KDFB

Wenn nur noch fliehen hilft

Fachleute gehen davon aus, dass jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal im Leben von Gewalt betroffen ist. In Frauenhäusern fehlen Plätze für Frauen und ihre Kinder. Foto: Adobe Stock/Monet.

Jede vierte Frau erlebt mindestens einmal in ihrem Leben Gewalt in der Partnerschaft. Schutz und Unterstützung bieten Frauenhäuser – wie in Passau. Heute ist das Haus wichtiger denn je: Seit Beginn der Corona-Pandemie nehmen die Anrufe Hilfe suchender Frauen zu.      

 

Es sind Bilder, die vergisst man nicht. Geschichten von Leid, das man kaum fassen kann. „Eine Frau hatte Brandmale am ganzen Körper, als sie zu uns kam. Ihr Mann hatte sie eingesperrt und mit glühenden Zigaretten gequält, nachdem sie entdeckt hatte, dass er das gemeinsame Kind vergewaltigt“, berichtet Hildegard Stolper. „Eine andere haben wir aus einem Dorf im Bayerischen Wald abgeholt. Sie war damals 72 – und ihr Mann hatte sie 20 Jahre zuvor, kurz nach der Hochzeit, im Keller eingesperrt. Sie hatte keine Angehörigen, die sie vermisst hätten. Die Polizei hat sie befreit“, erzählt Stolper. Erschütternd auch die Erlebnisse einer 18-Jährigen, deren Kind zwei Monate zu früh geboren wurde, nachdem ihr Freund sie mehrfach in den Bauch getreten hatte. Heute lebt die junge Mutter in einem eigenen Apartment und sieht wieder eine Perspektive für sich und ihr Kind.

Hildegard Stolper kennt unzählige solcher Geschichten – sie spornen die KDFB-Frau an, nicht nachzulassen in ihrem Engagement für das Passauer Frauenhaus. Vor gut 20 Jahren stieß Stolper, damals noch Inhaberin einer großen Import-Export-Firma, zum Sozialdienst katholischer Frauen. Der gemeinnützige Verein betreibt seit 1992 in Passau die Zufluchtsstätte für Frauen und deren Kinder, die körperliche, sexuelle und psychische Gewalt erfahren haben oder von Gewalt bedroht sind. Eine der Vorstandsfrauen bat Hildegard Stolper damals um Unterstützung: „Ich habe ihr auf dem Sterbebett versprochen, dass ich mitmache“, erinnert sich Stolper. Inzwischen ist sie erste Vorsitzende des Trägervereins, dessen Arbeit zu 90 Prozent staatlich finanziert ist. „Etwa 40000 bis 50000 Euro müssen wir dennoch jedes Jahr selbst aufbringen“, sagt Stolper. Dabei helfen auch die KDFB-Zweigvereine mit regelmäßigen Spenden.

 

Die Privatinitiative zahlt sich aus

 

In den ersten Jahren hatte der Verein ein Reihenhaus gemietet. Es bot Platz für lediglich fünf Frauen und deren Kinder, und es gab für alle nur eine Nasszelle. „Irgendwann war klar: Wir brauchen ein neues Haus“, erinnert sich Stolper. „Ich war in München, in Berlin, aber überall hieß es, wir haben kein Geld für Frauenhäuser. Da habe ich gedacht: Das pack ich jetzt an!“ Ab 2012 sammelt die resolute Unternehmerin, unterstützt von ehrenamtlichen Kräften, Geld für ihr Herzensprojekt. Sie hält ungezählte Vorträge beim Frauenbund und anderen Vereinen. Monatelang ist sie in ganz Niederbayern unterwegs, manchmal bis zu viermal pro Woche. Dazu kommen Bilderversteigerungen, Flohmärkte, Tortenverkäufe, Benefizkonzerte, der Erlös eines Karussellbetriebs auf dem Christkindlmarkt und ein Auftritt in der Benefizgala „Sternstunden“ – alles füllt den Spendentopf: Rund 1,4 Millionen Euro kommen in fünf Jahren zusammen,

„Wir haben es als einzige Initiative bundesweit geschafft, den Neubau des Frauenhauses komplett aus Spenden zu finanzieren“, freut sich Stolper. Auch die Diözese Passau unterstützt das Projekt finanziell: „Kurz nachdem Stefan Oster im April 2014 zum Bischof ernannt wird, sagt er 250000 Euro Unterstützung zu.“

