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Ellen-Ammann-Preis 2021

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Nadja Dobesch-Felix, Bettina Reitz, Marianne Ehrler, Jacqueline Flory und Bettina Zschätzsch. Fotos: Barbara Wild, HFF PR/Robert Pupeter 2015, Anne Huber, Zeltschule e.V., privat

Fünf außergewöhnliche Frauen sind für den Ellen-Ammann-Preis 2021 nominiert. Eine von ihnen wird am 1. Juli mit dem Hauptpreis ausgezeichnet, auf die anderen warten weitere Preise. Was die fünf Frauen verbindet: Sie haben mit ihren Projekten Grenzen überschritten – wie Frauenbundgründerin Ellen Ammann.

 

Nadja Dobesch-Felix: Lebensplätze für Frauen

 

Sozialpädagogin Nadja Dobesch-Felix hilft wohnungslosen Frauen, den Weg zurück in einen würdigen Alltag zu finden.

Obdachlose Frauen? Die gibt es doch gar nicht! „Das war lange die vorherrschende Meinung“, erzählt Nadja Dobesch-Felix, Leiterin des Evangelischen Beratungsdienstes, einer Einrichtung des Evangelischen Hilfswerks München. Die 60-jährige Sozialpädagogin hat mit dem Projekt „Lebensplätze für Frauen“ die Stadt München überzeugt. So konnten vor knapp zehn Jahren vorwiegend ältere, langjährig wohnungslose Frauen in ein eigens für sie gebautes Haus mit 26 Wohnungen einziehen. Ziel ist es, diesen Frauen mit dauerhaften Mietverträgen ein selbstbestimmtes, geschütztes und würdiges Älterwerden zu ermöglichen. Bis heute ist das Projekt eine bundesweit einzigartige, langfristige Wohnform für obdachlose Frauen.

 

Weibliche Obdachlosigkeit sichtbar machen

 

Nadja Dobesch-Felix ist immer wieder erschüttert, wie einsam obdachlose Frauen sind: „Anders als Männer versuchen Frauen ihre Armut lange zu verdecken: Wenn sie ihre Wohnung verlieren, übernachten sie zunächst meist bei Bekannten, selten auf der Straße. Viele schämen sich extrem.“

Der Evangelische Beratungsdienst hilft pro Jahr rund tausend wohnungslosen oder von Wohnungslosigkeit bedrohten Frauen. „Unsere Aufgabe ist es, die verdeckte Obdachlosigkeit von Frauen sichtbar zu machen, ihnen einen geschützten Raum zu bieten und sie frauenspezifisch zu beraten“, erklärt Dobesch-Felix. Die Hilfsangebote für Frauen umfassen neben der Beratung die Notaufnahme sowie die Möglichkeit, in ein Wohnheim oder in eine betreute Wohngemeinschaft zu ziehen.

„Die Frauen, die zu uns kommen, sind in jeder Hinsicht arm: Ihnen fehlen nicht nur Geld und eine Wohnung, sondern auch persönliche Netzwerke, Ausbildung und Gesundheit“, so Dobesch-Felix. Zentraler Punkt der Beratung sei deshalb, das Selbstwertgefühl der Frauen aufzubauen: „Wir motivieren sie, ihre eigenen Ressourcen und ihre Persönlichkeit zu entwickeln. Viele müssen erst lernen, dass sie so sein dürfen, wie sie sind.“

 

 

Bettina Reitz: Gemeinsam für Gender-Gerechtigkeit

 

Medien prägen das Frauenbild in der Gesellschaft. Deshalb setzt sich Professorin Bettina Reitz für geschlechtergerechtes Denken an deutschen Filmhochschulen ein.

Hier wird geschlechtergerecht gedacht und gearbeitet!“ Unter diesem Motto hat Bettina Reitz zusammen mit zwei weiteren deutschen Filmhochschulen ein Konzept für Geschlechtergerechtigkeit initiiert und mitentwickelt. Das Positionspapier „Gemeinsam für Gender-Gerechtigkeit“ wird auch von der EU gewürdigt.

Bettina Reitz, Präsidentin der Hochschule für Fernsehen und Film München (HFF), kennt die Filmbranche aus unterschiedlichen Perspektiven: Sie war Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks, Geschäftsführerin der ARD-Firma Degeto Film und an drei Oscar-prämierten Produktionen beteiligt. „Frauen sind in Film und Fernsehen deutlich unterrepräsentiert, vor der Kamera und auch dahinter“, so die 58-jährige Wahlmünchnerin. Ihr Ziel sei deshalb, „ein Bewusstsein für Geschlechterdarstellung im Film zu schaffen, Frauen für das Filmbusiness stark zu machen und in den Hochschulstrukturen geschlechtergerechtes Denken zu verankern“.

 

Den filmischen Blick auf den Alltag verändern

 

Das Projekt, dem sich alle staatlichen Filmhochschulen in Deutschland angeschlossen haben, wurde erstmals auf der Berlinale 2018 präsentiert. 2020 folgte eine erste positive Zwischenbilanz. Demnach werden Studierende an Filmhochschulen für ein audiovisuelles Erzählen gestärkt, das Stereotype hinterfragt. Auch wird die Auseinandersetzung mit Themen wie Diversität, Gender-Gerechtigkeit oder Machtmissbrauch im Hochschulalltag gefördert: „Wenn bereits während der Filmausbildung der sensible Umgang mit möglichem Machtmissbrauch gelehrt wird, stellt das die Weichen für eine Berufswelt, die hoffentlich schon bald ohne #metoo funktionieren kann“, so Reitz.
Weitere Selbstverpflichtungen des Positionspapiers sind zum Beispiel die Entwicklung von Frauenförderplänen, die Erhöhung des Anteils von Professorinnen und dort, wo es nötig ist, auch von Bewerberinnen für die Studiengänge. Denn: „Die Geschichten, die wir sehen, verändern den Blick auf unseren Alltag. Und ein diverses Team entwickelt diversere Geschichten und Charaktere“, erklärt Reitz.

 

 

Marianne Ehrler: Integrationsarbeit in Dorfen

 

Getreu ihrem Motto „Jeder Mensch hat das Recht, menschenwürdig zu leben“, organisiert Marianne Ehrler Deutsch- und Integrationskurse für Zugewanderte, damit diese sich nicht mehr fremd fühlen.

Wenn die gelernte Technische Zeichnerin Marianne Ehrler auf die vergangenen 25 Jahre zurückblickt, kann sie stolz sein: Sie hat viel bewirkt in Dorfen, einer Kleinstadt östlich von München. Von Anfang an war sie dabei, als dort ein Frauenfrühstück gegründet wurde. Eingeladen waren Frauen jeden Alters, jeder Nationalität und Religion. Das kam gut an, sowohl bei Alteingesessenen als auch bei neu Zugezogenen. Was 1996 als informelles Treffen begann, hat sich zu einem erfolgreichen Integrationsprojekt entwickelt, das Frauen, Männern und Kindern aus aller Welt Deutschkurse und Hausaufgabenhilfe bietet. Marianne Ehrler hat an dieser Entwicklung maßgeblichen Anteil – als Initiatorin, Ideengeberin und Organisatorin.

 

Deutschkenntnisse ermöglichen Frauen mehr Unabhängigkeit

 

