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Gottes Nähe spüren

Advent, Weihnachten, Neujahr: Zeiten, die zu Rückblick und Aufbruch einladen, etwa dazu, dem Glauben der eigenen Kindheit nachzuspüren. Denn kindliche Erfahrungen prägen die persönliche Gottesbeziehung in besonderer Weise. Eine seelische Reise, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbindet.   

 

Es war im Advent vor vielen Jahren, erinnert sich die evangelische Theologin Marion Küstenmacher. Der Abend dämmerte. Und sie, damals ein fünfjähriges Mädchen, war in Würzburg, ihrer Heimatstadt, unterwegs, um zusammen mit ihrem Vater Krippen in Kirchen anzuschauen. In einer der Kirchen blieb sie wie angewurzelt stehen, denn vorne am Altar entdeckte sie ein rotes Licht. „Was ist das?“, fragte sie den Vater. Seine Antwort hat Marion Küstenmacher zutiefst bewegt: „Das Licht sagt, Gott ist da“, meinte er schlicht, dabei hielt er ihre kleine Hand in seiner großen. Noch heute spürt sie, welche Erkenntnis sie damals durchfuhr. Der Satz ging ihr nicht mehr aus dem Sinn, und nichts wünschte sie sich sehnlicher als ein rotes Lämpchen für ihre Puppenküche. Sie bekam es. „Ich kann mich erinnern, wie ich im Dunkeln glücklich vor meiner Puppenküche saß, die in ein rotes Leuchten gehüllt war. Es war mein erster selbst gestalteter Raum für Gott“, erzählt die Theologin und renommierte Autorin spiritueller Bücher.

 

Gotteserfahrungen müssen nicht fromm sein

 

Marion Küstenmacher sammelt kindliche Gotteserfahrungen. Sie sind wie goldene Fäden, die Erwachsene in den Teppich ihres Lebens knüpfen können, sagt sie.  „Es handelt sich dabei um intime Erlebnisse, die einem Kind ganz alleine gehören, solche, die sich schön anfühlen und die Seele zutiefst ansprechen. Und sie müssen nicht unbedingt fromm sein“, sagt sie. Kinder haben ein feines Gespür für die Welt, begierig nehmen sie auf, was um sie herum geschieht. Je jünger sie sind, umso bedeutsamer erscheinen ihnen Gegenstände: Ein Klötzchen kann mal ein Schiff, mal ein Auto sein. Der Teddy scheint lebendig. Das Lämpchen in der Puppenküche steht für Gott. Küstenmacher strahlt, wenn sie davon erzählt. Für sie beginnt spirituelles Erleben mit Achtsamkeit. Kinder seien eine Inspiration da­bei. Denn: „Kinder können ganz ungeteilt präsent sein, im Augenblick versinken, alles in sich aufnehmen, was um sie herum geschieht“, sagt sie. Genau das habe Jesus gemeint, als er sagte: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen“ (Matthäus 18,3).

 

Kleine Momente, die in die Tiefe des Augenblicks führen

 

Die Theologin möchte dazu anregen, Achtsamkeit immer wieder neu einzuüben. Etwa so: „Wenn Sie Kaffee trinken, schmecken Sie, riechen Sie, fühlen Sie die Tasse in der Hand. Seien Sie wach, seien Sie ganz bei dem, was Sie gerade tun.“ Um große mystische Erlebnisse gehe es dabei nicht, eher um kleine Momente, die in die Tiefe des Augenblicks führen. Sie sind das zart glitzernde Gold, das mit Freude entdeckt und in den Teppich des Lebens eingewoben werden kann.

