Spirituelle Zeit nur für mich
Wer für ein paar Momente innehält, sei es auch nur für eine Tee- oder Kaffeepause, kann neue Kraft im hektischen Alltag schöpfen, Klarheit und innere Balance gewinnen.
Ein Tisch voller schmutzigem Geschirr, Flecken und Krümel. Gerade hat die Familie morgens das Haus verlassen – und jetzt eine spirituelle Auszeit nehmen? Für Ulrike Groß, Geistliche Beirätin des KDFB-Diözesanverbandes Speyer, war das in ihrer Familienphase mit vier Söhnen genau der richtige Zeitpunkt zum Innehalten. „Ich bin einfach am Küchentisch sitzen geblieben, so wie er war. Ich habe alles stehen gelassen, mir einen Kaffee gemacht und eine Kerze angezündet. Da habe ich gemerkt: Das ist mein heiliger Ort, hier wo der Alltag stattfindet, wo sich die Familie trifft, wo nach dem Frühstück Unordnung herrscht. Meine wichtige Erkenntnis: Ich darf da innehalten, wo ich gerade bin, egal wie es gerade um mich herum ausschaut.“
Für Ulrike Groß ist es etwas ganz Wesentliches, dass kleine spirituelle Auszeiten zweckfrei sind und nicht der Selbstoptimierung dienen. „Diese Zeit ist einfach nur für mich und Gott. Ich darf mir sicher sein, wenn ich mir eine spirituelle Pause gönne, dann wirkt sich das aus. Eine Veränderung hin zu innerer Ruhe und Klarheit wird sich einstellen“, erklärt die 62-jährige Exerzitienbegleiterin und Winzerin im Nebenerwerb aus Deidesheim in Rheinland-Pfalz, die mit einer „Kaffee-Meditation“ eine Anregung anbietet (siehe unten).
Solche Auszeiten vom Alltag sind auch für die Theologin und ehemalige stellvertretende KDFB-Präsidentin Hildegard König ein kleines Ritual, um zu sich selbst zu kommen. „Eine kleine Flucht aus dem Gedränge der Aufgaben und Aufträge, der Termine und Absprachen in einem Freiraum, in dem ich selbst zu Hause bin“, so die verrentete Professorin für Kirchengeschichte aus dem schwäbischen Tuttlingen und Autorin des Buches „Espresso-Meditationen. Bei mir zu Hause sein“.
Gerade für Frauen, die häufig Beruf, Familie und ehrenamtliches Engagement miteinander vereinbaren, kann es eine besondere Herausforderung sein, sich auch noch spirituelle Zeit für sich selbst zu nehmen. Deshalb geben Hildegard König und Ulrike Groß im Folgenden Anregungen, wie trotzdem Momente der inneren Einkehr im hektischen Alltag gelingen können.
Eine Frage der inneren Haltung
Spiritualität ist kein Sonderzustand, „den ich herbeizwingen muss mit einem Raum, den ich extra schaffe, oder mit Ritualen, sondern eine Frage der inneren Haltung“ – das ist Hildegard König ein großes Anliegen. „Für mich ist es das Wichtigste, im Alltag mit Liebe und Dankbarkeit das zu tun, was gerade dran ist.“ Für die Theologin ist die spanische Mystikerin und Kirchenlehrerin Teresa von Ávila (1515 bis 1582) eine große Ratgeberin. Der Ordensfrau wird der Ausspruch zugeschrieben: „Auch zwischen den Kochtöpfen geht der Herr um.“ Dies verdeutlicht Hildegard Königs Grundeinstellung: „Das heißt, wenn ich am Kochen bin und das in einer Haltung der Liebe und Dankbarkeit mache, dann bin ich bei Gott und Gott ist bei mir.“
Der Glaube an Gott, an eine göttliche Güte, hilft Hildegard König, wenn sie sich gestresst fühlt. Die 71-Jährige ist überzeugt, dass sie immer in der Gottesgegenwart ist. Aufgrund ihres Glaubens sieht sich Hildegard König durch den Alltag getragen.
