Eine Frage der Gerechtigkeit
Lebensläufe, die sich flexibel gestalten lassen: Das fordert das Optionszeitenmodell. Warum der KDFB darin eine Chance für eine gerechtere Verteilung der Sorgearbeit sieht.
„Ich kümmere mich um meine Kinder, pflege meine Mutter und arbeite deshalb nur in Teilzeit. Für mich bedeutet das: kaum Anerkennung, wenig Lohn und später eine viel zu niedrige Rente“, sagt Stefanie Lukas (51) aus Waldbüttelbrunn. Die dreifache Mutter, die sich in ihrer Freizeit zudem in einem Erwachsenenhospiz engagiert, steht stellvertretend für viele Frauen in Deutschland, die täglich ihr Bestes geben – im Job, zu Hause und im Ehrenamt.
„Unser Leben verläuft selten nach Plan. Kinder werden geboren, Familienmitglieder werden pflegebedürftig. In den meisten Fällen sind es dann Frauen, die ihre Erwerbsbiografie unterbrechen, um auf diese Veränderungen zu reagieren“, stellt Lisi Maier, Direktorin der Bundesstiftung Gleichstellung, fest. „Genau hier setzt das Optionszeitenmodell an. Es sieht vor, dass allen Menschen gleichermaßen in ihrem Erwerbsverlauf ein Zeitbudget zur Verfügung steht, das ihnen ermöglichen soll, ihre Erwerbsarbeit zugunsten gesellschaftlich relevanter Tätigkeiten zu unterbrechen oder zu reduzieren. Gleichzeitig sollen sie während dieser Zeit finanziell abgesichert sein“, erklärt die 41-jährige zweifache Mutter und Frauenbundfrau. Ziel des Modells ist es, eine gerechtere Aufteilung der Fürsorgearbeit und der Erwerbsarbeit unter den Geschlechtern zu erreichen und die verstärkte Teilhabe von Männern an der Sorgearbeit zu fördern.
Das von der Sozialwissenschaftlerin Karin Jurczyk und dem Politikwissenschaftler Ulrich Mückenberger entwickelte Optionszeitenmodell stellt ein rechtlich und finanziell abgesichertes Zeitbudget von neun Jahren zur Verfügung. Dieses kann über das Erwerbsleben hinweg flexibel für Phasen der Kindererziehung, Pflege, des ehrenamtlichen Engagements, der Weiterbildung und Selbstfürsorge genutzt werden. „Die Finanzierungsplanung ist noch nicht abgeschlossen, fest steht aber, dass die Kosten für die Optionszeiten, in denen die Arbeitszeit reduziert oder ausgesetzt wird, die Stelle tragen soll, die am meisten davon profitiert“, erklärt Lisi Maier. So sollen Freistellungen für Sorgetätigkeiten sowie Ehrenämter, die der Gesellschaft nützen, über öffentliche Gelder finanziert werden. Weiterbildungszeiten sollen durch einen Finanzierungspool der Arbeitgeber und Zeiten für Selbstfürsorge von den Arbeitnehmenden selbst getragen werden. Eine soziale Sockelung sorgt zudem dafür, dass auch Geringverdienende von diesem Modell profitieren können.
Labore entwickeln das Modell weiter
Seit 2022 engagiert sich der KDFB für die Umsetzung des Optionszeitenmodells. Um die Idee dahinter verständlich zu machen, hat der KDFB Bayern ein Erklärvideo produziert. „Durch dieses Modell kann die bisher überwiegend von Frauen geleistete Care-Arbeit endlich angemessen gewürdigt und gerechter verteilt werden“, so Christiane Fuchs-Pellmann, Bundesgeschäftsführerin des KDFB. „Das ist eine Frage von Fairness und Gerechtigkeit.“
Um das Modell weiterzuentwickeln, organisierte die Bundesstiftung Gleichstellung unter Leitung von Lisi Maier gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik die sogenannten Optionszeitenlabore. In diesen Fachworkshops diskutierten ausgewählte Expert*innen aus Wissenschaft, Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wirtschaft in ein- bis zweitägigen Workshops über offene konzeptionelle und anwendungspraktische Fragen des Modells. Der Auftakt fand im Oktober 2023 in Berlin statt.