Das Symbol des Teppichs ist Marion Küstenmacher in Werken von Dichter*innen, Philosoph*innen, Mystiker*innen begegnet. So etwa bei der kanadischen Schriftstellerin Lucy Maud Montgomery (1874–1942), die schrieb: „Das Leben lag vor ihr ausgebreitet wie ein verheißungsvoller, bunter Teppich, dessen Muster entworfen, aber noch längst nicht festgelegt war.“ Oder beim islamischen Mystiker Dschelaleddin Rumi: „Jeder Augenblick und jeder Ort sagt: Webe dieses Muster in deinen Teppich ein.“

 

Es ist nie zu spät, beglückende Momente aus der Kindheit wieder aufzudecken

 

Der Teppich steht für das Leben, die Lebensjahre, die Erfahrungen. Auch für die großen Fragen nach Gott, nach dem Sinn: Was trägt mich durchs Leben? Was erhebt meinen Geist? Was begeistert mich? Wenn Küstenmacher nach besonderen Kindheitsmomenten sucht, möchte sie keineswegs Schmerzvolles ausklammern, eine schwere Kindheit etwa oder Brüche im Erwachsenenleben. „Der Lebensteppich kann Löcher haben“, sagt sie. „Er kann zerfetzt sein, verblasst sein, die Motten können eingefallen sein. Es ist aber nie zu spät, die Erzählung über die eigene Kindheit noch einmal in die Hand zu nehmen und beglückende Momente aufzudecken“, ist sie überzeugt. Wie etwa diese Erfahrung eines Schulmädchens bei einem Turnhallenspiel: Die Kinder sollten sich vorstellen, Fische zu sein, der Fußboden war das Meer. Marion Küstenmacher hat in einem Buch* dazu angeleitet. Ein Mädchen kam danach zu der Lehrerin, einer Klosterschwester, gerannt, und rief: „Schwester, ich war das Meer, und ich war die Fische, und ich war Gott!“– „Oh“, habe die Schwester geantwortet, „da hast du etwas Besonderes erlebt, das wollen wir uns gut merken!“

 

Das Kind ernst nehmen, das man selbst mal war

 

Voller Freude berichtet Küstenmacher von dieser Begebenheit. Es sei wichtig, das Kind erzählen zu lassen, es ernst zu nehmen. Auch dasjenige, das man selbst einmal war. Und das geht so: „Versuchen Sie, sich an schöne Augenblicke Ihrer Kindheit zu erinnern, die nur Sie erlebt haben. Wie fühlt sich das an? Was strahlt es aus? Welches Thema entdecken Sie darin? Steigen Sie mit allen fünf Sinnen in die Erinnerung ein. Und dann schreiben Sie alles auf, so ausführlich wie nur möglich“, rät Küstenmacher. Dabei gehe es weder um hohe Ansprüche noch um kirchliche Bezüge. In ihrem Buch „Mein fliegender Teppich des Geistes“ schreibt die Theologin unter anderem von der „Scheibenwischertrance“, die sie erlebte, als sie Anfang der 1960er-Jahre mit ihren Eltern bei Regen im Auto fuhr. Für sie habe sich damals der Opel Rekord ihres Vaters „in eine mit Wasser überzogene, halbtransparente Meditationsbox“ verwandelt. „Versuchen Sie sich zu erinnern“, regt Küstenmacher an: „Was habe ich als Kind wahrgenommen? Wofür war ich empfänglich? Es ist wunderbar, sich selbst als Kind zuzulächeln und zu sagen: ,Klasse hast du das gemacht!‘ Und ich als Erwachsene habe verstanden, wie es weitergeht, ich erzähle unsere gemeinsame Geschichte jetzt weiter!“

 

ZUM WEITERLESEN

 

 Marion Küstenmacher: Mein fliegender Teppich des Geistes. Wie sich aus Kindheitserfahrungen eine lebendige Spiritualität weben lässt, Gütersloher Verlagshaus, 2021, 20 Euro.

Karl Frielingsdorf: Gottesbilder. Wie sie krank machen – wie sie heilen, Echter Verlag, 2016, 9,90 Euro.

Stefan Jürgens: Von der Magie zur Mystik. Der Weg zur Freiheit im Glauben, Patmos, 2021, 19 Euro.  

 

Autorin: Maria Sileny
aus: KDFB engagiert 6/2021

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