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„Ich glaube an die Menschen“

28.05.2026

Die 93-jährige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern spricht darüber, wie sie als Frau an die Spitze der Gemeinde kam, wie ihre Kindheit im Nationalsozialismus sie prägte und wie wichtig Erinnerungskultur in der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation ist. 

Frau Knobloch, Sie sind seit 40 Jahren Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern. Fast revolutionär für eine Frau. Wie kam es dazu?
In Bayern gab es damals keine Frauen in solchen Positionen. Ich habe mich auch nicht darum beworben, ich wurde angefragt. Meine erste Reaktion: Ich bin doch eine Frau! Es kamen fünf Männer zu mir nach Hause und wollten mich überzeugen, dass ich die Vorsitzende werden soll – Präsidentin, das Wort gefällt mir eigentlich gar nicht. Ich wollte erst abwehren und sagte: Wir sind eine orthodoxe Gemeinde, man muss die Rabbiner fragen. Ich war überzeugt, dass die ablehnen, aber sie hatten kein Problem damit.

Wie haben Sie als Frau in diese Rolle gefunden?
Die Vorsitzende des jüdischen Frauenvereins, Rosel Lessner, hat mich damals gedrängt, in den Vorstand zu gehen. Sie hat mich aber zunächst ganz unten am Tisch platziert mit der Anweisung: „Wenn du dich zu Wort melden willst, musst du mir zuerst sagen, was du sagen willst.“ Es war noch eine ziemliche Ausnahme, dass eine Frau im Vorstand war. Vieles hatte ich schon bei meinem Vater gelernt, er war ja Präsident der Israelitischen Gemeinde. So habe ich Einblick in viele Themen bekommen. Das war meine Ausbildung. Ich wollte mich im sozialen Bereich engagieren, dass ich einmal Vorsitzende werden würde, habe ich nie geplant. Dann erkrankte der damalige Präsident Hans Lamm. Ich erinnere mich genau an eine Vorstandssitzung. Die Tür ging auf, und ebendieser Hans Lamm, frisch aus dem Krankenhaus, kam herein mit einem riesengroßen, weißen Blumenstrauß. Er ging um den Tisch auf mich zu, ich dachte noch, oje, – ich war ja alleinstehend – und gratulierte mir und sagte: „Das ist jetzt deine Zukunft.“

Sie sind mit Ihrem Vater aufgewachsen, einem Rechtsanwalt. Wären Sie gerne Juristin geworden?
Mein Vater konnte das Bürgerliche Gesetzbuch auswendig. Ich hätte wahnsinnig gern Jura studiert. Aber ich hatte nicht die Möglichkeit. Als es möglich wurde, war ich zu alt. In meiner Zeit in Arberg war ich auf einer Dorfschule, die nur im Winter stattfand, acht Klassen in einem Klassenzimmer; im Sommer mussten die Kinder arbeiten, weil die Männer im Krieg waren. Die Frauen haben unglaublich viel geleistet, sie haben alles aufgefangen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Aber zwei meiner Kinder haben Jura studiert, eines Medizin. Jeden Tag bin ich dem Briefträger entgegengegangen, bis die Prüfungsergebnisse meiner Kinder per Post eintrafen.

Gab es für Sie als Frau mehr Hindernisse oder Vorteile?
Manchmal denke ich noch heute bei manchen Dingen halb im Ernst, ein Mann wäre besser geeignet. Auch damals war ich überzeugt, dass meine Zeit nicht lange dauern würde und bald wieder ein Mann übernimmt. Ich habe nie danach gestrebt, im Vordergrund zu stehen. Der Anfang war leichter, die Gemeinde war kleiner. Später, mit der Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion, wuchs sie stark, und neue Herausforderungen entstanden – wie der Bau einer neuen Synagoge.

Welche Rolle spielte Ihr Vater für Ihr Leben?
Nachdem meine geliebte Großmutter 1942 nach Theresienstadt deportiert wurde, bin ich von meinem Vater erzogen worden und war stark in klassischen Männerbereichen engagiert. Das merkt man – positiv oder negativ. Ich hatte ein sehr enges Verhältnis zu meinem Vater. Er hatte nur mich. Ich habe viel Zeit mit ihm verbracht, bin mit ihm spazieren gegangen, habe ihm vorgelesen, weil seine Augen durch die Zwangsarbeit geschädigt waren. Die Trennung durch meine Hochzeit war für ihn schwer. Er hat meinem Mann nicht viel zugetraut. Der kam als junger Mann ins KZ und konnte keine Ausbildung machen. Bei der Hochzeit hat mein Vater eine Rede gehalten – er konnte gut reden – statt, dass sich die Hochzeitsgesellschaft freute, haben die Menschen – auch ich – geweint. Wir wollten auswandern, alle dachten, es ist ein großer Abschied. Später hat er sich über jedes Enkelkind gefreut.

