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Sorgearbeit fair teilen

02.02.2026

Frauen stemmen den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit – mit Folgen für ihre finanzielle Absicherung. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach echter Partnerschaftlichkeit. Modelle, bei denen sich Paare Erwerbstätigkeit und Sorgearbeit fair teilen, ermöglichen Müttern mehr berufliche Chancen und Vätern mehr Zeit mit der Familie.

Wenn Stefanie Großguth morgens zu ihrer Arbeitsstelle fährt, weiß sie: Heute kann sie sich ganz ihrer Arbeit als Psychologische Beraterin widmen. An ihren beiden vollen Arbeitstagen übernimmt ihr Mann Martin die Betreuung des knapp dreijährigen Jakob und die Hausarbeit. An seinen beiden Arbeitstagen wechseln sie die Rollen. An einem weiteren Tag überschneiden sich ihre Arbeitszeiten – dann springt der Opa ein. „Es schafft Klarheit, dass es meist ganze Tage sind“, sagt die 35-jährige Theologin aus Reutlingen. „Ich komme gelassen hier an. Wie gerne ich in meinem Beruf arbeite, ist mir seit ich Mutter bin, noch bewusster geworden. Es ist mir wichtig, das leben zu können. Genauso wichtig ist mir, Zeit mit meinem Sohn zu verbringen und seine Entwicklung zu begleiten. Der Wechsel zwischen den Welten tut gut. Natürlich ist das Leben mit kleinem Kind anstrengend. Aber wir stehen mit unserem Modell weniger unter Druck als viele andere Familien.“ Stefanie Großguth leistet momentan 22 Stunden Erwerbsarbeit pro Woche, ihr Mann ist als Heimerzieher 20 Stunden pro Woche in der Schulkindbetreuung tätig. Ihr Gehalt ist deutlich höher.

Statistiken zeigen: Jede vierte erwerbstätige Mutter empfindet ihre Arbeitszeit als zu gering – jeder vierte Vater ist der Meinung, er verbringe zu viel Zeit im Job. Dennoch gelingt es vielen Paaren nicht, daran etwas zu ändern. Stephanie Schlitt vom „Bündnis Sorgearbeit fair teilen“ weiß warum: „Hinter Entscheidungen dazu, wer wie viel bezahlte Erwerbsarbeit beziehungsweise unbezahlte Sorgearbeit leistet, stehen nicht nur individuelle Präferenzen und Entscheidungen. Angesichts konkreter Hürden wie dem Ehegattensplitting oder der nicht bedarfsgerecht ausgebauten Infrastruktur für Kinderbetreuung und Pflege muss man sich aber eine faire Verteilung von Sorgearbeit leisten können, wenn häufig Männer immer noch deutlich mehr verdienen als Frauen. Je mehr Menschen sich Erwerbs- und Sorgearbeit dennoch fair teilen, desto stärker wird der persönliche und gesellschaftliche Anspruch, dass das grundsätzlich für alle möglich sein muss, nicht nur für privilegierte Menschen.“ Ohne politische Reformen bleibt gleich verteilte Care-Arbeit ein Privileg. Steuerrecht, Arbeitszeiten, soziale Sicherung und Kinderbetreuung müssen modernisiert werden, damit neue Rollenmodelle alltagstauglich werden. Die Sorgelücke zwischen Frauen und Männern beträgt 43 Prozent – das heißt, Frauen leisten pro Tag im Durchschnitt eineinviertel Stunden mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer.
Für Stefanie Großguth und ihren Mann Martin hat das Modell, sich Erwerbs- und Berufsarbeit fair aufzuteilen, einen Wermutstropfen. „Wir müssen uns finanziell deutlich einschränken und können nichts ansparen. Aber es ist eine bewusste Entscheidung von uns, dass wir das in den Kleinkindjahren trotzdem so leben, um diese Familienzeit zu haben“, erklärt die Psychologische Beraterin, die ihr zweites Kind im Sommer erwartet.
Bei den meisten Paaren dagegen setzt nach der Geburt des ersten Kindes eine Retraditionalisierung ein, die später kaum noch rückgängig gemacht wird. Die Mehrheit wechselt in ein Modell, in dem der Vater Vollzeit arbeitet und die Mutter in Teilzeit – das sogenannte Zuverdienst-Modell. Aktuell arbeiten zwei Drittel der Mütter Teilzeit, aber weniger als zehn Prozent der Väter. Die Folgen zeigen sich im Alter: 2024 lag das eigene Alterssicherungseinkommen von Frauen in Deutschland rund 37 Prozent unter dem der Männer.
Laut der Bundeszentrale für Politische Bildung hat die Einführung des Elterngeldes 2007 zu mehr Schritten Richtung Egalität der Rollenbilder von Männern und Frauen geführt. Es ist selbstverständlicher geworden, dass Mütter kleiner Kinder mehr als nur geringfügig erwerbstätig sind und Väter sich umgekehrt stärker in der Kindererziehung engagieren, in Teilzeit arbeiten oder Elternzeit nehmen.
Stefanie Großguth und ihr Mann haben sich lange bevor sie Eltern wurden, damit auseinandergesetzt, wie sie als Familie leben wollen. „Gleichberechtigung und Feminismus sind uns beiden wichtig und das spielt eine große Rolle für die Aufteilung.“ Die Vaterrolle hat dabei einen hohen Stellenwert: „Ich finde Martin als Vater sehr kompetent und empathisch. Ich bin froh darüber, dass Jakob so viel von uns beiden hat. Martin kann unserem Sohn ganz andere Dinge anbieten als ich.“
„Ohne die gerechte Verteilung von Erwerbs- und Care-Arbeit ist Gleichstellung nicht möglich – weder in der Familie noch gesamtgesellschaftlich“, stellt Stephanie Schlitt vom „Bündnis Sorgearbeit fair teilen“ fest. „Solange Frauen viel mehr unbezahlte Sorgearbeit übernehmen als Männer, bleiben sie ihnen gegenüber in Bezug auf ihre berufliche Entwicklung und wirtschaftliche Eigenständigkeit im Hintertreffen.“
Ein Modell, das hier neue Wege eröffnet, ist das 30/30-Modell: Beide Partner arbeiten rund 30 Stunden pro Woche und teilen sich die Familienarbeit fair. Es bietet der Familie finanzielle Sicherheit und lässt beiden Partnern Chancen für berufliche Entwicklung. Stephanie Schlitt bestätigt die Wirksamkeit: „Studien zeigen, dass eine Angleichung der Erwerbsarbeitszeiten von Frauen und Männern zwischen 30 und 35 Stunden den größten Effekt auf die Verringerung der Sorgelücke hätte.“

