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Vom wahren Wert der Lebensmittel

Lebensmittel sind kostbare, mühsam produzierte Schätze. Supermarktpreise verschleiern ihren wahren Wert. Es ist an der Zeit, ein System zu unterstützen, das Erzeugern, Tieren und der Natur gerecht wird.

                       

Küchengold“, so nannte Janine Trappes Opa die übrig gebliebenen trockenen Brötchen liebevoll. Er sammelte sie und verarbeitete sie zu Paniermehl, das dann beim nächsten Schnitzel zur goldbraunen Panade wurde. Das hat sich tief eingeprägt bei der 35-Jährigen. Denn als die Juristin vor fünf Jahren mit zwei Freunden abends beim Stammtisch zusammensaß, diskutierten sie, was man tun könnte, damit nicht jeden Tag so viel unverkauftes Brot in den Bäckereien weggeworfen werden müsste. „Eine Maschine, in die man oben getrocknetes Brot hinein gibt und unten dann fertige Semmelknödel herauskommen, das wäre es“, sinnierten sie. Einige Jahre später hat Janine Trappe die Juristerei an den Nagel gehängt. Stattdessen rettet sie mit ihrem neu gegründeten Unternehmen in Konstanz am Bodensee täglich Brot. „Knödelkult“ heißt die Firma und stellt Semmelknödel im Glas her aus Brot, das sonst weggeworfen würde. 1,5 Millionen Brötchen hat „Knödelkult“ seitdem vor dem Wegwerfen bewahrt, das entspricht einer Feldfläche von 13 Fußballfeldern. Damit ist Janine Trappe eine von vielen, die der Verschwendung wertvoller Lebensmittel nicht mehr tatenlos zusehen wollen, während anderswo gehungert wird. 

 

Zu gut für die Tonne

 

Die Konsum- und Wegwerfgesellschaft macht auch vor Lebensmitteln nicht halt. Zwölf Millionen Tonnen Lebensmittel landen in Deutschland jährlich im Müll, gut die Hälfte davon geht auf die Kappe von Privathaushalten. Ob welker Salat oder schrumpelige Möhren – all das, was für eine gesunde Ernährung wichtig ist, aber schnell nicht mehr schön aussieht, wandert am häufigsten in die Tonne. Obst und Gemüse machen mehr als ein Drittel der Lebensmittelabfälle aus. Danach folgen Backwaren und Speisereste. Mit der Initiative zugutfürdietonne.de versucht das Bundesministerium für Ernährung durch Aufklärung gegenzusteuern. Zum Beispiel mit zehn goldenen Tipps gegen Lebensmittelverschwendung, Anleitungen zum Haltbarmachen und Rezepten für die Resteküche, die sich auf der Internetseite finden.

 

„Anfangs war ich wie betäubt, als ich realisierte, welche Mengen jeder Supermarkt wegwirft.“

 

Andrea Lissner aus München hat sich zwar nicht beruflich dem Retten von Lebensmitteln verschrieben, steckt aber seit acht Jahren fast ihre gesamte freie Zeit hinein. Die 60-Jährige ist Foodsaverin, zu deutsch Essensretterin. Sie ist einer von etwa 32 000 Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz, die aktiv bei der Initiative „Foodsharing“ tätig sind. Da die Supermarktregale üblicherweise ganztags mit dem vollen Sortiment bestückt sind, bleibt vieles übrig. Sehr vieles sogar. Die Essensretter holen die aussortierte Ware bei kooperierenden Supermärkten ab, die so Müllgebühren und Entsorgungsaufwand sparen. 

Andrea Lissner kennt das ohnmächtige Gefühl, vor einer aus dem Verkauf genommenen Palette Weintrauben im Lagerbereich eines Supermarktes zu stehen, bei der nur jeweils ein paar Beeren braun sind. Ware, die normalerweise in die Tonne gekippt wird, weil es als zu teuer erachtet wird, jemanden zum Aussortieren abzustellen. „An­fangs war ich wie betäubt, als ich realisiert habe, welche Mengen an Lebensmitteln in einem ganz normalen Supermarkt Tag für Tag weggeworfen werden“, erinnert sie sich. Lebensmittel, von denen man sich noch gut ernähren könnte. Der Apfel mit der Macke oder das Netz Orangen, in dem sechs von sieben Früchten noch in Ordnung sind. Die Palette Joghurt, deren Mindesthaltbarkeitsdatum gerade erreicht ist.

 

Essensretter sind jeden Tag in vielen Orten Deutschlands unterwegs.

