KDFB

Inklusiv leben: Gewinn für alle

Gemeinsam Gemeinde leben. Illu: AdobeStock/PrintingSociety (Menschen); AdobeStock/sisti (Kirche)

Zu einer guten Gemeinschaft gehören auch Menschen mit Einschränkungen. Ein Plädoyer für mehr Offenheit und Miteinander, für eine Inklusion, die Zeichen setzt – in der Pfarrgemeinde und auch im Frauenbund.      

 

Es dauert ein wenig, bis Maria Nißl den Hörer abnimmt. Sie war gerade in einem anderen Zimmer der Wohnung und braucht deshalb etwas länger, bis sie mit dem Rollstuhl beim Telefon ist. Die engagierte KDFB-Frau macht kein Aufheben um den „Rolli“, gibt aber auf Nachfrage bereitwillig Auskunft über ihre Beeinträchtigung.

Maria Nißl wurde mit einer Sonderform des offenen Rückens geboren. Gleich nach ihrer Geburt war eine lebenswichtige Operation notwendig, trotzdem blieb eine Teillähmung beider Beine zurück. Maria Nißl braucht beim Überwinden von Treppen Hilfe. Ihre Beeinträchtigung hat sie aber nie von einem aktiven Leben abgehalten. Die gebürtige Münchnerin war im Schwabinger Krankenhaus berufstätig: zunächst 15 Jahre an der Pforte mit Schicht- und Nachtdiensten, später – nach einer verkürzten Ausbildung zur Bürokauffrau – in der Aufnahmeverwaltung, wo sie für standesamtliche Meldungen zuständig war. Sie ist kulturell interessiert, besucht gerne Konzerte und Ausstellungen, lernt Italienisch. In der Pfarrei Verklärung Christi ist sie ehrenamtlich aktiv. „Ich bin seit über 20 Jahren Mitglied des Frauenbundes, war lange im Leitungsteam und Vorsitzende des Pfarrgemeinderats“, berichtet die 70-Jährige. „Ich bin während der ganzen Zeit nie von irgendjemandem ausgegrenzt worden, weil ich gehbehindert bin. Die Pfarrei und der Frauenbund sind offen für alle.“ Kirche und Pfarrsaal sind heute barrierefrei, was sie als Glück empfindet.

Szenenwechsel. In Poing im Landkreis Ebersberg engagiert sich Renate Falterer im Leitungsteam des Frauenbundes. „Unter unseren Mitgliedern sind einige, die körperliche Einschränkungen haben. Sie sagen dann auch, welche Unterstützung sie in bestimmten Situationen brauchen“, erklärt die 49-Jährige. So nimmt beispielsweise eine Frau mit nur einem Lungenflügel am Programm teil. „Für sie und einige andere Frauen ist es bei Wanderungen wichtig, dass wir nicht zu schnell gehen und nicht zu weit. Deshalb bieten wir Ausflüge immer mit einer kürzeren und einer längeren Strecke an. Dann kann jedes KDFB-Mitglied dabei sein.“

Andere Frauen tragen Hörgeräte und sitzen deshalb bei Vorträgen gerne vorne, damit sie die Referent*innen besser verstehen können. „Beim Frauenbund ist das alles kein Problem, denn wir nehmen Rücksicht“, sagt Renate Falterer. Positiv bewertet sie die neue Kirche von Poing mit dem Gemeindezentrum: „Hier ist alles barrierefrei.“

 

Nicht nur bauliche Hürden sind schwer zu überwinden

 

Dass das oft noch ganz anders ist, weiß Monika Kaukal. Die Gemeindereferentin der Erzdiözese München und Freising begleitet Menschen mit Behinderung. Sie arbeitet mit einer halben Stelle im Haus Maria Linden des Katholischen Jugendsozialwerks in Vaterstetten und mit der anderen halben Stelle als Seelsorgerin im Dekanat München-Giesing. Von daher kennt sie nicht nur die Arbeit in Einrichtungen für Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern auch die Bedürfnisse an der Basis. In Bezug auf die Inklusion erkennt sie noch deutliche Defizite. „Es gibt zum Beispiel Kirchen, in die man nur über mehrere Stufen hineinkommt, oder Kirchentore, die so schwer sind, dass man sie kaum öffnen kann. Ganz zu schweigen von Pfarrsälen im ersten Stock ohne Lift“, listet Kaukal die Probleme auf.

 

Sich auf Begegnung einlassen

 

Die Seelsorgerin weiß aber auch, dass die bauliche Barrierefreiheit nur eine Seite von Inklusion darstellt. Ebenso wichtig ist die Haltung einer Gruppe gegenüber Personen, die „anders“ sind – sei es, dass sie anders aussehen, eine andere Muttersprache oder eine Beeinträchtigung haben. Wenn diese Haltung positiv ist, dann fühlen sich alle eingeladen. Jedoch sind Menschen oft unsicher, ob sie zum Beispiel die Behinderung ihres Gegenübers ansprechen dürfen. „Viele trauen sich nicht, jemanden direkt zu fragen, ob sie oder er Hilfe braucht. Und, falls Unterstützung gewünscht wird, was man tun kann“, erklärt Monika Kaukal. Gegenüber Menschen mit einer geistigen Behinderung sei diese Unsicherheit oft noch ein Stück größer, da vielfach angenommen wird, dass sie nicht verstehen können, was man zu ihnen sagt. „Doch das stimmt nicht“, betont Kaukal. „Wenn man sich erst einmal auf eine Begegnung mit Menschen eingelassen hat, die anders sind als man selbst, dann ergibt sich alles andere, und man wird dadurch bereichert“, so die Gemeindereferentin.

 

Gemeinsam nach Lösungen suchen

 

Monika Kaukal hat zudem beobachtet, dass Menschen mit Beeinträchtigung häufig auch besondere Fähigkeiten entwickelt haben. So verfügen viele Blinde über ein äußerst gutes Gedächtnis. Menschen mit geistiger Beeinträchtigung sind häufig besonders sensibel. „Wir können durch jede Begegnung viel lernen und einander auf Augenhöhe begegnen“, sagt Monika Kaukal. Doch sie weiß auch, dass Inklusion ein fortlaufender Prozess ist. Frauenbundgruppen oder Pfarreien sollten deshalb immer wieder klar betonen, dass man gerne auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen eingeht und mit ihnen gemeinsam nach Lösungen sucht.

 

Autorin: Gabriele Riffert
aus: KDFB engagiert 12/20

In Verbindung stehende Artikel: