KDFB-Spendenaktion: Wenn Eltern zurückbleiben
Die Welt steht still, wenn ein Kind stirbt – gleich in welchem Alter, ob vor oder nach der Geburt. Für Eltern und Geschwisterkinder ist nichts mehr, wie es war. Für ihren schmerzhaften Weg zurück ins Leben brauchen sie verlässliche Begleitung. Der Bundesverband Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister (VEID) leistet wichtige Unterstützung und steht im Mittelpunkt der diesjährigen KDFB-Spendenaktion.
Das Telefonat wird Dorothea Stockmar nie vergessen. Mit großem Kraftaufwand hatte sie die Nummer gewählt. Auf der Suche nach allem, was helfen kann, weiter durch das eigene Leben zu tragen. Als sie den Hörer nach über einer Stunde wieder auflegt, bleibt ein Gefühl: „Diese Frau am anderen Ende der Leitung ist mir geschickt worden. Ich hatte in diesem Gespräch einen Gänsehautmoment nach dem anderen, weil ich mich so verstanden fühlte.“ Am anderen Ende der Leitung war die damalige Vorsitzende des Verbandes für Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister (VEID), Petra Hohn. Sie teilt das Schicksal mit Dorothea Stockmar und wusste sehr gut, wovon sie sprach.
Wenige Monate lag da das Unbegreifliche erst zurück. Der 17-jährige Sohn von Dorothea Stockmar, Caius, war wie an so vielen Tagen mit der Bahn unterwegs. Er besuchte die Internationale Schule in Hannover. Bis zum Schulabschluss war es nicht mehr weit. Doch dieser Tag änderte von einer Sekunde auf die andere alles. Caius wurde vom Sog eines vorbeifahrenden Güterzuges erfasst, als er nach seinem Handy suchte. Er starb sofort.
Zurück blieben Sprachlosigkeit, Unfassbarkeit und eine riesige Leerstelle. Der Tod eines Kindes – egal in welchem Alter – verändert für Eltern alles. „Wir verschanzten uns erst mal vollkommen in unserem Zuhause. Unfähig unter Menschen zu gehen, unfähig zu verstehen, was passiert war“, erzählt Dorothea Stockmar. Sie, die selbst seit langen Jahren in der Hospizarbeit tätig war und dort auch Menschen in ihrer Trauer begleitete, konnte sich dennoch nicht selbst helfen.
Ebenso hilflos: das soziale Umfeld. „Das ist meist hoffnungslos überfordert von der Situation. Wie reagieren auf die Verzweiflung und Trauer der Eltern? Das ist eine Frage, die sich schwer beantworten lässt“, ist sich Dorothea Stockmar bewusst. Auf die Frage einer Freundin, was sie tun könnte, sagte sie damals: „Vielleicht kannst du uns eine Suppe kochen.“ Kurze Zeit später stand ein Topf vor der Tür. „Diese Suppe nährte uns und unsere beiden erwachsenen Töchter, die zu uns geeilt waren, über Tage. Es war mehr als eine Suppe. Es war auch ein Zeichen dafür, dass sich jemand um uns sorgte und wir nicht ganz alleine waren. Ich habe auch erlebt, dass sich viele Menschen wirklich weggeduckt haben, weil sie nicht wussten, wie sie mit uns umgehen sollten.“ An die Geste einer Bekannten erinnert sie sich immer noch. „Sie hat mir damals Tulpenzwiebeln geschickt und dazu geschrieben, dass sie hofft, dass sich mit dem Blühen der Blumen die Trauer wandelt. Ein Zeichen, das ankam. Die Blumen blühen immer noch jedes Jahr in meinem Garten.“
Betroffene Familien brauchen einen Anker
Dass Menschen in dieser schweren Zeit nicht ganz alleine sind, das ist das Anliegen des Bundesverbands für Verwaiste Eltern und trauernde Geschwister (VEID). An ihn können sich alle Eltern wenden, ganz gleich, wie alt das Kind war, ob es durch Unfall, Suizid oder Krankheit ums Leben gekommen ist, vor oder nach der Geburt. „Eltern, deren Kind gestorben ist, haben meist nicht die Kraft nach der passenden Hilfe zu suchen. Aber wir haben diese Kraft. Wir können sie bei diesem Schritt unterstützen. Wir recherchieren und telefonieren herum, bis wir die für sie passende Gruppe oder Einzelunterstützung gefunden haben“, erklärt Romy Kieselbach, Geschäftsstellenleiterin des VEID. „Von einer Sekunde auf die andere ist nichts mehr so wie es war für die Familien. Und es wird auch nicht mehr so. Die betroffenen Familien brauchen einen Anker. Und wir sehen es auch als unsere Aufgabe an, ihnen gesellschaftspolitisch ein Gesicht zu geben.“
Der VEID stellt mit seinen Angeboten Hilfe und Unterstützung für alle zur Verfügung, die mit dem Tod eines Kindes − gleich welchen Alters − leben müssen. Hier finden betroffene Familien Hilfe und Austausch in lokalen Gruppen, im Online-Forum, in Ratgebern und Broschüren. Hinter dem Verband steht ein Netzwerk von über 500 Gruppen in ganz Deutschland. In diesen Gruppen finden Eltern nach dem Tod ihres Kindes den schützenden Raum, in dem Trauer zugelassen und gezeigt werden darf. Sie erhalten dort Hilfe auf dem langen und leidvollen Weg durch die Trauer. Im Schutzraum dieser Gruppen vermitteln Eltern, die bereits durch ihren tiefen Verlustschmerz und ihre Trauer hindurch zum Leben zurückgefunden haben, die Hoffnung, dass Weiterleben möglich ist. Es entstehen neue Kontakte.
