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Warum Frauen anders krank sind

Pärchen sitzt im Bett, beide putzen sich die Nase

Der Männerschnupfen doch keine Mär - Frauen und Männer leider anders unter der selben Krankheit

31.03.2022

Frauen und Männer unterscheiden sich nicht nur biologisch, sondern auch in ihren gesellschaftlichen Geschlechterrollen. Beides wirkt sich auf Krankheiten und deren Diagnose und Behandlung mit oft drastischen Folgen aus.

Der erste Corona-Kranke Europas ist ein Mann. Am 19. Februar 2020 wird im Krankenhaus im norditalienischen Codogno der 38-jährige Mattia Maestri eingeliefert. Er leidet an einer Lungenentzündung. Er kommt auf die Intensivstation. Keiner versteht, warum der durchtrainierte 38-Jährige mit dem Tod ringt. Erst ein positiver Abstrich auf Covid-19 bringt die Gewissheit. 

Mattia Maestri gilt als Patient Nummer eins. Er markiert den Beginn einer Pandemie mit ungeahntem Ausmaß. Zwei Jahre später hat das Virus die Welt immer noch im Griff. Die Wissenschaft versucht, mit Impfungen und Studien der Pandemie Einhalt zu gebieten. Was sich mit Ausbruch der Seuche schon abzeichnete, ist inzwischen Gewissheit: Covid-19 ist eine geschlechtsspezifische Krankheit. Frauen erkranken weniger schwer an Corona als Männer. Laut einer italienischen Studie zu Beginn der Pandemie im April 2020 waren rund 70 Prozent der mit Covid-19-Befund Verstorbenen männlich. 

Inzwischen weiß man, dass Frauen dafür öfter an Long-Covid-Erkrankungen wie Erschöpfung, Atemnot, Muskel- und Gelenkschmerzen, Konzentrations- und Schlafstörungen sowie Depressionen leiden. „Die Biologie hilft den Frauen bei der akuten Covid-19-Erkrankung. Das stärkere Immunsystem von Frauen könnte allerdings auch zu den Long-Covid-Symptomen beitragen“, sagt Astrid Bühren, Fachärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Murnau und Ehrenpräsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes. Wüsste man mehr über die biologischen Unterschiede bei Krankheiten, würden davon auch Männer profitieren, sagt Bühren. Trotzdem wird bei über drei Viertel der Studien zu Covid-19 das Geschlecht nicht berücksichtigt. Denn: „Das Studiendesign mit Frauen ist kostspieliger, da aufgrund der hormonellen Lebensphasen einer Frau mehrere Testgruppen berücksichtigt werden müssen“, erklärt sie. 

Medizin nach Maß

Das ist leider symptomatisch für die Forschung in der Medizin. Und nicht nur dort. Auch in Diagnostik und Therapie wird meist vom männlichen Körper ausgegangen. Ein Umdenken findet nur langsam statt. Die relativ junge Fachdisziplin Gendermedizin stellt das bisherige Vorgehen und Denken der Schulmedizin infrage. Gendermedizin heißt geschlechtsspezifische Medizin, biologische Unterschiede und Lebensphasen von Frauen und Männern sowie deren gesellschaftliche Geschlechterrollen sollen einbezogen werden. So scheinen aufgrund ihres Immunsystems Frauen besser gewappnet gegen Covid-19, gesellschaftlich leiden sie stärker darunter, weil viele die Mehrfachbelastung durch Schulschließung, Homeoffice und Betreuung auffangen müssen. „Das verzögert die Heilung und fördert die langfristige Schwächung durch das Virus“, erklärt die österreichische Sozialwissenschaftlerin und Expertin für Gendermedizin Anna Maria Dieplinger.  