Um das Projekt nachhaltig auszurichten, musste ein Verein gegründet werden. „Von Anfang an war ich das Gesicht nach außen“, sagt sie. „Ich habe Kontakte geknüpft, ein Netzwerk aufgebaut und mich um Spenden bemüht.“ Marianne Ehrler übernahm den Vereinsvorsitz – 18 Jahre lang. „Unser Ausgangspunkt: Wir wollten Frauen die Möglichkeit geben, Deutsch zu lernen, um dadurch zu mehr Unabhängigkeit zu gelangen.“ Auch die Kinder brauchten Hilfe – denn damals besuchten viele türkische Schüler ohne Deutschkenntnisse die Grundschule. Mit den Jahren wuchsen die Herausforderungen für den Verein. Immer wieder musste er neue Räume finden und das Unterrichtsangebot erweitern, zum Beispiel um Integrationskurse für Frauen und Männer. Zudem gibt es eine Kinderbetreuung, damit Eltern ungestört lernen können. Als 2015 die Flüchtlingswelle Bayern erreichte, wurde die Kurszahl erhöht. Heute, mit 79 Jahren, arbeitet Marianne Ehrler noch an zwei Vormittagen pro Woche mit. „Dir wird nur auferlegt, was du auch bewältigen kannst“, ist ihre Überzeugung.

 

 

Jacqueline Flory: Zeltschulen für Geflüchtete

 

Eine schwere Aufgabe: Jacqueline Flory unterstützt geflüchtete Syrerinnen in Camps im libanesischen Grenzgebiet. Mit Zeltschulen versucht sie, den Frauen und ihren Kindern eine Zukunftsperspektive zu geben.

Zehn Jahre ist es her, dass der Syrienkrieg ausbrach, der Millionen zur Flucht zwang. Viele von ihnen landeten in provisorischen Zeltlagern im Libanon. Jacqueline Flory, die in ihrem Beruf als Übersetzerin das Land bereist hatte, ließ die Not der Menschen nicht kalt. Fünf Jahre ist es her, dass die Münchnerin für Flüchtlingskinder eine erste Zeltschule im libanesischen Bekaa-Tal gründete. Fünf Jahre extrem zeitaufwendigen Engagements – und welch eine Wirkung: Über 7000 Kinder lernen heute in 30 Zeltschulen. Deren Familien müssen täglich mit Wasser, Lebensmitteln, Kleidung, Medikamenten und Feuerholz versorgt werden, weil erwachsene Flüchtlinge im Libanon nicht arbeiten dürfen. Rund 600 Frauen haben in Alphabetisierungskursen Lesen und Schreiben gelernt, viele weitere erwerben in Workshops handwerkliche Fähigkeiten, um nach einer Rückkehr nach Syrien ihren Lebensunterhalt selbstständig bestreiten zu können.

 

„Wir können viel mehr verändern, als wir glauben!“

 

Mit einer großen Portion Sturheit hat Flory ihr spendenbasiertes Bildungsprojekt gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt. Heute wird sie von allen „Madam Madrassa“ genannt – die Frau, die Schulen baut. „Wir können viel mehr verändern, als wir glauben!“, ist sie überzeugt.

Der 45-Jährigen ist es wichtig, den Geflüchteten auf Augenhöhe zu begegnen. „Ich höre mir die Nöte der Betroffenen an und entwickle gemeinsam mit ihnen unbürokratische und pragmatische Lösungen“, sagt sie. Die Lebensgeschichten der Frauen und Mädchen hat sie in einem Buch gesammelt. Es heißt „Invicta“, die Unbesiegte. Bei allem, was Flory anpackt, ist ihr Gleichberechtigung wichtig. Mädchen besuchen gemeinsam mit den Jungen den Unterricht in den Camps, vor allem alleinstehende Frauen werden unterstützt, jugendlichen Mädchen wird eine Ausbildung ermöglicht, statt sie in eine ungewollte Kinderehe zu zwingen.

 

Mehr unter www.zeltschule.org. Dort kann auch das Buch von Jacqueline Flory bestellt werden.

 

 

Bettina Zschätzsch: Hofer Schulbegleitung

 

Ehrenamtliche Mentor*innen und Lernpartner*innen verbessern in Hof die Bildungschancen von Kindern. Gleichzeitig werden die Kompetenzen von Eltern gestärkt. Bettina Zschätzsch hat die Hofer Schulbegleitung gegründet. 

