Menü

Bildung ist weiblich, Karriere (noch) nicht

28.05.2026

Frauen machen bessere Schulabschlüsse als Männer. Bei Einkommen und gesellschaftlichem Einfluss kommen sie trotzdem noch zu kurz.
Die Weiber sind nicht für große geistige Arbeiten bestimmt!“, befand der Philosoph Arthur Schopenhauer 1851 in seinem Essay „Über die Weiber“. Und derselben Meinung waren viele Deutsche noch bis ins 20. Jahrhundert: Bildung sei einfach nichts für Frauen. Die angeführten Gründe variierten. Immanuel Kant zum Beispiel sorgte sich 1764 offensichtlich um die Attraktivität der Damenwelt. Er fürchtete, dass „mühsames Lernen oder peinliches Grübeln […] die Vorzüge des weiblichen Geschlechts vertilgen“ könnten. Wesentlich uncharmanter argumentierte der bekannte Neurologe Paul Julius Möbius. Im Jahr 1900 veröffentlichte er ein Traktat, in dem er postulierte: „Das Weib ist physiologisch schwachsinnig“ – es wurde ein Bestseller.

Dass man über diese Aussagen heute ungläubig schmunzeln kann, ist unter anderem das Verdienst mutiger Frauen. Eine davon war Johanna Kappes. Sie war nicht nur eine der ersten Frauen, die 1899 an Deutschlands erstem Mädchengymnasium in Karlsruhe Abitur machten. Sie war auch die erste regelrechte Studentin im Land. Mit einer Petition erstritt sie im Jahr 1900 gegen große Widerstände das Recht, an der Universität Freiburg Medizin zu studieren und ein Examen zu machen.

Bildung ist weiblich geworden
Mittlerweile ist Bildung für Frauen in Deutschland glücklicherweise eine Selbstverständlichkeit. Sie haben sich sogar einen Wissensvorsprung erarbeitet: Schon in der Grundschule schneiden Mädchen notentechnisch besser ab und erhalten häufiger eine Empfehlung fürs Gymnasium. Ein Trend, der sich dort fortsetzt: 2023 ­waren 55 Prozent aller Abiturient*innen weiblich, bei den Studienabschlüssen waren es 53 Prozent (Statistisches Bundesamt). In anderen Bildungsbereichen sind Frauen auch in Führung gegangen: Laut dem Bericht „Bildung in Deutschland 2025“ sind über zwei Drittel des gesamten Bildungspersonals weiblich und auch die Erwachsenenbildung an Volkshochschulen wird zum Großteil von Frauen in Anspruch genommen (VHS Statistik 2022).
Niemand würde sich wohl mehr über diese Entwicklung freuen als Ellen Ammann. Die gelernte Heilgymnastin und sechsfache Mutter gründete unter anderem 1911 den KDFB Landesverband Bayern. Schon zwei Jahre zuvor hatte sie in München die „Soziale und Caritative Frauenschule“ – eine der ersten Ausbildungsstätten für soziale Arbeit in Deutschland – ins Leben gerufen. Ihr wichtigstes Anliegen: die Bildungschancen für Frauen zu verbessern. Ammann legte damit den Grundstein für die renommierte „Katholische Stiftungsfachhochschule München“ sowie das 1977 gegründete Bildungswerk des Landesverbandes und der Diözesen, die vor Ort und online vielfältige Fortbildungsangebote bereitstellen.

Basis für Gleichberechtigung

Dabei ist Bildung für den KDFB weit mehr als bloße Wissensvermittlung. „Sie ist der Schlüssel für Selbstbestimmung, gesellschaftliche Teilhabe und echte Gleichberechtigung von Frauen“, erklärt die kommissarische KDFB-Landesvorsitzende Tanja Pichlmeier. „Gleichzeitig ist sie Grundlage für kulturellen Wandel und gesellschaftliche Weiterentwicklung: Sie stärkt die Urteilsfähigkeit, hilft Manipulation – etwa durch neue digitale Phänomene wie Deepfakes – zu erkennen und befähigt Frauen, sich selbstbewusst in eine sich verändernde Welt einzubringen.“ Folgerichtig gehört für den KDFB auch die Geschichte und Bedeutung von Frauenrechten zum Kern demokratischer Bildung. Der KDFB setzt sich als politischer Lobbyverband aktiv dafür ein, dass das Thema verbindlich im Lehrplan weiterführender Schulen verankert wird.

