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Die Geschichte meines Lebens

Erinnerungen sind ein wertvoller Schatz. Die Beschäftigung mit der eigenen Biografie hilft nicht nur, Erkenntnisse über sein Leben zu gewinnen und Ereignisse zu verarbeiten, sondern kann auch Generationen näher zusammenbringen.

 

Flucht aus Pommern 1945: Endlich sind wir im Morgengrauen in Berlin mit dem Zug angekommen. Zu unserem Schrecken entdecken wir beim Einfahren in den Bahnhof am Himmel einen sogenannten „Christbaum“, ein leuchtendes Positionszeichen für feindliche Flugzeuge im Angriff. Durch Lautsprecher werden wir aufgefordert, sofort in den U-Bahn-Schächten Schutz zu suchen. Schon heulen die Sirenen. Beim Ausladen unserer sechs kleinen Kinder und der Gepäckstücke vermissen wir plötzlich unseren Dreijährigen! Er muss mit dem Menschenstrom mitgelaufen sein. Alle Kinder hatten weiße, selbstgestrickte Wollmützen auf. So suche ich danach im verdunkelten, lichtlosen Bahnhof, schubse viele Menschen beiseite. Endlich sehe ich meinen kleinen Sohn, kurz vor dem Eingang zur U-Bahn, hebe ihn voller Erleichterung hoch und trage ihn zurück zum Rest der Familie.

Wenn Gudrun Lincke diese Zeilen aus der Biografie ihrer Mutter liest, dann ist sie ihr ganz nah. Die Handschrift und Erzählweise der Mutter sind ihr vertraut, deutlich spürt sie ihre Angst, ihre Panik. Sie selbst war damals sechs Jahre alt, stand mit dem Vater und den anderen Geschwistern neben dem Zug und bangte um das Brüderchen. Die heute 83-Jährige aus Gauting bei München liest immer mal wieder in den Lebenserinnerungen ihrer Mutter. Diese hatte eine hundertseitige Biografie in chronologischer Reihenfolge niedergeschrieben, bevor sie 1995 mit 81 Jahren zu einem ihrer Söhne nach Südafrika ausgewandert ist. Einige Jahre später erlitt sie einen Schlaganfall und konnte sich an nichts mehr erinnern.

 

Lebenserfahrung in kleine Pakete gepackt

 

„Wir sind sehr froh, dass sich unsere Mutter diese Mühe gemacht hat und dafür sorgte, dass ihre Erinnerungen erhalten bleiben. Ihre Kinder und Enkelkinder können durch sie vieles über ihre eigenen Wurzeln erfahren“, erklärt Gudrun Lincke, ehemalige Sozialpädagogin. Sie selbst hält ihre Lebenserfahrungen auf eine andere Weise fest, nämlich als kurze Geschichten zu bestimmten Lebensepisoden oder Themen.

Seit acht Jahren ist sie Mitglied der Münchner „ZeitschreiberInnen“. Bei dem Jahreskurs des Evangelischen Bildungswerkes München treffen sich Interessierte, um biografische Texte zu unterschiedlichen Themen zu verfassen. Die Texte werden anschließend in der Gruppe vorgelesen und besprochen. Gudrun Lincke schätzt diese entspannte Art, mit der eigenen Biografie umzugehen: „Wenn man seine Lebenserfahrungen in kleine Pakete packt, ist der Leistungsdruck nicht so hoch. Es fällt auch leichter, sich mit einer schmerzlichen Erinnerung zu befassen, wenn sie auf ein Thema bezogen und damit eingegrenzt wird.“ Bald planen die „ZeitschreiberInnen“ auch wieder Lesungen in verschiedenen sozialen und kulturellen Einrichtungen, um mit dem Publikum über ihre Texte, über Erinnerungen und Erfahrungen ins Gespräch zu kommen.

 

Wer versteht, kann sich versöhnen

 

Für Gudrun Lincke ist das Gruppenerlebnis bei den „ZeitschreiberInnen“ heilend, weil gegenseitiges Mitgefühl da ist. Ihr kommt dabei das Bild einer Lebens-Torte in den Sinn: „Wenn sie geteilt wird und jede*r nur ein Stück nimmt, ist das eine gute Erfahrung für die Gruppe. Das Teilen und Mitteilen ist wichtig, aber in kleinen, bekömmlichen Portionen“, sagt sie. Oftmals kommen gerade im Alter Erlebnisse von früher hoch. Durch das biografische Arbeiten können neue Sichtweisen entwickelt werden, und manchmal gelingt es, Unbewältigtes in kleinen Schritten zu lösen, weiß Gudrun Lincke.