Der Verlust eines Kindes trifft Eltern in jeder Phase unfassbar hart. Auch vor der Geburt. Sternenkinder nennt man die Kinder, die noch vor ihrer Geburt versterben. Die hoffnungsvoll erwartet wurden, mit denen sich ihre Eltern ein gemeinsames Leben ausgemalt hatten. Für die sie – je nach Zeitpunkt des Verlustes – vielleicht schon alles liebevoll vorbereitet hatten, für die sie Strampelhöschen, Windeln und Wiege besorgt hatten.
Auch Steffi Curuvija ist eine Sternenkindmama. Das ersehnte, gemeinsame Leben als Familie schien für sie und ihren Mann greifbar nahe. Doch dann kam alles anders. „Das Jahr 2013 war für uns ein Schicksalsjahr, das unser Leben grundlegend verändert hat“, sagt sie. Nach einer komplikationsfreien Schwangerschaft und sehr regelmäßigen Kontrollen verloren sie und ihr Mann in der 40. Schwangerschaftswoche völlig unerwartet ihren Sohn Milan. „Mit einem Schlag standen wir vor einem unbegreiflichen Schock. Ohnmacht und eine tiefe, alles durchdringende Traurigkeit bestimmten unseren Alltag. Oft wussten wir in den ersten Tagen und Wochen nicht, wie wir die nächsten Minuten überstehen sollten. Milan war unser erstes Kind und auch meine erste Schwangerschaft – ein Schicksalsschlag, der uns zugleich mit dem größten Verlust und Tod bis heute konfrontierte“, erzählt sie.
Austausch hilft, den Verlust zu verarbeiten

Sprach man noch vor 30 Jahren kaum über die Fehl- und Totgeburten von Frauen, so hat sich das heute grundlegend geändert. „Wir erleben einen enormen Zulauf bei den Gruppen für Mütter, die ihr Kind während der Schwangerschaft verloren haben“, berichtet Bea Erck vom VEID, die auch selbst eine Gruppe für Sternenkindmamas leitet. „Diese Frauen sind jetzt sichtbar. Früher wurde da nicht darüber gesprochen. Heute ist es eine ganz andere Wahrnehmung. Man erkennt die seelische Belastung an, und die jungen Frauen haben viel Verständnis füreinander.“ Wichtig sei für diese Frauen vor allem der Austausch mit den anderen Müttern, um den Verlust verarbeiten zu können.
Steffi Curuvija erinnert sich an die Zeit nach dem Tod ihres ersten Kindes am Ende der Schwangerschaft: „In dieser Akutphase hatten wir großes Glück, von erfahrenen Hebammen begleitet zu werden. Sie standen mir während der fast 48 Stunden dauernden Geburt zur Seite, begleiteten uns im Wochenbett und waren sogar bei Milans Beerdigung anwesend. Auch mein Gynäkologe und sein Praxisteam versuchten, uns nicht nur medizinisch, sondern auch psychisch zu unterstützen – was 2013 im Ruhrgebiet noch eine große Ausnahme war, da es kaum spezialisierte Hilfsangebote gab. Doch schon Wochen nach Milans Tod spürten mein Mann und ich, dass wir über die ersten Wochen hinaus Hilfe brauchten – als Paar und auch individuell. Nach langer Recherche fand sich schließlich eine Selbsthilfegruppe, die mich lange getragen hat.“ Das Paar ist auch schon kurz nach Milans Tod Mitglied im VEID geworden, um die Arbeit dieses Bundesverbands zu unterstützen. „Während meiner Elternzeit nach der Geburt unseres Folgewunders − ein sehr aufgewecktes Kind − gründete ich schließlich die Selbsthilfegruppe „Sternenkinder Duisburg“. Dank der Öffentlichkeitsarbeit wurde die Gruppe schon nach einem Jahr gut besucht. Der VEID bot dabei wertvolle Unterstützung an. Durch Fortbildungen und Workshops bei den Jahrestreffen erhielt ich fachliche Impulse, die mir halfen, die Gruppe weiterzuentwickeln“, berichtet Steffi Curuvija.
