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65 Jahre Antibabypille: Zwischen Revolution und Risiko

31.07.2025

Anfangs als Symbol der Emanzipation gefeiert, hat sich das Ansehen der Antibabypille in den letzten Jahren verändert: Immer mehr Frauen setzen heute auf andere Methoden und fordern eine gerechtere Verhütungsverantwortung.

„Keine Frau kann sich selbst als frei bezeichnen, solange sie nicht wählen kann, ob sie Mutter wird oder nicht.“ Mit diesen Worten brachte die US-amerikanische Aktivistin und Frauenrechtlerin Margaret Sanger in den 1950er-Jahren zum Ausdruck, was sie ihr Leben lang bewegte. Die Tochter irischer Einwanderer wuchs in einer kinderreichen Familie in New York auf. Ihre Mutter starb im Alter von nur 50 Jahren – nach 18 Schwangerschaften und sieben Fehlgeburten. Sanger war überzeugt, dass die häufigen Geburten ihrer Mutter letztlich zu deren Tod geführt hatten. Diese traumatische Erfahrung wurde zur treibenden Kraft hinter ihrem lebenslangen Engagement für die reproduktiven Rechte von Frauen.

Als Krankenschwester in den Armenvierteln New Yorks war Margaret Sanger täglich mit dem Leid von Frauen konfrontiert, die keinen Zugang zu sicherer Verhütung hatten. Immer wieder musste sie miterleben, wie Frauen an den Folgen ungewollter Schwangerschaften oder durch gefährliche Abbrüche starben. Um diesen Frauen zu helfen, gründete sie 1921 die „American Birth Control League“ und setzte sich unermüdlich für Aufklärung und das Recht auf Selbstbestimmung ein. Zusammen mit dem Biologen Gregory Pincus und dem Gynäkologen John Rock trug Margaret Sanger in den 1950er-Jahren schließlich zur Entwicklung der ersten wirksamen hormonellen Verhütungspille bei, die 1960 unter dem Namen „Enovid“ in den USA zugelassen wurde.

Von der „Wunschkindpille“ zum „Pillenknick“

Nur ein Jahr später brachte 1961 das deutsche Pharmaunternehmen Schering AG unter dem Namen „Anovlar“ die Pille in Westdeutschland auf den Markt. Schering hatte bereits seit Ende der 1950er-Jahre an entsprechenden Hormonkombinationen gearbeitet. Anfangs wurde die Antibabypille offiziell zur Behandlung von Menstruationsbeschwerden verschrieben.

Die empfängnisverhütende Wirkung galt offiziell als „Nebenwirkung“. In der DDR hingegen ging man offener mit dem Thema um: Dort kam die Pille 1965 als sogenannte Wunschkindpille auf den Markt und wurde kostenlos verteilt. In der Bundesrepublik war die gesellschaftliche Akzeptanz zunächst gering und der Zugang stark eingeschränkt. So wurde die Antibabypille meist ausschließlich verheirateten Frauen mit mehreren Kindern verordnet, häufig nur mit Zustimmung des Ehemanns oder unter bestimmten Auflagen. Ab den 1970er-Jahren wurde der Zugang zur Antibabypille erleichtert: Sie war nun zunehmend auch für unverheiratete, jüngere oder kinderlose Frauen erhältlich.

Trotz anfänglicher Vorbehalte stieg die Zahl der Nutzerinnen der Antibabypille rasch: Während im Sommer 1963 noch 47 Prozent der Frauen in Westdeutschland angaben, die Pille sollte nicht erlaubt sein, nutzten bis Ende 1971 bereits 26 Prozent hormonelle Verhütungsmittel. Der Anteil der Pillennutzerinnen wuchs weiter und erreichte 1976 mit 33 Prozent einen vorläufigen Höchststand. Bis 1990 stieg dieser Anteil auf rund 62 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter. Diese neue Kontrolle über die Familienplanung trug maßgeblich zu gesellschaftlichen Veränderungen bei: Immer mehr Frauen begannen eine Ausbildung und traten ins Berufsleben ein, während sich neben den traditionellen Rollenbildern zunehmend alternative Lebensentwürfe entwickelten. In den 1950er-Jahren lag der Anteil weiblicher Studierender in Deutschland noch bei etwa 20 Prozent, 2013 bereits bei über 50 Prozent. Ein wesentlicher Grund für diese Entwicklung war die Einführung der Pille, die Frauen zu mehr Selbstbestimmung verhalf.

