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Direktvermarktung: Wissen, wo der Braten herkommt

Bei Familie Stangl dürfen Muttertiere und Kälber gemeinsam grasen. Foto: Gertraud Stangl

Säuberlich geschnitten und in Klarsichtfolie verpackt: In den Kühlregalen der Supermärkte lockt Fleisch in großer Auswahl zum Zugreifen. Wenn Rinderbraten, Hühnerbrust oder Schweineschnitzel noch dazu im Sonderangebot zu haben sind, füllen sich die Einkaufswagen. Doch der niedrige Preis ist gar nicht so erfreulich, wie er im ersten Moment erscheint. Immer mehr Menschen fragen sich, wie die Tiere gezüchtet wurden, deren Fleisch am Ende für drei oder fünf Euro pro Kilo angeboten wird.

 

Trauriger Alltag: qualvolle Bedingungen für die Schlachttiere

 

Eine aktuelle Greenpeace-Studie bringt Besorgniserregendes zutage: Knapp 90 Prozent des Frischfleischs der Supermarkt-Eigenmarken stammt von Tieren, die unter qualvollen Bedingungen gehalten wurden, heißt es. In der Massentierhaltung bekommt beispielsweise ein Schwein nicht einmal einen Quadratmeter Platz im Stall, Auslauf ins Freie gibt es nicht, es mangelt an Tageslicht, der Boden ist kahl und hart. Zusammengepfercht auf kleinstem Raum, fern von der Natur, entwickeln Masttiere Verhaltensstörungen, greifen sich etwa gegenseitig an. Um das zu verhindern, verstümmelt man sie: Schweinen werden ihre Ringelschwänze, Hühnern die Schnäbel, Rindern die Hörner abgeschnitten, ohne Betäubung. Das einzige Ziel ist es, die Tiere mit Kraftfutter so schnell wie möglich auf Schlachtgewicht zu bringen und zu vermarkten. Der Absatz ist gesichert, denn Fleisch ist ein geschätztes Nahrungsmittel. Statistisch gesehen verzehrt jeder Deutsche etwa 60 Kilo Fleisch im Jahr – das Doppelte dessen, was Ernährungswissenschaftler empfehlen. In etlichen Haushalten kommen Wurst, Gulasch, Braten oder Schnitzel tagtäglich auf den Teller. Viel und billig – das tut weder der eigenen Gesundheit noch den Tieren gut. Auch die Umwelt und das Klima leiden.

 

Der Metzger um die Ecke und der Hofladen haben Zulauf

 

Erfreulicherweise setzt sich derzeit ein anderer Trend durch: „Die Menschen sind sensibler geworden, zumindest ein Teil der Bevölkerung. Insbesondere jüngere Käufer achten darauf, woher ihr Fleisch kommt, artgerechte Tierhaltung ist ihnen wichtig“, sagt Gisela Horlemann, Ernährungsexpertin beim VerbraucherService Bayern. Der Metzger um die Ecke und der Hofladen auf dem nahegelegenen Bauernhof haben Zulauf, denn Fleisch aus der Region ist gefragt. Auch das vom Familienbetrieb Stangl in Obernberg bei Deggendorf im Bayerischen Wald. Dort gibt es auf Vorbestellung gemischte Rindfleischpakete mit Braten, Roulade, Suppenfleisch, Lende und Gulasch. Das Fleisch stammt von jungen Tieren, die bis zur Schlachtung bei ihrer Mutter bleiben. Mutterkuhhaltung nennt man diese tierfreundliche Aufzucht. Wenn Bäuerin Gertraud Stangl aus dem Fenster des Bauernhofs schaut, sieht sie weite Weide und darauf Kühe friedlich grasen. Ihre Kühe. Es freut die KDFB-Frau, dass es den Kälbern richtig gut geht. Sie sind gesund, brauchen kaum Medikamente.

 

Artgerecht gehaltene Tiere liefern gesünderes Fleisch

 

Mit etwa einem Jahr werden sie geschlachtet. Die Familie Stangl legt viel Wert darauf, dass es ganz in Ruhe geschieht – damit keine Stresshormone ins Fleisch gelangen. Und weil die Tiere glücklich gelebt haben, liefern sie hervorragendes Fleisch, das nicht nur zart und aromatisch schmeckt, sondern auch nachweislich gesünder ist als das aus der Massenproduktion. „Das Fett ist im Fleisch fein verteilt, weil die Tiere ausreichend Bewegung hatten. Außerdem enthält das Fleisch nur wenig Purine, die ja Gicht auslösen können“, erklärt Gertraud Stangl, die sich seit langen Jahren in der Bayerischen Landfrauenvereinigung engagiert. Studien bestätigen zudem, dass Fleisch von Tieren, die auf der Weide grasen, gesünderes Fett enthält als dasjenige, das aus Massenproduktion stammt. Und doch leben und sterben alleine in Deutschland jährlich weit über 700 Millionen Tiere in prekären Haltungsbedingungen. Auch wenn die Biobranche im Aufwind ist, liegt der Marktanteil von Biofleisch lediglich bei unter zwei Prozent. Wenn Gertraud Stangl in den Supermarkt zum Einkaufen geht und Billigstfleisch im Angebot sieht, muss sie sich empören: „Wie kann es sein, dass ein Kilo Fleisch weniger kostet als eine Schachtel Zigaretten?“ Sie wünscht sich, dass Käufer mehr überlegen, was gutes Fleisch wert ist. Ein Umdenken in dieser Richtung scheint tatsächlich im Gange zu sein: In Umfragen erklären sich Menschen mehrheitlich bereit, weniger Fleisch zu essen, dafür aber beim Kauf auf Qualität zu achten und dafür auch mehr Geld auszugeben. Womöglich haben auch die vielen Lebensmittelskandale – vom Rinderwahnsinn über Schweinepest und Vogelgrippe bis hin zu aufgedeckten Missständen in Schlachtbetrieben – dazu beigetragen.

 

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB engagiert 2/21

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