Anderen Frauen würde sie auf der Suche nach spirituellen Auszeiten den Tipp geben, sich zu fragen: Wo liegt denn meine Sehnsucht? Wo spüre ich mich selbst am besten? Habe ich die Sehnsucht, mich jetzt irgendwo in Stille hinzusetzen oder mich im Wald an einen Baum zu lehnen? Will ich mich bewegen oder kreativ sein? „Die Sehnsüchte sind ganz individuell. Zentral bleibt der Gedanke, sich von der alltäglichen Hektik zu lösen und die Verbindung zu sich selbst zu erneuern. Gott ist ja schon da“, so Hildegard König.
Auch eine gelassene Haltung stärkt im Alltag. „Gelassenheit heißt: Nicht meine ehrgeizigen Ziele stehen an vorderster Stelle“, betont Hildegard König. „Ich versuche mit der Haltung der Offenheit, der Liebe und Neugier dem Leben zu begegnen. Und wenn man sich im Alltagsrummel hinsetzt und sich in Ruhe einen Kaffee oder Tee macht, ist es nicht erst Spiritualität, wenn ich eine Kerze anzünde. Sondern es ist spirituell, wenn ich in Liebe und Dankbarkeit meinen Kaffee trinke und dankbar bin gegenüber dem Leben, gegenüber dem vielen Guten, was mir das Leben schenkt.“
Unterbrechungen positiv sehen
Wenn es während der alltäglichen Arbeit an der Tür klingelt oder das Telefon läutet, kann das auch eine Bereicherung sein. Ulrike Groß ist dankbar für derartige Unterbrechungen. „Mir ist ein Satz wichtig geworden: Ich lasse mich unterbrechen! Denn durch dieses Unterbrechen-lassen habe ich schon viele positive Erfahrungen gesammelt“, berichtet sie. Ulrike Groß fühlt sich zum Thema Unterbrechungen im Alltag inspiriert von der französischen Schriftstellerin und katholischen Mystikerin Madeleine Delbrêl (1904 bis 1964), die in ihrem Buch „Gott einen Ort sichern“ schreibt: „Es läutet? Schnell aufmachen! Es ist Gott, der uns lieben kommt. Eine Auskunft? Bitte sehr. Es ist Gott, der uns lieben kommt. Es ist Zeit, sich zu Tisch zu begeben? Gehen wir: Es ist Gott, der uns lieben kommt. Lassen wir ihn gewähren.“
Diese Sätze haben sich auf das Leben von Ulrike Groß ausgewirkt. „Unterbrechungen wollen mir etwas schenken. Der Gedanke, diese nicht als Störung zu sehen, hat mir sehr zu innerer Ruhe verholfen. Wer Unterbrechungen nicht negativ bewertet, fühlt sich durch sie nicht so gestresst.“
Auszeiten in der Stille
Ein weiterer wichtiger Aspekt, um Raum für kleine spirituelle Auszeiten zu schaffen, ist die Stille. Sie kann sehr heilsam sein: In ruhigen Momenten kann das Geschehene verarbeitet und reflektiert werden. Für Ulrike Groß sind Stille und Schweigen zu einer Kostbarkeit geworden: „Wenn alles zu viel wird, hilft es mir, mich zurückzuziehen und bewusst in die Stille zu gehen. Ich setze mich in einen Raum ohne Ablenkungen, schließe die Augen und richte meine Aufmerksamkeit auf meinen Atem, sitze da, ganz im Stillen, bin einfach da im Hier und Jetzt. Da spüre ich die Verbundenheit mit Gott und komme ins Beten. Diese Auszeit für die Seele lässt mich gestärkt und zuversichtlich in meinem Alltag weitergehen.“ Es ist wertvoll, in sich hineinzuhören: Was zeigt sich in der Stille? Was erfüllt mich eigentlich?
