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Grenzen erfahren und Weite leben: Schwester Anja

Schwester Anja Waltemate ist einem evangelischen Orden beigetreten. Foto: Schott

Von der Internet-Agentur ins Kloster: Anja Waltemate trat einem evangelischen Orden bei.

Die wortlose Umarmung einer Mutter, deren Tochter gerade beigesetzt wurde, Trost spenden zu können – in diesen Momenten weiß Schwester Anja, dass sie an diesem Ort genau richtig ist, im Friedwald auf dem Schwanberg in Unterfranken. „Das berührt mich sehr, die Begegnungen mit den Trauernden, der echte Kontakt. Da wird Gottes Nähe für mich spürbar.“

Anja Waltemate ist vor vier Jahren der Communität Casteller Ring auf dem Schwanberg, einer evangelischen Klostergemeinschaft, beigetreten und betreut mit drei Mitschwestern den Friedwald. Dazu gehören Waldführungen, die Beratung bei der Baumauswahl, Trauergespräche und feierliche Beisetzungen. Für die ausgebildete Sterbebegleiterin eine erfüllende Aufgabe.

Aufgewachsen ohne kirchliche Heimat

Unter den 30 Mitschwestern, mit denen sie in einem schlichten Backsteinbau aus den 1980er-Jahren lebt, zählt die 33-jährige Lüneburgerin zu den jüngsten. Nicht nur für ihre Eltern und Freundinnen kam der Entschluss, in ein Kloster einzutreten, überraschend, sondern auch für sie selbst. „Ich bin gar nicht sehr kirchennah aufgewachsen. Unsere Familie ging nur Ostern und Weihnachten in die Kirche“, erzählt die junge Schwester mit den kurzen blonden Haaren, die nur in der Kirche ein Chorgewand trägt und im Alltag „zivil“ unterwegs ist. 

Ihrer Entscheidung für ein Leben im Kloster ging eine Zeit der Suche voraus, die bereits im Alter von Anfang zwanzig begann, während sie Englisch und Sprachwissenschaften studierte: „Ich war in der katholischen und evangelischen Studentengemeinde aktiv. Mir hat die Gemeinschaft gefallen, zusammen etwas zu unternehmen und dabei über Gott und die Welt reden zu können.“

Als Anja Waltemate dann in einer Hamburger Internetagentur einen Job annahm, merkte sie, dass ihr etwas fehlte. Bei Besuchen in Taizé konnte sie dem nachspüren, beschloss, sich mehr sozial zu engagieren, arbeitete nur noch in Teilzeit und begann eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin. „Gleichzeitig wurde ich in meiner Kirchengemeinde aktiv und entdeckte, wie die Sehnsucht nach einem geistlichen Leben in mir wuchs. Ich wurde neugierig und fragte mich: Was hat Gott mit mir vor?“ 

Um dieser Frage nachzugehen, entschied sich die junge Frau, Exerzitien bei den Augustiner-Chorfrauen in Paderborn zu belegen. Dort erlebte sie zum ersten Mal Klosterleben und geistliche Gemeinschaft und dort legte sich plötzlich bei einem Stundengebet „eine Wahrheit in mein Herz, die mich aufhorchen ließ“. Anja Waltemate spürte „Gottes Ruf“, spürte, dass dieser Lebensweg ihrer sein könnte.

Angezogen von der Offenheit des Ortes

Wieder zu Hause angekommen, spricht sie zuerst mit ihrer Mutter, erklärt, dass sie ihr weiteres Leben in einem Kloster verbringen will. „Meine Mutter sagte: Wenn du das willst, dann gehe deinen Weg. Meinem Vater ist es allerdings sehr schwergefallen, meine Entscheidung zu akzeptieren“, erinnert sie sich. Im Internet sucht sie nach evangelischen Klostergemeinschaften und stößt schließlich auf die „Communität Casteller Ring“. Dort verbringt sie eine dreimonatige Auszeit – und bleibt auf dem Schwanberg: „Die Offenheit des Ortes und dieser Gemeinschaft ha­ben mich angezogen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich hier beheimaten kann. Auch die regelmäßigen Stundengebete und Gottesdienste waren Gründe, mich für den Schwanberg zu entscheiden.“

Inzwischen sind Jahre vergangen. Schwester Anja hat das Postulat und Noviziat durchlaufen. Seit April dieses Jahres ist sie nun in der zeitlichen Profess, der Bindung auf zwei Jahre, danach erfolgt die Profess auf Lebenszeit. Ihre Eltern besuchen sie regelmäßig in größeren Abständen. Das ist wichtig, denn manchmal plagt Schwester Anja das Heimweh, vor allem nach Norddeutschland, dem Meer und dem dortigen Menschenschlag. 

