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Flirt mit der Mode

Mode ist mehr als Kleidung. Die feine Sprache der Stoffe, Farben und Schnitte fasziniert seit eh und je. Frauen aller Zeiten liebten es, mit der Mode zu flirten. Ein Beitrag, der erzählt, wie Kleidungsstile gesellschaftliche Stimmungen spiegeln und das Bild der Frau prägen.

Immer dieselbe Frage: Was ziehe ich bloß an? Was passt zum Wetter, zum Anlass, zur Stimmung? Was passt heute zu mir? Kaum eine Frau weiß darauf spontan eine Antwort. Dabei scheint, glaubt man den Modejournalen, heute fast alles erlaubt: Jogginghosen im Büro, klobige Schuhe zum schicken Kleid, Tigermuster zum karierten Rock. Alles geht.

Oder auch nicht. Wer in exponierter Stellung ist, muss bei der Kleiderwahl vorsichtig sein. Das hat zuletzt die First Lady der USA, Melania Trump, erfahren. Beäugt von digitalen Beobachtern in aller Welt, werden ihr Missgriffe unterstellt. Nicht, dass sie etwa schlecht angezogen wäre, das ehemalige Model tritt stets perfekt gestylt in eleganter Designerkleidung auf. Warum aber um Himmels willen trägt sie Stilettos, wenn sie in ein Katastrophengebiet reist? Warum einen Kolonialzeit-Hut in Kenia? Und warum eine Jacke mit einem „Mir-egal“-Spruch auf dem Weg in ein Flüchtlingskinderheim? Zur Rede des Präsidenten zur Lage der Nation erschien sie vergangenes Jahr ganz in Weiß – in der Farbe von Donald Trumps Gegnerinnen. Weiß erinnert an die Suffragetten, die Anfang des 20. Jahrhunderts das Frauenwahlrecht erkämpft hatten. Sind Melanias Kleidungsbotschaften Ungeschicklichkeiten oder beabsichtigte Statements? Wer weiß.

Die Sprache der Mode

Sicher ist nur: Mode ist Kommunikation. Kleidung spricht eine Bildersprache, die gedeutet wird. Ein Gewand zu wählen, das dem Anlass und dem Ort entspricht, war über die Jahrhunderte hinweg eine gesellschaftliche Verpflichtung. Sich bewusst kleiden hieß nicht nur, sorgsam mit sich selbst umzugehen, Lust am Schönen zu haben, sondern auch, die anderen zu achten und um die grundlegenden sozialen Umgangsformen zu wissen.

Manche Kleider werden dem Anlass nur zu gerecht. Wer erinnert sich nicht an Lady Dianas Hochzeitskleid? Vor den Augen von fast einer Milliarde Menschen entfaltete sich 1981 ein üppiger Traum aus elfenbeinfarbener Seide und antiker Spitze. Wortlos sprach die junge Braut zu den Massen, allein durch ihre Erscheinung. Während sie langsam die Treppe zur St.-Pauls-Kathedrale hinaufschritt, glitt eine siebeneinhalb Meter lange Schleppe, mit Pailletten und Perlen bestickt, hinter ihr. So tragisch ihre Ehe später verlief, in dem Augenblick war Diana eine Märchenbraut, nicht zuletzt wegen dieses Kleides, das vom Glanz längst vergangener Zeiten erzählte.

Suffragetten wählten unschuldiges Weiß

Schon die Suffragetten wussten die Macht dieser Sprache geschickt zu nutzen. In ihrem Kampf für das Frauenwahlrecht warfen sie Schaufenster ein und zündeten Brandsätze, doch ihre Kleidung entsprach ganz und gar dem Geschmack der Zeit. Sie trugen elegante, hochgeschlossene Kleider mit betonter Taille, Puffärmeln, Rüschen. Ihre Hüte waren mit Blumen geschmückt. Mit feiner, akkurater Kleidung wollten Emmeline Pankhurst und ihre Mitstreiterinnen das stereotype Bild einer vermännlichten Wahlrechtlerin widerlegen. Für ihre öffentlichen Auftritte wählten die Suffragetten stets die Farbe Weiß – ein Symbol der Unschuld. Auch Taufkleider sind meist in Weiß gehalten. Die Suffragetten schienen die Widersprüche des frühen 20. Jahrhunderts zu verkörpern, das zwischen rasanten Umbrüchen und einem Hang zur Romantik hin- und hergerissen war.

