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Zeitreisen per Internet

Jugendliche helfen einer Seniorin, die eigene Lebensgeschichte wieder zu entdecken. Foto: Petra Dlugosch

Digitale Erinnerungsreisen können Generationen und Kulturen verbinden – zumindest im Caritas-Mehrgenerationenhaus St. Elisabeth in Kitzingen bei Würzburg.

Mehrmals im Jahr verwandelt sich der offene Treff im Wintergarten in eine Zeitmaschine. Dann entführen Jugendliche mit Hilfe von Laptops die SeniorInnen in die bunte Welt des Internets und recherchieren deren Lebensstationen.

Die Idee dazu hatte Petra Dlugosch, Koordinatorin im Mehrgenerationenhaus (MGH), das an eine Pflegeeinrichtung angegliedert ist: „Es ist toll! Bei der gemeinsamen Recherche am Computer kommen Menschen zusammen, die sich sonst vielleicht nie treffen würden.“ Außerdem können die SeniorInnen, die selbst nicht mehr mobil sind und oft auch schon an Demenz leiden, virtuelle Reisen in die Orte ih­rer Kindheit und Jugend unternehmen. Über die 360-Grad-Ansichten der Online-Karten können sie sehen, wie die Stationen ihres Lebens heute aussehen. 

Der Ausgangspunkt sind Erinnerungsfetzen 

Seit vier Jahren chauffieren Jugendliche aus Schulen, Kirchengemeinden und Flüchtlingsheimen oder PraktikantInnen des MGH die Älteren virtuell durch deren Vergangenheit. Ausgehend von einem Erinnerungsfetzen startet die gemeinsame Suche. Petra Dlugosch und die MitarbeiterInnen aus St. Elisabeth dokumentieren und speichern die Fundstücke. „Oft sind es Kleinigkeiten, wie der Name des Lehrers oder die erste Lehrstelle, die wir von den Demenz-Patienten erfahren.“ Das sei im Pflegealltag sehr wichtig, erklärt Dlugosch: „Wenn wir so etwas wissen und erwähnen, spüren die Erkrankten, dass wir sie kennen. Sie fühlen sich dann sicherer und sind zufriedener.“ 

Die Kranken spüren die Erinnerungslücken

Wenn die eigene Lebensgeschichte langsam vergessen wird, geht ein Teil dessen verloren, was den Menschen ausmacht. „Auch wenn Menschen mit Demenz vielleicht vergessen haben, wie der Ort heißt, in dem sie lange gelebt haben, oder die Firma, bei der sie gearbeitet haben, spüren sie diese Erinnerungslücke“, so Dlugosch. „Mit einem Bild können wir diese Lücke oft füllen, die Menschen erkennen ihre Kirche, ihren Heimatort, den See, in dem sie als Kind gebadet haben, und können sagen: Das bin ich! Hier habe ich gelebt!“

Eine leicht umsetzbare Methode Der Biografiearbeit

Petra Dlugosch möchte die Methode der digitalen Biografiearbeit weiterentwickeln und in der Betreuung und Pflege von Menschen mit Demenz einsetzen. Das ist leicht umsetzbar: Es braucht lediglich ein Tablet oder Notebook und jemanden, der die Zeitreise begleitet. Die gefundenen Erinnerungen und Fotos werden in ein digital vorbereitetes „Biografiebuch“ eingefügt und für die SeniorInnen als kleine Lebensgeschichte ausgedruckt. Auch Pläne zur Entwicklung einer App gibt es schon. So könnten sich Angehörige an der digitalen Biografiearbeit beteiligen. Alle Familienmitglieder könnten bei der Erstellung der individuellen Lebensgeschichte per App mitwirken und so den Pflegealltag erleichtern.  

Karin Schott

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