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Das Ringen um Reformen

Wortgottesdienst zur Eröffnung der vierten Synodalversammlung am 8. September 2022 in Frankfurt.

29.09.2022

Trotz krisenhafter Zuspitzungen hat der Synodale Weg in Deutschland Fortschritte erzielt. Bei der vierten Synodalversammlung vom 8. bis 10. September in Frankfurt am Main beschlossen die rund 230 Delegierten weitreichende Vorschläge zur Änderung der kirchlichen Lehre und Ordnung.

Am Anfang stand eine herbe Enttäuschung: Ein Grundsatzpapier zur Erneuerung der katholischen Sexualmoral scheiterte in Frankfurt an der notwendigen Zweidrittelmehrheit der Bischöfe. In der Versammlung kochten daraufhin die Emotionen hoch. Einige Delegierte verließen unter Protest den Raum in den Frankfurter Messehallen. Bischöfe wurden – auch von ihren Amtsbrüdern – kritisiert, sie hätten ihre Position nicht offen in die Debatte eingebracht. Zeitweilig stand der gesamte Reformprozess auf der Kippe. In den Aussprachen wurden anschließend die Konflikte zwischen Reformbefürwortern und -kritikern sichtbar. Mehrfach zogen sich die Bischöfe zu separaten Beratungen zurück. Umso größer die Erleichterung, dass ein Text zu „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ schließlich nach langer Debatte eine breite Mehrheit fand. Der Text richtet eine Bitte an Papst Franziskus, über die Priesterweihe von Frauen neu nachzudenken. In dem 32-seitigen Papier heißt es: „Nicht die Teilhabe von Frauen an allen kirchlichen Diensten und Ämtern ist begründungspflichtig, sondern der Ausschluss von Frauen vom sakramentalen Amt.

Insgesamt berieten die Delegierten über acht Papiere, ursprünglich waren 14 vorgesehen. Vier Texte wurden in zweiter Lesung verabschiedet, einer scheiterte an den Bischöfen. Drei Texte standen in erster Lesung zur Debatte und sind deshalb noch nicht beschlossen.
Eine Mehrheit votierte für einen Text in erster Lesung, der die Präsenz von Frauen im Gottesdienst stärken soll. Frauen sollen nicht nur predigen, sondern Taufen leiten und bei kirchlichen Trauungen assistieren. Mit großer Mehrheit stimmten die Delegierten für eine lehramtliche Neubewertung von Homosexualität und gegen arbeitsrechtliche Sanktionen für wiederverheiratete Geschiedene sowie homosexuelle Paare. Darüber hinaus erklärten sich die Bischöfe mit großer Mehrheit bereit, Teile ihrer Macht abzugeben. In einem Synodalen Rat sollen Bischöfe, Priester und Laien über kirchliche Grundsatzfragen beraten und beispielsweise entscheiden, wie Finanzen verwendet werden. Ein Ausschuss soll die Gründung des Rats vorbereiten. Das Thema soll in der abschließenden Synodalversammlung im März 2023 beraten werden.
Einige Bischöfe kündigten an, sie wollten möglichst rasch überlegen, wie synodale Beschlüsse konkret in ihren Bistümern umgesetzt werden könnten. Bischof Georg Bätzing will Texte, die eine überwältigende Mehrheit in der Synodalversammlung, nicht aber die Zweidrittelmehrheit der Bischöfe gefunden haben, in den Synodalen Prozess der katholischen Weltkirche einbringen.

Kirche, das sind wir alle – Maria Flachsbarth im Interview

KDFB-Präsidentin Maria Flachsbarth engagiert sich mit anderen KDFB-Frauen seit 2020 im Synodalen Weg der Kirche.

Was hat Sie als engagiertes Mitglied des Synodalen Wegs bisher am meisten überrascht? Vor Beginn des Synodalen Wegs Anfang Februar 2020 habe ich gedacht: „Wie soll das wohl werden? 230 Mitglieder – Bischöfe, Priester, Laien aus Verbänden und Diözesanräten – wie kann in einem so großen und heterogenen Gremium Diskussion gelingen, nach den furchtbaren Fällen von Machtmissbrauch und sexualisierter Gewalt verlorene Glaubwürdigkeit zurückgewonnen und ein Reformprozess angestoßen werden?“ Nun blicken wir schon auf die vierte Synodalversammlung von Anfang September zurück, und ich bin nach wie vor überrascht von der großen Offenheit, Ernsthaftigkeit und Gesprächsbereitschaft vieler – nicht aller –, mit der Texte diskutiert werden und Abstimmungen stattfinden. Ich spüre einen großen Bedarf nach Aufklärung, Veränderung und ehrlichem Neubeginn.

