KDFB
02.03.2018

Geburtshilfe am Limit

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Kosteneinsparungen im Gesundheitsbereich und Personalmangel haben die Geburtshilfe in Deutschland an ein Limit gebracht. Immer mehr Hebammen steigen aus, schwangere Frauen finden nicht mehr die Begleitung, die sie brauchen. 

Die Geburt ihres ersten Kindes war für Jana ein traumatisches Erlebnis. Die Wehen setzten in der 32. Schwangerschaftswoche ein. „Die ersten vier Stunden der Ge­burt verbrachte ich Wehen veratmend im Wartezimmer des Kreißsaals. Ohne eine Hebamme oder einen Arzt gesprochen zu haben. Sie hatten keine Zeit. Der Kreißsaal voll bis unter das Dach mit gebärenden Frauen und das Geburtshilfe-Team hoffnungslos unterbesetzt“, erzählt die Sozialpädagogin in ihrem Internetblog. Im Mai vergangenen Jahres war Jana wieder schwanger und suchte im Um­feld von Darmstadt eine Hebamme für eine Hausgeburt. „Ich telefonierte und telefonierte. Und telefonierte. Mit jedem Namen, den ich auf meiner Liste durchstrich, spürte ich die Verzweiflung und Hilflosigkeit wachsen.“ Jana hat nach langem Suchen doch noch eine Hebamme gefunden – 80 Kilometer entfernt. 

Viele Hebammen sind ausgestiegen oder arbeiten in Teilzeit

Wer heute einen freien Termin bei einer Hebamme be­kommen will, muss schnell sein. Nicht nur für die Geburtsbegleitung, sondern auch für die Wochenbettbetreuung zu Hause. „Früher konnte man bis zur zwölften Schwangerschaftswoche abwarten, bevor man sich eine Hebamme suchte. Also dann, wenn die Schwangerschaft sicher ist“, berichtet Anna Lena (Name geändert), die seit 15 Jahren als Hebamme tätig ist. „Jetzt melden sich Frauen schon, wenn sie einen positiven Schwangerschaftstest haben. Sehr viele Frauen finden aber auch dann keine Hebamme mehr. Weil viele Kolleginnen ausgestiegen sind oder in Teilzeit arbeiten.“

Viele Hebammen klammern die Geburtshilfe aus: Das Risiko ist zu hoch

In Deutschland gibt es laut Statistischem Bundesamt rund 23.000 Hebammen. 70 bis 80 Prozent davon sind freiberuflich in der Schwangerenvorsorge und der Wochenbettbetreuung tätig. Die Geburtshilfe haben die meisten ausgeklammert. Das Risiko ist zu hoch. Im Jahr 2016 gab es nur noch rund 1.800 Beleghebammen, die Frauen von der Schwangerschaft bis zur Geburt in einer Klinik betreut haben. Und das bei 740.000 Geburten im Jahr. Es sind vor allem die explodierenden Haftpflichtversicherungsprämien, die von 413 Euro im Jahr 2002 auf inzwischen 7639 Euro angestiegen sind und Hebammen in Existenznöte bringen. Politik und Krankenkassen haben nach langem Ringen darauf reagiert: Freiberufliche Hebammen bekommen einen Teil der Versicherungsprämien zurückgezahlt, wenn sie mindestens vier Geburten pro Jahr begleiten. Es gibt auch Kliniken, die die Versicherungsprämien für Beleghebammen übernehmen, um überhaupt noch freiberufliche Hebammen für die Geburtshilfe zu finden. Denn es gibt nur 9.000 Hebammen, die in Kliniken festangestellt arbeiten. 72 Prozent davon lediglich in Teilzeit oder geringfügig be­schäftigt. 

Im Klinikalltag gehen viele Ideale unter

Anna Lena arbeitet teils freiberuflich – ohne Geburtshilfe –, teils festangestellt in einer der größten Geburtskliniken in Nordrhein-Westfalen, wo sie Frauen unter der Geburt begleitet. Hebamme zu sein und immer wieder neu das Wunder zu erleben, einem kleinen Menschen auf die Welt zu helfen, ist immer noch ihr Traumberuf. Wenn nur die Arbeitsbedingungen besser wären. „Wenn man Hebamme wird, ist das eine ge­wisse Berufung. Man hat ein Ideal. Aber dieses Ideal kann man im Klinikalltag nur noch schlecht leben. Tage, an denen man wirklich die Zeit hat, sich nur um eine Gebärende zu kümmern, sind die Ausnahme. Meist hat man aufgrund des Personalmangels drei und mehr Frauen gleichzeitig unter der Geburt. In unserer Klinik gibt es zum Beispiel sechs offene Planstellen für Hebammen. Und das bei steigender Geburtenrate.“   

