KDFB

Spaß an Wortgefechten

Debattieren ist ein Übungsfeld für alle, die sich in der Öffentlichkeit behaupten wollen. Foto: Bardehle

Wer frei vor einer Gruppe sprechen kann, Spaß am Argumentieren hat und auch mit Widerspruch konstruktiv umgeht, kann sich in Beruf und Ehrenamt besser behaupten.

Lampenfieber hat sie heute noch. Wenn Tina Rössing, Vizepräsidentin der Deutschen Debattiergesellschaft, ans Rednerpult geht, dann schießt ihr das Adrenalin ein. In den folgenden sieben Minuten ist die 32-Jährige hochkonzentriert. Was nun zählt, ist die richtige Atmung, eine angemessene Tonlage, eine stimmige Körpersprache und schlüssige Argumente. Tina Rössing nimmt an einem Debattierwettbewerb teil. „Das klingt nicht nur nach Sport. Debattieren ist tatsächlich ein Sport, der den Verstand schärft, das klare Formulieren und das Selbstbewusstsein fördert. Jeder kann von der Methode profitieren“, erklärt die Projektmanagerin eines international tätigen IT-Unternehmens. Schon während des Studiums schloss sie sich einem studentischen Debattierclub an, um an ihrem Auftreten zu feilen.

Das hat sich gelohnt: Heute ist Debattieren ihre Leidenschaft. Sie tritt selbst als Rednerin auf, daneben als Jurorin oder Turnierorganisatorin von Debattierwettbewerben. Auch beruflich hat sich Tina Rössings Redegewandtheit ausgezahlt, fällt es ihr doch leicht, sich in Wortgefechten zu behaupten: „Eine Debatte ist allerdings mit einer Alltagsdiskussion nicht zu vergleichen“, räumt sie ein. „Die Debatte ist vielmehr die Königsdisziplin der Rhetorik. Und sie härtet ab. Ich sehe Widersprüche nicht mehr als persönlichen Angriff.“

Debattieren zu lernen – das wollen viele junge Leute heute: Inzwischen gibt es über 75 Debattierclubs in Deutschland. Dort treffen sich wöchentlich Studierende, um über Fragen der Zeit zu debattieren.

Debattieren im Zweigverein: ein gutes Übungsfeld

Die Disziplin könnte auch Frauenbundfrauen viele Vorteile bringen, findet KDFB-Präsidentin und CDU-Politikerin Maria Flachsbarth: „Im Zweigverein könnte ein Debattierwettbewerb ein gutes Übungsfeld sein. Je mehr Frauen sich trauen, ihre Meinung vor Gruppen, in der Politik oder Öffentlichkeit gut zu vertreten, desto besser! Toll wäre es auch, einen Frauen-Debattierclub ins Leben zu rufen.“ Aber auch jede Einzelne könne von der Methode des schlüssigen Argumentierens profitieren – für Ehrenamt und Beruf. Wer folgende Tipps befolgt, dem gelingt garantiert ein überzeugender Auftritt. 

Das Publikum für sich gewinnen

Das Debattieren gehört für Maria Flachsbarth, seit 16 Jahren Bundestagsabgeordnete, zum Alltagswerkzeug. „Das Wichtigste ist für mich, um in der Debatte überzeugen zu können, authentisch und glaubwürdig zu sein. Sie sollten bei der Rede eine positive Atmosphäre schaffen und ganz Sie selbst sein. Der Zuhörer muss fühlen, dass das Vorgetragene absolut Ihr Anliegen ist!“

Wer sich im Thema sicher fühlt, kann das Publikum besser überzeugen. Eine gute Vorbereitung und entsprechendes Hintergrundwissen sind daher wichtig. Ebenso wie das souveräne Auftreten mit einer aufrechten Körperhaltung und einer festen Stimme mit einer angenehmen Tonlage. Maria Flachsbarth empfiehlt, die Rede vor dem Spiegel einzuüben, mit besonderem Augenmerk auf die Kraft der Stimme und eine natürliche Gestik. Denn Körpersprache und Inhalt müssen übereinstimmen, um glaubwürdig zu sein. Ein weiterer Tipp: „Lassen Sie sich beim Einüben per Video oder Smartphone filmen. So können Sie selbst sehen, wo noch Verbesserungsbedarf besteht.“  

