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Maria heute

31.03.2022

Sie ist die Maienkönigin, die Madonna der Wallfahrtsorte und viel mehr: Maria aus Nazareth, die Mutter Jesu, gehört zu den berühmtesten Frauengestalten der Weltgeschichte. Sie spendet Hoffnung und Orientierung. Besonders, wenn die Zeiten schwer sind. 

Es ist Frühling, die Natur wacht auf, es grünt und blüht, wohin das Auge reicht – und viele fragen sich, wie das Leben jetzt weitergeht. Denn Europa ist wieder zum Kriegsschauplatz geworden, der Schock sitzt tief. Wo ist das behagliche Lebensgefühl der letzten Jahrzehnte hin? Der Blick in die Zukunft schmerzt, Sicherheiten brechen weg. Selbst die Kirche, geistige Heimat von Millionen Menschen, steckt in einer abgrundtiefen Krise. Dabei ist sie die Hüterin alter Traditionen und Rituale, die gerade in schweren Zeiten Trost und Zuversicht geben können. Gebete, Gottesdienste, Andachten gehören dazu, und im Frühling die Maiandachten.  

Wenn die Natur in voller Blüte ist und gleichsam den Sommer verspricht, feiern Gläubige eine Ausnahmefrau, die Menschen aller Kontinente in ihren Bann zieht: Maria, die Mutter von Jesus, dem Christus, der auf die Welt kam, um das Reich Gottes zu verkünden, wie die Evangelien erzählen. Maria schenkte ihm das irdische Leben. So wurde sie zu einer Verbindung zwischen Himmel und Erde, zwischen Gott und Mensch, zu einem Bild der Hoffnung.  

Vorbild Maria: Sie hat ihr Schicksal angenommen

Über ihr Leben ist sehr wenig überliefert. Die einzige Quelle, die von ihr berichtet, ist das Neue Testament, und selbst dort kommt sie nicht oft vor. Sie, die jüdische Frau aus dem Dorf Nazareth im nördlichen Palästina, hatte es sicher nicht leicht, damals, vor 2000 Jahren. Zu ihren Lebzeiten war Palästina Heimat eines religiös vielfältigen Volkes, das unter der Fremdherrschaft der Römer litt. Die Israeliten mussten hohe Steuern an die Besatzer ab-führen. Armut, Korruption, rechtliche Unsicherheit gehörten zum Alltag. Wer sich ge-gen die Mächtigen auflehnte, riskierte, grausam zu sterben – am Kreuz. Maria lebte in einer Krisenzeit. Die Menschen sehnten sich nach einer besseren Welt, ähnlich wie heute. Sehr jung wurde sie schwanger.  

Der Evangelist Lukas erzählt, wie ein Engel Maria besuchte, um ihr anzukündigen, dass sie Mutter eines besonderen Kindes wird. Zeitgleich war auch ihre viel ältere Verwandte Elisabet schwanger. Auch sie erwartete ein besonderes, von einem Engel angekündigtes Kind – Johannes den Täufer, den Vorgänger Jesu. Lukas erzählt von einer rührenden Begegnung zweier Frauen, deren Schwangerschaften einem Wunder gleichen. Denn die eine ist Jungfrau und die andere viel zu alt, um noch ein Kind zu bekommen. Auf diese Weise wird mitgeteilt: Die beiden Kinder sind von Gott gesandt, um das schwer geprüfte Volk Israel aus seiner hoffnunglosen Lage zu befreien. In Eile macht sich Maria auf, um Elisabet zu besuchen. Zu Fuß durchquert sie eine bergige Wüste. Als die Frauen sich gegenüberstehen, ist die Freude so groß, dass Maria zu singen anfängt. Ihr Lied, das Magnificat, ist der längste Text, den die Bibel ihr in den Mund legt. Es ist ein politisches, revolutionäres Lied, das eine Umkehrung der Machtverhältnisse vorhersagt: Gott schafft Gerechtigkeit, er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Marias Magnificat ist ein stolzes Gebet, das an die Glaubenstradition ihres Volkes anknüpft. Psalmen, Gebete und prophetische Reden des Alten Testaments sind darin enthalten. Mag sein, dass Elisabet mit einstimmt. Es ist ein kraftvoller Moment und eine Stunde der Frauen. Sie reden prophetisch, loben Gott, sprechen sich Mut zu in einer gesellschaftlich bedrückenden Situation.

