Hilfe suchen ist eine Stärke
In Deutschland werden pflegebedürftige Menschen überwiegend zu Hause betreut – meist von Frauen. Gerade sie haben oftmals Probleme, ohne Schuldgefühle fremde Hilfe im Pflegealltag zuzulassen und übersehen dabei ihre eigenen Grenzen. Sich Hilfe zu holen, ist jedoch ein verantwortlicher Schritt.
Als Anja H.*, an einem Mittwochmorgen den Schlüssel zur Wohnung ihres Vaters ins Schloss steckt, zögert sie kurz. Sie atmet erst einmal tief durch. Früher kam sie jeden Tag, heute besucht sie ihren Vater nur noch zweimal die Woche. Der ambulante Pflegedienst hat vieles übernommen. Trotzdem fühlt sich jeder Besuch für sie an wie ein leiser Vorwurf an sich selbst. „Ich dachte, ich schaffe es allein“, erzählt die Kölnerin. „Schließlich haben mich meine Eltern großgezogen. Ich fühle mich wie eine Rabentochter.“
Vor drei Jahren begann nach dem Tod der Mutter alles mit kleinen Dingen: Einkäufe, Arzttermine, ein bisschen Mithilfe im Haushalt. Dann kamen die ersten Stürze, schließlich die Diagnose Demenz. Anja reduzierte ihre Arbeitszeit als Hotelangestellte, fuhr täglich die 30 Kilometer zum Vater und kümmerte sich um alles. Irgendwann schlief sie kaum noch, fühlte sich von der Last der Pflege erdrückt und entschied sich, Hilfe zu holen. „Es fühlte sich zunächst an wie Scheitern. Ich dachte ständig: Eine gute Tochter würde das schaffen. Diese Schuldgefühle habe ich auch heute noch.“
Anja ist mit diesem Gefühl nicht allein. In Deutschland werden die meisten pflegebedürftigen Menschen zu Hause betreut – meist von Frauen: Töchter, Ehefrauen, Lebenspartnerinnen oder Schwiegertöchter. Viele von ihnen sind zudem berufstätig, haben eigene Familie oder leben nicht einmal in derselben Stadt. Laut Statistischem Bundesamt sind in Deutschland 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig. 86 Prozent, also 4,9 Millionen, werden zu Hause versorgt, und davon werden rund 3,1 Millionen überwiegend allein durch ihre Angehörigen gepflegt. So sind Angehörige der größte Pflegedienst Deutschlands und deutlich wichtiger als Pflegeheime oder ambulante Dienste.
Doch viele Familienangehörige erwarten zu viel von sich selbst und überfordern sich, weiß Nicole Knudsen, ehrenamtliches Vorstandsmitglied im Verband wir pflegen: „Sehr oft rufen Angehörige erst nach professioneller Hilfe, wenn sie längst schon erschöpft sind.“ Der Verein ist eine Interessensvertretung und Selbsthilfeorganisation pflegender Angehöriger und bietet in Online-Selbsthilfegruppen, Online-Sitzungen oder per App Hilfe und Möglichkeiten zum Austausch.
