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Oh, Champs-Élysées!

Sabine Scherer, Foto: privat

29.06.2018

Auch an den Jugendlichen in Prien am Chiemsee ging die 68er-Studentenbewegung nicht spurlos vorbei: „Wir wollten etwas verändern, etwas Neues und Abenteuerliches erleben. So entschieden meine Freundin und ich uns relativ spontan, unseren Traum zu leben und nach Paris zu ziehen, obwohl wir kaum Französisch konnten“, erzählt Sabine Scherer, stellvertretende Vorsitzende des KDFB-Diözesanverbandes München und Freising. 

Doch als die beiden 21-jährigen Damen aus Bayern im September 1969 in Paris ankommen, gestaltet sich der Neubeginn gar nicht so einfach. Sie schlüpfen in einem Mädcheninternat unter und besuchen zunächst eine Sprachenschule. „Um alles finanzieren zu können, fing ich an, auf der Prachtstraße Champs-Élysées in einem Import-Export-Geschäft zu arbeiten. Im Nachhinein muss ich sagen, dass wir sehr mutig waren. Aber wir hatten auch viel Glück.“

Unverändert: die Sprachenschule von einst

Auf Sabine Scherer trifft der Spruch zu: Wer einmal in Paris war, kehrt immer wieder zurück. „Die Stadt hat mir wahnsinnig gut gefallen. Sie war damals anders als heute, nicht so überlaufen.“ Auf den Champs-Élysées gab es noch viele kleine Geschäfte und Cafés. Davon ist heute nichts mehr geblieben. „In der Familienphase ist meine Paris-Liebe weit in den Hintergrund gerückt. Aber ich bin trotzdem jedes Jahr mindestens einmal hingefahren.“

Die Sprachenschule von damals gibt es heute noch. Die 71-Jährige hat sie immer wieder besucht. „Erst vergangenes Jahr war ich in der Schule. Sie ist unverändert. Als ich im Gebäude stand, gingen mir viele Gedanken durch den Kopf, auch wie damals die Prüfungen waren. Es gibt sogar noch das kleine Lokal um die Ecke, in das wir früher zum Mittagessen gegangen sind.“ 

Doch über die vielen Jahre hat sich die Gegend sehr verändert. Damals hat Sabine Scherer Paris zu Fuß erobert, ist in ihrer Freizeit gerne ins Kino gegangen, ins Ballett oder am Samstagabend in die Bach-Orgelkonzerte in der Kathedrale Notre-Dame. 

Demonstrationen und ein riesiges Polizeiaufgebot

Die KDFB-Frau kann sich noch gut an die aufgewühlte Stimmung unter den Studenten erinnern: „1969 war die Studentenbewegung in Paris in vollem Gange. Es gab immer wieder Demonstrationen und ein riesiges Polizeiaufgebot. In unserem Bekanntenkreis waren viele Studenten. Es wurde diskutiert über die Rolle der Frau, über Meinungsfreiheit und über all das, was sich ändern könnte.“ 

Sabine Scherer steigt an ihrem Arbeitsplatz in Paris sogar zur Übersetzerin auf, aber der Liebe wegen kehrt sie schließlich an den Chiemsee zurück: „Mein späterer Mann hatte mir schon bei der Abreise nach Paris einen Ziegelstein in den Koffer gelegt – in der Hoffnung, dass ich wiederkommen würde.“

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB Engagiert 7/2018

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