Vielen tut es auch gut, sich in der Stille mit einem Bibelwort oder einem Liedvers zu beschäftigen oder sogar eines mit auf den Arbeitsweg zu nehmen, weiß Ulrike Groß. „Manchmal begleitet mich so ein Zitat durch den Tag, ist wie ein Ohrwurm und gibt mir Kraft“, erzählt sie und rät, sich folgende Fragen zu stellen: „Gibt es ein Wort aus der Bibel, das mir vertraut ist und in mir klingt? Das in mir Raum nimmt und mich nährt?“ Als Quellen eignen sich das Evangelium, Psalmen, Lieder- und Stundenbücher oder auch Kalender, die jeden Tag mit einem Bibelvers aus dem Tagesevangelium oder einer Lesung zum Nachdenken anregen.
Wer unterwegs ist und eine spirituelle und heilsame Zeit für sich sucht, findet in offenen Kapellen und Kirchen Orte, die einladen, in Stille zu verweilen. „Wenn ich einen Kirchenraum betrete, eröffnet sich da etwas anderes. Ich fühle mich verbunden mit all den Menschen, die schon seit Generationen in diesem Raum gebetet haben. Ein Gotteshaus ist gefüllt mit Klage und Anklage, mit Trauer und Schmerz, mit Freude und Dank. Hier kommt das ganze Leben zur Sprache“, schildert Ulrike Groß. In den meisten Kirchen gäbe es auch die Möglichkeit, eine Kerze anzuzünden oder etwas in ein Fürbittenbuch zu schreiben. „Oder ich kann darin lesen, worum andere Menschen bitten und diese Anliegen ganz bewusst mit ins Gebet nehmen“, schlägt die ehemalige Ausbilderin Geistlicher Begleiterinnen vor.
Auch gemeinschaftlich in die Stille zu gehen, führt in die eigene Mitte, zum Beispiel mit einer Schweige- oder Meditationsgruppe oder auch bei meditativem Tanz. Der KDFB hat dazu in seinen Diözesanverbänden passende Angebote. Ulrike Groß empfindet meditativen Tanz „durch das Bewegen um die Mitte wie eine spirituelle Auszeit“. Zudem leitet die Exerzitienbegleiterin in ihrem Heimatort zusammen mit einer anderen Frau eine Meditationsgruppe, die sich immer donnerstags am Morgen für eine halbe Stunde zum gemeinsamen Schweigen trifft. Und sie ist noch Mitglied einer kleinen deutschlandweiten Frauen-Schweigegruppe: „Jeden Mittwoch von sechs bis sieben Uhr früh sind wir verabredet, dass jede für sich in die Stille geht. Über unsere WhatsApp-Gruppe tauschen wir uns dann im Lauf des Tages aus, wie es uns ergangen ist und wie es sich auf uns ausgewirkt hat. Beim Schweigen geht es letztendlich darum, Ja zu sagen zu meinem Leben, so wie es ist“, erklärt Ulrike Groß. „Durch die Regelmäßigkeit spüre ich, dass ich in eine andere Balance und zu innerer Klarheit komme. Und: Gemeinschaft stärkt einfach.“
Natur schenkt Kraft
Menschen, die Stille nicht gut aushalten, rät Ulrike Groß für eine kleine spirituelle Auszeit hinaus in die Natur zu gehen: „Die Natur ist da. Sie ist wie sie ist. Sie wird mich nicht verändern, aber ich kann mich ansprechen lassen, von dem, was mir in der Natur begegnet. Wenn mein Blick zum Beispiel auf einem Baum ruht oder ich eine Wolke betrachte, kann ich mich dabei fragen: Was haben sie für eine Botschaft? Oder ich verweile bei einer schönen Blume und gerate ins Staunen. Dieses Staunen, ob uns das bewusst ist oder nicht, bringt uns mit Gott in Verbindung.“ Die Geistliche Beirätin versucht oftmals, solche schönen Momente in Worten festzuhalten und schreibt sie auf (spiritueller Impuls auf Seite 25).