 

Lissner hat ihre Betäubung in Engagement umgewandelt. Mittlerweile betreut sie mehrere Abholteams, springt oft selbst ein und ist Schatzmeisterin von „Foodsharing München“. Ziel des Vereins ist es, das Essen zu verwerten und so vor dem Wegwerfen zu retten. Jedermann und jedefrau, ob bedürftig oder nicht, kann mitwirken. Wer regelmäßig bei einem Supermarkt die nicht mehr gebrauchte Ware aussortiert und abholt, hat einen Verteiler aus Bekannten und Nachbarn, die gerne etwas abnehmen und verwerten. „Da ist dann ein bisschen Kreativität beim Kochen gefragt. Bei mir steht immer ein Kiste mit Gemüse auf dem Balkon, aus der ich je nach Angebot etwas kreiere. Ich kaufe nur noch Basics wie Speiseöl, ansonsten ernähre ich mich von geretteten Lebensmitteln. Und zwar keineswegs schlecht“, berichtet Andrea Lissner. Den Tafeln kommen die Essensretter übrigens nicht in die Quere, denn diese erhalten nur Ware, die keinen Makel hat und deren offizielles Haltbarkeitsdatum noch nicht erreicht ist. 

Der Film „Taste the Waste“ von Filmemacher Valentin Thurn, der 2011 in die Kinos kam, war die Geburtsstunde von „Foodsharing“. Viele Menschen begannen umzudenken, als ihnen das Ausmaß der Verschwendung klar wurde. Bedenkt man, dass nur makelloses Obst und Gemüse es überhaupt bis in den Supermarkt schafft, kann man die wahre Menge dessen, was nicht auf den Tellern landet, nur erahnen. Was Verbraucher*innen hierzulande für einen gefüllten Einkaufskorb hinlegen müssen, gilt zudem im internationalen Vergleich als wenig. 10,8 Prozent des Monatseinkommens gibt ein Haushalt in Deutschland durchschnittlich für Lebensmittel aus. Im Nachbarland Frankreich sind es 13,1 Prozent, in Italien sogar 14,2 Prozent. 

 

Preise von Lebensmitteln sagen oft nicht die ganze Wahrheit.

 

Mit gleich zwei unterschiedlichen Preisschildern auf manchen Produkten sahen sich verwunderte Kund*innen letzten Sommer in einem neu eröffneten Penny-Nachhaltigkeitsmarkt in Berlin-Spandau konfrontiert. Einer der beiden ausgezeichneten Preise war jeweils deutlich höher als der andere. Doch es handelte sich nicht etwa um Angebote, wie manche vermuteten, sondern um den Versuch, die wahren Kosten von Lebensmitteln zu verdeutlichen. Dahinter steht die Frage: Was müssten Lebensmittel eigentlich kosten, wenn die ökologischen Auswirkungen entlang der Lieferkette mit in den Verkaufspreis einflössen?

Im Unterschied zu den gängigen Lebensmittelpreisen zeichnen sich die „wahren Kosten“ (True Costs) von Lebensmitteln dadurch aus, dass in diese auch Umwelt- und soziale Folgekosten mit eingehen. Diese werden von den Lebensmittelproduzenten verursacht, aber von der Gesamtgesellschaft und den zukünftigen Generationen getragen.

Tobias Gaugler, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Augsburg, hat für die Penny-Aktion in Berlin die wahren Kosten berechnet. Dabei ermittelten er und seine Kolleg*innen, ökonomisch fundiert, wie hoch der Aufpreis sein müsste, wenn man die negativen Folgen für die Umwelt mitberücksichtigt. „Miteinbezogen wurden Klimagase, Düngeproblematik, Energieaufwand und Landumnutzung, wie beispielsweise die Abholzung des Regenwalds für den Futteranbau. Soziale Folgekosten sind in den höheren Preisen noch gar nicht mit einberechnet“, erläutert der Wirtschaftswissenschaftler.

 

Ökologische und soziale Folgen der Produktion nicht ausklammern

 

Klare Erkenntnis: Den größten Aufschlag müssten konventionell erzeugte Fleischprodukte bekommen. So müsste etwa Hackfleisch 173 Prozent teurer sein. Den niedrigsten Aufschlag erhielten pflanzlich produzierte Bioprodukte. Das heißt: Bei Produkten aus dem ökologischen Anbau liegen der tatsächliche Preis und die wahren Kosten nicht so weit auseinander, da die Produktionsbedingungen weniger Umweltschäden verursachen. Trotzdem zahlen Verbraucher*innen höhere Preise für Bioprodukte.

Markus Wolter ist Ansprechpartner für Fragen rund um Landwirtschaft und Ernährung bei Misereor. Das katholische Hilfswerk unterstützt die True-Costs-Initiative und geht dabei sogar noch einen Schritt weiter, indem es auch soziale und gesundheitliche Folgen der Produktion mit in den Blick nimmt.

