Gebet ohne Worte
Rosmarie Kaderli kann nur schätzen, wie viele Ikonen sie schon selbst gestaltet hat. 300 bis 400 müssten es sein. Ihre langjährige Erfahrung gibt die KDFB-Frau in Kursen weiter.
Rosmarie Kaderli erteilt keinen Malunterricht: Ikonen würden „geschrieben“ statt gemalt, sagt sie. Eine Ikone zu schreiben, sei wie ein Gebet. Es komme nicht auf den künstlerischen Ausdruck an, sondern auf die intensive Auseinandersetzung mit der religiösen Botschaft. „Ikonen sind Bilder der Ostkirche, in die Heilsgeschichten hineingeschrieben sind, die nur mit dem Herzen gesehen werden können.“
Wer Rosmarie Kaderlis Kurse besucht, erkennt sofort: Ikonen erfordern viel Geduld. Monate dauert es, bis ein Bild fertig ist. Zunächst geht es um die Wahl des Motivs. Traditionell zeigen Ikonen Abbilder von Christus, Maria, Aposteln oder Heiligen. Meist wird eine Person frontal dargestellt, aber auch Szenen aus der Bibel sind üblich. Die Vorlagen stammen aus dem Bildkanon der orthodoxen Kirche, der sich seit dem frühen Mittelalter entwickelt hat.
Angefertigt werden die Ikonen in Rosmarie Kaderlis Kursen auf einfachen Holztafeln. Darauf werden mehrere Schichten weißer Kreide aufgebracht. Dann wird das Motiv auf Papier abgepaust und auf die Kreide übertragen. Anschließend wird Blattgold auf die Stellen aufgetragen, die später den leuchtenden Hintergrund des Bildes bilden. Er symbolisiert das göttliche Licht. Schließlich wird am Motiv selbst gearbeitet. Zuerst sind die dunklen Schichten dran, später die hellen. Dunkle Stellen bleiben bestehen, etwa im Faltenwurf eines Gewandes. Steht ein großformatiges Gesicht im Mittelpunkt, können bis zu 144 Farbschichten notwendig sein. „Daran arbeiten wir eine Woche“, erläutert Kaderli. „Wenn man so oft mit dem Pinsel über eine Stelle streicht, kommt man zur Ruhe. Man setzt sich mit dem Motiv auseinander. Die Heiligen werden in die Gegenwart geholt und entfalten so eine besondere Wirkkraft.“
Die 55-jährige ehemalige Pfarrhaushälterin verwendet Temperafarben, die sie mit ihren Schüler*innen aus Eigelb, Bier und Nelkenöl mischt. Ist das Bild fertig, beginnt eine lange Wartezeit. Bis zu vier Monate muss die Ikone trocknen, bevor die Firnisschicht aufgebracht werden kann – selbst hergestellt aus Leinöl, Bienenwachs und Terpentin.
Die gebürtige Schweizerin legt Wert darauf, dass ein Geistlicher ihre einwöchigen Kurse begleitet. Jeder Morgen beginnt mit einem Gebet, jeder Tag wird betend abgeschlossen. Schließlich wird die Ikone in einem Gottesdienst gesegnet, bevor sie jede*r Kursteilnehmende nach Hause tragen kann.
Maria-Magdalena-Ikone
Rosmarie Kaderli gibt seit 2001 Ikonenschreibkurse auf dem Petersberg bei Dachau. Mehr dazu unter: www.der-petersberg.de. Für die Frauenseelsorge der Erzdiözese München und Freising hat sie eine Maria-Magdalena-Ikone gestaltet. Kaderli erhielt den Auftrag anlässlich eines Jubiläums: 2026 ist es zehn Jahre her, dass der Gedenktag der Heiligen zum Fest erhoben wurde – ein Anlass für das Erzbistum, zwischen Ostern und dem Festtag der Heiligen am 22. Juli die Apostelin bekannter zu machen und sie von negativen Zuschreibungen zu befreien. Auch der KDFB-Diözesanverband München-Freising beteiligt sich. Weitere Informationen zur Initiative finden Sie auf: https://frauenseelsorge-muenchen.de
Autorin: Eva-Maria Gras

