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Klischeefrei

Mädchen haben unterschiedliche Begabungen, und das sollte sich auch in der Berufswahl niederschlagen. Foto: mauritius images/Science Photo Library/Wladimir Bulgur

Berufe für Mädchen, Berufe für Jungen – solche Vorstellungen sind doch längst überholt? Leider nein. Für eine Berufswahl ohne Geschlechterstereotype setzt sich die Initiative „Klischeefrei“ ein. Der Frauenbund hat sich der Initiative angeschlossen.

Vor einer Klasse Siebenjähriger liegen Malblätter. Darauf sind Füße, Hände und Kopfumrisse zu sehen. Dazu gibt es Berufsbezeichnungen und die Ermutigung, die einzelnen Personen nach Herzenslust zu gestalten. Diese Aufgabe war Teil eines Sozialexperiments des britischen Senders BBC, bei dem die Rollenbilder von Mädchen und Jungen auf dem Prüfstand standen. Mehrere Wochen lang wurden die Schülerinnen und Schüler dafür in ihrem Grundschulalltag begleitet. Das Experiment bestätigte die Erkenntnis, dass die Ursachen für die schlechte Bezahlung von Frauen in der Arbeitswelt bis in die Prägungen der Kindheit zurückreichen. So hatten die siebenjährigen Mädchen bei der Selbsteinschätzung trotz besserer Leistungen bereits ein schlechteres Bild von sich selbst.

 

Rollenspezifische Berufswahl hängt eng mit Lohnungleichheit zusammen

 

Die ausgemalten Blätter zeigten, dass der Kfz-Mechatroniker von den Kindern durchweg als Mann aufgefasst wurde, während beim Maskenbildner so gut wie alle eine Frau vor Augen hatten. Das Erstaunen war groß, als die Grundschulkinder danach echte Profis aus diesen Berufen kennenlernen durften. Denn diese entsprachen eben nicht der vorgezeichneten Erwartung an Männer- und Frauenberufe. Die Mädchen konnten mit einer Mechatronikerin zusammen einen Automotor unter die Lupe nehmen. Die Jungen fanden es cool, dass der Maskenbildner ihnen die Spuren einer imaginären Schulhofschlägerei ins Gesicht zauberte. Einfache Möglichkeiten, die Schulen nutzen könnten, um Kinder schon in jungen Jahren anzuleiten, geschlechtlich festgelegte Berufsbilder zu hinterfragen. Denn nach wie vor gilt: Der Ausbildungs- und Arbeitsmarkt ist in hohem Maße nach Geschlechtern aufgeteilt. Jugendliche beschränken sich in ihrer Entscheidungsfindung vielfach auf bestimmte geschlechtsspezifische Berufe. Fast drei Viertel der jungen Frauen und über die Hälfte der jungen Männer konzentrieren sich auf lediglich 20 Ausbildungsberufe, obwohl im dualen System fast 330 Ausbildungsberufe zur Verfügung stehen. Nicht einmal einer von zehn Beschäftigten im Bereich Kraftfahrzeugmechatronik und Industriemechanik ist weiblich. Genau umgekehrt ist es bei Medizinischen Fachangestellten: Nur zwei Prozent von ihnen sind männlich. Auch bei den Studienfächern verläuft die Trennlinie, abgesehen von Betriebswirtschaftslehre und Rechtswissenschaften, geschlechterspezifisch zwischen den Fakultäten. Nicht, dass jede Studienanfängerin ein MINT-Fach, also ein naturwissenschaftliches oder technisches Fach, auswählen muss. Aber junge Frauen und Männer sollten die verschiedenen Möglichkeiten ebenso kennengelernt haben wie ihre eigenen Talente, bevor sie entscheiden, in welche Richtung es gehen soll. Das ist auch ein Schritt in Richtung Lohngleichheit, denn nach wie vor sind typische Frauenberufe in der Lohnskala weit unten zu finden.

 

Als Schreinerin voll akzeptiert

 

Laura Preiß aus München hat untypisch gewählt. Die 23-Jährige absolviert gerade ihr letztes Lehrjahr in einer Schreinerei. „Ich habe Holz und Werken schon immer geliebt, nach dem Abitur wollte ich dann eigentlich Holztechnik studieren. Dafür habe ich ein Praktikum gesucht. Das hat mir dann solch einen Spaß gemacht, dass ich geblieben bin, um Schreinerin zu werden.“ 26 junge Männer und drei junge Frauen zählt ihre Berufsschulklasse. „Einige Mädchen haben aufgehört. Viele stellen sich eher eine gemütliche Pumuckl-Schreinerei vor. Aber das ist heute natürlich alles viel industrieller. Das Fräsen mit dem Roboter gehört dazu.“ Die Reaktionen auf ihre Berufswahl, die Laura Preiß von Freunden und Bekannten erhielt, waren ganz unterschiedlich. Ist das nicht zu anstrengend? Kommen dir da nicht die Kollegen blöd? Kannst du davon leben? Wofür hast du Abitur gemacht? So lauteten einige der Fragen. Wie es sich für sie anfühlt, in einem eher männlich geprägten Berufsumfeld tätig zu sein, kann Laura Preiß aber ohne jegliches Zögern beantworten: „Total normal! Ich bin vollkommen integriert im Kollegenteam.” Dabei kommt ihr zugute, dass der Betrieb darauf achtet, in jedem Lehrjahr mindestens ein Mädchen auszubilden. So sind drei der insgesamt sieben Auszubildenden weiblich.

 

Es gibt für jede und jeden viele Wege

 

Auch Elke Büdenbender ist in ihr Berufsleben mit einer Ausbildung gestartet, ehe sie ein Studium begann. Die Ehefrau von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat vor ihrer Karriere als Verwaltungsrichterin eine Ausbildung als Industriekauffrau in einem Maschinenbaubetrieb absolviert. Heute engagiert sie sich als Schirmherrin der Initiative „Klischeefrei“. „Für mich ist es eine echte Herzensangelegenheit, Jugendliche beim Übergang von der Schule in das Berufsleben zu unterstützen. Für jeden jungen Mann und jede junge Frau gibt es viele Wege in Ausbildung, Studium und Beruf. Das birgt Chancen und Herausforderungen, bei denen sie Unterstützung brauchen. Dazu gehört, ihre tatsächlichen Begabungen und Interessen zu fördern, sie zu ermuntern, gängige Rollenklischees kritisch zu hinterfragen und den Blick zu öffnen für die Vielfalt der Ausbildungswege und Berufe. So erschließen sich Chancen, die ihnen das Leben an dieser Stelle bietet.”

 

aus: KDFB engagiert 4/2020
Autorin: Claudia Klement-Rückel

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