Für Dagmar Wagner, die Biografien für andere Menschen schreibt, ist der Aspekt der Aussöhnung ganz entscheidend: „Ich habe schon erlebt, wie eine Tochter ihren Vater fest in die Arme geschlossen hat, nachdem sie seine Biografie gelesen hatte. Erst dann hat sie richtig verstanden, was ihr Vater alles auf sich genommen hatte, um seiner Familie ein gutes Leben zu ermöglichen. Er, der nicht viel zu Hause war und deshalb zu seinen Kindern keine enge Beziehung aufbauen konnte.“

 

Woher die Kraft kommt, um das Leben zu meistern

 

Für die 61-jährige Autorin, die in München und Frankfurt am Main lebt, sind Biografien spannend, vor allem dann, wenn sie zeigen, woher Menschen ihre Kraft genommen haben, um das Leben zu meistern. „Jedes Leben birgt seine Herausforderungen, egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, Bundeskanzlerin oder Hausfrau und Mutter“, sagt Wagner. Leider beobachtet sie, dass gerade Frauen der älteren Generation ihre Leistung oft kleinreden. Jedes Leben ist es wert, festgehalten zu werden.

Bevor man sich an die Arbeit macht, ist es wichtig, sich folgende Fragen zu stellen: Für wen beschäftige ich mich mit meiner Biografie? Für mich selbst oder für andere? Was will ich mit dieser Biografie? Will ich mich mit mir selbst beschäftigen, um herauszufinden, warum ich zu der Person geworden bin, die ich bin? Oder will ich eher einen Nachlass verfassen unter dem Motto „So möchte ich, dass andere mich und mein Leben sehen“? Das gibt Gertrud Ströbele, Referentin beim Bildungswerk des KDFB-Landesverbandes Bayern, zu bedenken. Von dieser Entscheidung würde abhängen, „ob ich offener wie beim Tagebuch für mich selbst schreibe oder bedachter und womöglich distanzierter für meine Nachfahren“, erklärt sie.

 

Vergessen geglaubte Erinnerungen kommen hoch

 

Die Beschäftigung mit der eigenen Biografie ist ein fester Bestandteil in den Schulungen zur Trauerbegleitung, die die 55-jährige Sozialpädagogin für den KDFB anbietet. In der Gruppe werden nicht nur die Lebenskrisen, wie ein Trauerfall, in den Blick genommen, sondern das gesamte Leben steht im Fokus. Vergessen geglaubte Erinnerungen kommen hoch. „Im Rückblick kann man sehen, dass man durch eine Krise neue Fähigkeiten erschließen konnte, die man sonst nicht entwickelt hätte. Das kann Freude machen und stärken“, so Gertrud Ströbele, die auch Gründungsmitglied der Gesellschaft für Biografiearbeit „Lebensmutig“ ist.

Für den KDFB organisiert sie Seminare zum Thema wie „Das Gold ist im Kopf“ oder „Lebensschätze heben“. Biografiearbeit unterstützt beim Nachdenken über das Leben. Das Ziel ist es, die Vergangenheit besser zu verstehen, um die Gegenwart zu gestalten und die Zukunft planen zu können. Mit verschiedenen Methoden können Menschen allein, in Begleitung oder in der Gruppe Ermutigung erfahren. Das biografische Schreiben ist nur eine von ihnen.

 

Ob Aufzeichnungen oder Aufnahmen – es gibt verschiedene Wege

 

Das eigene Leben lässt sich auch mündlich als Hörbuch oder als Sprachaufnahme festhalten, in Kunstwerken, Fotobüchern oder gar als Film. Dabei ist es hilfreich, ein Gegenüber zu haben – davon ist Biografin Dagmar Wagner überzeugt. „Am schönsten ist es, wenn vertraute Personen wie Kinder und Enkelkinder sich abwechseln und Oma oder Opa erzählen lassen, was sie bewegt hat oder was ihnen wichtig war“, sagt die Kommunikationswissenschaftlerin. Mögliche Fragen wären: Was ist das Wichtigste, was du erzählen willst? Woran erinnerst du dich immer wieder gerne? Was sind Erlebnisse und Erinnerungen aus deinem Leben, die du weitergeben möchtest?

Aufgenommen auf dem Handy, abgetippt, in Form gebracht und ausgedruckt wäre eine solche Biografie zum Beispiel ein schönes Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk. „Es hat zudem den Effekt, dass es Familien und verschiedene Generationen zusammenbringt. Man kümmert sich gemeinsam um das ältere Familienmitglied. Das tut sowohl den Jüngeren als auch den Älteren gut“, so die Autorin. Biografien, in welcher Form auch immer, fördern das Verstehen, die Nähe und die Begegnung – und können ein Stück Familiengedächtnis für die nachfolgenden Generationen sein.

Von Büchern zum Ausfüllen mit Titeln wie „Mama, Papa oder Oma, erzähl mal!“ hält Wagner nicht viel – selten würde tatsächlich etwas hineingeschrieben werden. Diese Erfahrung hat auch KDFB-Referentin Gertrud Ströbele gemacht: „Ich habe so ein Buch einmal meinem Vater geschenkt. Nach einiger Zeit lag es immer noch da. Dann habe ich es aufgeklappt und eine spannende Frage entdeckt:

Was hast du Gefährliches in der Jugend gemacht? Mein Vater fing sofort zu erzählen an, weil er mein echtes Interesse gespürt hat.“

 

 

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB engagiert 4/2021

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