Leben danach
Die Diagnose Brustkrebs ist erst mal ein Schock für jede Frau. Doch die Heilungschancen sind gut – vor allem bei früher Erkennung. Für viele Frauen beginnt nach erfolgreicher Behandlung ein neuer Abschnitt. Sie leben bewusster, machen Sport und nehmen sich Zeit für sich.
Brustkrebs ist kein Todesurteil, sondern meistens heilbar, sagt Nina Ditsch, Leiterin Brustzentrum Uniklinik Augsburg. Bei dieser Krebsart gebe es mehr Langzeitüberlebende als bei vielen anderen Krebsarten. 74 000 Frauen erkranken jährlich in Deutschland. Je früher erkannt, desto besser, betont sie und unterstreicht die Wichtigkeit, im Alter von 50 bis 69 den Mammografie-Termin alle zwei Jahre wahrzunehmen.
Aber auch jüngere Frauen würden oft nicht rechtzeitig behandelt. Sie sollten auf eine Mammografie, Ultraschall und MRT drängen, sagt Biggi Welter von der Patienteninitiative Mamazone. Auch eine genetische familiäre Vorbelastung gelte es zu identifizieren. Prominentes Beispiel ist die US-Schauspielerin Angelina Jolie, die sich vorsorglich beide Brüste amputieren ließ, nachdem ihre Mutter an Brustkrebs verstorben war. Bei hohem Risiko sei ein solcher Eingriff absolut vertretbar, meint Ditsch. Meist würde nicht die ganze Brust, sondern nur das Drüsengewebe entfernt. Ein Brustaufbau sei gut möglich. Neben der Mammografie sei die Selbstuntersuchung wichtig: Frauen sollten ihre Brust monatlich auf Knoten, Einziehungen, Orangenhaut oder Flüssigkeitsaustritt untersuchen. Am besten unter der Dusche eine Woche nach der Periode.
Wenn plötzlich alles anders ist
Die Diagnose verändert ein Leben. Doch sie ist nicht das Ende. Für viele Frauen beginnt nach der Behandlung ein neuer Abschnitt. „Mein Leben hat sich verändert, aber ich habe kein neues Leben“, sagt KDFB-Frau Karin N.* Heute ist sie dankbar für vieles, was früher selbstverständlich war. 2019, mit 48 Jahren, bekam sie die Diagnose. „Ich war immer bei den Vorsorgeuntersuchungen, hab Ultraschall machen lassen und war im Glauben, dass ich es niemals bekomme.“ Sie hatte gesund gelebt, Sport gemacht und alle drei Kinder gestillt. Dann wurden Tumoren festgestellt. Eine Brust musste entfernt werden, eine Chemotherapie folgte.
„In den ersten Wochen habe ich gedacht, das kann nicht ich sein.“ Als Krankenschwester wusste sie, was Krebs bedeuten kann. „Mein erster Gedanke war, ich muss sterben.“ Es war wie ein Film, der abläuft, aber nichts mit ihr zu tun hatte. „Wie eine Rakete, die hochgeschossen wurde.Ich sitze drin und schaue raus“, schildert sie ihre Gefühle. Die Therapie war eine enorme Belastung. „Die Chemo im ersten halben Jahr war schlimm: Verlust der Haare, Übelkeit. Ich war nicht mehr in der Lage, meine Aufgaben als Hausfrau und Mutter zu erledigen.“ Die Behandlung wird individuell auf die jeweilige Brustkrebsart abgestimmt, erklärt Ditsch. „Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs.“ Je nach Tumorart können Operation, Bestrahlung, antihormonelle Behandlung oder Chemotherapie nötig sein.
Mit den Folgen umgehen
„Für mich war die Brust, wie lange Haare, ein Zeichen von Weiblichkeit“, erzählt N.. Sie entschied sich für einen Brustaufbau. Nach der Operation hob sie die Bettdecke und sah nach: „Ich war sehr erleichtert, dass eine Wölbung zu erkennen war.“ Heute würde sie anders entscheiden. Die Brust fühlt sich nicht an wie früher. Ihre Freundinnen unterstützen sie: „Wenn es dir hilft, setzen wir uns alle im Bikini in die Sauna.“ N. betont besonders, wie wichtig ihr Partner in dieser Zeit war und welch große Stütze für sie. „Die Partnerschaft ist weiterhin stark, die Intimität verändert sich.“ Mit einer Therapeutin arbeitet sie daran, wieder ein Körpergefühl zu entwickeln. „Manche verbergen ihre Narben, manche zeigen sie“, berichtet Welter, die selbst erkrankt war. Das Selbstbewusstsein leide häufig sogar stärker unter dem Verlust der Haare als unter dem der Brust.