Ein Albtraum für Gebärende: 45 Kilometer bis zur Klinik fahren

Schichtdienst, Rufbereitschaft, Vertretungsdienst, fehlende Pausen, Überstunden, der ständige Druck, die zeitaufwendige Dokumentation des Geburtsvorgangs, dazu noch die schlechte Bezahlung und die fehlende Wertschätzung – „die Arbeitsbedingungen für angestellte Hebammen in den Kreißsälen sind so schlecht, dass viele Hebammen nicht mehr dort arbeiten möchten“, stellt Ulrike Geppert-Orthofer, Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes, fest. Ein Teufelskreis. Denn je mehr Hebammen aufgeben, desto mehr müssen die verbleibenden Kolleginnen leisten.

Die Situation in den Kliniken spricht sich herum – Schwangere sind verunsichert 

Die Geburtshilfe in Deutschland arbeitet am Limit. Selbst kleinere Störungen im Betriebsablauf bringen das ganze System ins Wanken. 40 Prozent der Geburtskliniken vor allem im ländlichen Raum sind in den vergangenen Jahren aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen worden. Eine Klinik mit weniger als 1.000 bis 1.200 Geburten pro Jahr ist ein Verlustgeschäft und rentiert sich nicht. Die verbliebenen 700 Kliniken in Deutschland müssen das auffangen – ohne dass der Personalschlüssel aufgestockt wird. „Natürlich spricht sich so etwas unter uns Schwangeren rum. Es verunsichert mich und macht mir auch Angst“, gesteht Katharina, die auf dem Land lebt und im April ihr erstes Kind erwartet. „Wir müssen 45 Kilometer bis zur Geburtsklinik fahren. Was ist, wenn wir in einen Stau geraten? Wenn unser Kind zu schnell auf die Welt kommen will? Wenn es Komplikationen gibt?“ Andere Mütter erzählen von überfüllten Kreißsälen, von gestressten Hebammen, von Geburten wie am Fließband, von medizinischen Eingriffen, die nicht nötig gewesen wären, wenn die Gebärende mehr Zuwendung und Zeit bekommen hätte. Seit einiger Zeit kommt auch noch die Ungewissheit hinzu, in der Klinik überhaupt aufgenommen zu werden. Denn immer wieder müssen Kreißsäle zeitweise schließen, wegen Überfüllung oder weil Hebammen ausfallen. Allein in München waren davon in einem Jahr 800 Frauen betroffen, die unter Wehen in andere Kliniken geschickt wurden, obwohl sie angemeldet waren. Unter www.unsere-hebammen.de hat der Hebammenverband eine „Landkarte der Unterversorgung“ und eine „Landkarte der Kreißsaalschließungen“ eingestellt, die ständig aktualisiert werden. 

"Schwangere haben oft keine Wahl mehr"

„Schwangere haben oft keine Wahl mehr. Sie müssen dahin, wo Platz ist“, bedauert Hebamme Anna Lena. „Es hat ja Gründe, warum Frauen lieber in einem kleinen Haus entbinden. Es ist heimeliger und eine Eins-zu-Eins-Betreuung auch noch eher möglich.“ Das bestätigt auch eine Studie des ge­meinnützigen Hamburger Picker Instituts, die Ende Januar veröffentlicht wurde. WissenschaftlerInnen haben 9.600 junge Mütter nach ihren Erfahrungen bei der Geburt und auf der Wöchnerinnenstation befragt. Fazit: Die Erfahrungen waren umso negativer, je größer die Klinik ist. Die Frauen gaben an, dass in großen Häusern häufig mehr als eine Hebamme für sie zuständig war, dass Hebammen nicht immer da waren, wenn sie gebraucht wurden, und dass sie unzureichend in Entscheidungsprozesse einbezogen wurden. Die wenigsten hatten eine Risiko-Geburt und brauchten den hochtechnisierten medizinischen Apparat der Großkliniken. In kleineren geburtshilflichen Abteilungen war die Zufriedenheit mit der Betreuung wesentlich höher, weil die Frauen mehr emotionale Unterstützung be­kamen.

