Frauen gegen rechts
Der Rechtsextremismus wächst – und sein Hass richtet sich zunehmend auch gegen politisch engagierte Frauen. Anlässlich der bevorstehenden Kommunalwahlen wird demokratisches Engagement jetzt wichtiger denn je. Warum sich vor allem Frauen gegen Rechtspopulismus positionieren und für eine freiheitliche Demokratie einsetzen müssen.
Angefangen hat es mit anonymen Beschimpfungen und Beleidigungen unter meinen Facebook-Beiträgen. Dann wurden Fotos von meinem Haus gepostet“, erzählt Ulrike M.* aus einer kleinen Gemeinde in Niedersachsen. Die zweifache Mutter ist Grünen-Stadträtin und Mitglied des Sozialausschusses. „Vor ein paar Wochen lag ein Drohbrief in unserem Briefkasten, adressiert an meine Kinder. Ich weiß nicht, ob ich uns das weiter zumuten kann“, schildert die Kommunalpolitikerin, die ihren Nachnamen nicht angeben möchte.
Was früher als Ausnahme galt, ist für viele politisch Engagierte in Deutschland inzwischen Alltag: Sie werden massiv bedroht, beleidigt, eingeschüchtert oder sogar körperlich attackiert. Wie die erste Dunkelfeldstudie zu Gewalt und Aggressionen gegen Politikerinnen und Politiker in Deutschland zeigt, haben drei von fünf Politiker*innen schon einmal Gewalt erlebt. Statistisch gesehen sind 57 Amts- und Mandatsträger*innen politisch motivierter Aggression oder Gewalt ausgesetzt, jeden Tag. Zahlen belegen außerdem, dass Frauen mit 70 Prozent häufiger von diesen Angriffen betroffen sind als Männer: Es beginnt mit Kommentaren über das Äußere, geht über zu Beleidigungen und Drohungen – auch gegen die Familie – bis hin zu konkreten und detailliert beschriebenen Vergewaltigungsandrohungen.
Angesichts der bevorstehenden Kommunal- und Landtagswahlen in mehreren Bundesländern hat diese Entwicklung gravierende Folgen: Immer mehr Politiker*innen treten seltener öffentlich auf, meiden bestimmte Themen oder geben ihre Mandate ganz auf. Dadurch schrumpft die Vielfalt politischer Stimmen – und mit ihr eine freiheitlich demokratische Gesellschaft. Besonders sichtbar wird das, wenn Frauen in der Politik immer weniger präsent sind: Der Frauenanteil im Bundestag sinkt stetig und liegt derzeit bei 32,4 Prozent, auf kommunaler Ebene sogar nur bei rund 30 Prozent.
„Aushöhlung der Demokratie“
Dass politisch motivierte Angriffe in Deutschland vor allem dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen sind, zeigen aktuelle Daten des Bundeskriminalamts: In den letzten Jahren stiegen die erfassten Delikte hier um fast 50 Prozent am stärksten an. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass rechtsextreme Gruppen politisch aktive Frauen gezielt angreifen – ein deutlicher Hinweis darauf, wie eng Rechtsextremismus und Frauenfeindlichkeit zusammenhängen.
Laut der Amadeu Antonio Stiftung gehören Antifeminismus und Gewalt gegen Frauen zum festen Bestand rechtsterroristischer Ideologien, die häufig mit Rassismus und traditionellen Geschlechterbildern einhergehen. Rechtsextreme Täter werten Themen wie Emanzipation und Gleichstellungspolitik oft als Angriff auf ihre Machtansprüche und reagieren mit verbaler oder körperlicher Gewalt gegen politisch engagierte Frauen. „Es sind genau diese Entwicklungen, gegen die wir auf die Straße gehen, denn sie höhlen unsere Demokratie aus“, sagt Anna Ohnweiler. Die Gründerin des Vereins „Omas gegen rechts“ ist in Rumänien aufgewachsen und hat selbst unter einer Diktatur gelebt. Mit 29 Jahren entschied sie sich, nach Deutschland auszuwandern. „Meine Großmutter hat immer gesagt, dass jeder Mensch nur dann ein Mensch ist, wenn er den Straßenfeger genauso respektiert wie den Minister“, erinnert sie sich. Für die überzeugte Christin war dieser humanitäre, solidarische und demokratische Gedanke in ihrer Heimat kaum umsetzbar. Heute lebt die 74-Jährige zusammen mit ihrer Familie im baden-württembergischen Nagold bei Stuttgart, engagiert sich im Gemeinderat, war Sprecherin des Arbeitskreises Kinder und Familien im Bürgerforum und bis vor Kurzem noch Stadträtin für die SPD.
