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„Als Frau überleben. Jeden Tag.“

02.02.2026

Unter dem Motto „Kommt! Bringt eure Last.“ haben Christinnen aus Nigeria den Gottesdienst für den Weltgebetstag am 6. März vorbereitet. Die Frauen des westafrikanischen Landes leiden unter häuslicher und terroristischer Gewalt sowie mangelnder Gleichberechtigung.

Sie ist mit 30 Jahren nicht verheiratet und sagt ihre eigene Meinung. „Damit bin ich in Nigeria eine untypische Frau“, erzählt Ogochukwu Nancy Peter, die beim Weltgebetstagsseminar des KDFB Bayern online über die Situation der Frauen in Nigeria referierte. „Für die Mehrheit in unserem Land bist du eine gute Frau, wenn du religiös bist, heiratest, Kinder bekommst und in deiner Familie immer mit Opferbereitschaft auf Harmonie bedacht bist“, erklärt die Germanistin und feministische Aktivistin mit eigenem YouTube-Kanal (@ogochukwu). „Falls du beruflich erfolgreich bist und womöglich mehr verdienst als dein Mann, dann solltest du es auf keinen Fall zeigen, sondern dich hinter deinen Mann stellen und ihn glänzen lassen.“

Nigeria liegt in Westafrika, hat eine große Vielfalt an Landschaften – von der trockenen Sahelzone im Norden, über Graslandschaften im Zentrum bis zu Regenwäldern und einer langen Atlantikküste mit Badestränden und Mangrovenwäldern im Süden. Das bevölkerungsreichste Land Afrikas mit rund 237 Millionen Einwohner*innen ist zudem geprägt von einer Vielfalt an 250 Ethnien, über 500 Sprachen und verschiedenen Religionen – aber auch von Spannungen und blutigen Konflikten. Amtssprache der ehemaligen britischen Kolonie ist Englisch.

