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Frauen in Vanuatu

Bedrohtes Paradies: Der Meeresspiegel steigt und nagt an den Küsten Vanuatus. Foto: Christoph Kirsch/WGT

Vanuatu – der tropische Inselstaat im Südpazifik steht im Mittelpunkt des Weltgebetstags am 5. März. Unter dem Motto „Worauf bauen wir?“ machen dortige Frauen auf Probleme aufmerksam, mit denen sie tagtäglich zu kämpfen haben. Dazu gehören nicht nur die Folgen von Naturkatastrophen und Klimawandel, sondern auch patriarchale Strukturen, die Gewalt an Frauen fördern. 

 

Das letzte Paradies auf Erden, in dem die glücklichsten Menschen leben – so wirbt die Touristikbranche für Vanuatu. Doch für Frauen ist der Inselstaat im südlichen Pazifik das schlimmste Land der Welt. Eine erste landesweite Umfrage des Frauenzentrums von Vanuatu hat 2011 erschreckende Zahlen zutage gebracht: Mehr als 2300 Frauen waren zu Gewalterfahrungen in Ehe und Partnerschaft befragt worden. 60 Prozent von ihnen gaben an, ihr Partner sei mindestens einmal körperlich gewalttätig gewesen. 21 Prozent der befragten Frauen müssen mit bleibenden Schäden leben.

Die Tübinger Journalistin Katja Buck hat Anfang 2020 für das Deutsche Weltgebetstagskomitee Vanuatu besucht. Sie führte Gespräche mit Müttern, Witwen, Näherinnen und der Präsidentin des Nationalen Frauenrats. Alle bestätigten: So schön die Inseln mit ihren Stränden, bunten Korallenriffen und dem üppigen Regenwald sein mögen, so schwierig ist die Situation der Frauen. „Traditionelle Rollenverteilung, kaum Mitsprache, keine Frau im Parlament, eine hohe Gewaltrate, viel Arbeit und Verantwortung. Für Frauen ist Vanuatu alles andere als ein Paradies“, sagt Katja Buck, die beim KDFB-Weltgebetstagsseminar über das Land referierte.

 

Nein zur Gewalt: Jungen Frauen den Rücken stärken

 

Beeindruckt zeigte sich Buck auch von der Begegnung mit der Politikerin und Menschenrechtsaktivistin Anne Pakoa. Die 50-Jährige ist Gründerin der Nicht-Regierungsorganisation „Vanuatu Young Women for Change“ (Junge Frauen für den Wandel). Das Projekt stärkt Frauen und Mädchen und wappnet sie gegen die allgegenwärtige Gewalt.

Anne Pakoa ist selbst Gewaltopfer. Als junge Frau verletzte sie ihr damaliger Partner mit einer zerbrochenen Flasche und einer Machete. Narben erinnern sie heute noch daran. „Er wollte mich töten. Als ich einmal einen anderen Mann im Dorf im Vorübergehen grüßte, ging er mit der Machete auf mich los“, berichtet sie Katja Buck. Pakoa floh an den Strand, wollte wegschwimmen. „Er hat mich im Wasser erwischt und schlug mir mit der Machete auf den Kopf. Als das Wasser um mich herum voller Blut war, habe ich erst kapiert, dass er mich wirklich umbringen wollte.“

 

Anne Pakoa ist selbst ein Gewaltopfer. Heute klärt sie junge Frauen über ihre Rechte auf

 

Pakoa überlebte knapp. Mit ihrer kleinen Tochter floh sie zu ihrer Familie. Von dort aus ging sie zur Polizei. Ihr gewalttätiger Partner wurde jedoch nie belangt, denn ein Polizist nahm zwar ihre Anzeige auf, zerknüllte aber das ausgefüllte Formular vor ihren Augen und warf es in den Papierkorb.

Die schmerzhaften Erfahrungen prägen Anne Pakoa bis heute, mittlerweile ist sie mit einem Australier verheiratet und ausgebildete Krankenschwester. Für ihre Pfarrgemeinde hat sie eine Krankenstation aufgebaut und unterrichtet an der Krankenpflegeschule. 2011 gründete sie die Menschenrechtsorganisation „Vanuatu Human Rights Coalition“ und begann, Frauen auf dem Land über ihre Rechte aufzuklären. Zwei Jahre später rief sie die Frauenrechtsorganisation „Vanuatu Young Women for Change“ ins Leben.

