus den Jahren 2011 und 2017 enthalten detaillierte Analysen dazu, ebenso der Bericht des unabhängigen Beirats für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, der 2019 veröffentlicht wurde. Innovative Lösungskonzepte liegen auf den Schreibtischen der deutschen Familien- und Arbeitsministerien (siehe Seite 26). Doch immer noch herrscht in dieser Existenzfrage politischer Stillstand, noch immer werden Sorgende systematisch diskriminiert.

Das darf nicht so bleiben.    

 

aus: KDFB engagiert 3/2020
Autorin: Susanne Zehetbauer

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