 

Zeit, um das Leben neu zu ordnen

 

Das Grundstück für das neue Frauenhaus entdeckt Stolper nach dreijähriger vergeblicher Suche zufällig beim Spazierengehen. Schnell stellt sich heraus, dass die Diözese Passau das Areal geerbt hatte – verbunden mit der Auflage, es für einen sozialen Zweck einzusetzen. So erhält der Verein das Grundstück auf Basis des Erbbaurechts, und Bischof Oster erlässt den Erbbauzins. Baubeginn war vor fünf Jahren, 2017 konnte das Frauenhaus bezogen werden.

Entstanden sind elf Apartments mit je eigenem Bad. In der großen Küche hat jede Bewohnerin einen eigenen Herd und einen eigenen Kühlschrank. Es gibt ein großes Esszimmer, einen Aufenthaltsraum, fünf Waschmaschinen. Im großen Garten finden sich Spielgeräte, Liegestühle, eine Tischtennisplatte – eine kleine Oase für die traumatisierten Frauen, die dort Schutz suchen. Viele kommen mit ihren Kindern. Die meisten bleiben Wochen oder gar Monate, bis sie ihr Leben neu geordnet haben.

 

Bundesweit fehlen mehr als 14600 Schutzplätze

 

Mehr als 350 Frauenhäuser gibt es in Deutschland, zudem etwa 40 Schutzwohnungen mit zusammen mehr als 6000 Plätzen (Stand 2018). Jährlich suchen etwa 16000 Frauen mit fast ebenso vielen Kindern Zuflucht in einem Frauenhaus. Der Zugang zu Schutz und Hilfe werde ihnen aufgrund von Platzmangel, ungeklärter Finanzierungsfragen oder bürokratischer Hürden oft erschwert, konstatieren die Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages bereits im Mai 2019. Schon damals schätzen Experten, dass mehr als 14600 Schutzplätze fehlen – vor allem in Ballungsgebieten.

Der Bedarf ist seit Jahren groß: 140755 Menschen mussten laut Bundeskriminalamt im Jahr 2018 Gewalt in der Partnerschaft erleiden, davon waren 81,3 Prozent Frauen, das sind 114.393. Sie wurden Opfer von Mord, Totschlag, Körperverletzung, Vergewaltigung, sexueller Nötigung, sexuellen Übergriffen, Bedrohung, Stalking, Nötigung, Freiheitsberaubung, Zuhälterei und Zwangsprostitution.

 

„Gewalt gegen Frauen geht uns alle an“

 

Freilich zeigen die Zahlen nur die Straftaten, die angezeigt wurden. Die Dunkelziffer liegt weitaus höher: Nach sogenannten Dunkelfeldstudien ist jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben von Gewalt betroffen – und jede vierte Frau von Partnerschaftsgewalt. Statistisch gesehen sind das mehr als zwölf Millionen. Vermutlich kennt jede Frau in ihrem direkten Umfeld Betroffene: Es kann die Freundin sein, die Kollegin, die Nachbarin oder die eigene Schwester.

Mit Blick auf solche Zahlen fordert auch der KDFB ein umfassendes und flächendeckendes Hilfesystem. „Es ist erschreckend, dass zahlreiche Frauen in unserem Land täglich körperliche, sexuelle und seelische Gewalt erfahren, insbesondere durch (Ex-)Partner im persönlichen oder beruflichen Umfeld. Umso wichtiger ist es, Betroffenen zu helfen, sie zu schützen und Täter zur Rechenschaft zu ziehen“, sagt KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth. „Gewalt gegen Frauen geht uns alle an“, ist Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) überzeugt. Im November 2019 hat sie die bundesweite Initiative „Stärker als Gewalt“ gestartet.

 

„Sie sind alle traumatisiert“

 

Hildegard Stolper begrüßt derartige Initiativen. „Man kann sich gar nicht vorstellen, in welch schlimmem Zustand manche Frauen und auch Kinder zu uns kommen“, sagt die Leiterin des Passauer Frauenhauses. „Sie sind alle traumatisiert.“ Die Jüngste der Schutzsuchenden im Passauer Frauenhaus, dessen Einzugsgebiet ganz Niederbayern umfasst, war 18 Jahre alt, die Älteste 74 – und alle Gesellschaftsschichten sind betroffen: „Wir hatten auch schon die Frau eines Arztes und die Frau eine Bankdirektors hier“, sagt Stolper.