Emilia Müller, Landesvorsitzende des KDFB Bayern und seit knapp 30 Jahren CSU-Politikerin, rät dazu, gerade die freie Rede zu üben. Während der Debatte oder Rede sei zudem der Blickkontakt mit den GesprächspartnerInnen wie auch dem Publikum sehr wichtig. Souveränität in Debatten bekomme man letztendlich durch Üben und die Praxis. „Mit jeder Rede wird man besser und sicherer“, so die ehemalige bayerische Sozialministerin Müller. Sie empfiehlt, an Rhetorikkursen teilzunehmen. Wichtig sei auch die Kleidung: „Sie kann einen souveränen Auftritt verstärken.“

Schlüssiges Argumentieren

Die Wirkung überzeugender Argumentation können sich zukünftige Debattiererinnen von den Profis abschauen. Tina Rössing empfiehlt, sich im Internet Videos von guten Reden anzusehen, zum Beispiel die des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama. Auch bei den Bundestagsdebatten, die über Mediatheken oder den Fernsehsender Phönix verfolgt werden können, gibt es viel zu lernen: „Achten Sie darauf, wie die Politiker der verschiedenen Parteien ihre unterschiedlichen Perspektiven begründen. Denn wer behauptet, muss auch begründen und argumentieren!“, erläutert Rössing.

Für alle, die ein Wortgefecht vorbereiten, ein Muss: Die eigenen Behauptungen selbst hinterfragen, um sie besser begründen zu können. So lernt man auch, sich auf wenige Punkte zu fokussieren und sie ganz in Ruhe vorzubringen. Ein schlüssiges Argument besteht aus drei Teilen: Behauptung, Begründung, ein Beispiel oder ein Beleg. „Als i-Tüpfelchen können Sie das auch noch unterhaltsam und mit einer Prise Humor tun. Witz und Selbstironie ziehen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich. Auch Sprichwörter oder Zitate können ein guter Einstieg sein“, erklärt Rössing. Eine bildhafte Sprache ist die Kür einer Rede: Argumente prägen sich besser ein, wenn sie in Form einer Metapher, einer Anekdote oder eines Bildes präsentiert werden.  

Unterschiedliche Blickwinkel einfließen lassen

Wer sich auf eine Debatte einlässt, übt die Fähigkeit, ein Thema aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Denn um eine Debatte zu gewinnen, muss man sich mit den Argumenten des Gegenübers ernsthaft auseinandersetzen und kann sie nicht einfach beiseite wischen. So wird auch Toleranz und Empathievermögen trainiert: „Im Wettbewerb muss man Positionen vertreten, die überhaupt nicht der eigenen Meinung entsprechen. Die Positionen werden ja zugelost. Dadurch bekommt man aber ein höheres Verständnis für andere Meinungen, sofern sie ordentlich begründet sind“, so Rössing.

Konfliktfähigkeit trainieren

Debattierclubs trainieren eine gewisse Leichtigkeit in konfrontativen Situationen. Denn wer debattiert, ist es gewohnt, Widerspruch zu erhalten und besser in der Lage, den Widerspruch in der Sache zu entkräften, statt sich persönlich angegriffen zu fühlen. Wer während des Debattierens Kritik übt, muss ausbalancieren, so Maria Flachsbarth. „Die Kritik muss konstruktiv sein. Nicht einfach sagen: Das ist doch Unsinn! Sonst wird Ihr Gegenüber Ihren Argumenten nicht mehr besonders wohlwollend folgen. Die Kunst besteht darin, zu kritisieren, ohne den anderen runterzumachen. Denn keiner hat die reine Wahrheit gepachtet.“

Auch Emilia Müller rät dazu, Argumentationen und Angriffe nicht persönlich zu nehmen und in der Antwort nie aggressiv aufzutreten. Eine gute Streitkultur zu erlernen, ist für die Bundestagsabgeordnete Maria Flachsbarth ein wichtiger Teil der politischen Bildung: „Unsere Demokratie braucht das: Menschen, die eine Meinung haben und diese auch vertreten. Deshalb sind wir KDFB-Frauen, weil wir uns hinstellen und unsere Meinung sagen!“

Autorin: Karin Schott
aus KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 12/2018