Rollen im Wandel

  • Bündnis Sorgearbeit fair teilen: Der KDFB ist Mitglied im „Bündnis Sorgearbeit fair teilen“. Dieses macht sich mit für die gerechte Verteilung von Sorgearbeit stark und tauscht sich mit Politik und Wirtschaft zu konkreten Maßnahmen zur Schließung der Sorgelücke aus. Dabei bildet das Bündnis aus 33 Mitgliedsorganisationen die Breite der Gesellschaft ab: Frauen-, Männer-, Familien- und Sozialverbände, Gewerkschaften, Kirchen, Selbsthilfeinitiativen, wissenschaftliche Netzwerke und Stiftungen. Wichtig ist dem Bündnis, die Perspektiven, Herausforderungen und den Bedarf von
    Menschen in den Mittelpunkt zu rücken, die Erwerbs- und Sorgearbeit miteinander vereinbaren und fair teilen wollen. www.sorgearbeit-fair-teilen.de
  • Der Gender Care Gap bezeichnet die Sorgelücke, also den unterschiedlichen täglichen Zeitaufwand für die Verrichtung unbezahlter Sorge- und Hausarbeit durch Frauen und Männer. Die gerechte Verteilung unbezahlter Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern ist die Voraussetzung, um Frauen ein existenzsicherndes Einkommen und bessere berufliche Chancen zu ermöglichen. Der Equal Care Day am 1. März will auf die mangelnde Wertschätzung und unfaire Verteilung von Care-Arbeit aufmerksam machen. www.equalcareday.org
  • Der Gender Pay Gap verdeutlicht, dass Frauen hierzulande 16 Prozent weniger verdienen als Männer. Damit gehört Deutschland im europäischen Vergleich zu den Ländern mit einer besonders hohen Entgeltlücke. Der Equal Pay Day am 27. Februar macht auf die dahinter stehenden Strukturen aufmerksam. Aktuelle Factsheets unter www.frauenbund.de/downloads/

Autorin: Claudia Klement-Rückel 

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 130.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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