Unterstützt werden die Frauen, die im Passauer Frauenhaus Schutz suchen, von zwei Sozialpädagoginnen und drei Erzieherinnen, die als festangestellte Mitarbeiterinnen tagsüber vor Ort sind – und von 32 ehrenamtlichen Helferinnen.  Dank ihres Einsatzes ist das Haus rund um die Uhr erreichbar: „Wer Hilfe braucht, kann Tag und Nacht anrufen, denn zwischen 17 Uhr nachmittags und acht Uhr morgens wird das Telefon auf ein Handy umgestellt, das dann jeweils eine Ehrenamtliche mit nach Hause nimmt“, erklärt Stolper.

Wenn eine Frau anruft, vereinbaren die Mitarbeiterinnen mit ihr einen Treffpunkt und holen sie dort ab. „Wir fahren nie zu den Frauen nach Hause, damit die Situation nicht noch weiter eskaliert“, betont Stolper. Viele der Hilfesuchenden seien verletzt, „wir lassen sie zunächst einmal im Krankenhaus medizinisch versorgen“, berichtet sie.

 

Drei von vier Frauen beginnen ein neues Leben

 

Im Frauenhaus angekommen, beziehen die Hilfesuchenden ein Apartment. Bis zu einem Jahr können sie dort wohnen. In dieser Zeit werden sie unterstützt, etwa bei der Suche nach einer Wohnung oder nach einem Job. „Wir sammeln auch Möbel und Haushaltsgegenstände, vom Kochtopf bis zum Bügeleisen, denn viele haben nichts außer einem Koffer mit Kleidung, wenn sie bei uns ankommen.“ Etwa 25 Prozent der Frauen gehen später wieder zu ihren Männern zurück. Drei Viertel fangen ein neues Leben an – aber den Kontakt zum Frauenhaus halten sie oft noch jahrelang, besuchen zum Beispiel die regelmäßigen Frauentreffs oder das alljährliche Sommerfest.

Der Bedarf an Plätzen ist groß: 2019 mussten in Passau 92 Frauen abgewiesen werden. Die Mitarbeiterinnen versuchen in solchen Fällen, die Frauen an andere Häuser zu vermitteln. „Wir telefonieren herum, bis sie irgendwo unterkommen“, sagt Stolper.

 

„Im Grunde genommen bräuchten wir noch einmal ein Haus“

 

Seit den Ausgangsbeschränkungen während der Corona-Pandemie verzeichnet die Frauenhausleiterin einen Anstieg der Anrufe verzweifelter Frauen um bis zu 50 Prozent. „Unsere Sozialpädagoginnen hängen den ganzen Tag am Telefon“, berichtet sie.

Fest steht: Die vergangenen Monate haben das Zusammenleben vieler Familien auf die Probe gestellt. Lange Zeit gemeinsam auf engem Raum, fehlende Ausweichmöglichkeiten, kaum soziale Kontakte, Ängste um Gesundheit und Existenzsicherung: Diese Situation führe zu zusätzlichen Belastungen, und soziale Kontakte, die die Frauen unterstützen könnten, fielen weg, so der gemeinnützige Verein Frauenhauskoordinierung, der deutschlandweit Frauenhäuser und Fachberatungsstellen unterstützt. „Es fehlt die soziale Kontrolle, und die Belastungen mit Kindern zu Hause, Homeoffice und Existenzängsten sind hoch. Da ist es relativ wahrscheinlich, dass es in belasteten Situationen zu Gewalt kommt“, erklärte die Geschäftsführerin des Vereins, Heike Herold, in einem Fernsehinterview.

Im April war das Passauer Frauenhaus voll besetzt, doch es konnten neue Frauen aufgenommen werden, nachdem Bischof Stefan Oster einige Plätze im ehemaligen Priesterseminar geschaffen hatte. „Einige Langzeit-Bewohnerinnen, denen es mittlerweile besser geht, sind dort kostenfrei untergekommen“, freut sich Stolper. „Doch im Grunde genommen bräuchten wir noch einmal ein Haus.“

 

Autorin: Gundula Zeitz
aus: KDFB engagiert 6/2020

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