Ogochukwu N. Peter

Häusliche Gewalt ist bitterer Alltag
„Es ist möglich, in Nigeria viel zu erreichen, zum Beispiel in unserer boomenden Film- und Musikindustrie, aber es ist auch möglich, nichts zu schaffen und die Hoffnung zu verlieren“, so Ogochukwu Nancy Peter, ehemalige Deutschlehrerin beim Goethe-Institut in Lagos, die gerade ein Masterstudium in Transnationaler Germanistik in vier europäischen Ländern absolviert. „Überleben ist etwas, was jede Frau in Nigeria versteht, zum einen wegen der unsicheren Lage im Land. Zum anderen geht es um das finanzielle Auskommen und darum, die gesellschaftlichen Erwartungen zu überleben. Die Situation für Frauen ist schwer, und man muss sich bewusst entscheiden, als Frau zu überleben. Jeden Tag.“
Nigerianerinnen tragen viele Lasten – wortwörtlich auf dem Land das Feuerholz oder Wasser, aber auch im übertragenen Sinne. Für viele der rund 117 Millionen Frauen in Nigeria sind sexueller und emotionaler Missbrauch, häusliche Gewalt und Vergewaltigung, Kinderehen und Genitalverstümmelung bitterer Alltag. In Nigeria sind, laut UNICEF, rund 20 Prozent der Frauen genital verstümmelt. Damit liegt Nigeria weltweit an dritter Stelle.
Der Global Gender Gap Report 2024 des Weltwirtschaftsforums sieht Nigeria auf Platz 125 von 146, direkt vor Saudi-Arabien. Ein wichtiges Indiz für die Benachteiligung von Frauen ist die Alphabetisierungsrate: Nur rund 53 Prozent der Frauen und Mädchen können lesen und schreiben, bei den Männern sind es dagegen 71 Prozent. „Im Norden des Landes besucht nur jedes zweite Mädchen die Schule. Es gibt diese Mentalität gegenüber Frauen: ,Egal, wie gebildet du bist, am Ende landest du doch im Haus eines Mannes‘“, erklärt Ogochukwu Nancy Peter, die als evangelische Christin im Osten Nigerias aufgewachsen ist.
Anna Küster, Pastorin in Nigeria, berichtete beim Online-Weltgebetstagsseminar des KDFB, dass viele Eltern, zumeist im sehr trockenen Norden Nigerias, nicht genug Geld haben, ihren Kindern ein gutes Leben und eine Ausbildung zu finanzieren: „Oftmals bieten Verwandte an, das Kind zu sich zu nehmen, es gut zu ernähren und zur Schule zu schicken gegen etwas Hilfe im Haushalt. Zumeist sind es sehr junge Mädchen, manche gerade einmal sieben Jahre alt, und häufig endet es in Kinderarbeit ohne Schulbesuch und schlimmstenfalls werden die Mädchen auch noch missbraucht.“
Die evangelische Theologin und gebürtige Berlinerin lebt seit fünf Jahren in der nigerianischen Hauptstadt Abuja und betreut dort die deutschsprachige Kirchengemeinde. In Nigeria sind rund 46 Prozent der Einwohner*innen christlichen Glaubens, davon sind etwa elf Prozent katholisch. 48 Prozent sind Muslim*innen. „Die meisten Christ*innen leben im südlichen Teil Nigerias. Muslim*innen leben zumeist im Norden“, so Anna Küster. „Nigeria ist ein sehr religiös geprägtes Land. Was mich anfangs erstaunt hat: Hier wird, wie bei uns im Wahlkampf, viel Plakatwerbung am Straßenrand für Gottesdienste und Gebetsversammlungen gemacht. Der Glaube ist wirklich sehr präsent.“ In Nigeria garantiere das Gesetz Religions- und Glaubensfreiheit und doch gebe es religiöse Spannungen und blutige Konflikte.
Zudem verüben im Nordosten islamistische Terrorgruppen schwere Anschläge, im Südosten agieren bewaffnete Banden. „Die Terrorgruppen machen keinen Unterschied zwischen christlichen oder muslimischen Gemeinschaften. Sie plündern, entführen und töten wahllos“, berichtet Anna Küster.
2014 bekam Nigeria große Medienaufmerksamkeit durch die Entführung der sogenannten Chibok-Girls. Damals wurden von den bildungsfeindlichen Extremisten der Boko Haram 276 meist christliche, aber auch muslimische Schulmädchen im Alter von 16 bis 18 Jahren entführt. Ein Fall, der Anna Küster immer noch sehr berührt: „Erschreckend ist für mich: 2024 sind 82 dieser Mädchen immer noch nicht zurück bei ihren Familien.“ Auch im Herbst 2025 kam es wieder zu Entführungsfällen von Schul- und Internatsmädchen. „Durch Terror und Gewalt sind inzwischen 31 Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Einige versuchen auch den Weg nach Europa zu schaffen“, weiß Anna Küster. „Viele Analysten in Nigeria vermuten, dass die Angriffe auch mit dem wirtschaftlichen Kampf um knappe Ressourcen zusammenhängen.“ Wie zum Beispiel in der nordwestlichen Hafenstadt Numan.
Hier prägen Landwirtschaft und Viehzucht das Leben. Viele Jahre war der Alltag dort von gewaltsamen Konflikten zwischen Viehhirt*innen und Bäuer*innen um Wasser, Weideland und fruchtbare Böden bestimmt. Davon waren besonders Kleinbäuerinnen betroffen, die ihre Felder und Weiden aus Angst vor (sexueller) Gewalt nicht mehr bewirtschaften konnten. So verloren sie die Lebensgrundlage für sich und ihre Familien.

Tipps für den Weltgebetstag

Arbeitsmaterialien: Gottesdienst-Ordnung, Materialheft „Ideen und Informationen“ (Preis: 4,30 Euro plus Porto), Download-Pakete mit Fotos, Texten und Rezepten sowie weitere Unterlagen sind erhältlich bei der Evangelischen Verlagsanstalt, Chrismonshop, Blumenstraße 76, 04155 Leipzig, Tel. 0341/711 41- 48, E-Mail: chrismonshop@eva-leipzig.de oder unter www.chrismonshop.de/weltgebetstag
Rezepte, wie zum Beispiel für den süßen nigerianischen Krapfen „Puff Puff“, und den Hinweis auf den Online-Gottesdienst gibt es unter www.weltgebetstag.de

