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Niemand weiß, wie Gott ist

Der Theologe Konrad Haberger ermutigt zu einem Glauben, der sich immer weiterentwickelt, ein Leben lang.

 

Jesukindlein komm zu mir, mach ein frommes Kind aus mir…“, das liebliche Gebet ist ein Klassiker. Wer damit aufgewachsen ist, fühlt sich beim Klang der Verse sofort in die eigene Kindheit versetzt.

Davon erzählt der katholische Theologe Konrad Haberger. Der Niederbayer lädt in seinen Seminaren ein, der persönlichen Glaubensgeschichte nachzugehen. Er selbst erinnert sich gerne an dieses Abendgebet aus seinen Kindertagen. Ein Gefühl von Geborgenheit, Schutz und Sicherheit sei damit verbunden. „Der kleine Jesus kommt zu mir, der Schutzengel wacht über mir, auch Oma und Opa sind da, ich kann friedlich einschlafen“, erzählt er und spricht vom „Urvertrauen“, das am Anfang des Lebens entsteht.

 

Aufgewachsen mit Gott als Richter 

 

Schön, wenn es dabei bleibt. Nicht selten aber vermengt sich das Heimelige schon früh mit dem Unheimlichen: „Sei brav, Gott sieht dich!“ Die Furcht vor dem allmächtigen Gott schleicht sich ein, der ins Innerste sieht, vor dem nichts verborgen bleibt. Aus vielen Gesprächen, auch mit Frauen aus dem Frauenbund, weiß Konrad Haberger, dass Menschen der älteren Generation häufig mit dem Gottesbild eines Richters groß geworden sind, dessen strenger Blick sie überall begleitet.

Der Jesuitenpater Karl Frielingsdorf nennt solche Gottesbilder „dämonisch“. In seinem Buch „Gottesbilder. Wie sie krank machen – wie sie heilen“ spricht er von einem Buchhaltergott, der jede Tat, jeden Gedanken genau festhält, oder von einem überfordernden Leistungsgott, der sich nie zufriedengibt. Meist schlummern solche Bilder im Unbewussten, verborgen unter der Rede vom lieben Gott. Von dort verbreiten sie Trostlosigkeit und Unruhe. „Das persönliche Gottesbild ist jene innere Kraft, die unser Leben im Tiefsten tragen und inspirieren, aber auch behindern und belasten kann“, schreibt Frielingsdorf.

 

Sinnliche Erlebnisse rund ums Kirchenjahr gehören zu den Schätzen der Kindheit

 

Konrad Haberger ermutigt in seinen Seminaren dazu, das Verborgene, Verdrängte, Vergessene ans Licht zu holen und sich damit auseinanderzusetzen. „Wer hat mir von Gott erzählt? Die Oma vielleicht? Was hat sie gesagt?“ Solche und ähnliche Fragen führen mitten in die Glaubenswelt der eigenen Kindheit. Erinnerungen steigen hoch, mal furchterregend, mal wunderschön. Sinnliche Erlebnisse rund um das Kirchenjahr seien häufig dabei: Prozessionen, Glockenläuten, Blumen, Musik, Weihrauchduft, Kerzenlicht. Bilder, die auftauchen, können aufgeschrieben oder aufgemalt werden. Danach heißt es: sortieren. Teilnehmer*innen tauschen sich aus und überlegen: „Was war gut, was möchte ich behalten? Was belastet mich, was lege ich ab?“

 

„Sei ganz, sei versöhnt mit dir selbst!“

 

Auf der Reise zu einer reifen Gottesbeziehung geht es um Erfahrungen, um Geschichten, um Symbole. „Auch in der Bibel offenbart sich Gott auf diese Weise, anders lässt sich Gott nicht fassen. Niemand weiß, wie Gott ist“, erklärt Konrad Haberger. Und sofort ist er bei der Geschichte von Abraham und Isaak (Genesis, 22,1-13). „Opfere mir deinen Sohn!“, verlangt Gott von Abraham. „Ist das nicht wahnsinnig? Abraham wäre bereit gewesen, auf Gottes Geheiß seinen Sohn zu töten und damit seine eigene Zukunft auszulöschen“, sagt Haberger. Wie lässt sich diese uralte Erzählung verstehen? Laut Konrad Haberger handelt sie von einer Wandlung des Gottesbildes. Denn dieser Gott, der von Abraham das unsägliche Opfer verlangt, heißt im Hebräischen „Elohim“, ein Pluralwort, das auch mit „die Gottheiten“ übersetzt werden könnte, wie Haberger erklärt. Abraham hat schon das Messer gezückt, da stoppt ein Engel Jahwes seine Hand. „Ein jahrtausendelanger Prozess verdichtet sich in dieser Geschichte. Anstelle der archaischen Gottheiten, die Menschen in ihrer Gewalt haben und Opfer verlangen, tritt Jahwe in Erscheinung“, sagt Konrad Haberger und erklärt weiter: Jahwe ist ein Name, der sich kaum übersetzen lässt. Das Wort könnte schlicht das Verb „sein“ bedeuten oder auch „Ich bin da“, vielleicht steht es für die Zukunft: „Ich werde sein“ oder „Du wirst sein“. Psychologisch ließe sich laut Haberger die Abraham-Erzählung so deuten: „Gott will, dass du lebst, dass du eine Zukunft hast und dass du als erwachsener Mensch tradierte Gottesbilder hinter dir lassen kannst.“ Gott ist nicht fassbar, Gott ist Vielfalt, Gott kann Vater oder Mutter sein. Gott schließt nicht aus. Dazu passe auch der Satz, den Gott zu Abraham sagt, als er einen Bund mit ihm schließt (Mose, 17,1): „Geh deinen Weg vor mir und sei ganz.“ Sei „ganz“. Das Originalwort im Hebräischen meine nicht etwa – wie es gerne übersetzt werde – „makellos“ oder „rechtschaffen“ in einem moralischen Sinne, sondern: „Sei ein ganzer Mensch. Auch deine Schattenseiten gehören zu dir. Sei ganz, sei versöhnt mit dir selbst!“

 

„Jesus hat die Menschen nicht krumm gemacht. Er hat sie entkrümmt.“

 

Schritt für Schritt begleitet die Bibel auf dem Weg zu einer reifen Spiritualität. Im Namen Jahwes handelt auch Jesus im Neuen Testament, wenn er etwa Kranke von Dämonen befreit und sie heilt. Zum Beispiel die gekrümmte Frau, von der Lukas erzählt (Lukas, 13,10): 18 Jahre lang war die Frau schon krank, denn ein Geist plagte sie. Sie war verkrümmt und konnte nicht aufrecht gehen. In diesem Zustand wagt sie sich in die Synagoge, mitten unter hochgestellte Männer, am Sabbattag. Jesus sieht sie, ruft sie zu sich und bindet sie von ihrer Krankheit los – obwohl Heilen am Sabbat verboten ist. Die Frau richtet sich auf und preist Gott.

„Jesus von Nazaret hat die Menschen nicht krumm gemacht. Im Gegenteil, er hat sie entkrümmt“, sagt Konrad Haberger. Außerdem: Jesus war nicht autoritätshörig, er war frei.

Die Bibel inspiriere dazu, frei und aufrecht den eigenen Weg zu gehen. Ein lebendiger Prozess sei das, betont Haberger: „Zu einem bestimmten Zeitpunkt hat sich eine Form des Glaubens entwickelt. Wie aber geht es weiter? – Nicht stehen bleiben.“

 

 

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB engagiert 6/2021

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