Mit eng geschnürten Korsetten fast bewegungsunfähig

Damals trugen die meisten Frauen immer noch ein eng geschnürtes Korsett, das seit der Renaissance die weibliche Silhouette unnatürlich formte. Mit Stahlstäben oder Fischbein wurde eine Wespentaille erzwungen, so schmal, dass sie mit zwei Händen umfasst werden konnte. Je nach dem jeweiligen Trend wurde die Brust flach gepresst oder herausgehoben. Zum schmerzhaft zusammengeschnürten Oberkörper gehörte ein ausladender, bodenlanger Rock, der mit Holz, Fischbein, Stahl oder Rosshaar in seine breite Form gebracht wurde. Wie in einem Käfig war die untere Körperhälfte darin gefangen. Dass die modebewusste Frau sich kaum bewegen, ja nicht einmal durchatmen konnte, wurde hingenommen. Mediziner, Frauenrechtlerinnen und Künstler, die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dem Korsett den Kampf angesagt hatten, konnten wenig ausrichten. Als „Reformsack“ wurden ihre Kleiderentwürfe verspottet. Denn Frauen wollten vor allem eines: schön sein.

Modezeitschriften verbreiteten schon ab 1770 die neuesten Trends

Herrscherinnen und andere ranghohe Damen waren modische Vorbilder. Die Kleidung, die sie trugen, diktierte den Stil der Zeit. So beeinflusste Kaiserin Elisabeth von Österreich-Ungarn, genannt Sisi (1837–1898), die Mode weit über Wien hinaus. Sie, die ihrerzeit als die schönste Frau Europas galt, ließ sich täglich stundenlang ankleiden und ihre schlanke Taille so schmal schnüren, dass sie Atemnot bekam. Auch Kaiserin Eugénie (1826–1920), die letzte Monarchin Frankreichs, war eine Modeikone. Beide Kaiserinnen ließen ihre Roben von Charles Frederick Worth schneidern, dem Begründer des modernen Modedesigns. Worth, ein Brite, eröffnete 1858 seinen Salon in Paris. Vornehme Damen lagen ihm zu Füßen, denn er schneiderte ihnen traumhaft schöne Gewänder. Das Sternenkleid der Kaiserin Sisi, eine Wolke aus Tüll, stammte aus seiner Werkstatt. Worth war der allererste Schneider, der keine Hausbesuche abstattete, sondern die Kundinnen zu sich kommen ließ. Und statt Kleider nach ihren jeweiligen Vorstellungen anzufertigen, entwarf er eigene Kollektionen, die lebendige Models vorführten. Seine spätere Frau Marie-Augustine Vernet wurde das erste Mannequin der Geschichte. Auch signierte er seine luxuriösen Kreationen mit eingenähten Etiketten. Voilà, die Haute Couture war geboren, die hohe Schneiderkunst! Modezeitschriften, die es bereits seit den 1770er-Jahren gab, verbreiteten die jeweils neuesten Trends, ob in Frankreich, England, Deutschland oder in den USA. Und Worth wusste dieses Medium für sich zu nutzen.

So sehr der Designer das Modegeschäft revolutionierte, er dachte nicht daran, Frauen vom Korsett zu befreien. Seine kostbaren Kreationen aus Seidensatin, Samt und Spitze fügten sich dem traditionell überlieferten Geschmack.

Ein neues Schönheitsideal schenkt mehr Freiheit

Es war sein Nachfolger Paul Poiret (1879–1944), dem der Befreiungsschlag gelang. Während Mediziner und Pädagogen nichts ausrichten konnten, feierte er, der extravagante Künstler, Erfolge mit einer Mode, die den Körper weich umfloss – ohne jegliche einengende Konstruktion oder Polsterung. Nicht im Entferntesten dachte der geniale Modeschöpfer dabei an die Gesundheit. Paul Poiret wollte schlicht ein neues Schönheitsideal schaffen. Eines, das dem Zeitgeist entspricht. Ein Volltreffer. Die technischen Neuerungen haben um die Jahrhundertwende das Leben revolutioniert. Immer mehr Frauen gingen arbeiten, fuhren mit der Straßenbahn und dem Fahrrad. Es wurde modern, Sport zu treiben. Bewegungsfreiheit war angesagt, auch in puncto Kleidung.

