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Tut was, Frauen!

Wer in Deutschland das Wort „Feminismus“ hört, sieht Alice Schwarzer vor sich. Seit Jahrzehnten gilt sie als das Gesicht der Frauenbewegung. Die 75-Jährige erinnert daran, wie alles begann, und legt dar, was noch zu tun ist.


KDFB Engagiert: Die 68er-Studentenbewegung vor 50 Jahren war männlich geprägt. Erst Anfang der 70er-Jahre entstand die neue Frauenbewegung. Was war Ihr Schlüsselerlebnis, das Ihnen bewusst gemacht hat, dass Frauen in dieser Aufbruchstimmung ihren eigenen Weg gehen müssen?

Alice Schwarzer: Es gibt kein Schlüsselerlebnis. Ich war ja schon vor 1968 eine selbstbewusste, unabhängige junge Frau. Das hat mit meiner Kindheit zu tun: Aufgewachsen bei den Großeltern, mit einem sehr fürsorglichen Großvater, der quasi meine soziale Mutter war, und einer sehr charaktervollen, politischen Großmutter. Sie war strikt gegen die Nazis gewesen, hatte Opfern geholfen und lebte mir einen absoluten Gerechtigkeitssinn vor. Dass Frauen weniger wert sein sollen als Männer und alleine zuständig für Kinder, das hatte mir in meiner Familie niemand vermittelt. Umso erstaunter war ich, als ich in die Welt ging. Mit der 68er-Bewegung habe ich nur aus der Ferne sympathisiert. Ich war ja keine Studentin, sondern junge Journalistin bei den Düsseldorfer Nachrichten. Doch die Proteste der Genossinnen und der berüchtigte Tomatenwurf haben mir gleich eingeleuchtet – wir berichten ja auch in der aktuellen Emma ausführlich darüber. „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“ lautete das Motto der Genossen. Die wollten zwar noch den letzten bolivianischen Bauern befreien, aber nicht die eigenen Frauen. Die sollten weiter für sie tippen, Kaffee kochen und für Sex zur Verfügung stehen. Darauf haben wir Feministinnen dann ja reagiert. Der Start der Frauenbewegung in Deutschland war nicht 1968, sondern 1971: mit dem Protest gegen das Abtreibungsverbot. 

KDFB Engagiert: Haben Sie damals schon im Blick gehabt, dass es Vorkämpferinnen für die Rechte der Frauen gab? Und welche Sicht haben Sie heute etwa auf die Pionierinnen der Frauenbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts?

Alice Schwarzer: Nein, wir jungen Feministinnen wussten zunächst gar nichts von unseren Vorgängerinnen. Und wir waren auch ganz schön arrogant. Wir glaubten, wir sind die Ersten. Stunde null. Es hat Jahre gedauert, bis wir unsere Vorläuferinnen entdeckt haben. Hätten wir von Anfang an von ihnen gewusst, hätten wir uns auf ihre Schultern stellen können – und weiterblicken. Das ist eines der größten Hindernisse bei der Emanzipation der Frauen: unsere angebliche Geschichtslosigkeit. Dass wir immer wieder von vorne anfangen. Weil unsere Vorgängerinnen in die Vergessenheit gestoßen wurden. In Deutschland doppelt: Da haben die Nazis die Frauenrechtlerinnen ausradiert. Die meisten der Anführerinnen sind im Exil gestorben. Auch heute will man mal wieder den jungen Frauen weismachen: Diese Feministinnen der 70er-Jahre sind von gestern. Das ist praktisch, denn dann müssen die Frauen wieder mal von vorne anfangen.

KDFB Engagiert: Sie haben im Jahr 2000 in dem Artikel „Ich habe einen Traum“ Ihre Vision einer geschlechtergerechten Gesellschaft aufgezeichnet, in der Frauen keine männliche Bevormundung und Gewalt mehr fürchten müssen. Wie weit sind wir Ihrer Ansicht nach davon heute noch entfernt? 

Alice Schwarzer: Nicht zuletzt die MeToo-Debatte zeigt uns ja anschaulich, welche zentrale Rolle die sexuelle Gewalt im Kampf der Geschlechter weiterhin spielt. Gewalt ist immer der dunkle Kern von Herrschaft: angedrohte oder ausgeübte Gewalt. Und zwischen Männern und Frauen ist das die Sexualgewalt. Dabei geht es nicht um Lust, sondern um Macht: vom Kindesmissbrauch über die Pornografie und Prostitution bis hin zur Vergewaltigung. Diese Sexualgewalt ist keine Ausnahme, sondern strukturell und hat epidemische Ausmaße.

