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Faire Karrierechancen

Eva Welskop-Deffaa ist die erste und einzige Frau im Vorstand des Deutschen Caritasverbandes. Foto: DCV/Anke Jacob

Karriere machen – trotz hervorragender Ausbildung ist das für Frauen auch heute nicht leicht. Manche schaffen es, indem sie mit ihrem Mann die Rolle tauschen: Er übernimmt dann den Großteil der Sorgearbeit.

 

Als Eva Welskop-Deffaa in Duisburg zur Schule geht, heißt es: „Mädchen können alles erreichen.“ Jungs gibt es dort nicht, also auch nicht die Vorstellung, dass sie allein gut in Mathe, Physik und anderen „schweren“ Fächern sein könnten. Später an der Uni stellt Welskop-Deffaa erstaunt fest, dass sie ein Fach gewählt hat, das damals vor allem Männer anzieht: Volkswirtschaftslehre. In manchen Seminaren sitzt sie als einzige Frau. Die Einzige, die Erste – das war sie oft. Heute, mit 61 Jahren, ist sie die erste und einzige Frau im Vorstand des Deutschen Caritasverbandes. Eva Welskop-Deffaa hat Karriere gemacht. Manchmal in großen Sprüngen. Leicht war es nicht immer.

Schon bei ihrer ersten Stelle, als Assistentin am Lehrstuhl für Wirtschaftsgeschichte in München, ist sie als Frau ein Novum. Der Professor ist entsprechend unvorbereitet, als sie ein Kind erwartet. „Ich bin direkt nach dem Mutterschutz mit einem kleinen Deputat wiedergekommen. Das war ein wichtiges Signal an den Chef und zeigte ihm, dass es kein größeres Risiko war, eine Frau anzustellen. Dass eine Frau genauso zuverlässig sein kann, was die betriebliche Praxis angeht.“ Sie teilt sich die Sorge für ihr erstes Kind mit ihrem Mann. Er bringt ihr die kleine Tochter zum Stillen an den Lehrstuhl.

 

Karrierestart beim Frauenbund

 

Während eines Postgraduierten-Studiums in Florenz kommt das zweite Kind. Die junge Familie macht Erfahrung mit der Krippe am europäischen Hochschul­institut und stellt erfreut fest, dass Kinder auch dann gedeihen, wenn sie nicht rund um die Uhr im Elternhaus betreut werden. Zurück in Deutschland kündigt sich erneut Nachwuchs an. „Das war der Punkt, an dem sich bei meinem Mann und mir die Lebenswege ziemlich klassisch auseinanderbewegt haben.“ Er ist als Jurist beruflich voll eingespannt. Sie schreibt freiberuflich Artikel und Reden. Bei der Kinderbetreuung unterstützen Au-pairs. Als das Angebot kommt, beim Frauenbund als Grundsatzreferentin einzusteigen, greift Welskop-Deffaa zu. „Es war eine gute Gelegenheit, berufliche Gestaltungsmöglichkeiten und Familie unter einen Hut zu bringen“, erinnert sie sich. Nach drei Jahren wird sie vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) abgeworben. Sie soll im Generalsekretariat das Re­ferat Wirtschaft und Gesellschaft leiten. Der Haken: Die Stelle ist nur in Vollzeit zu haben.

Familie Deffaa krempelt die familiäre Rollenaufteilung um. „Ich konnte immerhin aushandeln, dass ich das erste halbe Jahr noch Teilzeit arbeiten kann, um meinem Mann einen vernünftigen Übergang zu ermöglichen“, erinnert sich Eva Welskop-Deffaa. Es folgt eine Phase als Zeit- Jongleurin: Neben der vollen Stelle wird sie überraschend gleich in zwei politische Ämter gewählt. Sie pendelt zwischen dem ZdK in Bonn, dem Stadtrat in Hürth und dem Kreistag in Bergheim, wo sie den Vorsitz des Verkehrsausschusses übernimmt. Zu schaffen ist das nur, weil die Familie mitspielt: Ihr Mann hält ihr den Rücken frei, sie wird zur Hauptverdienerin – und macht weiter Karriere: Im Bundesfamilienministerium leitet sie mehr als sechs Jahre lang die Abteilung Gleichstellung, danach das Ressort Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik im Bundesvorstand der Gewerkschaft ver.di, bevor sie auf ih­ren jetzigen Posten zur Caritas wechselt.

 

Ohne männliche Förderer geht es kaum

 

„Ich bin dankbar, dass ich viele männliche Förderer hatte“, sagt sie. „In einer Gesellschaft, in der die Männer die Gatekeeper sind, kommt man ohne sie nicht voran.“ Gleichzeitig trifft sie auf Frauen, die sie ermutigen; vor allem Frauenbundfrauen übernehmen in Entscheidungssituationen eine unersetzliche Mentorinnenrolle.

Von einer Frauenquote hat sie bei ihrem Aufstieg nicht unmittelbar profitiert. „Aber ich glaube, dass die Quote tatsächlich ein Vehikel ist, um eine Transformationsphase zu beschleunigen“, meint sie. „Nur: Die Quote allein wird es nicht bringen.“ Noch sieht Eva Welskop-Deffaa viele – oft informelle – Hindernisse, die den Aufstieg für Frauen erschweren.

„Die Bereitschaft, Frauen unsichtbar zu machen, ist nach wie vor unglaublich groß“, stellt sie fest und nennt Beispiele aus der Praxis: Finde sich in einem Versammlungsprotokoll der Satz „Nach der Einführung in Top 1 ergab sich eine Diskussion“, könne man fast sicher sein, dass der namentlich unsichtbare Referent eine Frau war. Einen Mann hingegen würde das gleiche Protokoll mit Namen erwähnen: „Herr XY führt in Top 2 ein, es folgte eine Aussprache.“ Oder: Kommt die erste Frau in ein Entscheidungsgremium, werden Nebenstrukturen geschaffen, in denen Männer Entscheidungen vorbereiten, bevor diese offiziell zur Sprache kommen. Eine Frau, die dann in eine andere Richtung argumentiert, wird logischerweise unterliegen. „Da muss man erst 60 werden und eine geschärfte Genderbrille haben, bis man das durchschaut“, sagt Eva Welskop-Deffaa und macht jungen Frauen Mut, sich ihr Ziel nicht verrücken zu lassen.

 

aus: KDFB Engagiert 3/2020
Autorin: Eva-Maria Gras

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