Frauenrechte-Training für Bäuerinnen

Inzwischen sind die Konflikte in dieser Region weitgehend beigelegt und das Land wird wieder bewirtschaftet, auch von Kleinbäuerinnen. Dabei werden sie von der 2011 gegründeten Organisation „Women & Youth Empowerment for Advancement & Health Initiative“ (WYEAHI) unterstützt, um sich erneut eine Existenz aufzubauen und ihre Armut zu bekämpfen. In diesem vom Weltgebetstag geförderten Projekt stellt WYEAHI nicht nur Werkzeug, Saatgut und Dünger bereit, sondern vermittelt auch landwirtschaftliche Kenntnisse. Zusätzliche Kurse über ihre Rechte sollen die Frauen ermutigen, sich auch an lokalen Entscheidungsprozessen aktiv zu beteiligen. Außerdem sensibilisiert WYEAHI politische und gesellschaftliche Entscheidungsträger*innen vor Ort für Gleichberechtigung.
Frauen sind ein zentraler Motor der nigerianischen Wirtschaft, die aufgrund der ergiebigen Erdöl- und Rohstoffvorkommen zu den größten und reichsten Volkswirtschaften auf dem afrikanischen Kontinent zählt. Der Wohlstand ist jedoch sehr ungleich verteilt: Die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Viele Frauen versuchen deshalb, sich und ihre Familie zu ernähren. Aktuellen Erhebungen zufolge befanden sich im Jahr 2024 rund 48 Prozent der kleineren und mittleren Unternehmen in Nigeria im weiblichen Besitz – ein historisch hoher Anteil.
Frauen und Mädchen darin zu unterstützen, sich eine eigene Existenz aufzubauen, um unabhängig zu werden – das ist das Ziel der Weltgebetstags-Partnerorganisation „Center for Caring, Empowerment and Peace Initiatives“ (CCEPI). „Den vergessenen Mädchen dienen“, so lautet das Motto der Initiative im Nordosten Nigerias, die nicht nur Frauen nach Missbrauch und Gewalt beim Start in ein neues Leben hilft, sondern auch Waisen, Terroropfern, Vertriebenen und Menschen ohne Zugang zu Bildung. CCEPI unterstützt zudem Frauen und Mädchen, die Opfer geschlechtsspezifischer Gewalt werden: Sie werden sicher untergebracht, erhalten medizinische Hilfe, juristischen Beistand und psychosoziale Unterstützung, um die Traumata zu verarbeiten. Später können die jungen Frauen eine Ausbildung als Näherin, Köchin oder am Computer absolvieren, um sich ein unabhängiges Leben aufzubauen.
Solche Hilfsorganisationen sind für die Frauen in Nigeria sehr wichtig, denn es gibt „erschreckend wenig Frauenhäuser und wenn, sind diese total überfüllt“, berichtet Pastorin Anna Küster. Die mangelnde Gleichberechtigung der Frauen in Nigeria spiegelt sich auch in ihrer sehr geringen politischen Teilhabe wider: Seit den Wahlen 2023 sind nur 16 von 360 Mitgliedern im Repräsentantenhaus Frauen, unter den Minister*innen sind es acht von 46. Der präsidialen Bundesrepublik mit 36 Staaten steht der Muslim Bola Tinubu (73) von der Partei „All Progressives Congress“ (APC) als Präsident vor.
„In der politischen Landschaft Nigerias zeichnet sich allerdings immer mehr ab, dass es viele junge, dynamische Frauen wie Ogochukwu gibt, die sich gerade die sozialen Medien zunutze machen, um ihre Meinung zu äußern und die Situation der Frauen zu verbessern. Insgesamt finde ich, dass Nigeria sehr auf dem Weg ist“, erklärt Anna Küster, die nach sechs Jahren in Nigeria nächstes Jahr nach Deutschland zurückkehrt. „Dieses Land in seinem Facettenreichtum und das Miteinander der Frauen empfinde ich als großes Geschenk und ich habe sehr viel für mich gelernt.“

Frauensolidarität weltweit

Ein Gebet wandert 24 Stunden lang um den Erdball und verbindet Frauen in den Weltgebetstagsgottesdiensten in mehr als 150 Ländern miteinander – das ist die Idee des Weltgebetstages (WGT), der größten globalen Basisbewegung christlicher Frauen. Unter dem Motto „Informiert beten – betend handeln“ stellen sie ihre spirituelle Verbundenheit und weltweite Frauensolidarität unter Beweis. Das zeigt sich konkret in der Unterstützung von Frauen- und Mädchenprojekten: Seit 1975 wurden mit den Kollekten und Spenden über 6 000 Frauen- und Mädchenprojekte in rund 150 Ländern gefördert.
Weitere Informationen unter www.weltgebetstag.de

Autorin: Karin Schott

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 130.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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