Auch die Zahl der berufstätigen Frauen stieg kontinuierlich an. Gleichzeitig sank die Geburtenrate deutlich: Zwischen 1963 und 1975 halbierte sie sich in Westdeutschland nahezu – ein Einschnitt, der als „Pillenknick“ bekannt wurde.

Alternative Möglichkeiten

Mit der zunehmenden Verbreitung der Antibabypille wurden auch mögliche Nebenwirkungen verstärkt thematisiert und in den 1990er-Jahren durch mehrere Studien belegt, darunter Depressionen, Gewichtszunahme und ein erhöhtes Thromboserisiko. Besonders bei jungen Frauen führte dies zu weniger Akzeptanz. So geben laut einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung nur noch 46 Prozent der 16- bis 25-jährigen Befragten an, mit der Pille zu verhüten.

65 Jahre nach der Einführung der revolutionären Antibabypille entscheiden sich heute immer mehr junge Frauen für Alternativen wie die Kupferspirale, das Diaphragma oder Kondome. Gleichzeitig wächst der Wunsch nach einer gerechteren Verteilung der Verhütungsverantwortung: Denn während Frauen seit Jahrzehnten die Hauptlast tragen und gesundheitliche Risiken in Kauf nehmen, gibt es für Männer bislang kaum zugelassene, verlässliche Verhütungsmethoden. Zwar wurde eine „Pille für den Mann“ entwickelt und in Studien getestet – sie zeigte jedoch ähnliche Nebenwirkungen wie die Antibabypille für Frauen. Die Entwicklung wurde daraufhin gestoppt, da diese Nebenwirkungen für Männer als unzumutbar bewertet wurden.

Zu den verfügbaren Verhütungsoptionen für Männer zählen heute Kondome und die Vasektomie, also das dauerhafte Durchtrennen oder Abklemmen der Samenleiter. Letztere gilt zwar als sehr zuverlässig, ist jedoch nur schwer reversibel und wird deshalb meist erst bei abgeschlossener Familienplanung in Betracht gezogen. Weitere nicht-hormonelle Verhütungsmethoden für Männer wie Wärme-Verfahren oder einspritzbare Samenleiter-Gele befinden sich noch in der Erprobung und sind noch nicht auf dem Markt. Umso wichtiger sind transparente Informationen und eine Politik, die geschlechtergerechte Verhütung fördert. Frauen brauchen Wahlfreiheit – für eine Verhütung, die befähigt und nicht belastet.

Verantwortung gemeinsam tragen

Der KDFB setzt sich in Fragen der Verhütung für die Lebensrealität von Frauen ein – auch im Hinblick auf die Nutzung hormoneller Methoden. Dabei steht die selbstbestimmte und eigenverantwortliche Entscheidung der Frauen im Vordergrund. Frauen sollten bei ihrer Verhütungsentscheidung nicht auf sich allein gestellt sein. „Es braucht verlässliche Informationen, geschlechtergerechte Rahmenbedingungen, das heißt, wissenschaftliche Forschung und gesellschaftliche Offenheit, die Vielfalt zulässt und auch Sexualpartner mit in die Verantwortung nimmt“, so KDFB-Vizepräsidentin Monika Arzberger.

Das Ziel müsse sein, dass jede Frau frei und informiert eine für sie passende Entscheidung für die eigene Sexualität treffen und ihre Lebensplanung gestalten kann. „Dazu braucht es politische Maßnahmen, die sicherstellen, dass Verhütung mit ihren vielfältigen Auswirkungen auch als Thema der Frauengesundheit gesehen wird“, sagt Monika Arzberger.

 

Autorin: Andrea Bala

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 130.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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