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Das Erbe einer großen Frau

23.01.2023

Mehrere hundert Gäste aus ganz Bayern haben am 2. Juli in München das Fest „Weck‘ die Ellen Ammann in Dir!“ gefeiert. Es galt, eine Persönlichkeit zu würdigen, die in Kirche und Gesellschaft gleichermaßen Spuren hinterlassen hat. Kardinal Reinhard Marx sprach sich im Liebfrauendom für das Diakonat der Frau aus – ein zentrales Anliegen Ellen Ammanns.

In seiner Predigt während des Festgottesdienstes setzte Kardinal Reinhard Marx Zeichen, die im Frauenbund lebhafte Zustimmung fanden. „Ich bin sicher, Ellen Ammann wäre sehr bewegt gewesen, denn Kardinal Marx hat klar zum Ausdruck gebracht, dass die Zeit nun reif sei für das Diakonat der Frau, und gleichzeitig hat er für die Seligsprechung von Ellen Ammann votiert“, sagte Emilia Müller, Vorsitzende des KDFB-Landesverbandes. Der Festgottesdienst im Dom war Teil der Feierlichkeiten zum 150. Geburtstag Ellen Ammanns, mit denen der KDFB-Landesverband das Erbe seiner Gründerin würdigen wollte.

Das Fest musste wegen der Pandemie um zwei Jahre verschoben werden. Ammann gilt als eine Pionierin des Frauendiakonats der Neuzeit. Wie Kardinal Marx erläuterte, bat sie bereits 1917 den damaligen Erzbischof Michael von Faulhaber, eine Gruppe von Frauen zu Diakoninnen zu weihen. Faulhaber konnte zwar Ammanns Wunsch nach einer echten Weihe nicht entsprechen, nahm aber 1919 ihr und sechs weiteren Frauen ein entsprechendes Gelübde ab. Der Grundstein für das Säkularinstitut Ancillae Sanctae Ecclesiae war gelegt. Es besteht bis heute fort, und bis heute setzt sich der KDFB für die Einführung des Diakonats der Frau ein.
Kardinal Marx unterstrich in seiner Predigt, es brauche einen neuen Ansatz, die Erneuerung könne ein großes Geschenk für die Kirche sein. „Möge die große Frau Ellen Ammann uns begleiten auf diesem Weg.“ Marx sieht das Diakonat als Amt, das in besonderer Weise die Verbindung von Gebet und Einsatz für die Armen sichtbar machen solle. „Da hoffe ich sehr, dass wir einen Weg gehen können, dieses Amt noch mehr zu profilieren“, sagte er.
Wie der Kardinal erklärte, will er sich auch um die Prüfung der Seligsprechung Ellen Ammanns bemühen. Den Anstoß zum Seligsprechungsprozess unterstützen neben dem KDFB-Landesverband weitere Institutionen, die mit dem Namen Ellen Ammanns verknüpft sind: die Katholische Stiftungshochschule, die Katholische Bahnhofsmission, der katholische Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit IN VIA, die Bayerische Polizeiseelsorge und das Säkularinstitut Ancillae Sanctae Ecclesiae.
Am Festgottesdienst im Dom wirkte der Frauenchor der Münchner Polizei mit, und das Säkularinstitut lud nach der Messe zu einem spirituellen Impuls ein – am Grab Kardinals von Faulhaber, der Ellen Ammann und ihrer kleinen „heiligen Schar“ in der Gründungszeit als spiritueller Begleiter zur Seite stand.
Mehr über den Festgottesdienst und das Ellen-Ammann-Fest ist zu finden unter www.frauenbund-bayern.de

Ein Hoch auf Ellen Ammann!

Ellen Ammann war eine Vorreiterin der katholischen Frauenbewegung, und sie bewegt Frauen noch heute. Das zeigten begeisterte Ammann-Fans nach dem Festgottesdienst auf dem Frauenplatz vor dem Liebfrauendom. Mit viel Schwung ließen sie die Frauenbund-Gründerin hochleben. Sie waren ausgestattet mit bunten Taschen, die alle wichtigen Informationen über das Festprogramm in der Münchner Innenstadt enthielten. KDFB-Landesvorsitzende Emilia Müller drückte den Wunsch aus, dass Ellen Ammanns „unermüdliche Schaffenskraft uns auch in Alltag und Ehrenamt begleite“. Und die Ellen-Ammann-Beauftragte des KDFB, Elfriede Schießleder, zeigte sich überzeugt: „Noch heute inspiriert Ellen Ammann uns Frauenbundfrauen, couragiert für unsere Überzeugungen einzustehen.“

Landfrauen-Büfett

Das Ellen-Ammann-Netzwerk ist weit gespannt, so hatte KDFB-Referentin Gertrud Ströbele, schwarz gekleidet wie Ellen Ammann einst, auf der Geburtstagsparty alle Hände voll zu tun. Am Stand der Landfrauenvereinigung in der Katholischen Stiftungshochschule im Münchner Stadtteil Haidhausen schnitt sie eine Mandeltorte an. Unter Leitung von Vorsitzender Rita Schmaderer (Zweite von rechts) bewirteten die Landfrauen die Festgäste. Sie boten süße Köstlichkeiten und eine nahrhafte Suppe – wie die KDFB-Gründerfrauen, die vor hundert Jahren eine Suppenküche für die notleidende Landbevölkerung einrichteten.