Wer gerade keine Zeit für einen Herbstspaziergang hat, kann auch einfach ein Fenster öffnen, hinaussehen und sich folgende Fragen stellen: Was nehme ich wahr? Wie fühlt sich die Luft an, die mir entgegenkommt? Was sehe ich? Was höre ich? „Durch die Wahrnehmung in die Gegenwart kommen“, regt Ulrike Groß an. „Und wenn ich in der Gegenwart bin, bin ich bei Gott, ob ich die Sterne oder die Wolken ansehe oder meine Arme hinausstrecke und den Regen auf meiner Haut spüre.“
Ulrike Groß bietet für den KDFB spirituelle Wanderungen an, die auch jede für sich selbst gestalten könnte. „Den Hinweg gehen wir im Schweigen, als Einladung mit allen Sinnen im eigenen Rhythmus erst einmal anzukommen und die Natur wahrzunehmen. Während der Wanderung gebe ich dann Bibelworte, meistens einen Psalm, mit auf den Weg“, erklärt Ulrike Groß. „Ein Beispiel: Bei einer Quellenwanderung hat uns der Vers ‚Bei Dir ist die Quelle des Lebens‘ begleitet. An der Quelle angekommen, richteten wir den Blick auf unsere innere Quelle: Was sprudelt da eigentlich in mir? Wann fühle ich mich lebendig?“
Dankbarkeit stärkt die Seele
Kleine Übungen mit stärkender Auswirkung auf die Seele sieht die Theologieprofessorin Hildegard König in Dankbarkeitsmeditationen: „Ich habe einen Tagesabschluss, der von Dankbarkeit geprägt ist, wenn ich abends im Bett überlege: Welche drei Dinge haben mir heute Freude gemacht oder mir gutgetan? Und morgens, wenn ich aufstehe, frage ich mich noch einmal: Wofür kann ich jetzt schon Dankeschön sagen?“ Diese kleinen Übungen würden helfen, „mit hellen und wachen Augen in den Tag zu gehen, gestärkt von dem Gefühl, dass ich vom Leben getragen und gehalten bin.“
An Gottes Gegenwart zu glauben, stärkt in der Not und spendet Trost – das bedeutet für Hildegard König Lebensglück. „Glück entsteht in mir selbst, wenn ich mein Leben dankbar annehme und mich nicht isoliert von diesem Leben erfahre“, erklärt sie. „Wenn ich mich geborgen fühle in einer wohlwollenden Gottesbeziehung, kann ich dem Leben vertrauen. Diese Haltung bedeutet für mich Spiritualität, die mich trägt und stärkt.“
Autorin: Karin Schott
Meditationen für eine Kaffee- oder Teelänge im Netz:
Spirituelles für eine Tee- oder Kaffeelänge im Online-Portal der katholischen Kirche unter https://spiritea.katholisch.de/
Zum Weiterlesen
Hildegard König: Espresso-Meditationen. Patmos, 2012 (nur antiquarisch erhältlich).
Madeleine Delbrêl /Annette Schleinzer (Hg.):
Du lebtest, und ich wusste es nicht. Gebete und poetische Meditationen, Verlag Neue Stadt, 2023, 20 Euro.
Madeleine Delbrêl / Annette Schleinzer (Hg.):
Gott einen Ort sichern. Topos plus, 2010 (nur antiquarisch erhältlich).
Kaffee-Meditation: Am Küchentisch mit Gott
Sich im Alltagstrubel einen stillen Moment gönnen, erdet und schenkt neue Kraft. Warum sich nicht einfach morgens mit einem Becher Kaffee oder Tee am Küchentisch eine spirituelle Auszeit mit sich selbst nehmen, in sich hineinspüren und wahrnehmen: Wie sitze ich jetzt? Wie duftet mein Kaffee oder Tee? Wie wärmt mich die Tasse in der Hand? Durchatmen. Achtsam sein mit allen Sinnen. Bei mir sein. Und dann der erste Schluck: Wie schmeckt der Kaffee? Im Moment bleiben, wahrnehmen, was ist. Ich schaue auf die leeren Sitzplätze an meinem Tisch: Was möchte ich jedem Einzelnen mit auf den Weg geben? So bin ich mit meinen Lieben oder den Menschen in meinem Umfeld verbunden. Dadurch entsteht letztendlich auch die Verbindung mit Gott. Gott ist da, wo wir sind. Jetzt, in diesem Moment. Gerade da, wo ich bin. Genau hier am Küchentisch.
Ulrike Groß, Geistliche Beirätin des
KDFB-Diözesanverbands Speyer