Bettina Zschätzsch, 65, hat neun Kinder großgezogen. Sie weiß also, was es heißt, Heranwachsende durch die Schule zu begleiten. Ein Erfahrungsschatz, der ihr bei ihrem ehrenamtlichen Engagement zugutekommt. Unter dem Motto „Wir machen Familien stark“ hat sie ab 2006 die Hofer Schulbegleitung initiiert und aufgebaut. Deren Ziel: benachteiligte Kinder vor allem aus Familien mit Migrationshintergrund zu unterstützen und Eltern in ihrer Bildungskompetenz zu stärken. Das gelingt, weil ehrenamtliche Mentor*innen und jugendliche Lernpartner*innen für Kinder und Eltern da sind – nach dem Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Zschätzsch hat die Initiative erst zu einem Pilotprojekt, dann zu einer geförderten Einrichtung geführt, deren Wirksamkeit wissenschaftlich untermauert ist – ein langwieriger Kraftakt –, wie sie sagt. Seit 2012 werden jedes Jahr 40 Grundschulkinder in ihren Familien zeitlich befristet gefördert. Die Initiatorin blickt auf Erfolgsgeschichten zurück. Sie berichtet etwa von einem türkischen Mädchen, das als Einzige in der Großfamilie das Abitur abgelegt hat und studiert, während sich deren Mutter mit einer Cateringfirma selbstständig gemacht hat und Schulen und Kindergärten beliefert.

 

Oft sind die Mentor*innen die einzigen deutschen Bekannten der Familie

 

Die Hilfe der Mentor*innen kann entscheidend sein, oft sind sie die einzigen deutschen Bekannten der Familien, die zum Beispiel aus Syrien, der Türkei oder dem Libanon stammen. Die Mentor*innen, darunter auch KDFB-Frauen, werden als Vertraute und fachkundige Berater*innen geschätzt. Zschätzsch ist als Mentorin weiter aktiv, auch wenn heute eine pädagogische Koordinatorin des Stadtjugendrings die Fäden in der Hand hat. Ein afrikanisches Sprichwort lautet: „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind stark zu machen.“ Genau da setzt das Hofer Projekt an. Ein Netzwerk aus verschiedenen Generationen und Kompetenzen soll dieses Dorf für benachteiligte Kinder ein Stück Wirklichkeit werden lassen. „Dafür lohnt sich jeder Einsatz“, sagt die Initiatorin.

 

 

Frauen mit Charisma

 

Der Ellen-Ammann-Preis wird in diesem Jahr zum fünften Mal verliehen – und zwar am 1. Juli im Bayerischen Landtag. Der KDFB Landesverband Bayern zeichnet damit bewusst einzelne Frauen aus und nicht Projekte. Es sollen charismatische Frauen im Mittelpunkt stehen, die anderen Mut machen. 

2000 Euro erhält die erste Preisträgerin, dazu die Ellen-Ammann-Kamee, ein Schmuckstück, das speziell für diesen Anlass entworfen wurde. Die Plätze zwei und drei erhalten 1000 beziehungsweise 800 Euro. Platz 4 und 5 können sich über 500 beziehungsweise 300 Euro freuen. Das Sä­kularinstitut Ancillae Sanctae Ecclesiae, das Ellen Ammann gegründet hat, unterstützt den Frauenbund finanziell bei der Ausgestaltung des Preises.

Rund 20 Frauen reichten ihre Bewerbung ein. Diesmal gab es bei der Bewertung durch die Gutachterinnen ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Bewerberinnen. Auch die14-köpfige Jury tat sich schwer mit der Platzierung der Preisträgerinnen. Jurymitglied ist beispielsweise Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU), die die Schirmherrinnenschaft des Ellen-Ammann-Preises übernommen hat. Auch die bayerische Sozialministerin Carolina Trautner (CSU) sowie Landtagsabgeordnete von Freien Wählern, SPD, Grünen und der FDP gehören der Jury an, dazu Medienfrauen und Repräsentantinnen vonseiten der Verbände und der Gewerkschaft. Mehr unter www.frauenbund-bayern.de  

 

 

Autorinnen: Eva-Maria Gras und Karin Schott
aus: KDFB engagiert 3/2021