Überleben dank Mama Betty
Betty Loro und ihr Team betreuen im Südsudan fast 200 Kinder. Angesichts der katastrophalen humanitären Lage ist das die einzige Chance dieser Waisen. Caritas international stellt sicher, dass sie ernährt werden können. Doch es fehlt an vielem. Die KDFB Spendenaktion unterstützt.
Wenn ein Neugeborenes in einem Pappkarton am Straßenrand gefunden wird, überlegen die herbeigerufenen Polizisten nicht lange. Sie packen den kleinen Menschen vorsichtig in ihr Auto und fahren auf direktem Weg zu Mama Betty, wie Betty Loro liebevoll genannt wird. 197 Kinder jeden Alters, Tendenz steigend, leben mit ihr und sieben Betreuerinnen zusammen und versuchen miteinander, so gut es geht, im Kinderzentrum St. Claire Familie zu sein.
Die meisten der Mädchen und Jungen haben keine Eltern mehr, manche haben sie in den Wirren der Konflikte im Land verloren, viele waren Augenzeugen von schrecklichen Szenen. Kleinere werden dort vorbeigebracht, manchmal von überforderten Verwandten, ältere Kinder finden oft auch unbegleitet den Weg zu Betty Loro und ihren Mitarbeiterinnen. „Dazu kommt, dass sexualisierte Gewalt ein Riesenproblem im Land ist“, sagt Kim Kerkhof von Caritas international, der das Projekt betreut und mindestens drei Mal im Jahr vor Ort ist. So gibt es häufig Schwangerschaften von zwölf- bis 14-jährigen Mädchen. „Diese sind nicht in der Lage, sich um die Kinder zu kümmern. Auch das ist ein Grund, dass immer wieder Säuglinge im Straßengraben oder in Kartons abgelegt werden.“
Der Südsudan ist der jüngste Staat der Welt. Nach einem Unabhängigkeitskrieg ist das ostafrikanische Land erst 2011 entstanden. Doch zur Ruhe gekommen ist es nie. Auch nach dem Friedensprozess 2015 lebten die bewaffneten Konflikte zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen wieder auf. Die humanitäre Lage ist laut Bundesregierung katastrophal. Rund zehn Millionen Menschen und damit etwa drei Viertel der Bevölkerung sind auf humanitäre Unterstützung angewiesen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen schätzt, dass 7,8 Millionen Menschen in der Region nicht ausreichend mit Nahrung versorgt sind. Im Südsudan gehen nur rund 30 Prozent der Kinder im schulpflichtigen Alter zur Schule. Das bedeutet, dass etwa 2,8 Millionen Kinder keine Schule besuchen. Der Südsudan hat damit weltweit eine der höchsten Quoten von Kindern ohne Schulbildung. Dazu kommt, dass viele Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten des Nachbarstaates
Sudan die Lage zusätzlich verschärfen.
Bis Caritas international auf die Kinderhilfe aufmerksam wurde, war oft nicht klar, ob Mama Bettys Schützlinge am nächsten Tag satt werden würden. „An einem guten Tag bekommen die Babys drei Fläschchen mit Milch, in schlechten Phasen alle drei Tage eine Flasche Milch“, galt lange Zeit. Es war ein ständiger Kampf. Betty Loro lief von Hotel zu Hotel, von Restaurant zu Restaurant und fragte nach Essensresten für die älteren Kinder. Sie bat in ihrer Kirchengemeinde immer wieder darum, die Kollekte für die Kinder nutzen zu dürfen. „Sie würde buchstäblich ihr letztes Hemd geben für die Kinder“, erklärt Kim Kerkhof von Caritas international: Sogar ihren Ehering hat die tatkräftige Frau verkauft, um die Schutzbedürftigen durchzubringen. „Solange ich bei Mama Betty bin, bin ich sicher“, hört man immer wieder von den Kindern.
So können Sie helfen
Das Kinderzentrum St. Claire ist dringend auf Unterstützung angewiesen, um ein neues Zuhause für die 197 Kinder auszubauen. Wer helfen möchte, kann dies durch eine Spende auf folgendes Konto tun:
Spendenkonto:
Katholischer Deutscher Frauenbund
Liga Bank Regensburg
IBAN: DE97 7509 0300 0202 2085 55
BIC: GENODEF1M05
Stichwort: Frauenbund hilft
Bis zu einem Betrag von 300 Euro reicht eine Kopie des Bankauszuges für den Spendennachweis beim Finanzamt aus. Dafür ist es zwingend notwendig, bei der Überweisung im Betreff das Wort „Spende“ zu vermerken. Spendenbescheinigungen werden ab einem Betrag von mehr als 300 Euro automatisch ausgestellt, ansonsten erfolgt eine Spendenbescheinigung auf gesonderte Nachfrage. Wichtig: Bitte geben Sie eine Adresse an, wenn Sie eine Spendenbescheinigung wünschen.
