KDFB

Das Gute im Leben schätzen

Anlässe, sich zu freuen und dankbar zu sein, gibt es fast immer. Aber nicht jeder kann sie erkennen. Dabei lohnt es sich, genau hinzuschauen, denn wer dankbar ist, lebt bewusster und gesünder.

 

Kommt Ihnen das bekannt vor? Sie haben zwei Tage frei und machen Pläne dafür. Eine Wanderung zum Beispiel. Doch dann spielt das Wetter nicht mit. Vielleicht ärgern Sie sich zunächst darüber, aber Ihnen fallen schnell andere Möglichkeiten ein, wie Sie die Zeit gestalten können – vom Besuch einer Ausstellung bis hin zur Lektüre eines Buches. Und danach sind Sie vermutlich froh und dankbar für die schöne Zeit. Aber das kann nicht jeder, zumindest nicht sofort. Manche Menschen besitzen die Fähigkeit, immer etwas Gutes in ihrer aktuellen Situation zu sehen, andere (noch) nicht. Kann man Dankbarkeit und Zufriedenheit lernen? Zumindest kann man sie einüben. Wer täglich etwas Positives in seinem Leben wahrnimmt und sich dafür bedankt, der entwickelt die Fähigkeit, immer mehr Gutes im eigenen Leben zu sehen.

Den Tag Revue passieren lassen

So ist es zum Beispiel bei Rosa Maier. Das KDFB-Mitglied aus Hienheim bei Neustadt an der Donau kommt gerade mit ihrem Mann von einer kurzen Radtour zurück. Die Räder stehen nun im Keller, die Helme sind an der Garderobe deponiert, und gleich gibt es reichlich Mineralwasser für die beiden. „Es war schon ziemlich warm draußen, aber auf dem Fahrrad spürt man die Hitze nicht so“, erzählt das aktive Frauenbund-Mitglied. „Wir haben unsere kleine Tour sehr genossen.“ Die 68-Jährige ergänzt, dass sie sich gerade mit einem Stoßgebet für die schöne Stunde unterwegs bedankt hat. „Ich bedanke mich jeden Tag mehrfach für das Gute, das ich erlebe. Man sollte Gott schließlich nicht immer nur um etwas bitten, sondern man darf auch einfach einmal Danke sagen. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass im Alltag alles gut geht.“ Rosa Maier pflegt aus ihrem Glauben heraus eine Kultur der Dankbarkeit. Abends hält sie einen Tagesrückblick, bittet für sich und andere, dankt aber auch noch einmal für die guten Momente des Tages. „So halte ich es schon seit vielen Jahren, und das macht mich sehr zufrieden“, bekennt sie.

Ein Tagebuch der Dankbarkeit

Die amerikanischen Psychologen Robert A. Emmons und Michael McCullough würden Rosa Maier wohl bescheinigen, dass sie durch ihre gelebte Dankbarkeit sehr viel richtig macht. Die beiden hatten im Jahr 2003 den Auftrag zu überprüfen, wie sich Menschen fühlen, die zehn Wochen lang ein Dankbarkeitstagebuch geführt haben. Unter den Teilnehmern war auch eine Gruppe mit chronisch kranken Menschen. Zur Überraschung der Forscher hatte das Dankbarkeitstagebuch eine positive Wirkung auf fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Studie. Sogar körperliche Symptome wie chronische Schmerzen hatten nachgelassen und die Lebensfreude zugenommen. Viele hatten Lust auf mehr soziale Kontakte bekommen, andere waren sportlich aktiver als zuvor. Eine ähnliche Studie mit 186 Herzpatienten unter Leitung des kalifornischen Professors für Psychiatrie, Paul J. Mills, belegt ebenfalls positive Auswirkungen eines Dankbarkeitstagebuchs: Die Teilnehmenden fühlten sich gelassener, zugleich sanken die Entzündungsmarker im Blut, und sogar die Blutdruckwerte verbesserten sich bei den meisten. Eine mögliche Erklärung für die Verbesserung der körperlichen Symptome liegt darin, dass man kaum zugleich gestresst und dankbar sein kann. Wer dankbar ist, entspannt sich. Und wer über längere Zeit hinweg aktiv Dankbarkeit einübt, verändert auch seine Gehirnchemie, wie entsprechende Scans belegt haben.