Auf welches Ergebnis blicken Sie mit Stolz? Es hat sich in den zwei Jahren viel entwickelt. Das konzentrierte und fundierte Arbeiten, der Austausch, die Ernsthaftigkeit im Ringen um Weiterentwicklung und Entscheidungen, die dem Prozess und damit der Erneuerung dienen, sind in den Synodalversammlungen und Foren vorherrschend.
Ein wichtiges Ereignis der Versammlung Anfang September war die Annahme des Grundtextes „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“ und ebenso der Handlungstext „Verkündigung des Evangeliums durch Frauen in Wort und Sakrament“. Die Synodalen haben intensiv über die weltkirchliche Bedeutung dieser Thematik diskutiert. Sie sind dem Ziel der Geschlechtergerechtigkeit nähergekommen.

Was hat Sie enttäuscht? Eine große Enttäuschung war die Befassung mit dem Grundtext einer erneuerten Sexualethik. Obwohl sich die Versammlung mit einer deutlichen Mehrheit für den Inhalt aussprach, scheiterte ein Beschluss an der
Abstimmung einiger Bischöfe. Doch letztendlich war es ein heilsamer Schock, der zu mehr Offenheit in der Entscheidungsfindung führte, besonders bei den Bischöfen.

Wie beurteilen Sie die Beteiligung des KDFB? Die Beteiligung ist großartig, denn 15 KDFB-Frauen sind entweder Mitglied der Synodalversammlung oder arbeiten als Fachfrau in den vier Foren. Drei KDFB-Frauen – Birgit Mock (Forum „Leben in gelingenden Beziehungen“), Dorothea Sattler (Forum „Frauen in Diensten und Ämtern der Kirche“) und Claudia Lücking-Michel (Forum „Macht und Gewaltenteilung“) – nehmen sogar mit jeweils einem Bischof die Forumsleitung wahr. Alle bringen ihre Expertise ein. Gemeinsam machen wir uns stark für eine glaubwürdige, geschlechtergerechte und zukunftsfähige Kirche. Wir tauschen uns aus und bestärken einander. Frauenbund eben!

Wie könnte Ihrer Ansicht nach der Prozess erfolgreich weitergeführt werden? Der Synodale Weg muss in Gemeinden, Verbänden und Gremien tatsächlich ankommen. Er ist kein Prozess für eine gewisse katholische Elite. Wichtig ist, dass er im ganzen Volk Gottes Fuß fasst. Deswegen sollten sich noch mehr KDFB-Frauen vor Ort beteiligen. Eine gute Grundlage dafür bietet die jüngste Ausgabe von KDFB aktuell*, in der der Synodale Weg übersichtlich vorgestellt wird. Ein anderes Beispiel ist das digitale Format „Kaffeepause auf dem Synodalen Weg“ des Bundesverbandes. Mehrmals im Jahr berichten verschiedene Teilnehmerinnen des Synodalen Wegs von ihren Erfahrungen und beantworten Fragen der Zugeschalteten.
Je mehr Menschen sich für den Synodalen Weg interessieren, weil sie Veränderung in der Kirche für notwendig halten, mitdenken und mitdiskutieren möchten, umso erfolgreicher kann dieser Prozess sein. Kirche sind nicht „die da oben“ – Kirche, das sind wir alle. Und wir sind auf dem Weg!

Was ist Ihr dringendster Wunsch? Für den Synodalen Weg in Deutschland lautet mein Wunsch, dass wir am Ende tragfähige Entscheidungen haben, die zur Glaubwürdigkeit der Kirche beitragen. Dass klare Perspektiven Menschen in der Kirche halten und den enormen Austritt stoppen. Dass der beschlossene Synodale Ausschuss beziehungsweise Rat zielführend arbeitet: für eine positive Zukunft der Kirche. Für den welt-weiten Synodalen Weg ist mein dringendster Wunsch, dass „Rom“ sich bewegt und die Ergebnisse des deutschen
Weges in Beratungen einfließen. Dabei muss es auch ein Stimmrecht für Frauen geben. Ich bin überzeugt, dass sich die Zukunft der Kirche wesentlich an der Frauenfrage entscheidet. Letztendlich wünsche ich mir, dass sich durch den Synodalen Weg der Zugang zum Evangelium (wieder) öffnet.

Text und Interview: Eva-Maria Gras

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 160.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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