KDFB Engagiert: Immer wieder sind Rückschritte zu verzeichnen, wenn man die Stellung der Frau in der Gesellschaft betrachtet, zum Beispiel in der politischen Repräsentanz der Frauen im Bundestag. Was löst das bei Ihnen persönlich aus?

Alice Schwarzer: Früher habe ich an den permanenten Fortschritt geglaubt. Inzwischen habe ich lernen müssen, dass es den nicht gibt. In der Geschichte. Auch bei den Geschlechtern geht es bestenfalls zwei Schritte vor und einen zurück. Und gerade geht es, glaube ich, in der westlichen Welt für Frauen nicht um Fortschritt, sondern darum, das bisher Erreichte zu halten. Denn die Frauenrechte sind in Zeiten von Staatschefs wie Trump oder Erdogan international massiv bedroht.

KDFB Engagiert: Wird sich jede Frauengeneration neu und vielleicht anders befreien müssen?

Alice Schwarzer: Das wäre ja fatal, wenn jede Generation immer wieder von vorne anfangen müsste! Aber genau das droht in der Tat. Vor allem die Medien, die bei der Emanzipation der Frauen eine eher rückschrittliche Rolle spielen, arbeiten unermüdlich an der Spaltung der Generationen: Jung gegen Alt! Das müssen wir Frauen durchschauen und durchbrechen. Selbstverständlich können die Jüngeren von den Älteren, Erfahreneren viel lernen – gleichzeitig können Ältere von Jüngeren lernen. Wir Frauen müssen einfach zusammenhalten und dürfen uns nicht immer wieder gegeneinander ausspielen lassen. 

KDFB Engagiert: Wo wünschen Sie sich heute besonders ein Zeichen weiblicher Solidarität? 

Alice Schwarzer: Gerade in der Frage der Generationen. Und in Bezug auf weniger privilegierte Frauen, allen voran die alleinerziehenden Mütter, die oft in Teilzeit und Hartz IV landen. Von der Altersarmut ganz zu schweigen. Und dann müssen wir natürlich auch über unsere Grenzen hinwegschauen, die Grenzen unseres Milieus und die unseres Landes. Mädchen und Frauen in konservativen oder gar fundamentalistischen muslimischen Familien brauchen dringend unsere aktive Solidarität! Muslimische Mädchen müssen dieselben Freiheiten und Chancen haben wie ihre christlichen Freundinnen! Denn Musliminnen sind ja keine Frauen von einem anderen Stern. Übrigens: Laut einer Studie des Innenministeriums trägt nur jede vierte Muslimin in Deutschland Kopftuch – und auch nur jede zweite, die sich selbst als „streng gläubig“ bezeichnet. Das ist die Realität. Das Kopftuch ist keineswegs ein religiöses „Gebot“, sondern ist zu einem Instrument der fundamentalistischen Propaganda geworden. Sicher, wir haben zu respektieren, wenn eine erwachsene Frau es tragen will, was immer ihre Motive sein mögen. Aber in Kindergärten und Schulen gehört das Kopftuch verboten! Für Lehrerinnen wie Schülerinnen. Damit die Mädchen sich wenigstens da frei erfahren können – und nicht stigmatisiert sind.

KDFB Engagiert: Was wäre Ihre Botschaft an die katholischen Frauen heute?

Alice Schwarzer: Von Christinnen erhoffe ich, dass sie sich auf die elementarsten christlichen Werte besinnen: Nächstenliebe und Menschenwürde. Was unter anderem zur Folge haben müsste, dass sie sich in Deutschland für die Hunderttausenden von Frauen in der Prostitution einsetzen, also solidarisch sind mit den Prostituierten – aber das System der Prostitution bekämpfen. Zu 95 Prozent sind es ja Zwangs- und Armutsprostituierte aus Osteuropa, die oft kaum ein Wort Deutsch sprechen und von den Zuhältern alle paar Wochen als „Frischfleisch“ von Bordell zu Bordell gekarrt werden. Das trägt auch zu einem fatalen Frauenbild unserer eigenen Männer bei. Frauen, das käufliche Geschlecht. Das ist weiße Sklaverei. Mitten unter uns. Bleibt da dran. Tut was!


Interview: Eva-Maria Gras
aus: KDFB Engagiert 6/2018

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