Astrid Bühren spricht von gendersensibler Medizin. „Sensibel, weil entscheidend ist, wen ich vor mir habe“, so die Ärztin. Früher sei in medizinischer Forschung und Lehre der Mensch immer der Mann gewesen. Frauen kamen in Lehrbüchern nur als Gebärende vor, oder wenn es um Brustkrebs ging. Selbst in Studien wurden nur männliche Ratten verwendet. Doch Frauen unterscheiden sich nicht nur durch ihre Geschlechtsorgane und Hormone von Männern, auch in Körpergröße, Skelett, Muskulatur, Fett-, Blut- und Wasserhaushalt gibt es große Unterschiede. Deshalb fordert der Frauenbund eine genderorientierte medizinische Forschung, die zu zielgruppengerechten und geschlechterbezogenen Gesundheitsinformationen führt. 

Eva-Infarkt

Symptome bei Frauen: 

Schmerzen von mindestens fünf Minuten im Bereich von Hals und Kiefer, Rücken oder Schultern und Brust sowie im Oberbauch und in den Armen 

 Weitere Alarmsignale sind:  

Atemnot, Übelkeit, Erbrechen, kalter Schweiß, fahle Haut 

Gefahr Fehldiagnose

Schon morgens beim Aufstehen war ihr übel. Der Bauchschmerz zog sich bis in den Rücken und bei jeder kleinsten Anstrengung war sie kurzatmig. Mittags, wenn die Kinder aus der Schule zurück sind, noch mal hinlegen, dachte sie, dann wird es schon besser. Erst als die Beschwerden abends immer noch nicht weg waren, rief sie im Krankenhaus an. Fast zu spät. 

Anna K., 54 Jahre, hatte einen Herzinfarkt. Herzinfarkte gehören zu den häufigsten Todesursachen. Je schneller gehandelt wird, desto höher sind die Überlebenschancen. Aber: Nach einem Herzinfarkt sterben Frauen häufiger als Männer. Hat ein Mann stechende Schmerzen in der Brust, die in den linken Arm ausstrahlen, ist die Diagnose klar. Es herrscht Lebensgefahr.  

Die Symptome beim weiblichen Herzinfarkt scheinen auf den ersten Blick harmlos, sodass Frauen im Schnitt eine Stunde später ins Krankenhaus kommen als Männer. Sie haben eher atypische Symptome wie Bauch- und Rückenschmerzen, Übelkeit und Atemnot. Man spricht vom „Eva-Infarkt“. Deshalb wird eine Herzerkrankung bei Frauen öfter nicht klar erkannt. „Die Symptome werden unterschätzt“, sagt Anna Maria Dieplinger. Studien belegen: Frauen unter 55 Jahren mit Herzerkrankungen haben ein sieben Mal höheres Risiko, eine Fehldiagnose zu erhalten als gleichaltrige Männer. Ab dem 75. Lebensjahr steigt die Gefahr, an einem Herzinfarkt zu sterben, bei Männern um das Fünffache, bei Frauen um das Neunfache. Und trotzdem liegt der Frauenanteil in herzbezogenen Studien bei nur 24 Prozent. Bei Herzschäden werden Frauen sogar weniger oft operiert als Männer. 

Unterschiedliches Immunsystem

Die Krankheitssymptome unterscheiden sich nicht nur beim Herzinfarkt. Bei Alzheimer zum Beispiel zeigen Frauen häufiger Verhaltensänderungen und emotionale Beschwerden, Männer Apathie und physische Symptome. Bei Asthma haben Mädchen öfter trockenen Husten, während Jungen eher fiepen, so Dieplinger. Das weibliche Immunsystem ist beweglicher, da es Schwangerschaften tolerieren muss und damit fremdes genetisches Material nicht abstoßen darf. Dadurch ist es aber auch anfälliger, sodass Frauen häufiger von Autoimmunerkrankungen wie Multipler Sklerose oder Rheuma betroffen sind. Eine fehlgeleitete und oft überschießende Immunantwort gegen körpereigene Zellen sei der Grund dafür, sagt Astrid Bühren. Auch Long Covid ist vermutlich eine Autoimmunreaktion. Im Gegenzug leiden Männer tatsächlich mehr bei einer Erkältung, weil sie weniger virenhemmendes Östrogen haben. Der altbekannte Männerschnupfen. All dies muss sich auf die Medikamentendosierung und Therapie auswirken. 

