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Gestrandet am Bahnhof

Frauen in jeglicher Not finden bei den 104 deutschen Bahnhofsmissionen immer Hilfe. Nach telefonscher Vorbestellung bieten sie auch Reisehilfe beim Ein-, Aus- oder Umsteigen an. Foto: Bahnhofsmission München
Die Bahnhofsmission München bietet wie die anderer großer Städte auch „Kids on Tour" an. Der Zug-Begleitdienst ermöglicht es allein reisenden Kindern, am Wochenende einen entfernt lebenden Elternteil oder Verwandte zu besuchen. Foto: Bahnhofsmission München
Viele der Frauen befinden sich in existenziellen Krisen. Manchen hilft auch schon ein Brot mit Margarine, das die Mitarbeiterinnen der Münchner Bahnhofsmission herrichten. Foto: Bahnhofsmission München
Beim „Beauty-Day" in Schweinfurt erhalten Gäste einen Haarschnitt. Foto: Bahnhofsmission Schweinfurt

Für viele verzweifelte Frauen ist sie die letzte Anlaufstelle: die Bahnhofsmission. 104 Einrichtungen dieser Art gibt es in Deutschland. Mit seiner aktuellen Spendenaktion unterstützt der KDFB die Bahnhofsmissionen von IN VIA. Ein Beitrag zum KDFB-Kampagnenschwerpunkt „Frauensolidarität“. 

 

Julia ist mit ihren zwei kleinen Kindern vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen. Maria wird, im Rollstuhl sitzend, von der Polizei gebracht, nachdem sie ohne Bleibe aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Sylvia ist seit ihrer Scheidung obdachlos – drei Frauen, drei Schicksale. Und keine weiß, wie es in ihrem Leben weitergehen soll. In einer kühlen Nacht im Herbst 2019 finden alle drei Schutz und einen notdürftigen Schlafplatz in der Münchner Bahnhofsmission am Gleis 11 des Hauptbahnhofs. Julia darf mit ihren Kindern auf zwei Notbetten in einem Büro schlafen, Sylvia legt sich zu drei anderen Frauen mit einer Isomatte und einer Decke auf den Fußboden des Aufenthaltsraums, und die pflegebedürftige Maria muss die Nacht im Rollstuhl verbringen.

Ein Zimmer für Notfälle fehlt

„Wir bräuchten so dringend ein fest angemietetes Zimmer in der Nähe, wo wir Frauen in Notsituationen für ein paar Tage unterbringen können“, erklärt Bettina Spahn, Leiterin der Katholischen Bahnhofsmission in München. „Es ist unfassbar! Maria wurde tatsächlich aus dem Krankenhaus mit einem Rollstuhl in die Obdachlosigkeit entlassen.“ Fünf Nächte verbringt die Kranke, größtenteils sitzend, in der Bahnhofsmission. Mehrere Versuche, die Schlaganfallpatientin wieder ins Krankenhaus einzuweisen, misslingen. Nach längerem Hin und Her zwischen Hilfsorganisationen und Ärzten kann Maria schließlich in einem Pflegeheim untergebracht werden.

Die Nöte der Menschen mit aushalten

Für Bettina Spahn und ihr Team ist es eine tägliche Herausforderung, das Spannungsfeld zwischen den Nöten der Menschen und den fehlenden Möglichkeiten auszuhalten. Seit 25 Jahren arbeitet die ausgebildete Krankenschwester hauptamtlich bei der Katholischen Bahnhofsmission. Sie sieht täglich die Lücken des Sozialsystems und weiß, was dringend benötigt wird. Nun will die 55-Jährige in München das Frauenprojekt „Zwischenraum“ verwirklichen. Das heißt: Sie will Frauen, die in der Bahnhofsmission um Hilfe bitten, in einem angemieteten Vierbettzimmer unterbringen und für eine sozialpädagogische Betreuung sorgen. „Wir wollen uns für Frauen einsetzen, die keine Lobby haben und bei denen kein Hilfssystem gegriffen hat“, sagt sie. „Durchschnittlich übernachten jeden Tag drei bis fünf Frauen bei uns. Wenn wir uns als Bahnhofsmission nicht kümmern, dann hilft ihnen keiner“, ist sie überzeugt.

Ein Platz zum Kraftsammeln für den nächsten Schritt

Einige dieser Frauen, die nicht sofort weitervermittelt werden können, bräuchten auch untertags dringend ein richtiges Bett. Bettina Spahn weiß, dass diese verzweifelten Frauen der tägliche Überlebenskampf und die Suche nach einem Schlafplatz für die nächste Nacht viel Energie kostet: „Sie sind oftmals psychisch sehr belastet und brauchen professionelle Unterstützung. Deshalb wäre für uns die Verwirklichung unseres Projekts so wichtig.“ Dort könnten sich die Frauen stabilisieren und Kraft für die nächsten Schritte finden.