Sie wurden als Zehnjährige während des Nationalsozialismus auf dem Land versteckt. Was gab Ihnen Kraft?
Ich würde nicht sagen, dass ich Kraft hatte – aber Halt. Und dieser Halt waren meine Tiere. Ich wusste als Kind, welches Risiko meine Retter eingingen, und habe mich zurückgezogen, um sie nicht zu gefährden. Die gerieten jedes Mal in Panik, wenn sie sahen, dass ich mit jemandem redete. Aber ich wusste ja, ich darf mich nicht zu erkennen geben, ich war das außereheliche Kind Lotte Hummel. Aber mit den Tieren konnte ich sprechen. Das klingt seltsam, aber die Tiere sind zu mir gekommen, als hätten sie gespürt, dass ich sie brauche. Besonders die Gänse, die hatten eine kräftige Stimme. Ich habe die Mäuse gesammelt und meiner Katze gebracht. Das waren für mich fast Freudentage. Als ich zurück in die Stadt bin, kannte ich die Landarbeit genau, Kartoffeln sammeln, die Tiere versorgen. Die Bauern hatten es nicht leicht. Es gab eisige Winter und heiße Sommer. Wenn ich heute über die Felder gehe, sehe ich noch immer, was zu tun ist.

Nach dem Krieg holte Sie Ihr Vater, und Sie kehrten nach München zurück. Wie war das für Sie?
Widerwillig bin ich zurückgekehrt. Ich wusste, ich würde Menschen begegnen, die uns beleidigt und bespuckt haben, die vom herzlichen Grüßen zum Wegsehen übergingen, die schadenfroh waren, wenn ein Jude verletzt wurde. So etwas vergisst man nicht. Man wird als Kind schon alt, wenn man kaum lesen kann und auf Parkbänken „Für Juden verboten“ entziffert. Ich habe mitbekommen, wie Menschen mit ihren Deportationspapieren zu meinem Vater kamen, dem als Jude die Zulassung entzogen war, und gehofft haben, er könnte rechtlich noch was erreichen. Aber es gab auch gute Menschen wie die alte Johanna, unsere frühere Haushälterin.

Gab es auch positive Begegnungen nach dem Krieg?
Die erste erfreuliche Begegnung war die mit meinem Mann, der mich damals überhaupt nicht wahrgenommen hat. Ich war mit meiner Freundin bei einer Feier des Festtags Purim, den Überlebende organisiert hatten. Da geht die Tür auf, er kommt rein, und ich denke: „Mein Gott hat der schöne Augen.“ Heute haben meine Kinder diese wunderbaren dunkelbraunen Augen. Meine Begeisterung für seine Augen hat aber nicht geholfen, dass er mich überhaupt angeschaut hätte. Andere waren interessanter. Wahrscheinlich aus Mitleid haben dann sein Bruder und er mit uns getanzt, und da habe ich ihn gefragt: „Können Sie mir Ihre Telefonnummer geben?“ Er hat mich angeschaut, als wenn ich von ihm, wer weiß was verlangt hätte und geantwortet: „Das hat noch Zeit.“ Angerufen hat dann sein Bruder, der hat mich überhaupt nicht interessiert. Letztendlich hat mein zukünftiger Mann mich auf ein Neujahrsfest mitgenommen, dann wieder nix mehr von sich hören lassen, aber schließlich hat es funktioniert.

Überleben im Krieg

Charlotte Knobloch wurde am 29. Oktober 1932 in München als Tochter des Rechtsanwalts und späteren bayerischen Senators Fritz Neuland und seiner Frau Margarethe geboren. Ihre Mutter konvertierte vor der Hochzeit zum Judentum. Nach der Scheidung der Eltern 1936 wuchs Charlotte mit ihrem Vater und ihrer Großmutter Albertine Neuland auf, die 1944 im KZ Theresienstadt ermordet wurde. Charlotte überlebte die Nazizeit über drei Jahre versteckt auf einem Bauernhof in Franken, indem eine ehemalige Hausangestellte sie als uneheliches Kind ausgab. 1945 kehrte Charlotte Neuland mit ihrem Vater nach München zurück. 1951 heiratete sie Samuel Knobloch (1922–1990), einen Überlebenden des Krakauer Ghettos. Das Paar bekam drei Kinder, einen Sohn (Bernd) und zwei Töchter (Sonja und Iris). Seit 1985 ist sie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern.