Vorsicht vor Überdosierung

Pillen mit Genderzeichen

Medikamente für Männer und Frauen sollten eigentlich unterschiedliche Dosierungen enthalten

Eine 70-jährige Patientin leidet unter Bluthochdruck. Der Arzt verschreibt ihr blutdrucksenkende Medikamente. Nach einer Woche wird sie erneut vorstellig, der Blutdruck ist gesunken, aber sie leidet unter Schwindel, Müdigkeit, kalten Händen und Füßen. Nachdem der Arzt die Dosierung reduziert hat, lassen die Beschwerden nach. 

Frauen leiden doppelt so häufig unter Nebenwirkungen von Medikamenten wie Männer. Sie reagieren aufgrund ihres unterschiedlichen Hormonhaushaltes und Stoffwechsels anders auf Medikamente. So bewirkt Östrogen eine unterschiedliche Verarbeitung und teilweise kürzere Wirkzeit, erklärt Dieplinger. Das wirkt sich beispielsweise auf die Gabe von Asthmamedikamenten, Allergiepräparaten, Cortison oder Antibiotika aus. Besonders bei Epilepsie, Depression, Diabetes, Arthritis, Asthma und Migräne sei deshalb die geschlechtsspezifische Medikation entscheidend. Das blutverdünnende Aspirin zum Beispiel schützt Männer vor Herzinfarkt, Frauen nicht, dafür aber vor Schlaganfall. Ein weiteres Beispiel sind manche Schlaf- und Schmerzmittel. Sie wirken bei Frauen oft stärker, haben aber auch häufiger Nachwirkungen. Bei gleichem schmerzstillenden Ergebnis können Frauen mit einer bis zu 40 Prozent niedrigeren Dosis behandelt werden. Bei Standarddosierung treten dagegen vermehrt Nebenwirkungen wie Übelkeit und Müdigkeit auf. Der Beipackzettel aber macht keine Geschlechterunterschiede. Deshalb fordert der KDFB geschlechterdifferente Informationen zu Dosierung und Nebenwirkungen von Arzneimitteln. 

Tödliche Missverständnisse

Aber es sind nicht nur die körperlichen Unterschiede, die sich auf die ärztliche Behandlung auswirken, sondern auch Geschlechterstereotype und erlerntes Rollenverhalten. Sie verstärken die biologischen Unterschiede. Frauen und Männer werden demnach von einem Arzt oder einer Ärztin unterschiedlich behandelt. Laut einer aktuellen kanadischen Studie mit 1,3 Millionen Patient*innen haben Frauen bei Operationen eine um 32 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit zu sterben, wenn sie von einem Mann operiert werden. Die Gründe sind komplex. Eine der Autorinnen vermutet ein Geschlechtervorurteil, das auf unbewussten, tief verankerten Stereotypen und Einstellungen beruht. Auch eine Rolle spielen Kommunikationsunterschiede in den Vorbesprechungen mit den Patient*innen. 

„Männer beschreiben ihre Symptome konkret, die Frau versucht meist eine Erklärung dafür zu finden“, sagt Anna Maria Dieplinger. Ein klassisches Beispiel für Genderrhetorik ist der Herzinfarkt. Frauen bestätigen erst auf Nachfrage ein Engegefühl in der Brust. Auch wird eine Frau bei körperlichen Beschwerden weniger ernst genommen und häufiger in die psychosomatische Richtung diagnostiziert. So wird bei Frauen doppelt so häufig Depression diagnostiziert. Die Frage sei aber, ob die Krankheit bei Frauen wirklich häufiger vorkommt oder ob die Symptome bei Männern eher Aggression oder Suchtverhalten sind, so Dieplinger. Männer geben psychische Probleme nicht gerne zu. Bei ihnen vermuten Ärzte eher körperliche Ursachen hinter den Beschwerden – das passt besser ins Bild. Studien zeigen aber: Depressive Männer nehmen sich drei- bis fünfmal so häufig das Leben wie Frauen. 