Die Politik muss handeln

„Wir sind sehr besorgt über die Entwicklungen in der Geburtshilfe“, so Ulrike Geppert-Orthofer, „Wir wünschen uns von der nächsten Bundesregierung, dass sie Maßnahmen ergreift, die die Arbeitsbedingungen von Hebammen und die Situation in der Geburtshilfe nachhaltig verbessern. Die flächendeckende und wohnortnahe Versorgung rund um die Ge­burtshilfe und die freie Wahl des Geburtsortes müssen sichergestellt werden.“ In den Kliniken sollte eine intensive Betreuung während der Geburt von einer Hebamme für maximal zwei Frauen gleichzeitig Standard sein. Dazu müssten mehr Hebammen ausgebildet sowie ihre Arbeitsbedingungen und Vergütung verbessert werden – sowohl bei freiberuflich als auch bei angestellt tätigen Hebammen. Und die Haftpflichtfrage sollte nachhaltig gelöst werden.

Können "runde Tische" helfen?

Dass es brennt, ist bei Verantwortlichen im Gesundheitswesen angekommen. In einigen Bundesländern und Städten wurden „runde Tische“ eingerichtet, die nach tragfähigen Lö­sungen suchen. In Berlin hat Anfang Februar der Runde Tisch die Ergebnisse einer Studie über die Situation der Ge­burtshilfe in Berlin vorgelegt und zusammen mit Gesundheitssenatorin Dilek Kolat das Aktionsprogramm „Für eine gute und sichere Geburt in Berlin“ beschlossen. „Das Land Berlin investiert 20 Millionen Euro in den Ausbau von Kreißsälen“, so Kolat. „Auch werden wir die Ausbildungskapazitäten für Hebammen um 130 Plätze erweitern. Nicht zuletzt sind mir die Arbeitsbedingungen für die Hebammen wichtig.“

In Bayern hat Ende 2017 der Ministerrat ein von Gesundheitsministerin Melanie Huml vorgelegtes „Zukunftsprogramm Geburtshilfe“ mit einem jährlichen Ge-samtvolumen von rund 30 Millionen Euro beschlossen. Die beiden Schwerpunkte sind die Unterstützung der Kommunen bei der Sicherstellung der geburtshilflichen Hebammenversorgung und ein Strukturförderprogramm für Geburtshilfeabteilungen im ländlichen Raum. „Als bayerische Gesundheitsministerin, aber auch als zweifache Mutter beschäftigt mich die Situation der Geburtshilfe sehr“, betont Melanie Huml, die auch Mitglied im KDFB ist. „Mein Ziel ist, auch künftig für alle werdenden Mütter im Freistaat ein ausreichendes geburtshilfliches Angebot aufrechtzuerhalten.“ Das Programm muss noch vom bayerischen Landtag bestätigt werden und soll 2018 starten.

Eine Studie in Bayern soll belegen, ob die Initiativen ausreichen

Bereits im vorigen Jahr hat die Gesundheitsministerin eine umfangreiche Studie zur Situation der Hebammen in Bayern in Auftrag gegeben. „Die Befragungen der Hebammen und junger Frauen, die in den Jahren 2016 oder 2017 Mütter geworden sind, sind jeweils abgeschlossen“, so die Ministerin. „Derzeit werden die Fragebögen ausgewertet, ergänzende Schwerpunktbefragungen durchgeführt und ein abschließendes Gutachten erarbeitet. Die Auswertung der Studie soll im Frühjahr 2018 abgeschlossen sein. Dann werden wir auf der Basis valider Fakten prüfen, ob Initiativen für die Versorgung mit Hebammenleistungen sinnvoll sind.“

Die Zeit drängt. Bevor noch mehr Geburtskliniken schließen und noch mehr Hebammen aufgeben. „Ich will nicht mehr kämpfen, sondern ich möchte einfach nur als Hebamme Familien in dieser besonderen Lebensphase ihren Bedürfnissen entsprechend begleiten können“, bringt es die Berliner Hebamme Anja Constance Gaca in ihrem Internetblog auf den Punkt. „Ich möchte auch nicht weiter zusehen, wie Frauen traumatisiert aus Geburten hervorgehen, weil das wirtschaftliche Denken einer Klinik eine einfühlsame, si­chere und gute Betreuung verhindert.“

Autorin: Gabriele Klöckner
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 3/2018

 

 

 

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