Nicole Knudsen aus dem schleswig-holsteinischen Husum kennt die vielfältigen Belastungen pflegender Angehöriger, da sie selbst viele Jahre zwei Pflegefälle betreute. „Sieben Jahre habe ich ganz allein meinen an Parkinson und Alzheimer erkrankten Mann gepflegt. Das hat sehr viel Kraft gekostet, aber es war mir wichtig, dass er hier zu Hause sterben konnte“, erzählt die 62-jährige Kommunikationswissenschaftlerin. Dann wurde ihre Mutter, die mehrere Hundert Kilometer weit weg wohnte, pflegebedürftig. Nicole Knudsen holte sie zurück in ihre Heimat, allerdings nicht zu sich nach Hause, sondern in ein Wohnprojekt für ältere Menschen, bei dem man Dienstleistungen dazubuchen kann. „Diese Leistungen hat sie aber nicht in Anspruch genommen, weil sie viel Wert darauf legte, dass ich für sie da bin. Das hat sie einfach erwartet, und wenn ich dann mal nicht konnte, bekam ich Schuldgefühle. Auch wenn jeder Pflegefall unterschiedlich ist, das Thema Schuldgefühle kennen wirklich viele pflegende Angehörige“, berichtet Nicole Knudsen. „Besonders schwer wiegen diese, wenn zum Beispiel eine total erschöpfte Mutter ihr zu pflegendes Kind in eine Einrichtung geben muss. Damit emotional klarzukommen, ist sehr belastend. In Deutschland sind rund zehn Prozent der pflegebedürftigen Menschen Kinder und Jugendliche. Sie werden überwiegend von ihren Müttern gepflegt.“ Beim Verein wir pflegen gibt es deshalb einen eigenen Arbeitskreis und auch Einzelberatungen für pflegende Eltern. „Einen Werkzeugkoffer, der zu jeder Pflegesituation passt, gibt es nicht. So individuell jede Pflegesituation ist, so individuell ist auch der Umgang mit Schuldgefühlen“, weiß Nicole Knudsen. Sie empfiehlt zum einen, das eigene Rollenbild zu hinterfragen: „Sehe ich mich als selbstlose Frau, die immer für andere da ist, auch auf Kosten der eigenen Bedürfnisse? Oder liegt das Schuldgefühl daran, dass ich mich moralisch oder gesellschaftlich verpflichtet fühle? Weil meine Eltern immer für mich gesorgt haben und ich jetzt auch mal für sie da sein muss? Oder gründet mein Schuldgefühl in negativen Glaubenssätzen wie ‚Ich fühle mich als Versagerin, wenn ich Hilfe annehme‘?“ Nicole Knudsen hat ein Gedankenspiel oftmals geholfen: „Was würdest du deiner besten Freundin in dieser Situation raten, und warum setzt du das für dich selbst nicht um?“
In der Beratung und in den Selbsthilfegruppen kristallisiere sich immer wieder heraus, dass die vielfältigen Schuldgefühle vom Verstand her oftmals schwer zu erklären sind: „Es seien eher verzerrte, vermischte Gefühle, die durch Sozialisation in der Kindheit und Jugend entstehen, aus Traumata oder aus Ängsten. Die pflegenden Angehörigen bekommen bei uns einen Raum, in dem sie einfach erzählen dürfen. Dabei reflektieren sie sich auch schon oft selbst, und das gibt ihnen Kraft.“
Wie pflegende Angehörige Belastungen verringern und ihr Wohlbefinden langfristig fördern können – dazu forscht Gabriele Wilz, psychologische Psychotherapeutin und Professorin an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie leitet die Abteilung Klinisch-psychologische Intervention sowie die Hochschulambulanz für Forschung und Lehre.
Eines der aktuellen Forschungsprojekte heißt „AnDem-RoSe“ (Ressourcenrealisierung und Selbsthilfe für pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz). Etwa 350 Personen können in den kommenden vier Jahren an der Studie teilnehmen. Sie erhalten ein kostenloses Angebot von zwölf psychotherapeutischen Gesprächen, die wahlweise per Telefon oder Videobesprechung stattfinden können. Thematisiert werden unter anderem der Umgang mit Erschöpfung, Sorgen und Schuldgefühlen sowie der Aufbau selbstfürsorglicher Aktivitäten im Alltag.
„Schuldgefühle bei pflegenden Angehörigen können die psychische Belastung der Pflege noch deutlich erhöhen“, betont Gabriele Wilz. „Viele dieser Schuldgefühle sind in sehr hohen Standards begründet, wie die Pflege auszusehen hat.“
Welche Gedanken sind nicht hilfreich?