Mehr Selbstbewusstsein und Teilhabe

KDFB-Frau Maria Herler aus der Diözese Eichstätt

In den Diözesen stehen vor allem praktische und lebensnahe Themen im Mittelpunkt: Bei Veranstaltungen wie Kräuterwanderungen wird wertvolles traditionelles Wissen weitergegeben, die Eltern-Kind-­Gruppen unterstützen Familien im anstrengenden Alltag und bieten Möglichkeiten zum Austausch. „All das ist Bildung. Sie beschränkt sich bei uns nicht auf den Beruf, sondern hat viele Facetten – von Persönlichkeitsentwicklung über Gesundheitsthemen bis zur Ausbildung ehrenamtlicher Helfer“, sagt Maria Herler, die seit acht Jahren ­Mitglied im ­Vorstand des Diözesanverbandes Eichstätt ist.
Dass die Teilnahme an Kursen des Bildungswerks und die Mitarbeit im Frauenbund das eigene Leben sehr bereichern kann, hat Maria Herler persönlich erlebt. Schon zwei Jahre nachdem sie eingetreten war, wurde sie in den Vorstand des Zweigvereins gewählt, dann in ein landesweites Kompetenzforum und schließlich in den Diözesanvorstand. Neue Herausforderungen waren an der Tagesordnung. In den Gremien auf Bundesebene fühlte sie sich zu Beginn ein wenig als „Landei“ und hörte bei Besprechungen lieber zu, als selbst das Wort zu ergreifen. „Dazugelernt habe ich durch die Praxis, aber auch durch Rhetorikkurse, Vorträge zu Verbandsrecht und viele andere Fortbildungen. Das hat viel mit mir gemacht. Ich bin selbstbewusster geworden und auch feministischer. Und ich habe gemerkt, wie viel man mitgestalten kann an der Gesellschaft, in der wir leben.“

Spezielle Bildungsangebote für Frauen
Was Frauen selbst unter guter Bildung verstehen und was ihnen dabei wichtig ist, erkundet die diplomierte Pädagogin Sabine Bertram. Sie coacht Menschen, die im Bildungsbereich arbeiten und porträtiert in ihrem Podcast „Bildungsfrauen“ Vorreiterinnen in diesem Bereich. Dabei sieht sie, wie sehr sich die Lebensrealitäten von Frauen, trotz der im Grundgesetz verankerten Gleichberechtigung, immer noch von denen der Männer unterscheiden: „Weil Frauen mehr Care-Arbeit leisten (laut Statistischem Bundesamt etwa neun Stunden pro Woche) und größere Probleme haben Familie und Beruf zu vereinbaren, ist ihr Zeitbudget für Bildung wesentlich geringer als das der Männer.“ Was sich laut OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) direkt negativ auf Einkommen und Aufstiegschancen auswirkt. Kinderbetreuung, Abend- und Onlinekurse sollten bei Bildungsangeboten also unbedingt mitgedacht werden. Der KDFB setzt sich zudem dafür ein, dass das Recht auf Bildungszeit endlich auch in Bayern etabliert wird. In allen anderen deutschen Bundesländern ist die bezahlte Freistellung von der Arbeit für Weiterbildung längst gesetzlich verankert.

Ermutigung und Austausch
„In unserer Gesellschaft wird zu oft von einem ‚männlichen Normal‘ ausgegangen“, ärgert sich Bertram. „Weibliche Lebensentwürfe werden als minderwertig angesehen.“ Besonders wichtig findet sie spezielle Fortbildungsangebote für Transformationsphasen: Berufseinstieg nach der Ausbildung, Wiedereinstieg nach Erziehungszeiten oder Trennungen – wenn Frauen ihr Leben neu aufstellen müssen. Biografien und Karrieren vieler Frauen verlaufen weniger linear als die von Männern und bringen bei Umbrüchen oft große Herausforderungen mit sich – etwa finanziell.
„In diesen sensiblen Phasen können Bildungsangebote nicht nur Qualifikationen vermitteln und die Karriere in Schwung bringen, sondern auch Halt geben, Anregungen zur Neuorientierung liefern und die Möglichkeit zum Austausch mit Gleichgesinnten.“ Gesundheitsbildung, etwa zu Themen der Menopause, kann genauso wertvoll sein wie Führungskräftetraining. All das hilft, Selbstbewusstsein aufzubauen, das vielen Frauen mehr fehlt als Fachwissen. „Frauen verkaufen sich unter Wert, trauen sich vieles nicht zu“, so Bertram. „Deshalb sind Angebote wichtig, die ermutigen und informieren. Und in denen miteinander geteilt werden kann, wie Karriere, Bildung und Entwicklung mit dem eigenen (familiären) Alltag gut zu kombinieren sind.“