Ein intensiver spiritueller Weg

Dieser Sehnsucht kann sie einmal im Jahr nachgehen, wenn sie ihre Eltern in Lüneburg besucht: „Wir haben sechs Wochen Urlaub im Jahr. Neben einer Fahrt nach Hause mache ich Exerzitien und verreise mit den Mitschwestern, zum Beispiel an den Bodensee. Und einen Tag pro Woche haben wir frei.“ Ihre Freundinnen sieht Schwester Anja seltener, hält aber per E-Mail und Telefon Kontakt. „Als ich in den Orden eintrat, war bei meinen Freundinnen ganz viel Offenheit da. Meine beste Freundin hat sich schon so etwas gedacht. Denn jedes Mal, wenn ich aus Taizé kam, sagte sie: ,Du strahlst so!‘“

Das Klosterleben hilft Schwester Anja, einen intensiven spirituellen Weg zu gehen. Der Rhythmus des Stundengebets bestimmt den Tagesablauf, der Tag beginnt mit dem Morgengebet um 6.30 Uhr und dem anschließenden Frühstück. Bis um acht Uhr haben die Schwestern Lectiozeit, eine persönlich stille Zeit mit Gott, gedacht zum Bibellesen. Danach ist Schwester Anja bis zum Mittagsgebet um zwölf Uhr für den Friedwald tätig. „Nach dem Mittagessen arbeite ich im Klosterladen mit oder bin wieder im Wald. Ohnehin ist der Wald mein Lieblingsort hier auf dem Schwanberg. Hier kann ich laufen, einfach sein, hören und schauen, Kraft tanken“, erzählt Schwester Anja.

Die gemeinsamen, über den Tag verteilten Gebetszeiten empfindet die junge Ordensfrau als stärkend: „In den Psalmen kann ich mich oder Alltägliches entdecken und es Gott hinhalten. Durch die regelmäßigen Gebete kann ich mich bewusst immer wieder neu in meine Gottesbeziehung hineinstellen, damit sie Raum hat, sich zu verändern und zu wachsen.“ Nach der Vesper um 18 Uhr und dem Abendessen endet der gemeinsame Tag um 20 Uhr mit dem Nachtgebet.

Die eigenen Gaben entdecken

Die vielfältigen Aufgaben, das gemeinsame Leben mit den Schwestern, die Begegnungen mit unterschiedlichen Menschen fordern Schwester Anja heraus, ihre Grenzen zu leben, Gaben zu entdecken und daran zu wachsen: „Die Freude am Zeichnen habe ich zum Beispiel hier wiederentdeckt und so darf ich zurzeit eine Fortbildung im Bereich Kinderbuchillustration machen. Das begeistert mich.“

Für Anja Waltemate war es die richtige Lebensentscheidung, dem Orden beizutreten. Sie ist erfüllt von dem Gefühl, „dass unsere Verbundenheit als Schwesterngemeinschaft diesen Ort hier einen Ort sein lässt, an dem Menschen in Berührung kommen können mit Gottes Gegenwart“. 

Aber das Zusammenleben in der Ordensgemeinschaft sei auch herausfordernd in seinen Höhen und Tiefen, weiß Schwester Anja: „Es schafft Grenzerfahrungen und Weite. Je­de Schwester bringt ihren eigenen Klang ins Gemeinschaftsleben ein und jede Generation natürlich auch. Da bleibt es, wie der Heilige Benedikt sagt, ein beständiges Hören mit einem weiten Herz, um immer wieder neu zu schauen: Was ist jetzt dran? Was brauchen wir? Was verändern wir? Es ist ein Miteinander-Ringen um das, wofür wir uns alle entschieden haben: für ein gemeinsames geistliches Leben.“

Autorin: Karin Schott
aus: KDFB Engagiert – Die Christliche Frau 12/2016

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