Vorbild Maria: Sie hat sich im Vertrauen auf das Leben eingelassen

Und heute? „Die Begegnung von Maria und Elisabet ist eines der beliebtesten Motive der Maiandachten“, sagt Hildegard Weileder-Wurm, Geistliche Beirätin des KDFB  in Passau, die auch in der Frauenseelsorge des Bistums wirkt. „In der Szene geht es um Frauenfreundschaft, das spricht sehr an“, erklärt sie. Heutige Maiandachten werden von Frauen für Frauen gestaltet. Bewusst gehen sie hin, um gemeinsam den Glauben zu feiern. Dabei erwarten sie, dass ihr eigenes Leben in der Feier einen Platz bekommt, wie Weileder-Wurm sagt. Sie weiß, wie belastet Frauen heute sind. Wenn sie sich um Maria versammeln, ist sie ihnen Freundin, Mutter, Schwester im Glauben. Während sie beten und singen, gewinnen sie Kraft. Rituale entlasten, etwa wenn jede der Teilnehmerinnen einen kleinen Stein bekommt, als Sinnbild für ihre Bürde. Nacheinander treten die Frauen vor das Marienbildnis und legen dort den Stein ab. Mit einer brennenden Kerze kehren sie an ihren Platz zurück. „Wichtig sind auch die Fürbitten“, so  Weileder-Wurm. „Die Frauen sprechen aus, was sie belastet, und halten es Maria hin.“ 

Betende Frau in der Natur

Die Maiandacht als kraftvoller Moment und Stunde der Frauen.

In ihrer Kindheit liefen die Maiandachten noch anders ab, erinnert sich die 62-Jährige. Hildegard Weileder-Wurm ist auf einem niederbayerischen Bauernhof nahe Deggendorf großgeworden. „Im Mai war jeden Abend um sechs Uhr Maiandacht bei uns in der Marienkapelle in Altenmarkt“, erzählt sie. Da ging sie gerne hin: „Es war die Frauengemeinschaft, die mich damals in besonderer Weise berührt hat.“ Frauen aller Generationen kamen in der Kapelle zusammen – von Kindern bis hin zu ganz alten Frauen. „Ich habe mich geborgen gefühlt in diesem Kreis“, sagt sie. Vorne am Altar stand eine blumengeschmückte Statue der Gottesmutter. Für Hildegard Weileder-Wurm war sie damals eine entfernte Himmelskönigin, weit weg vom Alltag der Menschen. Und doch gab sie der Gemeinschaft Halt, die vor ihr den Rosenkranz betete und sang: „Wunderschön prächtige, hohe und mächtige, liebreich holdselige, himmlische Frau…“. In dem stimmungsvollen Lied aus dem 17. Jahrhundert wird Maria als die makellose Auserwählte besungen, mit der sich keine irdische Frau vergleichen kann.  

 

Maiandachten im Frauenbund

Eine Sammlung von Anregungen für Maiandachten aus dem KDFB finden Sie unter Mein KDFB Intern:

„Maria am Wolkenfenster“ (Katholischer Deutscher Frauenbund – Landesverband Bayern, 2021) 

„Maria singt das Lied der Hoffnung“ (DV Regensburg, 2020)

„Mit Maria im Alltag“ (DV Würzburg, 2020)

„Getragen vom Glauben – Maria“ (DV Regensburg, 2019)

„In Verbindung – Maiandacht in vier Stationen“  (DV Würzburg, 2018) 

„Perlen und Steine in meinem Leben“ (ZV Eichenau, 2018) 

„Ja zu Gottes Plan“ (DV Rottenburg-Stuttgart, Claudia Schmidt, 2017) 

„Maria und die Schöpfung preisen den Herrn“ (DV Eichstätt, 2017) 

Mai- und Marienandachten: Liturgische Bausteine (DV München-Freising, 2017) 

„Maria – Mutter der Schöpfung, Mutter des Lebens (DV Regensburg, 2017) 

„Maria, die Lebensbegleiterin“ (DV Regensburg, 2016) 

„Maria Himmelskönigin“ (DV Rottenburg-Stuttgart, Claudia Schmidt, 2015) 

„Zuflucht finden unter dem Mantel Marias“ (DV Rottenburg-Stuttgart, Claudia Schmidt, 2015) 

„Maria Knotenlöserin“ (DV Rottenburg-Stuttgart, Claudia Schmidt, 2015) 

„Blühendes Leben – Maria“ (DV Regensburg, 2015) 

Marien-Andachten (DV München-Freising, 2014) 

„Du bist gesegnet unter den Frauen“ (DV Bamberg, 2013) 

„Maria – voll der Gnade“ (DV Regensburg, 2012) 

Zusammenstellung
: Gerlinde Wosgien, März 2022

Vorbild Maria: Sie hat ihr Kind respektiert, wie es ist

Durch die Jahrhunderte ist Maria spiritualisiert, verfremdet, verzerrt worden. Viele der Bilder haben rein gar nichts mit der Frau zu tun, die am Anfang unserer Zeitrechnung in Palästina gelebt hat“, sagt die ehemalige Ordensfrau und Theologin Monika Schmelter. Und doch spricht Maria heutige Frauen an. 