WAHLTERMINE 2026
8. März Baden-Württemberg, Landtagswahl
8. März Bayern, Kommunalwahl
15. März Hessen, Kommunalwahl
22. März Rheinland-Pfalz, Landtagswahl
6. September Sachsen-Anhalt, Landtagswahl
13. September Niedersachsen, Kommunalwahl
20. September Berlin, Wahl zum Abgeordnetenhaus
20. September Mecklenburg-Vorpommern, Landtagswahl
„Angst würde nur lähmen“
Als 2017 die AfD in den Bundestag einzog, musste Anna Ohnweiler etwas tun: „Es ist sehr wichtig, sich gegen Rechtsextremismus zu engagieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Instrumente der Demokratie missbraucht werden, um eine Diktatur aufzubauen.“ Inspiriert von der gleichnamigen Initiative in Österreich gründete Ohnweiler 2019 den Verein „Omas gegen rechts Deutschland“. Seitdem organisieren sie und ihre Mitstreiterinnen Demonstrationen, Mahnwachen und Protestaktionen, unterstützen Opfer rechter Gewalt, setzen sich in Bündnissen gegen Rechtsextremismus ein, halten Reden bei öffentlichen Veranstaltungen und engagieren sich in der Bildungsarbeit von Gemeinden und Schulen. Heute zählt der Verein fast 9 000 Mitglieder, darunter auch zahlreiche Frauenbundfrauen. „Demokratisches Handeln wird nur sichtbar, wenn wir sichtbar sind und bleiben – in unseren Familien, bei unseren Nachbarn, in unseren Orten, in denen wir leben. Dass wir auch Anfeindungen ausgesetzt sind, ist normal, aber das müssen wir ausblenden, denn Angst würde nur lähmen“, unterstreicht Anna Ohnweiler.
Dass engagierte Frauen eine demokratische Gesellschaft stärken können und müssen, davon ist auch Annalí Casanueva Artís überzeugt. Die Ökonomin leitet die Nachwuchsforschungsgruppe „Social Media“ am Münchner ifo Institut und untersucht, welchen Einfluss digitale Kommunikation auf die Demokratie haben kann. „Die Folgen rechtsextremer Tendenzen betreffen zwar alle, aber Frauen trifft es besonders hart“, sagt sie. „Rechtspopulismus will die Freiheit von Frauen einschränken und ihre Rechte schwächen. Sich dagegen zu wehren, sollte daher im Interesse aller Frauen liegen.“
Dabei könnten gerade wir Frauen wichtige Themen wie Gleichstellung, Familie und Care-Arbeit in den Fokus rücken: „Frauen sind keine Minderheit, wir stellen mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Und das verleiht uns politischen und sozialen Einfluss, der zu oft unterschätzt wird.“
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Organisationen und Bündnisse für engagierte Frauen
- Omas gegen rechts e.V.
Eine deutschlandweite, überparteiliche Bewegung, die sich mit Protestaktionen, Aufklärung und öffentlichem Engagement gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus einsetzt: www.omas-gegen-rechts.org - Bayerisches Bündnis für Toleranz
Eine überparteiliche Initiative, die sich durch Aktionen, Aufklärung und Netzwerkarbeit gegen Diskriminierung,
Rassismus und Extremismus engagiert: www.bayerisches-buendnis-fuer-toleranz.de - Aufstehen gegen Rassismus
Eine deutschlandweite Initiative, die sich mit Aktionen, Demonstrationen und Informationsarbeit gegen Rassismus, Rechtsextremismus und Diskriminierung stellt: www.aufstehen-gegen-rassismus.de - Demokratie leben!
Ein Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das zivilgesellschaftliches Engagement gegen Extremismus und für Demokratie fördert: www.demokratie-leben.de - No Hate Speech Movement
Eine internationale Initiative des Europarats, die sich gegen Hassrede im Internet und in der Gesellschaft richtet: www.neuemedienmacher.de/no-hate-speech-movement - Meldestelle Respect
Bietet eine Plattform, um Diskriminierungen, Hassreden und Vorfälle von Extremismus zu melden: www.meldestelle-respect.de - Bayern gegen Hass
Eine Initiative des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales, die sich gegen Hass und Hetze stellt: www.bayern-gegen-hass.de
- Omas gegen rechts e.V.