Die erste weibliche Modeschöpferin: Coco Chanel

Die Zeit war reif für die erste weibliche Modedesignerin: Coco Chanel (1883–1971) fand die vorherrschende Damenmode mit Korsett, aufgebauschtem Rock und üppiger Frisur hässlich. So wollte sie sich nicht anziehen. Lieber schlüpfte sie in ein Männerhemd und erntete Empörung. Die zierliche Französin fing an, Kleider zu nähen, die jede Bewegung mitmachten – bequem, schlicht und elegant. Sie entwarf Kostüme, Hemdblusenkleider und weite Strandhosen. 1913 eröffnete sie ihr erstes Modehaus. Damen der High Society ließen sich gerne von der Avantgardistin kleiden. Sie selbst trug ausschließlich eigene Entwürfe, dazu kurze Haare und sonnengebräunte Haut. Dabei sah sie umwerfend gut aus. Das 20. Jahrhundert gebiert die moderne Frau – sportlich, selbstbewusst, eigenständig. Coco Chanel verkörpert sie. Ihr Motto: „Mode drückt sich nicht nur in der Kleidung aus. Sie ist in der Luft und auf der Straße. Sie hat mit Ideen zu tun, mit dem Lebensstil und der Gesellschaft.“

Dior kreiert Träume

Als jedoch die unermüdliche „Mademoiselle Coco“ nach dem Zweiten Weltkrieg mit über 70 Jahren noch einmal ihren Salon in Paris öffnet, ist die Stimmung in der Gesellschaft eine ganz andere. Erschöpft von den Entbehrungen des Kriegs sehnen sich Frauen nach etwas Luxus und dem Glanz vergangener Zeiten. Beides schenkt ihnen Christian Dior, der 1947 mit seiner ersten Kollektion genau den Zeitgeist trifft. Sein „New Look“ mit betont schlanker Taille und gerundeter Brust besticht mit langen, weit schwingenden Röcken, die an Blütenkelche erinnern. Der nostalgischen Eleganz dieses verschwenderischen Stils verfallen nicht nur Filmstars wie Marlene Dietrich und Grace Kelly. In Diors Entwürfen dürfen sich Frauen wie Königinnen fühlen, dafür sind sie sogar bereit, sich wieder in die längst abgelegten Korsetts zu zwängen. Coco Chanel giftet: „Diese schweren, steifen Kleider, die nicht einmal in einen Koffer passen, lächerlich...“

Die Jugend schafft ihren eigenen Kleidungsstil

Christian Dior aber denkt nicht praktisch, er kreiert Träume, die „vor der Wirklichkeit retten“, wie er sagt. Eine Dekade lang hält er die Modewelt in Atem, diktiert jede Saison andere Rockweiten, Saumlängen, Silhouetten. Bis zu seinem Tod 1957. Mit ihm geht die Ära der stilprägenden Modedesigner zu Ende, die mit Charles Frederick Worth begann.

Denn: Nach den braven, bürgerlichen 1950er-Jahren geschieht etwas, das die Mode völlig umkrempelt. Die Jugend begehrt auf und erschafft ihren eigenen Kleidungsstil – Miniröcke, Jeanshosen, Kniestrümpfe zu kurzen Hängekleidchen. Bald lassen sich die anfangs empörten Mütter mitreißen, auch sie wollen so jung und frisch aussehen wie ihre Töchter. Ein unerhörter Triumph ist diese Jugendrevolte. Die Modewelt steht kopf, von nun an ist die Straße ihre Herrin und diktiert, was auf den Laufsteg kommt. Heute, ein halbes Jahrhundert später, hat die nächste Revolution diese Entwicklung noch weiter getrieben. Seit der Jahrtausendwende mischt das Internet ordentlich mit. Bloggerinnen, Kritikerinnen, Modefans aus aller Welt haben das Wort. Oder vielmehr das Bild. Denn im digitalen, globalen Zeitalter sprechen die Bilder. Und Kleidung sendet visuelle Botschaften, wohl deswegen ist sie heute so wichtig geworden. Welche Frau kann schon der Versuchung widerstehen, mit ihrer äußeren Aufmachung ihre Individualität zu betonen oder aber in der Masse unterzugehen, wenn ihr danach ist?