Schmelter befasst sich vertieft mit dem Markusevangelium, dem ältesten der vier Evangelien. Dort, sagt sie, werde die Mutter Jesu so dargestellt, dass viele sich in sie einfühlen können: Nachdem Jesus von Johannes dem Täufer getauft wurde und Menschen um sich zu scharen beginnt, hält sie ihn erst einmal für verrückt. Sie macht sich auf, um ihn nach Hause zu holen. Er aber folgt ihr nicht, ist nicht einmal bereit, mit ihr zu sprechen (Mk 3,20-21; Mk 3,31-35). „In diesem Text ist Maria eine Frau, die ihren Sohn nicht versteht, sie muss ihn loslassen und sich enttäuscht zurückziehen“, sagt Schmelter und fügt hinzu: „Ich glaube, dass sie ernsthaft versucht hat, Anteil am Leben ihres Sohnes zu nehmen und seine Berufung zu begreifen.“ Es steht mehrfach im Markusevangelium: Sie folgte ihm von Weitem. „Ich glaube, dass sie versucht hat zu verstehen, welchen Auftrag ihr Sohn lebt und warum er sich gerade zu den Ausgegrenzten gesellt.“ Es musste ihr bewusst gewesen sein, wie gefährlich es war, was er tat, er hatte Feinde. Schließlich steht Maria unterm Kreuz, im unaussprechlichen Schmerz.  

Für Monika Schmelter ist sie eine Frau, die „aufrecht und im Vertrauen auf Gott ihr Schicksal angenommen hat“. Sie habe ihren Sohn respektiert, wie er war, bis hin zu seiner Entscheidung, den Tod zu riskieren. Mit dieser Erfahrung kann sie heutigen Eltern, die ihre Kinder auch nicht verstehen, eine starke Stütze sein. Und: „Sie ist am eigenen Schicksal nicht zerbrochen, sie hat nicht gehadert, hat sich nicht dagegen aufgelehnt. Sie hat es angenommen. Auch darin kann sie Vorbild sein“, sagt Monika Schmelter.  

Doch die Theologin weiß auch: „Wer auch immer die Figur der Maria zu interpretieren versucht, lässt unweigerlich etwas aus der eigenen Biografie einfließen.“ Gläubige sehen die Mutter Jesu immer wieder in einem anderen Licht, je nach geschichtlicher, gesellschaftlicher oder persönlicher Situation.  

Wie in keiner anderen verdichten sich in dieser Frauenfigur Grundmuster des menschlichen Schicksals und Urbilder des Weiblichen. Sie steht für Lebenserfahrungen von Frauen, aber auch für Schutz, Hilfe in Bedrängnis und für das Versprechen, dass letztendlich alles gut wird. Seit Jahrhunderten fasziniert sie, auch als Motiv unzähliger Kunstwerke. Ob die stillende Maria, die Schmerzensreiche oder die kosmische Frau mit der Sonne bekleidet, den Mond unter den Füßen – die Mutter Jesu ist eine immerwährende Inspiration. „Ich sehe dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt, doch keins von allen kann dich schildern, wie meine Seele dich erblickt“, schrieb Novalis, der Dichter der Romantik. Von Altären blickt sie hinab, von Häuserfassaden, in Kapellen brennen Kerzen vor ihrem Bildnis, Kathedralen sind ihr geweiht, Länder stellen sich unter ihren Schutz. Maria hilft! Maria hat geholfen! Votivtafeln in Marienheiligtümern zeugen davon, mit wie viel Vertrauen sich Menschen in Notlagen an sie, die Gottesmutter, wenden. Allein im bayerischen Altötting, Deutschlands bekanntestem Wallfahrtsort, hängen solche Tafeln zu Tausenden. Oft drücken sie die Sehnsucht nach einem Wunder aus. 

Vorbild Maria: Sie hat in einer Krisenzeit Mut aus dem Glauben geschöpft

Die Regisseurin Christiane Huber, Jahrgang 1973, ist nahe dem Wallfahrtsort aufgewachsen. Die Schwarze Madonna von Altötting ist aus ihrem Leben nicht wegzudenken. Schon als Kind betete sie gemeinsam mit ihren Eltern vor dem prachtvollen Altar, in dessen Mitte die 65 Zentimeter kleine Statue steht. Wie andere Schwarze Madonnen, die auf der ganzen Welt verehrt werden, strahlt sie königliche Würde aus. 