Von Frauengesundheit zu Gendermedizin

Seit Anfang dieses Jahres müssen alle an klinischen Studien Teilnehmenden repräsentativ für die Bevölkerungsgruppen sein, eingeschlossen Alter und Geschlecht. Das besagt eine Verordnung der Europäischen Union. Was selbstverständlich klingt, ist ein großer Schritt für eine junge Disziplin: die Gendermedizin. Jahrhundertelang waren Lehrbücher, Forschung und Lehre ausschließlich auf den männlichen Körper ausgerichtet. Das verschärfte sich mit dem Contergan-Skandal in den 1960er-Jahren – das Schlafmittel Thalidomid hatte bei Babys von Schwangeren, die das Mittel eingenommen hatten, Fehlbildungen ausgelöst. Frauen wurden von klinischen Studien ganz ausgeschlossen aus Sorge, dass sie unbemerkt schwanger sein könnten. Erst in den 80er-Jahren geriet mit der Frauenbewegung der weibliche Körper in den Fokus. Mediziner*innen fiel auf, dass sich der Herzinfarkt bei Frauen anders äußert. Aber noch 1991 beklagte die amerikanische Kardiologin Bernadine Healy das „Yentl-Syndrom“, benannt nach der Novelle „Yentl the Yeshiva Boy“ des Literaturnobelpreisträgers Isaac Bashevis Singer. Darin verkleidet sich das jüdische Mädchen Yentl als Mann, um studieren zu können. Auch Herzpatientinnen sollten sich als Männer verkleiden, um medizinisch gut versorgt zu werden. Sie müssten nämlich sonst erst beweisen, so herzkrank zu sein wie ein Mann, um dieselbe Behandlung zu erfahren, so die Kardiologin. Erst im 21. Jahrhundert hat sich das geändert. Heute sind über die Hälfte der praktizierenden Ärzte weiblich. Seit 2004 bestimmt eine Arzneimittel-Gesetzesnovelle, dass Medikamente auch an Frauen getestet werden und Pharmaunternehmen unterschiedliche Wirkungen auf Männer und Frauen prüfen müssen, wenn sie neue Produkte auf den Markt bringen. 2007 kam es mit der Gründung des Instituts für Geschlechterforschung an der Berliner Charité zur ersten Institutionalisierung der Gendermedizin in Deutschland. Nach und nach entstehen weitere Lehrstühle. 

Neuer Zugang in der Ausbildung

„Ein Mann versteht einen Mann eher, eine Frau eine Frau“, sagt Astrid Bühren. Die Lebenswelten und den Kommunikationsstil des jeweils anderen Geschlechts besser nachzuvollziehen, müsse auch in der Ausbildung gelehrt werden. Zwei Drittel der Medizinstudierenden in Deutschland sind inzwischen weiblich, davon sei die Besetzung von Leitungspositionen in Krankenhäusern und von Lehrstühlen noch weit entfernt. Es gebe noch viel zu tun, so die Ärztin. Tatsächlich wurde erst letztes Jahr in einem Gutachten im Auftrag des Gesundheitsministeriums die Vermittlung von geschlechtersensiblem Wissen im Medizinstudium als absolut unzureichend bezeichnet. 

Ein Gutes hat die Corona-Pandemie dann vielleicht doch. Das Virus kann dazu beitragen, das Bewusstsein für Gendermedizin zu stärken. Immerhin: Die europäische Arzneimittelzulassungsbehörde will aufgrund der Erfahrungen mit Covid-19 ihre Daten neu strukturieren, sodass mehr geschlechtsspezifische Daten öffentlich abrufbar sind. Auch im neuen Koalitionsvertrag ist Gendermedizin als Thema vorhanden. Davon profitieren alle. Denn geschlechtssensible Medizin ist keine Frauenmedizin, die Männer ausschließt. Vielmehr geht es darum zu berücksichtigen, dass es zwischen Männern und Frauen Unterschiede gibt. 

KDFB-Info

Der KDFB macht sich stark für die geschlechtergerechte Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung.

Autorin: Katrin Otto

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 160.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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