 

Wer Billigschokolade kauft, kann davon ausgehen, dass Kinderarbeit mit drin steckt.

 

Der Agrarwissenschaftler, der selbst als Bio-Landwirt mit Schweinen gearbeitet hat, glaubt fest daran, dass sich über die wahren Preise von Lebensmitteln eine Lenkungswirkung erzielen lässt. Hin zu einer Landwirtschaft, die Artenvielfalt, Bodenkultur und Tierwohl im Blick hat. Hin zu Arbeitsbedingungen, die Menschen und gesundheitliche Folgen nicht außer Acht lassen. „Wir ignorieren die Kosten, die wir als Gesellschaft im aktuellen Wirtschaftssystem zahlen“, sagt er und erklärt: „Wer im Discounter abgepacktes Hackfleisch für 1,99 und eine Billigschokolade kauft, meint erst mal, das wäre sehr günstig. Aber die ökologischen und sozialen Kosten, die damit einhergehen, bezahlen alle. Die Rechnung wird aus verschiedenen Geldbörsen gezahlt: einmal an der Supermarktkasse, zusätzlich aber auch von der Natur, zukünftigen Generationen oder unserem Gesundheitssystem“, sagt Wolter. Er gibt zu bedenken: Wenn in Brasilien in Monokulturen Soja angebaut wird für das Tierfutter in Deutschland, dann ist dieses Soja im deutschen Fleisch mit enthalten, aber die Kosten, die dabei entstanden sind – durch die Abholzung des Regenwaldes, den hohen Pestizideinsatz und die Landvertreibung – zahlen die Verursacher und die Konsumenten nicht mit. Ähnlich bei der Schokolade:

1,6 Millionen Kinder arbeiteten an der Elfenbeinküste in der Kakaoproduktion. Wer sich heute eine billige Schokolade kauft, kann laut Markus Wolter davon ausgehen, dass in dieser Kinderarbeit mit drin steckt. Die Schokolade ist deswegen so günstig, weil viele Dinge bei der Produktion missachtet wurden, wie das Recht der Kinder auf eine unversehrte Kindheit. „Derjenige wird also belohnt, der besonders ausbeutend arbeitet, denn er kann seine Ware besonders günstig auf den Markt bringen und findet mehr Abnehmer. Produzenten, die sich bemühen, das nicht zu tun, werden bestraft und bleiben in der Nische, weil viel weniger Menschen beim Einkauf zugreifen“, erklärt Wolter. Wenn sich die wahren Kosten im Preis der Lebensmittel widerspiegeln würden, wäre dem nicht so. Es gibt zwei Produktgruppen, deren Preise laut Markus Wolter heute schon mehr Wahrheit sprechen. Dazu gehörten ökologisch hergestellte Produkte – am besten noch aus der Region, bei denen die Belastung der Natur deutlich geringer ist. Außerdem fair gehandelte Produkte, bei denen Kinder- und Sklavenarbeit ausgeschlossen sind und Mindestlöhne garantiert werden. „Verbraucher haben heute also schon eine gewisse Wahl“, sagt Markus Wolter.

 

Eine zukunftsfähige Landwirtschaft unterstützen

 

Der Landwirtschaftsexperte moniert, dass wir in einem System der organisierten Verantwortungslosigkeit leben: „Jeder schiebt die Schuld auf den anderen: Der Verbraucher muss es richten, der kauft ja nicht nachhaltig. Der Handel, der drückt die Preise. Die Politik, die tut nicht genug. Die Landwirte dezimieren die Artenvielfalt und spritzen zu viele Pestizide“, fasst er die gängigen Vorwürfe zusammen. Doch Schuldzuweisungen helfen nicht weiter, sondern ein System, mit dem eine Lenkung hin zu einer zukunftsfähigen Landwirtschaft stattfinden kann. „Das könnte das True-Costs-Modell leisten“, ist Wolter überzeugt. Eines ist dem Misereor-Referenten bei der Wertschätzung von Lebensmitteln besonders wichtig: „Man muss sich wieder bewusst machen, dass jedes Stück Fleisch, jedes Brot, das man in den Händen hält, jedes Ei, jeder Liter Milch die harte Arbeit von Landwirten weltweit ist, die sich den Buckel krumm machen und in Zeiten der Klimaerhitzung unter immer schwierigeren Bedingungen hart arbeiten, um uns zu ernähren.“

 

Zum Weiterlesen: 95 Thesen für Kopf & Bauch. Sonderausgabe Misereor und Slow Food Deutschland, 2020, 4.90 Euro.

 

Autorin: Claudia Klement-Rückel
aus: KDFB engagiert 2/21

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