„Demokratie lebt im Alltag“
Digitale Plattformen können dabei eine wichtige Rolle spielen, weil sie den Zugang zu politischer Teilhabe erleichtern und Erfahrungen sichtbar machen, die sonst leicht übersehen werden. Laut Casanueva Artís können Frauen auf diesem Weg wichtige Debatten anstoßen und große Aktionen mitgestalten. Bewegungen wie #MeToo zeigen, wie digitale Gemeinschaften Veränderungen in Gang setzen und neue Wege eröffnen können, um sich politisch oder gesellschaftlich zu positionieren – selbst wenn Zeit, Ressourcen oder lokale Unterstützung fehlen. „Wir haben gesehen, wie Facebook-Gruppen, WhatsApp-Kreise oder Hashtag-Kampagnen vielen Frauen ermöglichen, sich zu engagieren. Das ist besonders wichtig für diejenigen, deren häusliche oder berufliche Situation öffentliche Demonstrationen erschwert“, erklärt Casanueva Artís.
Gleichzeitig nutzen extremistische Gruppen dieselben Räume, um Hass zu verbreiten. Umso wichtiger sei es, dass Frauen präsent bleiben, Netzwerke stärken und gemeinsam Gegenerzählungen publik machen. Nur so könnten digitale Räume Orte von Sichtbarkeit und Unterstützung werden, statt von Ausgrenzung. „Dennoch bleibt eine politische Teilhabe ein starkes Mittel gegen Extremismus“, unterstreicht Casanueva Artís . „Wählen gehen, sich kommunal einbringen, in Gremien, Vereinen oder Verbänden mitentscheiden. Demokratie lebt im Alltag und erschafft ein Umfeld, in dem diskriminierende Einstellungen immer weniger Raum haben.“
„Parolen keinen Raum bieten“
Denn Forschungseinrichtungen, Beratungsstellen und Sicherheitsbehörden berichten wiederholt, dass rechtsextreme und rechtspopulistische Gruppen ihre Strategien anpassen, um in genau diesen alltäglichen sozialen Räumen der Gesellschaft präsenter zu werden. Sie treten selten offen auf und suchen gezielt Zugang zu Gruppen wie Gartenbauvereinen, Elterninitiativen, Frauenkreisen oder lokalen Nachbarschaftsverbänden. Eine Ansprache erfolgt dann häufig unterschwellig, etwa durch scheinbar harmlose Gespräche, Einladungen zu „unkomplizierten“ Treffen oder das Einbringen vermeintlich unpolitischer Themen, hinter denen sich aber ausgrenzende, menschenfeindliche oder diskriminierende Einstellungen verbergen. „Gerade dort, wo Gemeinschaft und Vertrauen eine große Rolle spielen, ist diese Form der leisen Einflussnahme besonders wirksam“, sagt Sabine Slawik, stellvertretende Landesvorsitzende des KDFB Bayern. „Nicht immer ist auf den ersten Blick erkennbar, dass hinter einer freundlichen Einladung oder einem ‚kritischen Gespräch‘ extremistische Botschaften stehen. Umso wichtiger ist es, solche Muster zu erkennen, sensibel darauf zu reagieren und klare demokratische Grenzen zu ziehen. Organisationen, die demokratische Werte vertreten, können hier entscheidend gegensteuern, indem sie klare Regeln für einen respektvollen Umgang etablieren, Haltung zeigen und ausgrenzenden Parolen keinen Raum bieten“, betont Slawik.
Um als Verband ein deutliches Zeichen für Demokratie und Menschenwürde sowie gegen Rechtsextremismus, Anti-
feminismus, Antisemitismus und Rassismus zu setzen, hat sich der Frauenbund nicht nur mit seinem Beschluss „Demokratie stärken – Populismus widerstehen!“ klar positioniert. Seit 2025 ist der KDFB-Landesverband zudem offizielles Mitglied im „Bayerischen Bündnis für Toleranz“. Dieser ist der größte Zusammenschluss staatlicher und zivilgesellschaftlicher Akteure sowie Religionsgemeinschaften in Bayern. Gegründet 2005 auf Initiative der beiden großen Kirchen, der jüdischen Gemeinden, des Bayerischen Innenministeriums und des Deutschen Gewerkschaftsbundes Bayern, setzt sich das Bündnis seitdem entschlossen für Toleranz und demokratische Werte ein. Mit seinem Beitritt verpflichtet sich der KDFB-Landesverband Bayern, rechtsextremes, frauenfeindliches, antisemitisches und rassistisches Gedankengut innerhalb der eigenen Organisation nicht zu dulden und aktiv für Demokratie und Vielfalt einzutreten. „Demokratie und Gleichstellung brauchen Menschen, die bereit sind, aktiv für diese Werte einzutreten. Deshalb sind wir sehr stolz, im „Bayerischen Bündnis für Toleranz“ starke Partner an unserer Seite zu haben, die sich ebenfalls entschlossen für eine gerechte und vielfältige Gesellschaft engagieren und gleichzeitig gegen Rechtsextremismus, Antifeminismus, Antisemitismus und Rassismus aktiv werden“, bekräftigt Sabine Slawik.