München hat eine der größten Bahnhofsmissionen in Deutschland. 1897 wurde sie von Frauenbundgründerin Ellen Ammann (Link) ins Leben gerufen. Heute kommen täglich rund 300 Gäste, entweder um sich bei einem Schmalz- oder Margarinebrot und Tee zu stärken oder um sich in einer Notsituation beraten zu lassen.

Obdachlose Frauen versuchen, sich unsichtbar zu machen

Nur 30 Prozent der Gäste sind weiblich. „Frauen, die keinen Wohnsitz haben oder in extremer Armut leben, lernen, sich unsichtbar zu machen. Auch zum eigenen Schutz vor Gewalt und Übergriffen. Mit speziellen Angeboten für Frauen versuchen wir, sie auf uns aufmerksam zu machen und ihr Vertrauen zu gewinnen“, erklärt Gisela Sauter-Ackermann vom Katholischen Verband IN VIA für Mädchen- und Frauensozialarbeit, die für alle Katholischen Bahnhofsmissionen in Deutschland zuständig ist.

Denn gerade für verängstigte und traumatisierte Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, sind die Bahnhofsmissionen eine wichtige Anlaufstelle. Sie bieten einen Schutzraum, helfen bei der polizeilichen Anzeige und beraten über weitere Hilfsangebote. „Viele Frauen haben große Angst, dass der gewalttätige Mann sie aufspürt“, erklärt Corinna Rindle, Leiterin der Bahnhofsmission Köln. „Sie wollen einfach nur schnell in eine andere Stadt. Wir versorgen sie und ihre Kinder und kümmern uns um die Fahrkarte.“ Das Team der Bahnhofsmission am Zielort holt die Frauen oder Familien ab und vermittelt sie in eine Notunterkunft.

Die Bahnhofsmission in Köln am Gleis 1 kann aus Platzmangel keine Schlafplätze für Frauen anbieten. „Aber wir sorgen dafür, dass sie in einer Notunterkunft untergebracht werden können. Im Einzelfall ist das nicht möglich. Gerne würden wir im Notfall Zimmer anmieten, wofür wir dringend Geld benötigen“, erläutert Rindle. Pro Jahr bitten rund 15.000 Frauen in der Kölner Bahnhofsmission um Hilfe.

Anlaufstelle für ausgebeutete Haushaltshilfen

Für faire Arbeitsmigration engagiert sich das Frauenprojekt „Cosmobile Haushaltshilfen“ der Bahnhofsmission Karlsruhe. „Diese Frauen, vorwiegend aus Osteuropa, sind Betroffene von Menschenhandel im Sinne von Arbeitsausbeutung sowie Gewalt und kennen ihre Rechte nicht“, erklärt Bahnhofsmissionsleiterin Susanne Daferner von IN VIA. „Sie werden als 24-Stunden-Pflegekräfte oder Haushaltshilfen ausgebeutet und beherrschen oftmals die deutsche Sprache nicht.“

Bei der Bahnhofsmission in Karlsruhe werden sie beraten und bekommen im Notfall eine Begleitung zu Behörden oder Ärzten. Einmal wöchentlich sind die „Cosmobilen“ zum Gesundheitstreffen mit Bewegungsprogramm eingeladen. Außerdem werden hier auch die Deutschkenntnisse trainiert.

Gemeinsam gegen Einsamkeit und Armut im Alter

Viele ältere Frauen, die sich an die Bahnhofsmissionen wenden, sind von Einsamkeit und Altersarmut betroffen. Um auch diesen Frauen ein Gefühl der Gemeinsamkeit zu vermitteln, bieten einige IN-VIA-Bahnhofsmissionen besondere Aktionen an, wie zum Beispiel in Karlsruhe einen Kochclub für allein lebende Seniorinnen, in Aachen jeden zweiten Mittwoch einen Tag für Frauen in prekären Lebenssituationen und am Berliner Ostbahnhof ein Café für psychisch auffällige, süchtige oder wohnungslose Frauen.

„Einsamkeit ist bei uns ein großes Thema“, so Ingeborg Fuchs, Leiterin der Schweinfurter Bahnhofsmission. Sie hat deshalb ein Café für allein lebende Frauen gegründet. „Die Frauen kommen wegen der Gemeinschaft. Viele haben eine geringe Rente und können sich kaum etwas leisten“, erklärt die 62-Jährige. Beliebt bei den Café-Damen sei deshalb der „Beauty-Day“, bei dem sie zum Haareschneiden oder zur Maniküre kommen können. Ingeborg Fuchs schätzt ihre Arbeit bei der Bahnhofsmission sehr: „Ich bin hier mittendrin im Leben.“

 

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB engagiert 10/2019

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