Zu Kriegsbeginn wollte Ihr Vater mit Ihnen und seiner Mutter nach Amerika auswandern. Ihre Großmutter durfte aber nicht einreisen, weil sie zu alt war. Nach dem Krieg wollten Sie dann mit Ihrem Mann auswandern.
Er wollte nach Australien, ich nach Amerika. Als wir die nötigen Papiere hatten, hat sich ein Baby bei mir angekündigt. Und dann ist noch ein weiteres Kind gekommen, sodass wir die Abreise wieder verschoben. Die Koffer sind langsam die Treppe hinauf und schließlich auf den Speicher gewandert. Das war das Ende der Auswanderungspläne und der Anfang unseres Lebens in München. Unsere Verwandten wollten daraufhin nicht mehr mit uns reden. Ich wurde sogar bei einem Konzert in der Schweiz von einer Jüdin angespuckt, als ich ihr sagte, dass ich in Deutschland lebe. Irgendwie konnte ich sie verstehen.

Sie setzen sich stark für Erinnerungskultur ein. Wie kann Erinnerung bewahrt werden, wenn Zeitzeugen sterben?
Das ist ein großes Problem. Heute waren zum Beispiel Schulklassen bei einem Vortrag über jüdisches Leben und Religion in der Synagoge. So etwas ist wichtig, weil viele junge Menschen gar nichts wissen. Sie kennen nur Hetzparolen, haben aber oft noch nie einen Juden getroffen.

Fühlen Sie sich heute sicher als Jüdin in Deutschland?
Sicher kann ich mich nicht fühlen. Ich habe mir angewöhnt, auf der Straße immer nach unten zu schauen. Ich will nicht in die Gesichter der Menschen blicken, die mir entgegenkommen, denn schon am Gesichtsausdruck erkennst du, wie sie dir gesonnen sind. Gestern habe ich von der Rektorin unserer Schule ein Schreiben bekommen, dass einige Schüler fehlen, weil die Eltern sie aus Angst vor Angriffen nicht schicken wollen. Entsetzlich! Man weiß nicht, wie die nächste Zukunft aussieht. Ich hoffe, dass überall Frieden einkehrt und die Menschen ihren Hass zurücknehmen können.

Wie erleben Sie die Entwicklung in den letzten Jahren?
Bis Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre waren wir vollkommen isoliert als jüdische Gemeinde, quasi
die Überlebenden auf der einen Seite und die Täter auf
der anderen, dazwischen gab es nix. Das hat sich dann
entspannt, wurde ein freundliches, angenehmes Zusammenleben. Jetzt ist es wieder so: Wenn jemand einen Juden erkennt und angreift, würde mich das nicht überraschen. Das ist schon passiert. Das junge Band des Zusammenlebens war zu dünn.

Was müsste sich ändern?
Man müsste Dinge offen besprechen und klar Stellung beziehen. Große Organisationen mit Bindekraft müssten sich sichtbar dafür einsetzen, mit klaren Statements, dass es keine Unterschiede gibt zwischen Menschen und Religionen. Es ist wieder ein Hass gegen Juden entstanden, warum, kann ich nicht sagen. Das gab es schon immer in der Vergangenheit, dass die Kinder dazu erzogen wurden, die Juden zu hassen. Zu unserer Synagogenbesichtigung sind heute vier Schüler nicht mitgekommen – weil es sie nicht interessiert, hieß es.

Was braucht es für mehr Zusammenhalt?
Geduld und Gespräche. Es gibt heute in der Politik Bereiche, die drücken die Menschen in den Hass hinein. Man muss viel Geduld aufbringen und die Menschen überzeugen, dass Hass am Ende schadet. Wo Gewalt herrscht, verlieren alle.

Wie sehen Sie die Wahrnehmung Israels in Deutschland?
Die ist katastrophal, weil Menschen, die das Judentum eigentlich respektiert haben, sich jetzt auf die Seite derjenigen
stellen, die Israel wehrlos sehen wollen. Die Gründung des Staates Israel war eines der glücklichsten Erlebnisse meines Lebens, weil ich gewusst habe, dort werden die Juden sicher sein. Heute sehe ich ein Land, das um seine Existenz kämpft. Ich hoffe sehr, dass es eine Zukunft hat.

Wenn Sie zurückblicken auf ihre vierzig Jahre als Präsidentin. Worauf sind Sie stolz?
Ich freue mich sehr, dass wir in der Lage sind, in so einer Synagoge zu beten und den Glauben zu leben. Wir haben jetzt Rückschläge erlitten, aber man darf deswegen nicht aufhören. Darum muss das Wort „kämpfen“ leider wieder im Vordergrund stehen – aber man kann auch positiv kämpfen.

Fällt es Frauen leichter, positiv zu kämpfen?
Frauen bringen oft Fürsorge in ihre Argumentation ein. Das überzeugt – besonders, wenn es um Zusammenhalt geht.

Was möchten Sie der jungen Generation mitgeben?
Sie sollen offen sein und Verantwortung übernehmen, wenn es keine Zeitzeugen mehr gibt, den Frieden weitertragen. Hetze weiterzugeben, bringt nichts. Man muss sprechen und Lösungen finden.

Interview: Katrin Otto

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