In den psychotherapeutischen Gesprächen wird gemeinsam besprochen, ob und in welcher Weise diese Pflegestandards verändert werden können, so dass die Pflege auch über einen längeren Zeitraum bewältigbar bleibt. Oftmals stehen dem jedoch nicht hilfreiche Gedanken entgegen wie beispielsweise: „Ich muss das allein schaffen“ oder „Ich kann mich nicht mit meiner Freundin treffen, weil nur ich meinen Mann gut zu Hause betreuen kann.“ So geht es in den Gesprächen unter anderem darum, wie solche Einstellungen geändert werden können und eine neue Perspektive entwickelt werden kann, erklärt Gabriele Wilz. „Wichtig ist hierbei, die Motivation zur Selbstfürsorge zu fokussieren. Eben wie das christliche Gebot: Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst! Oder ein anderes Beispiel: Im Flugzeug sollte man im Notfall erst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, denn sonst kann man möglicherweise anderen gar nicht mehr helfen.“ In einem weiteren Schritt folgt das Erkennen, dass die Betreuung und Pflege eines Menschen mit Demenz nur in Teamarbeit zu schaffen ist – mit anderen Familienmitgliedern, ambulanter Pflege, einer Tagespflege oder auch den Mitarbeiter*innen eines Pflegeheims. „Die Betreuung und Pflege eines Menschen mit Demenz kostet enorm viel Kraft und ist ohne Selbstfürsorge und Hilfe von Anderen nicht zu schaffen“, weiß Gabriele Wilz. „Bei der Palliativpflege oder terminalen Erkrankungen kann es für die Angehörigen gut und richtig sein, rund um die Uhr da sein zu können, aber bei Menschen mit Demenz kann die Pflege über Jahre dauern. Viele Pflegende erkennen dann: Ich schaffe es jetzt schon kaum mehr.“
In den therapeutischen Gesprächen werden vor allem die inneren Barrieren angesehen, warum es schwerfällt, fremde Hilfe in den Pflegealltag zu integrieren. „Eine junge Mutter bemerkte zum Beispiel erst dann, dass sie sogar ihre Kinder und ihren Mann zugunsten der Pflege der Mutter vernachlässigte. Es ist ein zwingend erforderlicher Schritt, sich fremde Hilfe zu holen, aus Selbstfürsorge und auch aus Verantwortung gegenüber dem zu Pflegenden“, so Gabriele Wilz. So könnte auch für die zu pflegende Person die Selbstfürsorge des Angehörigen positive Auswirkungen haben, da es den Angehörigen dann oftmals leichter fällt, gelassener und verständnisvoll auf schwierige Verhaltensweisen zu reagieren.
Die Psychologin erfährt in den Gesprächen auch, dass viele Frauen zu Beginn gar keine bewusste Entscheidung für sich treffen konnten, ob sie die Pflege ihres Angehörigen übernehmen wollten oder nicht: „Es ist oftmals ein schleichender Prozess: Ich übernehme nach und nach immer mehr, ohne dass ich einmal in Ruhe überlegt habe: Wie ist meine eigene Situation? Habe ich überhaupt Zeit und die Kraft? Was kann ich hier leisten? Was braucht es dafür? Welche Hilfe kann ich dazu in Anspruch nehmen oder wäre eine Pflegeeinrichtung für beide Seiten die beste Lösung?“ Für manche Angehörigen wäre es sehr hilfreich, diese enorme Verantwortungsübernahme in den Gesprächen zu reflektieren, „denn eine klare Haltung kann dabei helfen, nicht täglich mit dieser Aufgabe zu hadern und unter dieser Ambivalenz zu leiden“.
Zudem geht es dann darum, bei den Angehörigen eine Offenheit für Ruhepausen ohne schlechtes Gewissen zu erarbeiten: Wo können im Pflegealltag Pausen, Zeit für sich selbst trotz Schuldgefühlen eingebaut werden? „Wenn ich mit meiner Freundin ins Café gehe, zum Sport oder in die Theatergruppe, dann nehme ich meine Schuldgefühle mit. Hierbei können Vorgehensweisen aus dem Konzept der Achtsamkeit helfen, wie zu versuchen, die Gedanken nur zu beobachten und sich dann wieder ganz dem aktuellen Geschehen zuzuwenden.“ Viele Angehörige würden nach ein paar Wochen berichten, dass es ihnen mit der Zeit immer leichter möglich war, ohne schlechtes Gewissen ihre persönliche Auszeit wertvoll für sich selbst nutzen zu können.