Beratung und Fortbildung

Landesbildungswerk des KDFB
Gemeinsam mit den Bildungswerken der Diözesen unterstützt es Frauen dabei, ihre Stärken zu entwickeln und die Gesellschaft mitzugestalten. Termine der Kurse rund um Kommunikation, Trauerbegleitung, Mittagsbetreuung, Demokratiebildung, Führungskräfteschulungen unter: www.bildungswerk-kdfb-bayern.de
mira Mädchenbildung
Die gemeinnützige Organisation bietet Workshops zu Berufsorientierung, Selbstbehauptung, Medienkompetenz und Gewaltprävention für Mädchen und junge ­Frauen. Ein Schwerpunkt: der Übergang von Schule in Ausbildung oder Beruf. www.miramue.de
Frau und Beruf
Der staatlich geförderte Bildungsdienstleister unterstützt Frauen bei Wiedereinstieg und Karriereplanung mit Beratung und Kursen. www.frauundberuf.de
Karrierecoaching Sabine Bertram
Die Bildungsexpertin fördert Frauenkarrieren mit persönlichem (digitalem) Coaching zu Themen wie Wiedereinstieg, Selbstpositionierung und Führung. https://bildungsfrauen.de
IHK Akademie
Die Akademie ist Teil der Industrie- und Handelskammer und hat zertifizierte Lehrgänge zu Führungskompetenz, Projektmanagement oder Personalverantwortung im ­Angebot. www.ihk-akademie.de
CyberMentor
Deutschlands größtes Online-Mentoring-Programm für Mädchen in MINT bringt Schülerinnen mit Ingenieurinnen, Informatikerinnen oder Naturwissenschaftlerinnen zusammen, die sie ein Jahr lang coachen. Vielfach ausgezeichnet. www.cybermentor.de
SheCodes
Auf dieser Internet-Plattform finden sich Onlinekurse zu Webentwicklung, Programmierung und digitalen Tools, die sich explizit an Anfängerinnen richten. Die Inhalte sind praxisnah und können mit Zertifikat abgeschlossen werden. Sprache: Englisch. www.shecodes.io

Frauenmangel in MINT-Berufen

Wie Frauen ihre Fähigkeiten ein- und in Bezug auf technische Fächer oft unterschätzen spielt auch bei der Wahl von Berufen und Studienfächern eine Rolle: Nicht umsonst arbeiten Frauen nach Zahlen der Bundesagentur für Arbeit sehr viel häufiger in sozialen Bereichen wie Bildung, Gesundheit, Wohlfahrt und Kommunikation. Bis zu 80 Prozent der Beschäftigten dort sind weiblich. In MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik) waren es laut dem Institut der Deutschen Wirtschaft 2024 nur 16,4 Prozent.

Gemischte Teams sind erfolgreicher
Was kein Problem sein muss, könnte man denken – schließlich nützen soziale Berufe der Gesellschaft und ­jede*r soll die Karriere wählen, die sie oder ihn am meisten anspricht. Aber das greift zu kurz: Die Teilhabe an MINT-Fächern ist ein zentraler Hebel für Gleichberechtigung. MINT-Berufe sind nicht nur besser bezahlt und auf dem Arbeitsmarkt gefragt, sie gehören auch zu Branchen wie Energieversorgung, Mobilität und Digitalisierung, die wesentlich die Zukunft gestalten und gesellschaftlichen ­Einfluss sichern. Frauen sollten dort nicht unterrepräsentiert sein – auch wenn soziale Berufe natürlich genauso wertvoll und wichtig sind. Gemischte Teams bringen zudem nachweislich bessere Ergebnisse und könnten folgenreiche Fehlentwicklungen verhindern. Wie etwa in der Medizin: Hier beschränkte sich die Forschung jahrzehntelang auf den männlichen Körper, weshalb Frauen bis heute nicht immer optimal behandelt werden.

Was sind die Gründe?
Schuld an der Technik-Unlust sind nicht mangelnde Fähigkeiten. Studentinnen technischer Fächer schneiden genauso gut ab wie Studenten. Laut Anja Karliczek, KDFB Präsidentin und Bundesministerin für Bildung und ­Forschung a.D., liegen die Ursachen unter anderem in ­stereotypen Vorstellungen von weiblichen und männlichen Berufsfeldern. „Nach der Wiedervereinigung konnte man sehen, dass es in den neuen Bundesländern viel mehr Frauen in technischen Berufen gab als im Rest von Deutschland. Das war dort jahrzehntelang gefördert worden. Es war ­gesellschaft-­
liche Normalität und für Frauen selbst­verständlich.“
Mittlerweile gibt es zahlreiche Ansätze, um mehr Frauen für das Feld zu begeistern. Angefangen bei der „Initiative Klischeefrei“ unter Schirmherrin Elke Büdenbender, die sich schon in Kindergärten für den Abbau von Geschlechterstereotypen bei der Berufswahl engagiert bis zu Förderprogrammen wie Femtec, die MINT-Studentinnen bei ihrem Einstieg in Führungspositionen in Wirtschaft und der Wissenschaft unterstützen. Anja Karliczek plädiert dafür, früh anzusetzen und Mädchen schon in der Schule Spaß an Technik zu vermitteln – auf eine Weise, die zu ihren Interessen passt: „Mithilfe digitaler Spiele und virtueller Brillen, mit denen sie die Berufsfelder ganz praktisch durch Ausprobieren erleben können und so einen viel greifbareren Zugang dazu bekommen.“

