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Was können wir von Prophetinnen lernen?

Sabine Bieberstein, Professorin für Neues Testament und Biblische Didaktik, Foto: privat

Ein Interview mit Theologieprofessorin Sabine Bieberstein. Sie ist Professorin für Neues Testament und Biblische Didaktik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

 

Im Alten Testament werden vier Frauen namentlich als Prophetinnen genannt. Wie viele sind es im Neuen Testament?

Sabine Bieberstein: Es ist nur eine einzige: Hanna, die im Tempel zu Jerusalem im neugeborenen Jesus den Messias erkennt. Aber auch Maria und Elisabeth werden als Prophetinnen dargestellt. Als sich die beiden Schwangeren am Anfang des Lukasevangeliums begegnen, handeln sie prophetisch. Elisabeth wird vom Heiligen Geist erfüllt und ruft mit lauter Stimme. Sie begrüßt Maria als die Mutter des kommenden Erlösers. Maria preist Gott mit einem Lied, dem Magnificat. Vermutlich kannte der Evangelist Lukas, der etwa um das Jahr 90 seine Texte verfasste, das Wirken von Prophetinnen aus seiner eigenen Gemeinde.

 

In den urchristlichen Gemeinden wirkten Frauen als Prophetinnen?

Sabine Bieberstein: Ja, das wissen wir aus den Paulusbriefen, den ältesten Texten des Neuen Testaments. In seinem ersten Brief an die Gemeinde von Korinth tadelt Paulus sowohl Männer als auch Frauen, die in den Gottesdiensten prophetisch reden. Dabei geht es ihm lediglich um ihr Äußeres, insbesondere um die Haare. Wir gehen davon aus, dass sich die Prophetinnen von Korinth ihre Haare kurz schneiden ließen, in Anlehnung an das Taufbekenntnis (Galater 3,26-28), nach dem es in Christus nicht länger „männlich und weiblich“ gebe. Die äußere Aufmachung dieser Frauen hat offensichtlich Anstoß erregt, keineswegs aber ihr prophetisches Reden.

 

Prophetisch reden: Was hieß es bei den Urchristen?

Sabine Bieberstein: Die prophetischen Worte haben sich nicht erhalten, leider. Doch aus dem ersten Korintherbrief, Kapitel 14, lässt sich herauslesen, dass prophetisches Reden die Gemeinde aufbaut, Mut macht und Trost spendet. Außerdem berührt es Menschen in ihren Herzen und entlarvt, was dort verborgen ist. Paulus schätzte die Prophetie, das geht aus seinen Briefen hervor. Für ihn war sie eine der Geistesgaben, die durch die Taufe empfangen werden. Jede und jeder Getaufte konnte vor die Gemeinde treten und prophetisch reden, wenn sie oder er sich dazu berufen fühlte.

 

In den Gemeinden der Urchristen ging es also demokratisch zu?

Sabine Bieberstein: Ja, der Eindruck entsteht, wenn wir die paulinischen Briefe lesen. Die Gemeinde lebt von den vielfältigen Gaben des Geistes, jede und jeder kann die jeweils eigene einbringen, und das völlig gleichberechtigt. Wir wissen auch, dass viele der ersten Christinnen und Christen aus der einfachen Bevölkerung kommen, freigelassene Sklaven sind unter ihnen. Ich kann mir vorstellen, dass die Prophetinnen von Korinth von der Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse sprechen oder singen, von neuer Hoffnung für die Armen, vom Ende der Unterdrückung und Ungerechtigkeit. Für eine solche Interpretation liefert die Bibel viele Anhaltspunkte.

 

Was können wir von den biblischen Prophetinnen für heute lernen?

Sabine Bieberstein: Es lohnt sich, diese Frauen sichtbar zu machen, auch wenn die Bibel sie vielleicht nur am Rande erwähnt. Aus manchen Texten erfahren wir nur, dass sie getadelt wurden. Sicher waren die Prophetinnen weder nett noch angepasst, sie benannten Missstände, waren laut und unbequem. Ich wünsche uns Frauen Mut, sich von diesen biblischen Vorbildern immer neu inspirieren zu lassen. Es gibt einiges, was sich heutige Frauen in der Gesellschaft und auch der Kirche erst noch erkämpfen müssen. Biblische Prophetinnen können uns dabei begleiten.

 

Interview: Maria Sileny
aus KDFB engagiert 6/2020

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