Fair produziert gegen „Fast Fashion“

Das faszinierende Spiel mit Material, Schnitt, Farbe macht aus Kleidung Mode und befeuert die Textilindustrie, die in immer kürzeren Rhythmen neue Kollektionen auf den Markt wirft, jeden Monat eine Abwechslung. Längst wird diese Art von „Fast Fashion“ kritisch hinterfragt. Ein eigenes Marktsegment mit nachhaltiger, fair produzierter Kleidung hat sich herausgebildet. Die Hersteller setzen vorzugsweise auf Naturfasern aus biologischer Landwirtschaft. Zur Orientierung der Käufer und Käuferinnen dienen spezielle Labels und Siegel. Kritiker bemängeln, dass die Bemühungen zu kurz greifen. Gefordert wird mittlerweile, die gesamte Herstellungskette von Textilien, vom Acker über die Fabrik bis zum Kleiderständer, auf Nachhaltigkeit zu prüfen. Der Weg bis dahin scheint noch weit.

Den eigenen Stil finden

Für viele Frauen ist der Kleiderkauf immer noch kein Ökostatement, es gilt vor allem, die eigene Individualität zu unterstreichen, frei von allen Konventionen ganz man selbst zu sein. Aus dem Überangebot mixen Modebegeisterte eigene Stile, die sie auf der Straße, aber auch im Netz selbstbewusst der Welt präsentieren: Pumps zu hochgekrempelter Hose, Blumenmuster, die nicht zusammenpassen, Spitzenbluse zu aufgerissener Jeans. Stilbrüche sind willkommen, sie zeigen modischen Mut. Trendscouts der Modehäuser sind stets auf der Suche nach Straßen-Outfits, die aus der Masse herausstechen. Ihre Beobachtungen tragen sie zu sogenannten Styleguides zusammen, die Modeschöpfern als Inspiration dienen. So haben es Söckchen in Sandalen auf den Laufsteg geschafft genauso wie Sportschuhe in Kombination mit romantischer Kleidung. Überhaupt: Klobige Sneakers zum Kleid sind der letzte Schrei. Sie scheinen die neuen High Heels geworden zu sein. Mit Strass und Schleifen werden sie verziert. Sogar Chanel und Dior haben sich dazu herabgelassen. Kostenpunkt: 700 bis 900 Euro. „Ob eine Frau elegant ist, verraten ihre Schuhe“, schrieb einst Christian Dior. Doch heute regiert der Geschmack der Straße, und Luxuskonzerne wie Dior holen sich Feedback aus dem Internet, bevor sie entscheiden, welche Kleider aus der neuen Kollektion in die Läden kommen. So weit, so trist.

Oder ist es ein Grund zu feiern? Die wunderbare neue Freiheit nämlich, die alles möglich macht? Trendforscherinnen wie die Niederländerin Lidewij Edelkoort helfen aus der Verlegenheit. Weil Mode so verwirrend geworden ist, arbeitet die viel gefragte Expertin mit „Makrotrends“. Es interessiert sie weniger, was womit kombiniert wird, stattdessen fragt sie: In welcher Zeit leben wir, und wie geht es uns damit? Als sie zu Jahresanfang dem Modemagazin Vogue ein Interview gab, sprach sie von einer zerrissenen Gesellschaft, die den Planeten zerstört. Von einer orientierungslosen Gesellschaft, die mit ihrer Leere nicht umzugehen weiß. Denn es sei ihr die Religion abhandengekommen und mit ihr die Möglichkeit, sich zu versammeln, zu feiern und gemeinsam Trost zu finden. Deswegen sagte die prominente Trendforscherin für Winter 2019/2020 spirituell inspirierte Mode voraus: wallende Kleider, Wickelmäntel, Umhänge, Tuniken, umhüllende Strickwaren, Rosenkränze als Verzierung. Sie stellt sich weite Schnitte vor, die dem Körper Raum geben, Textilien, die „wie Gebetsfahnen im Raum schweben oder in geistiger Stille verweilen“. Ein Modediktat entsteht daraus nicht, doch dieser Trend könnte von Hoffnung erzählen.

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB engagiert 10/2019

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