Christiane Huber, die in New York bildende Kunst und Soundart studierte, fasziniert der Glaube an Wunder. Kühn verbindet sie Gegenwart und Überlieferung zu künstlerischen Veranstaltungen. Aktuelle gesellschaftspolitische Probleme erscheinen dabei in einem ungewohnten Licht. In einer Szene ihres Stücks „We Call Wonder“ – „Wir rufen nach Wundern“ hallt ein Mariengebet im Flüsterton durch einen Münchner U-Bahn-Schacht. „Heiligste Jungfrau“, „Großmutter der Welt“, flüstern weibliche Stimmen andächtig, während man junge Frauen unterschiedlicher Herkunft auf ihren Zug warten sieht. Eine mystische Hoffnung schwebt im Raum, prägt sich dem Alltag ein, verbindet Kontinente. Für Christiane Huber ist das Motiv der Schwarzen Madonna eine Möglichkeit, junges, kirchenfernes Publikum anzusprechen. „Die Schwarze Madonna könnte heute ein Sinnbild für eine diverse Gesellschaft sein, zu Diskussionen über Rassismus und Feminismus anregen“, sagt Huber. 

Zwei Frauen liegen sich in den Armen, auf einem Demo-Plakat steht "End Racism"

Die Schwarze Madonna als neuer Zugang für kirchenfernes Publikum – ein Symbol für die diverse Gesellschaft.

Inspiriert hat sie sich in Lateinamerika. In Brasilien etwa gilt die Schwarze Madonna von Aparecida, einem Ort südlich von São Paulo, als Nationalheilige. Acht Millionen Pilger strömen jährlich zu dem Wallfahrtsort, dessen Basilika zu den größten Kathedralen der Welt gehört. Aus Gesprächen mit Brasilianerinnen weiß Huber, wie sehr sie ihre „Liebe Frau von Aparecida“ verehren. „Sie ist schwarz wie wir, sie ist eine von uns“, sagen die Frauen. Das gibt ihnen Kraft, sich gegen Missstände aufzulehnen und ihre Rechte einzufordern. Der Glaube fließt in politische Aktivität über, im Vertrauen auf den wundertätigen Beistand der Mutter Gottes.  

Die Sehnsucht nach einem Wunder ist längst nicht ausgestorben. Christiane Huber hat dazu letztes Jahr in Altötting eine künstlerische Aktion veranstaltet – in der Tiefgarage unterhalb des Heiligtums. Sie ließ Schauspielerinnen von Wundern erzählen, die in den Altöttinger Mirakelbüchern verzeichnet sind. Klänge begleiteten die Geschichten. Huber wählte solche Wunderberichte aus, die zu heute passen. Es ging um Seuchen, Stürme, Depressionen. Maria hat geholfen! Immer wieder. „Die Bedeutung der Mutter Jesu hat sich im Erzählen geformt“, sagt die Künstlerin, „wir können die Geschichten für unsere Zeit weitererzählen“. 

Vor beinahe zwei Jahrtausenden schrieb der Evangelist Lukas die Verkündigungsszene: Ein Engel besucht das Mädchen Maria in Nazareth und sagt ihr, sie werde ein Kind empfangen und gebären. Sie erschrickt erst einmal, dann überlegt sie, fragt nach, und schließlich lässt sie sich darauf ein. Für Christiane Huber zeigt das Mädchen Maria eine Fähigkeit, die heute in der Gesellschaft weitgehend fehlt. „Sie war imstande, mit Nichtwissen umzugehen. Wir aber suchen meist nach schnellen Lösungen und schnellen Wahrheiten“, sagt die Künstlerin. Die Ikone Maria könnte auch Gemeinschaft stiften, Menschen verschiedener Generationen und Hautfarben verbinden, meint sie. Denn nach Gemeinschaft sehnten sich heutige Menschen zutiefst. Ob in Kunst, Andacht oder in biblischen Texten – die Gestalt der Maria berührt verborgene Sehnsüchte der Menschen. Tiefe Wünsche spiegeln sich in unzähligen Bildern von ihr, seit vielen Jahrhunderten. Jede und jeder kann sich in ihnen wiederfinden.  

„Wir wollen nicht mehr schweigen!“

Die Reformbewegung in der Kirche – Maria 2.0 und das Engagement des Frauenbundes: eine Bestandsaufnahme

Autorin: Maria Sileny

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 160.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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