Im ersten Labor wurden die gleichstellungspolitischen Dimensionen des Modells beleuchtet und als Grundlage für die weiteren Workshops genutzt. „Wichtig war für uns, herauszuarbeiten, welche Rahmenbedingungen erforderlich sind und berücksichtigt werden müssen, damit das Modell geschlechtergerecht und nachhaltig wirken kann“, erläutert Lisi Maier. Das zweite Labor im April 2024 widmete sich der betrieblichen Umsetzung. Dabei wurde diskutiert, wie Unternehmen sogenannte atmende Lebensläufe – also Arbeitszeitmodelle, die sich an Lebensphasen orientieren – effektiv einführen können. „Wir haben mit Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden und mit Geschäftsführungen kleiner Unternehmen gesprochen, die erkannt haben, wie wichtig faire Zeitpolitik ist und bereits Lösungen eingeführt haben, um ihre Fachkräfte zu halten“, führt Maier weiter aus.
Für Vielfalt und Chancengleichheit
Das dritte Optionszeitenlabor am 25. und 26. Juni 2025 stand im Zeichen des zivilgesellschaftlichen Engagements. Ziel war es, Freistellungszeiten für freiwillige Tätigkeiten neu zu denken, mit Fokus auf Vielfalt und Chancengleichheit. „In einer Zeit, in der ehrenamtliches Engagement immer seltener wird, ist es besonders wichtig, Strukturen zu schaffen, die freiwillige Arbeit nicht nur ermöglichen, sondern auch wertschätzen“, betont Christiane Fuchs-Pellmann. Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) engagieren sich heute rund 30 Prozent der Bevölkerung regelmäßig ehrenamtlich. Hauptgründe für den Rückgang sind zeitliche Überlastung, hohe Anforderungen in Beruf und Familie sowie fehlende gesellschaftliche und finanzielle Anerkennung. „Angesichts wachsender Polarisierung und zunehmendem Antifeminismus kann zivilgesellschaftliches Engagement eine demokratiestärkende Wirkung entfalten. Das dritte Optionszeitenlabor hat gezeigt, wie wichtig eine gerechte Zeitpolitik für freiwillige Arbeit ist“, so Fuchs-Pellmann weiter. Um gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, müssen Freistellungszeiten fest in die Arbeitswelt integriert werden – ohne dass dabei Rentenansprüche verloren gehen. „Nur so lässt sich demokratische Teilhabe stärken und der gesellschaftliche Zusammenhalt dauerhaft sichern“, fasst Fuchs-Pellmann zusammen, die den KDFB beim dritten Labor vertrat.
Ein weiterer Schwerpunkt des dritten Labors war die differenzierte Betrachtung zivilgesellschaftlicher Aktivitäten: Welche Formen fördern Demokratie – und welche untergraben sie womöglich? „Als Gesellschaft stehen wir heute vor der Herausforderung, zunehmend verfassungsfeindliches Engagement frühzeitig zu erkennen und ihm klare Grenzen zu setzen“, erklärt Lisi Maier. Der Frauenbund sei ein Beispiel für gelebte Demokratie, da er Frauen gesellschaftliche und politische Teilhabe ermögliche. „Sich politisch in der Kommune zu engagieren, im Frauenhaus oder im Hospiz auszuhelfen: Das sind Formen des Engagements, die unsere Gesellschaft bereichern, den sozialen Zusammenhalt stärken und damit unsere Demokratie stabilisieren.“ Das Optionszeitenmodell schafft dafür die notwendigen zeitlichen Spielräume und macht gesellschaftlich wertvolles Engagement erst möglich.
Autorin: Andrea Bala