Gastgeberin

Großzügig öffnete Birgit Schaufler (Bild), Präsidentin der Katholischen Stiftungshochschule, die Tore des neuen Ellen-Ammann-Seminarhauses für Gäste. Die Hochschule hat ihre Wurzeln in der Sozial-Caritativen Frauenschule, die Ellen Ammann 1909 gründete. Heute bereitet die Einrichtung 2 500 Studierende auf Sozial-, Pflege-, Gesundheits- und pädagogische Berufe in kirchlicher Trägerschaft vor. Die Festgäste konnten auf geführten Rundgängen Einblicke in die Studiengänge gewinnen.

Fachkundiger Rat

Auf fachkundige und unabhängige Beratung zu Verbraucherthemen und auf Verbraucherbildung hat sich der VerbraucherService Bayern spezialisiert. Die Frauenbund-Tochter, die von Juliana Daum (links im Bild) geleitet wird, hatte in einer Kapelle der Stiftungshochschule einen Parcours mit sieben Stationen aufgebaut. Es gab viel Wissenswertes über Ernährung, Umwelt, Recht und Finanzen zu entdecken. Kurzweilig, unterhaltsam und informativ gaben Expert*innen Einblick in die Fachgebiete und beantworteten die Fragen der Gäste – vom Onlineshopping bis zur Darmgesundheit.

Ein Herz für Familien

Zum Mitmachen lud das Familienpflegewerk auf der Terrasse der Stiftungshochschule ein. Einsatzleiterin Roswitha Hupfer-Müller und erfahrene Familienpflegerinnen leiteten Kinder und Erwachsene an, miteinander zu basteln. Den Gästen machte es sichtlich Spaß, kleine Gestecke zu gestalten, Weckgläser bunt zu bekleben und Stofftaschen zu bemalen. Das Familienpflegewerk ist heute größter Anbieter von Familienpflege in Bayern und engagiert sich für Familien in besonderen Belastungssituationen. Es steht in der Tradition von Ellen Ammann, die eine Professionalisierung der sozialen Arbeit vorantrieb.

Ellen Ammann als Vorbild

Für die bayerische Sozialministerin Ulrike Scharf (rechts im Bild) ist Ellen Ammann Visionärin und Vorbild. Das betonte die CSU-Politikerin beim Ellen-Ammann-Fest in der Katholischen Stiftungshochschule in München-Haidhausen. Scharf war dort Gast des katholischen Verbandes für Mädchen- und Frauensozialarbeit IN VIA, zu dessen Arbeitsfeld die Katholische Bahnhofsmission gehört. Um junge Frauen vom Land vor Ausbeutung, Prostitution und Menschenhandel zu schützen, hatte Ellen Ammann vor 125 Jahren in München die erste Bahnhofsmission gegründet. Ein Erbe, das bis heute fortwirkt. „Bahnhofsmissionen sind ein Anker“, sagte Scharf, „eine Stelle, an die man sich wenden kann, gerade dann, wenn andere nicht da sind.“ Die Einrichtungen beteiligten sich vorbildlich an der Hilfe für Menschen, die wegen des Krieges aus der Ukraine vertrieben wurden, so die Politikerin im Gespräch mit Adelheid Utters-Adam (links im Bild). Die Vorsitzende von IN VIA Bayern bezeichnete Ellen Ammann als Streetworkerin der ersten Stunde und die Bahnhofsmissionen als Seismografen im sozialen Gefüge. „Hier kommen akute Notsituationen schneller an als andernorts.“ Vom Hilfsangebot der Bahnhofsmission neben Gleis 11 am Münchner Hauptbahnhof konnten sich Festgäste am 2. Juli selbst einen Eindruck verschaffen. Auch die Marienherberge und das Café von IN VIA in Bahnhofsnähe hatten ihre Türen geöffnet.

Für die Frauenrechte

Eingeladen vom Bildungswerk des KDFB-Landesverbandes, würdigte die Historikerin Daniela Neri-Ultsch in einem Vortrag Ellen Ammann als Parlamentarierin der ersten Stunde. Ammann kämpfte von 1919 bis zu ihrem Tod 1932 im Landtag, um die gesellschaftliche Stellung der Frau zu verbessern und die Demokratie zu erhalten. Viele Vorurteile schlugen ihr entgegen. „Es ist einem deutschen Mann theoretisch sehr schwer zu beweisen, dass wir Frauen gleich viel wert sind wie die Männer. Darum arbeiten wir praktisch und überzeugen die Männer von unserer Kapazität. Dann geben sie Schritt für Schritt nach“, verriet sie einmal. Doch auch viele Geschlechtsgenossinnen standen Ammann kritisch gegenüber, wie ein Sketch mit Walburga Wittmann und Gertrud Ströbele vor Augen führte.

Party im Ellen-Ammann-Haus

Als Hotspot des Festes entpuppte sich die Landesgeschäftsstelle des Frauenbundes. Im Innenhof des Hauses in der Schraudolphstraße stießen die Festgäste mit Sekt auf die KDFB-Gründerin an. Im Eingangsbereich informierten Stationstafeln über ihr Wirken. Großen Zulauf fanden Workshops mit KDFB-Landesvorsitzender Emilia Müller, die erläuterte, wie sich Lobbyarbeit für den Frauenbund effektiv gestalten lässt. Redakteurin Karin Schott gab zahlreichen Interessierten Einblick, wie die Mitgliederzeitschrift KDFB engagiert entsteht. Ihr Wissen über Ellen Ammann konnten die Gäste anschließend bei einem Quiz unter Beweis stellen.

Autorin: Eva-Maria Gras

Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) ist ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 160.000 Mitgliedern. Seit der Gründung 1903 setzt er sich für Gleichberechtigung und Chancengleichheit von Frauen in Kirche, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ein.
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