Neue Hoffnung: Traumata bearbeiten
Betty Loro ist selbst als Waisenkind aufgewachsen. Sie
hatte Glück, dass sie damals bei den Schwestern einer Kirchengemeinde untergekommen ist. Das hat sie nicht vergessen. „Ich möchte etwas zurückgeben“, sagt sie. Ihre
Hartnäckigkeit brachte sie weiter. Denn zu ihrer Kirchengemeinde gehörte auch Chris Alhayi, der bei Caritas international beschäftigt ist. Das stete Engagement von Mama Betty ließ ihn aufhorchen, und er unterstützte sie und
ihr Anliegen immer wieder privat. Bis er St. Claire schließlich der Caritas vorstellte und es tatsächlich gelang, Betty Loros Kinderzentrum als Projekt aufzunehmen.
Kim Kerkhof von Caritas international koordiniert die Unterstützung für das Kinderzentrum St. Claire, das zunächst am Stadtrand von Juba angesiedelt war. „Außer der Sicherstellung von Nahrung und sauberem Wasser, kommen wir noch für die medizinische Versorgung auf, falls ein Kind ins Krankenhaus oder zum Arzt muss. Außerdem haben wir einen Psychologen angestellt, der mit den Kindern arbeitet.“ Das habe sich sehr positiv ausgewirkt. „Viele der Kinder sind schwer traumatisiert. Es ist wichtig, dass sie sich bei uns sicher und beschützt fühlen“, erklärt Mama Betty. Auch Kim Kerkhof hat wahrgenommen, dass sich die Stimmung verändert hat. Es mache einen großen Unterschied, wenn die Schützlinge mit ihren Traumata nicht alleingelassen sind. Er selbst konnte an einer Gruppentherapiesitzung teilnehmen und war sehr beeindruckt. Von den fast unerträglichen Schicksalen der Kinder ebenso wie von ihrem Lebenswillen. „Sie haben erst gemalt, was sie ängstigt, und dann haben sie sich selbst gemalt und eingezeichnet, wo sie die Angst spüren. Manche haben das Herz angemalt, andere den Bauch oder den Kopf … Nach der Therapiestunde haben sie die Musik am Ghettoblaster laut gestellt und zusammen getanzt“. Eine zusätzliche Aufgabe des Psychologen ist es, die Betreuerinnen zu schulen, damit sie das Verhalten von schwer belasteten Kindern besser verstehen können.
Kinder und Betreuerinnen sehen sich als Familie. Die Älteren helfen mit, sonst wäre es nicht zu leisten, die vielen Kleinen zu betreuen. Wenn man die Älteren fragt, was sie mal werden wollen, hört man immer wieder: „Ich möchte einen guten Beruf erlernen und dann Mama Betty finanziell unterstützen.“ Für die meisten Kinder von St. Claire hat Mama Betty einen Schulplatz erkämpft. Als ob nicht alles schon schwer genug wäre, verlangte der Vermieter plötzlich das Fünfeinhalbfache des ursprünglichen Pachtzinses für das Grundstück am Stadtrand von Juba. Da dies nicht zu stemmen war, erhielt Betty Loro im Oktober vergangenen Jahres die Kündigung. Daraufhin ging sie zur Regierung und forderte: „Wenn ich euren Job mache, dann gebt mir wenigstens ein Grundstück.“ Vorübergehend kamen sie auf dem Gelände eines Verwandten in der Nähe einer Kaserne unter. Doch das war kein guter Ort. Ein Kind wurde von einer fehlgeleiteten Kugel am Rücken verletzt und musste operiert werden. Sie zogen wieder weiter. Im Moment leben sie auf einem Grundstück mit Zelten. Auch das ursprüngliche Kinderzentrum war nur mit dem Nötigsten ausgestattet. Aber sie hatten es sich gemütlich gestaltet. Die Unterkünfte waren Hütten mit je fünf Betten, die sich etwa 15 Kinder teilten. „Mama Betty träumt davon, dass eines Tages jedes Kind sein eigenes Bett haben wird“, weiß Kim Kerkhof. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
Alles auf Anfang: Neustart auf der Wiese
Aber immerhin hat die Regierung jetzt gehandelt. Sie hat ein Stück Land, etwas außerhalb in einer sichereren Gegend bereitgestellt. Doch dort ist bisher nichts. Zunächst braucht es aus Sicherheitsgründen eine Außenmauer. Dann müssen Latrinen ausgehoben und die Wasserversorgung geklärt werden. Erst dann können Unterkünfte errichtet werden. Wie das alles finanziert werden soll, ist noch vollkommen unklar. „Mama Betty und ihr Team werden auf Sicht fahren müssen und immer, wenn etwas Geld zusammengekommen ist, weiterbauen“, sagt Kim Kerkhof. Ein einheimischer Architekt, der die Bauplanung ehrenamtlich macht, hat sich gefunden. Das heißt, das Kinderzentrum muss erst wieder neu entstehen. In den vergangenen Monaten hat es viele Tränen bei den Betreuerinnen gegeben. „Ich hatte bei meinem letzten Besuch den Eindruck, dass die Monate der Ungewissheit alle an ihre Grenzen gebracht haben“, so Kerkhof. Das neue Grundstück ist zwar eine Perspektive für die Kinder von St. Claire, aber auch eine Riesenherausforderung. Dafür wird jede Hilfe gebraucht.
Autorin: Claudia Klement-Rückel