Diese Initiative wird von der Organisation „femLINKpacific“ unterstützt, der ein Teil der Kollekte des diesjährigen Weltgebetstags zugutekommen soll. Seit vielen Jahren fördert der Weltgebetstag dieses Mediennetzwerk im pazifischen Raum, das sich für die Sichtbarkeit von Frauen in der Regionalberichterstattung über Wahlen, in der Politik und in der Regierung engagiert.

 

Selbst nach einem Wirbelsturm erwarten die Männer, dass die Frauen ein Essen parat haben

 

In einem Programm von „Vanuatu Young Women for Change“ lernen junge Frauen, Wettervorhersagen in lokale Sprachen zu übersetzen. So können sie auch in entlegenen Gebieten vor drohenden Naturkatastrophen warnen. Denn Vanuatu ist laut UN-Risikoindex das am stärksten von Umweltkatastrophen heimgesuchte Land – und weltweit am stärksten vom Klimawandel bedroht. Durch die Erwärmung des Meerwassers sterben Korallenriffe ab, die die Inseln vor hoher Brandung und Erosion schützen. Zudem nagt der steigende Meeresspiegel an den Inseln. Starkregen verursacht Überschwemmungen und Erdrutsche, ausbleibender Regen Trockenheit. Beides kann zu Ernteausfällen führen. Auch die Wirbelstürme sind gefährlich: 2015 beschädigt und zerstört der Zyklon Pam rund 90 Prozent der Häuser. Der Schaden wird auf 600 Millionen US-Dollar geschätzt. Im April 2020 verwüstet Zyklon Harold Teile der nördlichen Inseln. Hinzu kommen Vulkanausbrüche, Erdbeben und Tsunamis.

Um sich auf Zyklone vorzubereiten, müssen Frauen rechtzeitig Vorräte und Feuerholz so verstauen, dass nicht alles völlig durchnässt wird. Als „Disasterfood“, übersetzt „Katastrophennahrung“, dient ein Brei aus grünen Bananen oder Brotfrucht. Er wird getrocknet und vergraben und ist bis zu einem Jahr haltbar. Selbst nach einem Wirbelsturm erwarten die Männer in Vanuatu, dass die Frauen ein Essen parat haben. „Die Frauen sind für das Auskommen der Familien verantwortlich“, erklärt Katja Buck. Sie sorgen dafür, dass im Hausgarten oder auf dem Acker Obst und Gemüse wachsen. Sie verkaufen auf dem Markt, was sie erübrigen können, und beschaffen das Einkommen der Familie, um das Schulgeld für die Kinder aufzubringen.

 

Die Organisation arbeitet mit den Dorfvorstehern zusammen

 

Aufgrund der patriarchalen Strukturen sind Frauen den Männern untergeordnet. Bei der Umfrage des Frauenzentrums stimmte die Hälfte der befragten Frauen der Aussage zu, dass eine Frau ihrem Mann gehorchen müsse, selbst wenn sie nicht seiner Meinung sei. Grund dafür ist unter anderem ein überliefertes Wertesystem, das alle Lebensbereiche durchzieht. „Schlüsselfiguren in diesem System sind die Chiefs, die in einem Dorf oder für einen Stamm Entscheidungen treffen, Konflikte regeln und die Gemeinschaft nach außen vertreten“, so Katja Buck.

Hier setzt ein weiteres Projekt von „Vanuatu Young Women for Change“ an. Die Organisation arbeitet mit Dorfvorstehern zusammen und sensibilisiert sie für die Anliegen der Frauen – in der Hoffnung, dass sich die Situation verbessert. Zudem gibt es ein Programm für alleinerziehende Mütter. Sie werden über Säuglingspflege, Verhütung und andere Gesundheitsfragen informiert.

Der Weltgebetstag ist für die Frauen des Inselstaates, von denen sich 83 Prozent zum Christentum bekennen, sehr wichtig. „Sie hoffen, dass die weltweite Frauensolidarität ihnen hilft, in ihrer Lebenssituation und mit ihrem Hintergrund besser wahrgenommen zu werden“, sagt Religionswissenschaftlerin Buck.

 

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB engagiert 1/2021

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