Dass die Brust mit dem Selbstwertgefühl der Frau zusammenhängt, liegt auch am gesellschaftlichen Frauenbild. Ditsch kritisiert die sexualisierte Darstellung des weiblichen Körpers, die die Vorstellung einer perfekten Brust prägt. Für Betroffene könne dieser Druck besonders belastend sein.
Auch nach erfolgreicher Behandlung ist die Krankheit nicht einfach vorbei. „Was oft bleibt, sind Müdigkeit und die ständige Angst“, sagt Welter. N. kennt dieses Gefühl: „Nach der Diagnose hatte ich überhaupt kein Vertrauen mehr in den eigenen Körper.“ Sie wurde weniger leistungsfähig und fühlte sich nicht mehr wertvoll. Sie entwickelte eine Krankheitspsychose. „Schon bei veränderten Muttermalen wurde ich nervös.“ Gleichzeitig hat sie gelernt, damit zu leben. Sie geht regelmäßig zu Kontrolluntersuchungen, manchmal eher öfter als nötig. Die Nachsorge sei enorm wichtig, betont Welter: Sie gebe Sicherheit. Und Bewegung hilft. Schon 90 Minuten pro Woche könnten den psychischen Stress reduzieren, erklärt Ditsch. Auch der Alltag kann Halt geben. „Im Alltag integriert sein hilft“, sagt Welter. N. arbeitet wieder in einem Krankenhaus. Von ihrer Erkrankung hat sie dort bislang nichts erzählt. Sie möchte, dass normal mit ihr umgegangen wird. Auch die Familie musste ihren Weg finden. Als Mutter war es ihr wichtig, weiter zu funktionieren. „Die Krankheit verändert die ganze Familie.“
Professionelle Unterstützung half der Betroffenen. „Ich habe mich von einem Psychoonkologen und Psychologen begleiten lassen.“ Heute geht sie zu einer Therapeutin. „Sonst könnte ich auch jetzt nicht darüber sprechen.“ Im internationalen Brustkrebsmonat Oktober macht sie gemeinsam mit anderen Frauen in ihrem Zweigverein mit einer Aktion das Thema Brustkrebs und Vorsorge sichtbar. „Ich versuche im Kleinen darauf aufmerksam zu machen.“ Welter empfiehlt: „Such dir Menschen, die dir guttun und dir keine Ratschläge geben.“ Menschen, die zuhören und es aushalten, auch wenn es einem nicht gut geht. „Wir haben nur ein Leben, und es hilft nicht zu verbittern“, sagt sie. Ihre eigenen Ängste hätten sie viele Jahre gekostet. Ditsch rät Frauen, die oft nur für Familie und Beruf da sind, die Krankheit zum Anlass zu nehmen, etwas für sich zu tun, etwas zu verändern: „Wie erarbeite ich mir das Glück?“ – Darum gehe es. Glücklichsein sei ein Schutzmechanismus für den Körper.
Für N. bedeutet das heute: bewusster zu leben und nicht mehr alles perfekt zu machen. „Ich bin dankbar, dass alles wieder geht.“ Ihre Erkrankung hat ihren Blick verändert. „Gesundheit ist ein kostbares Gut, mit dem man haushalten sollte.“ Nie aufgeben, jeder Tag sei ein kleiner Sieg. Schritt für Schritt komme man da durch. Festhalten an dem, was wichtig ist – und lernen, nicht zu hadern. Denn: „Das bringt nichts.“
* Name der Redaktion bekannt
Autorin: Katrin Otto
KDFB: Prävention ist wichtig
Beschluss Landes-und Bundesdelegiertenversammlung: Ausreichende und zeitnahe Versorgung (bei Symptomen) mit kurativen Mammografien
Herzkissenaktion: KDFB-Frauen nähen seit 2018 im Rahmen der KDFB-Herzkissenaktion ehrenamtlich Herzkissen für Brustkrebspatientinnen zur Schmerzlinderung www.frauenbund-bayern.de/herzkissenaktion/
Checkliste zu familiärer Vorbelastung: www.krebsgesellschaft.de/unsere-themen/zertifizierung/erhebungsboegen-und-dokumente
Patientenratgeber und Webinare der Arbeitsgemeinschaft Gynökologische Onkologie: www.ago-online.de/fuer-patienten