Immer mehr in den Blick des VEID sind mit den Jahren die trauernden Geschwister der verstorbenen Kinder genommen worden. Ein wichtiger Schritt, findet Dorothea Stockmar, die sich seit einiger Zeit auch als Beisitzerin im VEID engagiert.
„Wenn ein alter Mensch stirbt, stirbt die Vergangenheit, man kann nichts mehr fragen. Wenn ein Kind stirbt, stirbt die Zukunft“, erklärt sie. „Aber für die Geschwisterkinder stirbt auch noch die Gegenwart. Weil die Eltern plötzlich vollkommen anders ticken, nicht mehr funktionieren und sich nicht mehr hinreichend um die anderen Kinder kümmern können. Deshalb ist es so wichtig, auch die trauernden Geschwister in den Blick zu nehmen.“ Immer mehr Angebote richten sich deshalb an Geschwister. Dort sollen sie Raum finden, gesehen zu werden. Eine von Caius älteren Schwestern nahm an einem Workshop des VEID teil, in dem sie einen Liedtext über ihren Bruder schreiben konnte. Die Sängerin Luci van Org hat den Text dann vertont. Das Lied hat die Familie nun auf CD. „Ein unfassbarer Schatz“, sagt ihre Mutter.
Sie selbst hat Bücher geschrieben über die Trauer. Hat sich in Bildern, die sie malt, ausgedrückt. Ist mit ihrem Mann auf eine Trauerreise nach Norwegen gegangen. „Ich habe versucht, alles zu tun, damit die Trauer nicht im Kopf bleibt“, berichtet sie, „damit ich sie bearbeiten kann. Irgendwie habe ich es geschafft zu überleben“, sagt sie und fügt hinzu: „Und meinem Mann und mir ist es auch gelungen, als Paar zusammenzubleiben. Das gelingt vielen nicht. Weil jeder auf eine andere Art trauert.“
Seine Art der Trauer zu finden, dabei kann auch das Jahrestreffen des VEID helfen. Es ist ein Herzstück im Verbandsleben. Da kommt das Netzwerk zusammen, und es gibt viele unterschiedliche Angebote, um bei der Trauerbewältigung zu unterstützen. „Wir fahren immer noch hin, obwohl der Tod von Caius jetzt 17 Jahre zurückliegt“,
erzählt Dorothea Stockmar. Dort muss man sich nicht erklären.
Rituale können dabei unterstützen, mit der Trauer umzugehen und durch den Jahreslauf zu kommen. „Mein Mann und ich sind lange Zeit immer zweimal am Tag zusammen in das Zimmer unseres Sohnes gegangen und haben die Vorhänge morgens auf- und abends wieder zugezogen. Und eines Tages stellten wir mittags fest, dass wir es an diesem Morgen vergessen hatten. Da haben wir uns angelacht und gesagt: ,Das scheinen wir nicht mehr zu brauchen.‘ Heute ist Caius’ Zimmer mein Atelier“, beschreibt Dorothea Stockmar den Aufarbeitungsprozess.
Jedes Jahr im Dezember wird das Netzwerk, das trauernde Eltern bilden, auch nach außen sichtbar. In Deutschland ist der VEID der Initiator der Aktion „Worldwide Candle Lighting“. An diesem Weltgedenktag am zweiten Sonntag im Dezember stellen betroffene Eltern um 19 Uhr eine entzündete Kerze ins Fenster. Auf diese Weise geht durch die Zeitverschiebung ein Lichterband um die Welt. So zeigen trauernde Familien: Du bist nicht vergessen.
So können Sie helfen
Der Verband Verwaister Eltern und trauernder Geschwister, kurz VEID, begleitet Familien auf dem Weg durch die Trauer um ein verstorbenes Kind. Wenn dem Umfeld die Worte fehlen, bleibt er durch seine vielfältigen Angebote präsent und hilft weiterzuleben.
Für seine Arbeit ist der Verband auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Wer diese wichtige Arbeit
fördern möchte, kann dies durch eine Spende auf
folgendes Konto tun:
Spendenkonto:
Katholischer Deutscher Frauenbund
Liga Bank Regensburg
IBAN: DE97 7509 0300 0202 2085 55
BIC: GENODEF1M05
Stichwort: Frauenbund hilft
Bis zu einem Betrag von 300 Euro reicht eine Kopie des Bankauszuges für den Spendennachweis beim Finanzamt aus. Dafür ist es
zwingend notwendig, bei der Überweisung im Betreff das Wort „Spende“ zu vermerken. Spendenbescheinigungen werden ab einem Betrag von mehr als 300 Euro automatisch ausgestellt, ansonsten
erfolgt eine Spendenbescheinigung auf gesonderte Nachfrage.
Wichtig: Bitte geben Sie eine Adresse an, wenn Sie eine
Spendenbescheinigung wünschen.
Autorin: Claudia Klement-Rückel