So stellt sich eine positive Stimmung ein 

Von der Methode des Dankbarkeitstagebuchs hatte auch Hannelore Exner (Name von der Redaktion geändert) gelesen. Die 54-Jährige arbeitet als Lehrerin an einem Münchner Gymnasium und litt vor einigen Jahren an einer mittelschweren Depression. „Das war eine schlimme Zeit“, erinnert sie sich. „Ich konnte mich an nichts mehr freuen, fand kaum mehr Schlaf und habe mich bleischwer durch den Alltag geschleppt. Damit mir so etwas nicht wieder passiert, wollte ich mich neu ausrichten, damit ich positiver gestimmt werde“, berichtet sie. Sie beschloss, ein Dankbarkeitstagebuch zu führen. Das war zunächst nicht einfach. „Am Anfang wollte mir fast nichts einfallen“, berichtet sie. „Aber dann wurde es allmählich besser. Ich konnte über die nette Nachbarin schreiben, die mir selbst gemachte Marmelade gebracht hat. Über einen schlechten Schüler, der plötzlich bessere Noten schrieb. Oder über den ausgewanderten Cousin, der sich bei mir gemeldet und mich zu sich eingeladen hatte. Und so habe ich tatsächlich jeden Tag etwas Neues gesehen, für das ich dankbar gewesen bin oder über das ich mich gefreut habe.“ Ein ganzes Jahr lang blieb die Münchnerin bei ihrer Übung. „Mir ging es dadurch laufend besser, und ich fühle mich seither wieder lebendig“, freut sie sich. Auch wenn sie heute kein Dankbarkeitstagebuch mehr führt, lässt sie sich nicht mehr allein von ihrem anfordernden Beruf bestimmen. Hannelore Exner hat ein Instrument erlernt und spielt in einer kleinen Band, was ihr viel Freude bereitet. Und sie meditiert regelmäßig mit einem kirchlichen Frauenkreis, weil sie erkannt hat, dass ihr ein spirituelles Fundament guttut. Die Lehrerin ist sich sicher, dass die Entdeckung der Dankbarkeit ihr Leben grundständig zum Guten hin verändert hat.

Dankbarkeit als spiritueller Weg

Der bekannte Benediktiner und Buchautor David Steindl-Rast ist überzeugt, dass Dankbarkeit eine Form der Spiritualität ist: „Für mich ist Dankbarkeit ein spiritueller Weg, der sowohl für den Einzelnen wie für die Welt zukunftsweisend ist“, schreibt der heute 92-Jährige in seinem Buch „Einladung zur Dankbarkeit“. Er bescheinigt der heutigen westlichen Gesellschaft, ziemlich undankbar zu sein. „Wir wollen immer noch mehr besitzen, weil wir nicht dankbar sein können für das, was wir schon haben. Aber glücklicher sind wir so nicht geworden. Wenn man hingegen dankbar ist, wird man sofort auch glücklicher.“

Das Gute nicht als selbstverständlich nehmen

Was so einfach klingt, kommt allerdings nicht von allein. David Steindl-Rast weiß als Psychologe, Theologe und Zen-Lehrer, dass Dankbarkeit eingeübt werden muss. „In 99 von 100 Fällen wird uns schlicht und einfach die Gelegenheit geschenkt, uns zu freuen. Es fragt sich nur: Nehmen wir diese Gelegenheit überhaupt wahr? An schwierigen Tagen stehen unsere Schwierigkeiten so im Vordergrund, dass wir alles andere übersehen. Der tiefere Grund ist, dass wir einfach nicht gewohnt sind, auf die uns geschenkten Gelegenheiten zu achten.“ Aber auch an guten Tagen nehme man vieles als selbstverständlich hin. Doch dankbare Aufmerksamkeit lasse sich erlernen und einüben. So empfiehlt er beispielsweise, an einem Tag ganz besonders aufmerksam die Gerüche wahrzunehmen, die einem begegnen. Am nächsten Tag könnte man sich auf Töne und Klänge konzentrieren, wie schöne Musik, eine angenehme Stimme, das Plätschern eines Bachs. Auch den dankbaren Tagesrückblick praktiziert Bruder David Steindl-Rast. Er hält täglich in seinem Taschenkalender wenigstens eine Sache fest, für die er dankbar ist oder über die er sich gefreut hat. Außerdem rät der Ordensmann dazu, immer wieder zu versuchen, den eigenen Körper oder die eigene Umgebung bewusst wahrzunehmen. Dann könne so gut wie alles ein Grund zur Dankbarkeit sein: die Sonne, die durch die Bäume scheint, das Lächeln eines Säuglings, eine Umarmung oder auch die Tatsache, dass das Herz pro Tag rund 100.000 Mal schlägt, ohne das man sich dessen in der Regel bewusst ist.

Dankbarkeit schenkt Vertrauen

Auch Papst Franziskus hat zu mehr Dankbarkeit aufgerufen. Er erinnert daran, wie wichtig es ist, gegenüber Gott dankbar zu sein. „Unsere Werke misslingen oft, weil wir von uns selbst ausgehen und nicht von der Dankbarkeit“, sagte das Kirchenoberhaupt bei einer Generalaudienz im Juni. Jeder solle sich fragen, was Gott im eigenen Leben bewirkt habe. Christliches Leben sei vor allem die dankbare Antwort auf einen großherzigen Vater. Natürlich kann niemand für alles dankbar sein. David Steindl-Rast nennt etwa das Beispiel eines gebrochenen Beins, das dem beeinträchtigtem Menschen trotzdem Chancen eröffnen kann: „Wenn ich in Dankbarkeit geübt bin, kann ich darin eine Gelegenheit erkennen, mich in Geduld zu üben, Bücher zu lesen, die ich sonst nicht lesen würde, und Neues zu lernen.“ Der Ordensmann ist überzeugt, dass für ihn auch schwere Zeiten und Schicksalsschläge die Quelle einer guten Entwicklung waren. „Wir vergessen das nur allzu oft. Und manchmal muss man auch lange warten, um es zu erkennen. Doch wenn wir uns in Dankbarkeit üben, dann können wir daraus Vertrauen schöpfen im Voraus. Und wir können offen sein für die Überraschungen, die uns das Leben schenkt.“

Autorin: Gabriele Riffert
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 10/2018

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