Mädchen brauchen Vorbilder
Ein weiteres wichtiges Thema: weibliche Vorbilder. Erfolgreiche Role Models signalisieren: Das ist ein Job für mich, das kann ich schaffen! Auch wenn es um Führungspositionen geht: „Mädchen haben sich meiner Meinung nach davon angesprochen gefühlt, dass wir eine Bundeskanzlerin hatten“, glaubt Anja Karliczek und appelliert: „Wir alle müssen als Vorbilder vorangehen und es für Mädchen zu einer Selbstverständlichkeit machen, dass wir gleichberechtigt am Leben teilhaben. Mit finanzieller Unabhängigkeit, Raum zur Entfaltung und der Freiheit, das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten.“
Damit Frauenkarrieren gelingen, ist aber nicht nur Bildung entscheidend. Es braucht fair geteilte Sorgearbeit und ausreichende Möglichkeiten in der Kinderbetreuung, ein vorurteilsfreies Arbeitsumfeld und unterstützende Netzwerke, die den Weg ebnen. Bei letzterem haben Frauen laut Anja Karliczek Nachholbedarf: „Es hieß immer, wir Frauen müssen besser werden, um voranzukommen. Aber es sind die Strukturen, die sich ändern müssen.“ Der Gender Gap existiert weiterhin, und auch der Anteil von Frauen in Führungspositionen stagnierte laut Eurostat, dem statistischen Amt der EU, zwischen 2014 und 2024 bei rund 29 Prozent. Karliczek: „Netzwerke sind wichtig, weil viele berufliche Chancen über informelle Strukturen entstehen – doch genau dort sind Frauen oft weniger eingebunden. Umso wichtiger ist es, diese Räume gezielt zu öffnen und inklusiver zu gestalten.“
All das war auch in Anja Karliczeks Karriere wichtig. Zuvor aber hatte sie für eine gute Bildungsgrundlage ­gesorgt – und vor dem Politikeinstieg zwei Ausbildungen und ein Studium absolviert. Geholfen hat bei der ­Berufswahl zudem ein Satz ihres Vaters, den sie anderen Frauen mitgeben will: „Mach, was dir Freude bereitet, dann wirst du auch gut darin sein. Und vor allem: Lass dich nicht davon beeindrucken, was andere darüber denken und was in sozialen Medien propagiert wird. Diese Freiheit sollten wir uns nehmen!“

Autorin: Barbara Stummer

Weiterlesen und Reinhören

Leonie Schöler: Beklaute Frauen – Denkeinnen, Forscherinnen, Pionierinnen: Die unsichtbaren Heldinnen der Geschichte, Penguin Verlag, 2024, 23 Euro.
Die Autorin stellt Frauen vor, die Bahnbrechendes geleistet haben, deren Erfolge aber Männern zugeschrieben wurden. Über weibliche Vorbilder und männliche Machthierarchien.
Juliane Jacobi: Mädchen und Frauenbildung in Europa – von 1500 bis zur Gegenwart, Campus Verlag, 2013, 54 Euro.
Ein wissenschaftlich fundierter Rundumschlag zur Geschichte weiblicher Bildung seit dem Beginn der frühen Neuzeit.
Christine de Pizan/hg. v. Margarete Zimmermann: Das Buch von der Stadt der Frauen, AvivA Verlag, 2025, 26 Euro.
Christine de Pizan (*1364) gilt als erste Autorin, die von ihrem Beruf leben konnte. Sie erzählt von bedeutenden Frauen, Unterdrückung und dem schwierigen Zugang zu Bildung.
Ein Zimmer für uns allein – Der Frauengeschichte-­Podcast: Host Paula Lochte empfängt jeweils zwei Frauen ­unterschiedlicher Generationen, die über Care-Arbeit, Beruf, Finanzen und andere Themen weiblicher Lebensrealitäten sprechen.

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 130.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
© 2026 | KDFB engagiert