KDFB

Faire Rente

Altersarmut trifft in Deutschland überwiegend die Frauen. Foto: Deepol by plainpicture

Viele Frauen in Deutschland übernehmen jahrzehntelang unbezahlte Erziehungs- und Pflegearbeit – was sie in die Altersarmut führt. Wenn die Politik nicht gegensteuert, wird sich die Situation in Zukunft noch verschärfen. Daher setzt sich der KDFB für eine geschlechtergerechte, faire Rente für Frauen ein.    

Acht Euro pro Tag bleiben Johanna, 72, zum Leben. Vier Jahrzehnte lang hat sie als Buchhalterin gearbeitet und in die Rentenkasse eingezahlt. Dennoch ist sie jetzt arm. Von 900 Euro Rente gehen 560 Euro Miete ab, dann noch Telefon und Strom. Unterm Strich bleiben der Berlinerin 240 Euro im Monat. „Für mich ist es ein Skandal, dass man sein ganzes Leben gearbeitet hat und nun mit so wenig Geld auskommen muss. Die Lebensleistung von Frauen sollte doch entsprechend honoriert werden. Hier geht es um Respekt uns Frauen gegenüber“, erklärt Johanna verärgert.

Die 80-jährige Marianne ist ein bisschen besser dran. Sie hat 20 Euro pro Tag zur Verfügung und das Glück, mietfrei im eigenen Haus zu leben. „Ich liebe es, Hausfrau, Mutter und nun auch Großmutter zu sein“, erklärt die gelernte Kinderpflegerin aus München. Doch kurz vor dem Eintritt ins Rentenalter zerbrach ihre Ehe. Ihr Mann hatte als Selbstständiger nie in die Rentenkasse eingezahlt und auch keine Rücklagen gebildet. Das getrennt lebende Paar bewohnt heute zusammen das Einfamilienhaus, weil es aus finanziellen Gründen nie für zwei Haushalte gereicht hätte.

 

Jahrzehntelange unbezahlte Erziehungs- und Pflegearbeit endet in Altersarmut

 

Marianne bleiben nach Abzug von Steuern und Versicherungen 600 Euro im Monat. Das ist ein Drittel weniger als die Armutsgrenze, die derzeit bei einem monatlichen Nettoeinkommen von 905 Euro liegt. Eine Wohnung und ihren Lebensunterhalt könnte sie mit ihrer Rente nicht bestreiten.

Die Münchnerin hat nur wenige Jahre in die Rentenkasse eingezahlt. „Anfang der Siebzigerjahre war es noch selbstverständlich, dass man nach der Geburt des ersten Kindes die Erwerbstätigkeit aufgab. Ich habe aber mein ganzes Leben geschuftet, meine zwei Söhne großgezogen, das Haus in Schuss gehalten, Angehörige gepflegt und Putzstellen übernommen. Und nun bekommt man für seinen ganzen Einsatz nur so eine geringe Rente.“ Marianne muss jeden Euro umdrehen und näht ihre Kleidung selbst.

Johanna und Marianne wollen ihre Nachnamen nicht veröffentlicht sehen. Sie befürchten, Nachbarn könnten davon erfahren, wie wenig Geld ihnen bleibt. Doch ihre Situation entspricht der unzähliger Frauen in Deutschland: Jahrzehntelange unbezahlte Erziehungs- und Pflegearbeit endet in Altersarmut.

 

Jede fünfte Rentnerin in Deutschland ist von staatlichen Leistungen abhängig

 

Frauen sind im Alter deutlich armutsgefährdeter als Männer. Derzeit ist fast jede fünfte Rentnerin in Deutschland von staatlichen Leistungen abhängig, weil ihre Rente nicht fürs Leben reicht. In 20 Jahren werden es voraussichtlich fast doppelt so viele Frauen sein.

Frauen erhalten aus eigenständigen Alterssicherungsansprüchen derzeit durchschnittlich 53 Prozent weniger Rente als Männer.

So sind Frauen häufiger als Männer auf die Grundsicherung im Alter angewiesen. Aber: Mehr als 60 Prozent der Rentner*innen nehmen die Grundsicherung im Alter gar nicht in Anspruch. Das belegt eine Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) von 2019. Vor allem ältere Rentner*innen und verwitwete Personen würden das bürokratische Antragsverfahren und die Kontrolle der Rentenversicherung abschrecken, so das DIW.

Ob die gerade diskutierte Grundrente die Situation von Frauen im Alter verbessern könnte, ist unklar. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil will mit der Grundrente Lebensarbeitszeit anerkennen und einen wirksamen Beitrag gegen Altersarmut leisten: „Es geht um mehr Respekt vor der Leistung von Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt haben und aufgrund zu niedriger Löhne keine angemessene Rente bekommen.“

 

aus: KDFB engagiert 3/2020
Autorin: Karin Schott

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