„Neben dem wichtigen Thema der Schuldgefühle arbeiten wir in der Therapie auch insbesondere an anderen emotionalen Belastungen wie Trauer, depressive Verstimmungen, Zukunftsängsten und Hoffnungslosigkeit“, erklärt die Psychologin. „Hierbei beachten wir jeweils die individuellen Anliegen und persönlichen Situationen der pflegenden Angehörigen und unterstützen dabei, hilfreiche Wege zum Umgang mit beispielweise Schlafstörungen, Grübeln oder Ängsten zu finden.“
Nicole Knudsen von Verband wir pflegen sieht neben Selbsthilfegruppen, Therapie und Beratung auch in der seelsorgerischen oder spirituellen Begleitung eine große Stütze für pflegende Angehörige: „Das ist genauso wichtig, wie eine gute Tagespflege zu finden. Denn, wenn man Schuldgefühle hat, muss man sich selbst vergeben können, man muss sich ja ‚entschulden‘. Das kann man manchmal nicht alleine. Ein Pfarrer oder eine Pastorin können einen da ein Stück begleiten“, rät sie. „Spiritualität hilft auch beim Trauerprozess, darüber, dass sich ein geliebter Mensch so verändert oder abgebaut hat und letztendlich auch beim Abschiednehmen. Der wichtigste Glaubenssatz für Pflegende sollte sein: Hilfe in Anspruch zu nehmen, zeigt Verantwortungsgefühl und ist keine Schwäche, sondern eine Stärke.“
Autorin: Karin Schott
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Hier gibt es Hilfe
- Kuren für pflegende Angehörige bietet das Müttergenesungswerk an, das der KDFB seit seiner Gründung und auch innerhalb der Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Müttergenesung (KAG) unterstützt. Infos und Selbsttest unter: www.muettergenesungswerk.de
- KDFB-Angebote: Seminare zum Entspannen und Auftanken gibt es auf den Internetseiten der Diözesanverbände.
- Angebote vom Verein „wir pflegen e.V.“: Online-Beratung und Selbsthilfegruppen unter www.wir-pflegen.net
- Örtliche Pflegestützpunkte bieten Hilfesuchenden kostenlose Beratung. Infos bei Gemeinden, Landratsämtern und Gesundheitsministerien der Bundesländer.
- Universität Jena: Telefonisches Gesprächsangebot
„Offenes Ohr“ für pflegende Angehörige unter Telefon 03641/945173 (Mo. 10 bis 12 Uhr u. Mi. 14 bis 16 Uhr). Infos zur Teilnahme am psychotherapeutischen Forschungsprojekt „AnDem-RoSe“(ab Juli 2026) unter Telefon 03641/945173 oder unter E-Mail: andemrose@uni-jena.de - Online-Selbsthilfe-Programm „Familiencoach“ der AOK mit Kurzvideos: https://pflege.aok.de
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Zum Weiterlesen
- Verbraucherzentrale: Handbuch Pflege. Hilfe organisieren: Anträge, Checklisten, Verträge, 2024, 18 Euro.
- Gabriele Wilz/Klaus Pfeiffer: Zu Hause pflegen. Psychologische Unterstützung und Entlastung für pflegende Angehörige, Hogrefe, 2026, 12.95 Euro.
- Dr. Johannes Wimmer: Das Pflege-ABC. So meistern Sie alle Herausforderungen bei der Betreuung von Angehörigen – zwischen Alltag, Bürokratie und Selbstfürsorge, Riva, 2025, 18 Euro.
- Bundesministerium für Gesundheit: Ratgeber Pflege. 2026, Gratis-Online-Ausgabe (in Suche BMG und Pflege eingeben).