„Anderen Mut machen“
Für Sindy Winkler, Leiterin der Fachstelle Demokratie und Partizipation des „Bayerischen Bündnisses für Toleranz“, ist der Beitritt des KDFB ein starkes Signal: „Vor allem Frauen sind Zielscheibe rechter Akteure, dabei kommt es häufig auch zu einer Verschränkung von Sexismus und Rassismus. Dagegen ein Zeichen zu setzen, ist sehr wichtig. Jede Organisation, die sich klar positioniert, gibt anderen Mut, aktiv zu werden. Der KDFB zeigt, wie wichtig es ist, Gleichgesinnte zu finden und sich als Verband solidarisch für eine offene Gesellschaft einzusetzen.“
Winkler betont, dass solche Bündnisse nicht nur wichtige Symbole sind, sondern eine konkrete Wirkung entfalten: „Wenn Frauen ihre Stimmen bündeln, entsteht eine Kraft, die sich gegen Hass, Intoleranz und Ausgrenzung richtet. Diese Solidarität senkt Hemmschwellen, um sich zu äußern und Position zu beziehen.“ Im Hinblick auf die bevorstehenden Kommunalwahlen sei es wichtig, dass mehr weibliche Stimmen in kommunalen Gremien vertreten sind, damit vielfältige Perspektiven bei der Entscheidungsfindung berücksichtigt werden. Diversität in der demokratischen Zivilgesellschaft stärke diese Vielseitigkeit strukturell. „Wer Haltung zeigt, stärkt nicht nur sich selbst, sondern motiviert andere, ebenfalls aktiv zu werden“, sagt Sindy Winkler. „So wird jede Stimme zu einer starken Stimme –gemeinsam für eine Gesellschaft, in der Vielfalt und Menschenwürde zählen.“
KDFB-Engagement: Starke Stimmen gegen rechts
Ganz in der Tradition von Ellen Ammann setzt sich der Frauenbund mit zahlreichen Aktionen und Projekten entschieden gegen Rechtsextremismus, Antifeminismus, Antisemitismus und Rassismus ein. Die Gründerin des KDFB Bayern war eine der ersten weiblichen Abgeordneten im Bayerischen Landtag und kämpfte zu Beginn des 20. Jahrhunderts unermüdlich für Frauenrechte und soziale Gerechtigkeit. Ellen Ammann warnte früh vor den Gefahren des Nationalsozialismus. Unter anderem dank ihres Eingreifens konnte der Hitlerputsch Anfang November 1923 vereitelt werden.
Wie sich der KDFB heute gegen Rechtsextremismus, Antifeminismus und Rassismus einsetzt, und wie man sich ebenfalls engagieren kann, erfahren Frauenbundfrauen hier:
- Ob durch Workshops, politisches Engagement oder klare Positionierung im Alltag: Jede kann einen Beitrag leisten. In einer Demokratie ist das Engagement der Zivilgesellschaft entscheidend, um wichtige Werte zu bewahren und weiterzuentwickeln. Anregungen, wie sich Frauenbundfrauen aktiv einbringen können, finden sich unter: www.frauenbund-bayern.de/aktionen/starkefrauen/engagiere-dich
- Der KDFB Bayern setzt sich als Bündnispartner der Bayern-Allianz gegen Desinformation aktiv gegen Fake News, Hassrede und digitale Hetzkampagnen ein, die insbesondere Frauen in der Politik betreffen. Als Stimme der Frauen in der „Bayerische Allianz gegen Desinformation“ hat der KDFB sich für einen Workshop speziell für politisch interessierte Frauen eingesetzt. Neben diesem Workshop klären viele weitere Angebote zum Thema Desinformation, digitale Hetzkampagnen und sexistische Falschmeldungen auf. Buchen Sie Ihren Workshop vor Ort kostenlos über diese Webseite: www.sicher-im-netz.de/bayern-allianz-gegen-desinformation/
- Auch mit der KDFB-Kampagne „Starke Frauen – starke Demokratie!“ setzt sich der Frauenbund gegen Rechtsextremismus und für eine freiheitliche Demokratie ein: www.frauenbund-bayern.de/aktionen/starkefrauen

